Sonntag, 3. Februar 2019

Taktik im Schulfußball - Teil 1: Hallenturniere

Der Grundschulfußball ist nicht gerade ein Quell neuer taktischer Ideen, obwohl er sich wunderbar als Experimentierfeld eignen würde. Teams mit vielen Vereinsspielern spielen wie im Verein. Teams mit wenigen Vereinsspielern versuchen in aller Regel, den Ball zu diesen zu spielen und zu hoffen, dass die dann was reißen. Teams ohne Vereinsspieler sind die, die sich wirklich taktische Gedanken machen sollten, aber natürlich passiert das nicht oft. Neue Taktikideen entstehen daher fast nur aus Regeländerungen. Als vor einigen Jahren beim größten Hallenschulfußballturnier, dem Drumbo Cup, von den alten Hallenfußballregeln auf die Futsal-Regeln umgestellt wurde, veränderte sich auch die Turnierdynamik. Aber seitdem hat sich nicht mehr viel getan.

Die Formation - Rauten, die zu Quadraten werden

Im Drumbo Cup und den meisten anderen Hallenturnieren, die es im Schulfußball so gibt, wird mit einem Torwart und vier Feldspielern gespielt. Im Wesentlichen entscheiden sich die Trainer für eine von vier Formationen. Ich nenne sie das Quadrat, die Raute, den defensiven Fächer und den offensiven Fächer. Die Mehrheit der Teams treten im Quadrat an. Beim Quadrat stehen zwei defensive und zwei offensive Spieler auf dem Platz und bilden, naja, ein Quadrat eben:

                                                    OFF           OFF

                                                    DEF           DEF

                                                              TW

Dabei sind die Rollen "Stürmer", "Verteidiger" und "Mittelfeldspieler" nicht so fest verteilt. Die Spielidee ist, dass ein Spieler immer zur Absicherung hinten bleibt, einer immer zum Abstauben vorne (Abseits gibt es im Schulfußball nicht); die anderen beiden bewegen sich relativ frei, wobei sie eine vage Orientierung nach vorne bzw. nach hinten haben. Wer welche Aufgabe übernimmt, kann während des Spiels wechseln. Ich lasse meine Mädchen eigentlich immer im Quadrat spielen, weil so für Abwehr und Angriff gesorgt ist, die Spielerinnen sich aber gleichzeitig auf den Spielverlauf einstellen und variabel auf Situationen reagieren können.
Die Raute folgt der selben Idee, legt sich aber stärker auf die Positionen fest, d.h. es gibt einen festen Verteidiger, einen festen Stürmer und zwei Mittelfeldspieler.

                                                               ST

                                                     MF              MF

                                                               VT

                                                               TW

 Man sieht die Raute relativ häufig, vermutlich, weil sie das Bedürfnis befriedigt, jede Position besetzt zu haben, aber ich finde, man schränkt sich mit der Entscheidung auf einen speziellen Spieler, der immer hinten zu bleiben hat, zu sehr ein. Ohnehin entwickelt sich eine Raute in aller Regel im Laufe des Spiels von selbst zu einem Quadrat, also kann man sich das Ganze auch gleich sparen.
Einige wenige Teams wollen besonderes Gewicht auf einen Spielbereich legen und formieren sich daher im Fächer. Die defensive Variante, von Teams gewählt, die mauern wollen, besteht aus drei Verteidigern und einem Angreifer. Umgekehrt hat der offensive Fächer drei Stürmer und einen Verteidiger zu bieten. Interessanterweise gibt es hier einen klaren Geschlechtsdimorphismus: Die defensive Variante ist fast nur bei Mädchenturnieren, die offensive nahezu ausschließlich bei Jungenturnieren zu sehen.

                                 ST     ST     ST                                          ST                              
                 
                                           VT                                        VT     VT     VT
           
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Der Fächer ist eine riskante Angelegenheit und eigentlich nur anzuraten, wenn man einen einzelnen herausragenden Angreifer hat, der vorne alleine klarkommt, und dafür nur mittelmäßige Defensivkräfte - oder umgekehrt. Womit wir beim nächsten Thema wären.

