Sonntag, 17. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 15 - 17

Da ich mal wieder etwas in Verzug geraten bin, die drei kurzen Irrtümer zu internationalen Weihnachtstraditionen auf einmal:

15. In Italien bringt die Hexe Befana die Weihnachtsgeschenke
Viele Bücher, die internationale Weihnachtsbräuche behandeln, behaupten, in Italien brächte nicht der Weihnachtsmann die Geschenke, sondern eine Hexe – la Befana. Das ist so nicht richtig.
Zunächst einmal ist Befana keine Hexe, sie sieht nur so aus. Traditionell wird sie eher als eine Art Fee gedeutet. Vor allem aber gibt es in Italien vier Feiertage mit Geschenken in der Weihnachtszeit (wobei bei weitem nicht alle Familien auch alle vier Tage mit richtigen Geschenken begehen). Am 6. Dezember ist, wie in Deutschland, Nikolaustag. Geschenke, oft „nur“ kleine Knabbereien, bringt San Nicola, der heilige Nikolaus. Am 13. Dezember beschenkt Santa Lucia, die Lichterkönigin, vor allem die Armen, auch für Kinder gibt es hier aber oft eine Kleinigkeit. Am 25. Dezember findet das eigentliche Weihnachtsfest statt; traditionell bringt hier il Bambinello Gesu, das Christkind, die Geschenke. Durch internationalen Einfluss wird aber auch in Italien der Weihnachtsmann, Babbo Natale, immer populärer und präsenter.
Und la Befana? Die ist für kleine, nikolaustagartige Geschenke am 6. Januar zuständig, dem Dreikönigstag. Sie ist also nicht die italienische Variante des Weihnachtsmannes, sondern eine ganz eigenständige Figur.
 


16. Die Engländer essen an Weihnachten traditionell Pudding

Es stimmt, zum traditionellen englischen Weihnachtsessen gehört ein Plumpudding oder auch ein Christmas Pudding. Wer sich darunter aber so etwas wie Schokoladen- oder Vanillepudding vorstellt, der ist einem sogenannten false friend aufgesessen, einem englischen Wort, das einem deutschen Wort ähnlich klingt, aber eine andere Bedeutung hat.
Der Christmas Pudding ist keine halbflüssige Süßspeise, sondern ein Mehlbeutel.

17. Am Knuttag werfen die Schweden Weihnachtsbäume aus dem Fenster
Die IKEA-Werbung hat im deutschen Bewusstsein eine interessante vermeintliche schwedische Tradition fest verankert. Am Tag Knut, irgendwann im Januar, werden demnach in Schweden die Weihnachtsbäume aus den Fenstern geworfen – weshalb man sich nur mit Vorsicht durch die Innenstädte bewegen kann. Doch ist das wirklich so?
Realer Hintergrund der Werbekampagne ist der St.-Knuts-Tag am 13. Januar, mit dem in Schweden traditionell die Weihnachtszeit endet. An diesem Tag werden Weihnachtsdekorationen entfernt, die letzten Weihnachtssüßigkeiten gegessen und der Baum abgeschmückt und weggeschafft. Spektakulär aus dem Fenster geschmissen wird er aber nicht, sondern, wie auch in Deutschland, auf den Kompost gebracht oder für die Müllabfuhr an den Straßenrand gelegt.
Quellen: Norbert Golluch: Ihr Rinderlein kommet; https://de.wikipedia.org/wiki/St.-Knuts-Tag

Weihnachtsirrtümer 14


14. Die Weihnachtsgeschichte ist zumindest in Grundzügen wahr

Man mag ja abstreiten, dass Jesus wirklich Gottes Sohn ist, und vielleicht gab es auch keine echte Jungfrauengeburt und keine singenden Engel, aber die Grundzüge der Geschichte, die Geburt des kleinen Jesus unter ungewöhnlichen Umständen, die haben sich doch tatsächlich zugetragen, oder? Nein.

Vorweggeschickt sei, dass kein einziger Aspekt von Jesu vermeintlichem Leben und Wirken durch unabhängige, zeitgenössische Quellen abgesichert ist. Auch wenn die moderne Forschung, sicher auch, um sinnlose Kontroversen zu vermeiden, davon ausgeht, dass Jesus zumindest in irgendeiner Form existiert hat, ist das alles andere als gewiss.

Die Weihnachtsgeschichte aber ist mit Sicherheit eine spätere Erfindung.