Von Harmonie und Manndeckung - Teams mit einem einzigen Star

Gerade im Mädchen-Hallenschulfußball wimmelt es geradezu von Teams, die aus einer Spitzenspielerin und einem Haufen Holzfüße bestehen. Die Ursache ist klar: Es gibt nur verhältnismäßig wenige Mädchen mit viel Fußballvereinserfahrung. Hat man eine einzige, ist man den meisten Gegnern schon voraus - für viele Sportlehrer ist das Vorhandensein einer einzigen Vereinsspielerin der Grund, es überhaupt einmal bei einem Mädchenturnier zu versuchen. Das Verrückte: Es funktioniert meistens und man ist mit dem einen Star recht erfolgreich. Unsere beste Saison bestritten wir ebenfalls mit einer einzigen herausragenden Vereinsspielerin, Fanny Kronach, die für uns Tore ohne Ende schoss.
In der Regel beschränkt sich die Taktik in einem solchen Fall auf "Spielt den Ball zu Fanny, und die macht dann was daraus". Diese Taktik hat den Vorteil, dass sie leicht durchzuführen ist - und den Nachteil, dass sie auch leicht ausgehebelt werden kann. Besser ist es, das Team so einzustellen, dass der Star ins Spiel eingebunden ist, ohne es ganz alleine zu gestalten. Das ist auch mit eher schwachen Mitspielerinnen möglich, wenn man eine Spielerin findet, mit der die Starspielerin harmoniert, der sie vertraut. Manchmal muss man dafür sogar Qualitätsabstriche machen.
In unserem Team von 2015/2016 war nach Fanny Sophia Poborsky die mit Abstand gefährlichste Stürmerin. Aber Fanny und sie harmonierten nicht gut. Fanny spielte gerne mit der wesentlich weniger torgefährlichen Sara Demir zusammen, und das bedeutete für uns: Das Sturmduo Fanny-Sara war die Optimallösung, die mehr Tore brachte als die auf den ersten Blick vielversprechendere Variante Fanny-Sophia P. Spielte Sara mit, verrannte Fanny sich viel seltener in Alleingänge. Hier muss man ausprobieren, was funktioniert.
Spielt man als Team ohne Star gegen eine Mannschaft mit einem einzigen Star, muss man den Star aus dem Spiel nehmen. Dafür braucht man eine Spielerin, die schnell, zäh und nervig ist. Diese setzt man auf den gegnerischen Star an - sie soll der Gegnerin immer auf den Füssen stehen. "Wenn sie auf Klo geht, gehst du mit" und so weiter. Eigene Balleroberung ist nicht so wichtig, es geht darum, dass die gegnerische Spitzenspielerin den Ball nie bekommt. Wird ein Ball in ihre Richtung gespielt, geht deine Nervensäge dazwischen und drischt ihn weg. Egal wohin. Nur weg. Kommt die Starspielerin doch an den Ball, stellt sich die Nervensäge direkt vor sie, so dass sie nichts mit der Kugel anfangen kann, und wartet auf die Gelegenheit, den Ball wieder wegzudreschen. Das funktioniert wirklich gut, wenn du die richtige Spielerin wählst; der Star ist dann ausgeschaltet und frustriert, der Rest der Mannschaft von der ungewohnten Situation überfordert - und die Bahn frei für euren Sieg. In den letzten Jahren haben in meinem Team vor allem Natalia Meyer und Sandra Forstwarth hervorragende Nervensägen gespielt und uns so den ein oder anderen Sieg eingefahren.