Sie taucht nur in den beiden späteren Evangelien auf (beide um 100 n.Chr. verfasst), und dort ist sie äußerst widersprüchlich. Weder Paulus noch die früheren Evangelisten Markus und Johannes (beide um 70 n.Chr.) wissen etwas über die Details von Jesu Geburt. Nirgendwo wird erwähnt, dass Maria eine Jungfrau gewesen sei (Johannes schreibt in 1,45 und 6,42 sogar ausdrücklich, Josef sei der Vater gewesen), nirgendwo spielen eine Krippe, ein Stern oder drei Weise aus dem Morgenland eine Rolle. Ja, nicht einmal Betlehem taucht außerhalb der beiden Weihnachtsgeschichten irgendwo auf. In den Evangelien von Markus und Johannes wird Jesus stets als Nazarener beschrieben. Es gab aber einen guten Grund, eine Geschichte zu erfinden, die seine Geburt nach Betlehem verlegt – schließlich besagt eine der zahlreichen Messias-Prophezeiungen im Alten Testament, der Messias würde in Betlehem geboren…

Eine passende Volkszählung gab es historisch nicht, und sie ist offenkundig eine groteske Erfindung, um die schwangere Maria von Nazareth nach Betlehem zu befördern. In der Realität gab es nämlich nie und nirgends eine Volkszählung, für die jeder – egal, wo er lebte – in die Stadt, aus der seine Familie stammte, zurückkehren musste. Man stelle sich nur das Chaos vor, das eine solche Zählung verursachen würde!

Wenn Jesus existiert hat, ist nichts Zeitgenössisches und/oder Glaubwürdiges über seine Geburt überliefert; alles spricht dafür, dass er in Nazareth geboren wurde. Die Weihnachtsgeschichte ist ein reiner Mythos, lange nach seiner Geburt verfasst, um noch schnell ein paar Prophezeiungen zu erfüllen.

Quellen: Kenneth Humphries, Birthing of a Godman; Roger Highfield, Können Engel fliegen?;  Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter

Weihnachtsirrtümer 13


13. Jesus wurde in einem Stall geboren



Der Stall mit der Krippe, inklusive Ochs und Esel, ist fester Bestandteil unserer Weihnachtstraditionen, dargestellt in unzähligen Kunstwerken und auf noch mehr Weihnachtskarten, besungen in diversen Weihnachtsliedern, dargestellt in Krippenspielen auf der ganzen Welt. Woher aber kommt die Vorstellung, Jesus sei in einem Stall geboren und in eine Krippe gelegt worden?

In den Weihnachtsgeschichten von Lukas und Matthäus kommt nirgendwo ein Stall vor; eine Krippe wird in einem einzigen Satz erwähnt: „Sie wickelte ihn (Jesus) in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ (Lukas 2,7) Aus diesem einen Satz entspinnt sich unsere ganze Vorstellung von Jesu Geburt – Josef und Maria, verzweifelt auf der Suche nach Unterkunft, werden in diversen Gasthäusern abgewiesen, bis ein Gastwirt Erbarmen zeigt und wenigstens einen Platz im Stall für sie findet. Dort wird Jesus geboren und in die Futterkrippe gebettet. Der Autor dieses Satzes meinte vermutlich aber etwas ganz anderes.

Zunächst scheint es unglaubwürdig, dass das vorchristliche Betlehem überhaupt über ein Gasthaus verfügte (von mehreren, die Josef und Maria vergeblich abklappern konnten, ganz zu schweigen). Außerdem hätte Josef, wenn er bei Fremden Unterschlupf gesucht hätte, alle seine Verwandten, die sicher noch in seiner Geburtsstadt lebten, tödlich beleidigt. Ergäbe das Sinn?

Für einen Leser zur Zeit der Verfassung des Textes hätte sich die Geschichte ganz anders dargestellt, und so war sie vermutlich auch gemeint:  

Josef möchte seine schwangere Frau und sich selbst bei Verwandten einquartieren, doch in deren Gästezimmer ist kein Platz mehr. Da man Verwandte aber nicht abweist, werden die beiden im Hauptraum des Hauses untergebracht. In diesem Hauptraum lebt nicht nur die Gastgeberfamilie, in kalten Nächten werden hier auch die Tiere untergebracht – das war in Zeiten vor der Zentralheizung durchaus üblich, die Tiere dienten als lebendes Heizsystem. Daher stand in diesem Raum natürlich auch eine Futterkrippe, und in die wurde der kleine Jesus gebettet, weil kein Bettchen mehr zur Verfügung stand.

So ergibt die Weihnachtsgeschichte wesentlich mehr Sinn, und so passt es auch zu Matthäus‘ Version, in der die Weisen aus dem Morgenland Jesus in einem Haus vorfinden (Matthäus 2,11).

Jesus wurde also nicht in einem Stall geboren, sondern im Wohnzimmer von Verwandten.

Quellen: Kenneth Humphries, Birthing of a Godman; Roger Highfield, Können Engel fliegen?;  Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter

Dienstag, 12. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 12


12. Jesus wurde am 25.12. des Jahres 0 geboren

Dass Jesus an Weihnachten, also am 25.12., geboren wurde, scheint klar. Und wann? Natürlich im Jahr 0, schließlich ist die Zeitrechnung ja auf seine Geburt ausgerichtet. Stimmt aber so nicht!

Zunächst mal das Einfachste: Ein Jahr 0 gibt/gab es nicht. In unserer Zeitrechnung folgt auf das Jahr 1 vor Christus direkt das Jahr 1 nach Christus.

Außerdem glauben Bibelforscher, dass Jesus wesentlich früher geboren worden sein muss. Aus den sehr widersprüchlichen Angaben von Jesu Lebensdaten in der Bibel deuten die meisten Experten heraus, dass die Geburt Jesu irgendwann zwischen 8 und 6 v.Chr. stattgefunden haben muss.

Und an welchem Datum? Die Bibel nennt nirgendwo eines, also gibt es keine Handhabe, ein konkretes Datum anzunehmen, weder den 25.12. noch sonst irgendeines. Dass die Verlegung von Weihnachten in den Dezember eher mit heidnischen Wintersonnenwendfesten zu tun hat, ist ja mittlerweile bekannt (viele heidnische Götter, insbesondere Sonnengötter, sollen tatsächlich am 25.12. geboren sein). Etwas eingrenzen lässt sich die Zeit, in der die Weihnachtsgeschichte spielt, allerdings schon, und zwar durch die Angabe, Hirten hätten des Nachts ihre Herde auf dem freien Feld gehütet. Im Dezember ist es in Palästina viel zu kalt, um die Schafherden im Freien übernachten zu lassen. Üblicherweise blieben die Herden nur im März und April über Nacht auf dem Feld. Bei den ersten Berechnungen von Jesu Geburtsdatum im 2. und 3. Jahrhundert kam man dann auch auf den 28. März…

Quellen: Kenneth Humphries, Birthing of a Godman; Roger Highfield, Können Engel fliegen?;  Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter

Montag, 11. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 11

Für den heutigen Irrtum sowie die der nächsten beiden Tage setze ich voraus, dass die biblische Weihnachtsgeschichte "korrekt" ist - der "Irrtum" ist also jeweils die verbreitete Vorstellung im Widerspruch zum Inhalt der Bibel. Mit der Frage, inwieweit die Weihnachtsgeschichte der Bibel wirklich als Tatsache gelten kann, beschäftige ich mich dann am 14. Dezember...

  
11. Die heiligen drei Könige waren drei heilige Könige

Der Begriff „Heilige Drei Könige“ und ihre traditionelle Darstellung als Caspar, Melchior und Balthasar, in unterschiedlicher Kombination als ein Greis, ein Jüngling und ein Mann mittleren Alters sowie oft als je ein Afrikaner, Asiate und Europäer, sind uns so vertraut, dass wir sie einfach als gegeben hinnehmen. Dabei sind sie völlig fern von der biblischen Darstellung, das Ergebnis jahrhundertelanger Legendenbildung.

In der Weihnachtsgeschichte bei Matthäus werden sie ohne allzu viele Details als magoi aus dem Osten erwähnt (Mt 2,2). Magoi, wörtlich Magier, bezieht sich auf eine persisch-babylonische Priesterkaste, deren Spezialgebiet das damalige Gemisch aus Astrologie und Astronomie war – nicht umsonst folgen sie einem Stern. Das Wort „Sterndeuter“ aus der deutschen Einheitsübersetzung kann also als korrekt angenommen werden.