Her mit dem Ball und weg damit - Wie man ein schwaches Team in der Halle einstellt

Meiner Erfahrung nach (und die ist in diesem Bereich wirklich groß) haben eher schwache Teams ohne starke Vereinsspielerinnen in der Halle nur mit einer einzigen Taktik eine Chance. Ich nenne sie Gegen den Ball spielen oder spaßhaft Hallen-Kick & Rush. Dabei geht es im Kern darum, selbst zu kontrollieren, wo der Ball sich befindet, ohne gezwungen zu sein, den Ball direkt zu kontrollieren.
Mindestens eine Spielerin muss immer den Ball anlaufen. Rollt der Ball frei - holt ihn euch! Hat eine Gegnerin den Ball - greift sie sofort an! Auch schon in der gegnerischen Hälfte. Nicht einmal die gegnerische Torhüterin soll sich den Ball in Ruhe zurechtlegen können.
Zu keinem Zeitpunkt - und das muss den Mädchen wirklich eingeschärft werden - soll dein Team abwarten und schauen, was passiert. Immer in Bewegung bleiben, jeden Ball holen, die Gegner nicht zum Luftholen kommen lassen. Das zehrt an der Ausdauer, aber auch an den Nerven der Gegnerinnen, die, wenn deine Mädchen es gut machen, nie zum Handeln kommen, nie Platz haben, sich zu entfalten.
Hat deine Mannschaft sich den Ball jetzt erobert, soll sie ihn aber nicht halten. Erinnere dich: Wir gehen hier davon aus, dass deine Mannschaft technisch schwach ist. Lange Läufe mit dem Ball oder versuchte Passstafetten führen vermutlich zum Ballverlust. Also gebt den Ball freiwillig wieder ab - aber dorthin, wo ihr ihn haben wollt. Anders ausgedrückt: Sobald ihr am Ball seid, drescht ihr ihn so nah wie möglich vors gegnerische Tor - wo im Idealfall schon wieder eine eurer Spielerinnen bereit steht, um den Ball anzulaufen. Abziehen ist hier die Devise. Nicht lange überlegen, nicht zögern, sondern mit voller Kraft Richtung Tor.
Diese Taktik erfordert praktisch keine technischen Fähigkeiten, aber Tempo, Kampfgeist und Ausdauer - sie ist also ideal, wenn du (wie ich so oft) eine Mannschaft ohne Fußballerinnen, aber mit vielen guten Sportlerinnen hast.
Anfangs ist sie Mädchen schwer zu vermitteln - ich habe es als typisch für Mädchenteams erlebt, dass viel rumgestanden und abgewartet wird und Schüsse nach vorne, selbst in der Abwehr, eher zaghaft ausfallen. Sobald die Mädchen aber begriffen haben, worum es geht, ist es eine einfach umzusetzende Taktik und brutal effektiv - gerade, weil andere Mädchenteams auch das abwartende, zaghafte Spiel gewohnt sind.
Noch nie hat eine meiner Mannschaften dieses Prinzip so gut umgesetzt wie meine aktuelle Truppe. Technisch ist nicht viel aus den Mädels rauszuholen, die "Stars" des Teams sind die fußballerisch limitierte aber energische und körperlich starke Rupserin Natasha und Abwehrchefin Rebecca, eine klassische Bolzerin mit Kraft, Ruhe und Übersicht, aber wenig Ballgefühl. Aber sie haben nach gewissen Anlaufschwierigkeiten das Hallen-Kick & Rush begriffen und setzen es wunderbar um. In einigen Spielen sind sie wie ein wütender Hornissenschwarm über jede Gegnerin im Ballbesitz hergefallen; jeder Ball, der einen Moment frei war, wurde umgehend nach vorne geballert. Vor allem in der Defensive hat das gewirkt - in dieser Hallensaison haben wir in zwölf Spielen sieben Mal zu Null gespielt und nur sechs Gegentore bekommen. Das in der Halle, wo eigentlich viele Tore fallen, wohlgemerkt - und mit einer gänzlich unerfahrenen Keeperin. Die hatte nicht viel zu tun, es gab insgesamt auch nur zwölf echte gegnerische Torschüsse. Dem Rest des Teams wurde dagegen enormer Einsatz abverlangt; nach jedem der drei Turniere waren meine Feldspielerinnen stehend k.o., aber hatten die Gegner reihenweise zur Verzweiflung getrieben. Meine eigentliche Gurkentruppe hat so sensationeller Weise die zweite Runde des Drumbo Cup erreicht, alle Erwartungen übertroffen und weit über ihrem Niveau gespielt. Eine Frage der richtigen Einstellung - und der richtigen Taktik!

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