Zu Königen wurden sie von Kirchenvätern und Gelehrten ab dem 3. Jahrhundert nach Christus umgedeutet. Grund dafür dürfte sein, dass es in einer Messias-Prophezeiung in Jesaja 60 und Psalmen 72,10 heißt, Könige würden dem Messias Geschenke darbringen.

Die Anzahl der Sterndeuter wird in der Bibel nicht genannt; da sie drei Geschenke bringen – Gold, Weihrauch und Myrrhe – wird ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus von drei Sterndeutern ausgegangen; lange gibt es aber noch Darstellungen, die vier oder nur zwei magoi zeigen. Die Logik „Drei Geschenke = Drei Schenkende“ ist zunächst naheliegend, aber natürlich nicht wirklich zwingend.

Um sich „Heiliger“ nennen zu dürfen, muss man von der katholischen Kirche heiliggesprochen werden. Dies ist mit den Sterndeutern der Bibel nie geschehen.

Kurz, die Heiligen Drei Könige waren nicht heilig, vermutlich nicht zu dritt und Könige schon gar nicht.

Die Namen Caspar, Melchior und Balthasar stammen natürlich auch nicht aus biblischer Überlieferung, sondern tauchen erstmalig in einem armenischen Märchen über Jesu Kindheit aus der Zeit um 500 n.Chr. auf. Die Idee, dass sie die drei Lebensalter des Mannes repräsentieren, ist erstmalig um 730 n.Chr. nachweisbar, die Repräsentation der drei zu Jesu Zeiten bekannten Kontinente scheint erst im Frankreich des 11. Jahrhunderts dazuerfunden worden zu sein.

An der klassischen Darstellung der „Heiligen Drei Könige“ in Krippen und Krippenspielen stimmt also praktisch gar nichts.

Quellen: Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter; https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Drei_K%C3%B6nige

Weihnachtsirrtümer 10


10. Weihnachten stammt vom germanischen Julfest ab



Dass das Weihnachtsfest nicht urchristlichen, sondern heidnischen Ursprungs ist, hat sich längst herumgesprochen. Gerne wird das altgermanisch-skandinavische Julfest, eine Art Erntedankfest, damit in Verbindung gebracht. Doch hält diese Verbindung den Tatsachen tatsächlich stand?

Über das Julfest ist sehr wenig bekannt, nicht einmal der genaue Termin, zu dem es einst gefeiert wurde, ist überliefert. Irgendwann zwischen Mitte November und Anfang Januar scheint es stattgefunden zu haben, mehr geben die Quellen nicht her. Zu dem Zeitpunkt, als das Christentum ernsthaft mit germanischen Bräuchen in Kontakt kam, wurde Weihnachten bereits am 25. Dezember gefeiert, und tatsächlich erzählen antike Quellen, dass nicht Weihnachten auf den Termin des Julfestes gelegt wurde, wie gerne erzählt wird, sondern anders herum: Hakon der Gute, ab etwa 935 König Norwegens, legte das Julfest auf den Weihnachtstermin um – der erste Schritt, das heidnische zugunsten des christlichen Festes verschwinden zu lassen. Unter späteren Herrschern wurden die heidnischen Bräuche schließlich ganz ver-boten und verschwanden, ohne bleibenden Einfluss auf unser Weihnachten hinterlassen zu haben. Einige moderne Autoren nennen manche skandinavischen Weihnachtsbräuche wie den Julbock, Julklapp oder den Julblock als Überreste des alten Julfestes, doch ist keiner dieser Bräuche tatsächlich für vorchristliche Zeiten nachgewiesen. Das heidnische Julfest scheint nicht viel mehr als ein großes Saufgelage ohne auffälliges Brauchtum gewesen zu sein. Wahrscheinlich ist das skandinavische Wort für Weihnachten, jul, alles, was vom ger-manischen Fest geblieben ist. Als heidnischer Ursprung des Weihnachtsfestes sind die römischen Saturnalien und das Sol Invictus-Fest wesentlich plausibler, wenn auch ebenfalls umstritten.

Die Popularität des Julfestes als Urweihnachten haben wir den Nazis zu verdanken. Die versuchten, christliche Feste im Sinne des „germanischen Erbes“ einzudeutschen. Weihnachten sollte durch das Julfest ersetzt werden, der Weihnachtsbaum durch die Jultanne und der Weihnachtsmann durch Frau Holle. Wie so viele „wissenschaftliche“ Ideen der Nazis war das aber ein reines Kunstprodukt, das mit der Realität nichts zu tun hatte.

Quellen: Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter; Barbara Rias-Bucher, Das Weihnachts-ABC; http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten#Geschichte; http://de.wikipedia.org/wiki/Julfest    

Samstag, 9. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 9


9. Früher hatten wir immer weiße Weihnachten



Haben sie auch jemanden in der Familie, der ihnen immer vorschwärmt, wie viel besser Weihnachten in seiner Kindheit war? Oder gehören sie selbst schon zu den Leuten, die wehmütig an die Weihnachtsfeste der Kindheit zurückdenken? Damals freute sich die Familie noch auf die gemeinsamen Feiertage, Geschenke waren viel bescheidener und persönlicher, die Stadt viel liebevoller geschmückt, der Weihnachtsbaum viel prachtvoller – und natürlich war die Landschaft am Heiligabend tief verschneit.

Die traurige Wahrheit: Hier ist die selektive, nostalgische Erinnerung am Werk. Der ganze Stress, all die unschönen Teile des Weihnachtsfestes, hat man in der Kindheit wohl genauso erlebt, nur blendet man das rückblickend aus. An schöne Dinge erinnert man sich besser, und man ist dann geneigt, zu glauben, dass schöne Dinge in der guten alten Zeit die Regel waren. Zumindest in einem Fall lässt sich auch klar nachweisen, dass der Nostalgiker danebenliegt, nämlich bei der Mär von den immer weißen Weihnachten. Wenn Oma nicht gerade in Zentralrussland oder während der letzten großen europäischen Kaltphase Mitte des 19. Jahrhunderts aufgewachsen ist, hat sie in ihrer Kindheit nicht häufiger weiße Weihnachten erlebt als der Enkel heute.

Definiert man „weiße Weihnachten“ als ein Wetterereignis, bei dem am Heiligabend oder am ersten Weihnachtsfeiertag eine bleibende Schneedecke liegt, dann kann man im süd- und ostdeutschen Flachland etwa alle acht, im west- und norddeutschen Flachland etwa alle zehn Jahre damit rechnen. Diese Wahrscheinlichkeit hat sich seit über 150 Jahren nicht verändert. Meinhard Wefer vom Rüstringer Heimatbund recherchierte im Jahre 2000 beispielsweise ausführlich, wann es im Kreis Oldenburg weiße Weihnachten gegeben hatte. Im Zeitraum von 1899 bis 1999 war es genau elfmal dazu gekommen, 1899, 1906, 1923, 1938, 1956, 1962, 1963, 1964, 1970, 1981 und 1986 – im Durchschnitt alle zehn Jahre, das entspricht genau der Erwartung. Für keinen Ort im deutschen Flachland wird man eine deutlich andere Statistik finden. Auch Omi hat in ihrer Kindheit nur sehr selten, vielleicht nur ein einziges Mal, weiße Weihnachten erlebt.

Aber die Erinnerung ist nun mal großzügig. Das Bild von diesem einen tollen Weihnachtsfest, als draußen alles festlich weiß war, überlagert alles. Auf die Jahre, in denen etwas vor oder etwas nach Weihnachten Schnee lag oder in denen an Weihnachten ein paar traurige einzelne Flocken herabsegelten, wird es einfach übertragen. Schon sind aus einem Jahr weiße Weihnachten während den vierzehn Kindheitsjahren fünf oder sechs verschneite Jahre geworden. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem Eindruck, Weihnachten ohne Schnee seien die Ausnahme gewesen – und bis zu der Behauptung „Als ich klein war, hatten wir immer weiße Weihnachten!“

Quellen:  http://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fe_Weihnachten_%28Wetterereignis%29 ; http://www.ruestringer-heimatbund.de/html/weisse_weihnacht_war_immer_die.html; Norbert Golluch, Ihr Rinderlein kommet; Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter

Freitag, 8. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 8


8. An Weihnachtsstern kann man sich schwer vergiften



Zwar ist der Weihnachtsstern eine der beliebtesten Tischpflanzen in der Weihnachtszeit, doch rankt sich um ihn der Mythos, er sei lebensbedrohlich, zumindest für Kinder. Das versehentliche Verzehren von Teilen der verführerischen Pflanze könne zu schweren Vergiftungen mit Lähmungserscheinungen und schlimmstenfalls zum Tod führen.

Der Weihnachtsstern gehört zu den Wolfsmilchgewächsen, die normalerweise tatsächlich giftig sind; sie enthalten hautreizende Diterpene. Das gilt allerdings nur für Wildformen. Der handelsübliche Weihnachtsstern ist diterpenfrei und unbedenklich.

Das beweist auch eine Erhebung in den USA: Man hatte 22 793 Verdachtsfälle von Vergiftung durch Weihnachtsstern untersucht. In 96% der Fälle war kein medizinisches Eingreifen irgendeiner Art erforderlich, Lebensgefahr bestand nicht bei einem einzigen. In 92 Fällen hatten Kleinkinder auffällig viele Pflanzenteile verzehrt – in keinem dieser Fälle mussten medizinische Maßnahmen ergriffen werden. Vor dem Weihnachtsstern braucht man sich also als Mensch nicht zu fürchten. Gesund ist das Essen von Zierpflanzenteilen aber generell nicht; es kann zu Magenverstimmungen führen. Zudem reagieren manche Haustiere empfindlicher auf Pflanzenteile und können durch den Verzehr von Weihnachtsstern tatsächlich gefährdet sein.

Sicherheitshalber sollte man sich bei Mensch wie Tier also doch an einen Arzt wenden, wenn versehentlich Weihnachtsstern verzehrt wurde. Grund zur Panik besteht aber nicht.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 7


7. Der Weihnachtsbaum ist eine Tanne



Nicht umsonst heißt es in einem der bekanntesten Weihnachtslieder O Tannenbaum. Der Weihnachtsbaum muss eine Tanne sein. Oder?

Nicht zwingend. Die echten Tannen sind nur eine von mehreren Nadelbaumgattungen die als Weihnachtsbaum in Frage kommen. Über Jahrzehnte hinweg war der beliebteste Tannenbaum keine Tanne, sondern eine Fichte, die Rotfichte. Vom Spitzenplatz verdrängt wurde sie erst in den letzten Jahren, und zwar von einer echten Tanne, der Nordmanntanne, die seitdem jährlich etwa 16 Millionen Mal über die deutsche Ladentheke geht. Ihr Vorzug gegenüber den Fichten sind ihre weicheren Nadeln, die weniger schnell abfallen und nicht stechen. Aller-dings überzeugt die Rotfichte mit niedrigerem Preis, Pflegeleichtheit und ihrem angenehm weihnachtlichen Duft und erlebt deshalb bereits eine kleine Renaissance.

Andere beliebte Weihnachtsbäume, die nicht zu den Tannen zählen, sind die Blaufichte und verschiedene Kiefern, davon ab natürlich die immer beliebteren Metall- und Plastikbäume. Nicht jeder Weihnachtsbaum ist also eine Tanne.



Mittwoch, 6. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 6

Passend zum Nikolaustag geht es im heutigen Irrtum um den heiligen Nikolaus. Ich hoffe, ich verderbe niemandem den Feiertag :)

6. Den Heiligen Nikolaus gab es wirklich
Oft gehörte (oder in Internetdiskussionen gelesene) Aussage von ganz besonderen Schlaumeiern: „Den Weihnachtsmann gibt es nicht, aber der Nikolaus hat mal in der Türkei gelebt“. Das bezieht sich natürlich auf den Heiligen Nikolaus, im 4. Jahrhundert Bischof von Myra in der heutigen Türkei.
Über diesen Nikolaus kursieren zahlreiche Legenden. Die berühmteste - und nach Meinung der meisten Experten der Ursprung unserer Nikolaustraditionen und damit letztlich auch des Weihnachtsmannes – handelt von den drei Töchtern eines armen Mannes, die wegen fehlender Mitgift nicht verheiratet werden können und daher in die Prostitution getrieben werden sollen. Nikolaus verhindert das, indem er des Nachts Goldklumpen in das Haus der armen Familie wirft.
Existierte Nikolaus nun aber wirklich? Das lässt sich, wie so oft bei solchen Gestalten, wieder belegen noch widerlegen. Interessant ist aber zumindest folgendes: Nikolaus ist für eine Person seiner Stellung in seiner Zeit ungewöhnlich schlecht zeitgenössisch belegt – nämlich überhaupt nicht. Er taucht zu seinen vermeintlichen Lebzeiten im 4. Jahrhundert nirgendwo schriftlich auf. Angeblich soll er am berühmten (und historisch belegten) Konzil von Nicäa teilgenommen haben, sein Name steht aber zumindest nicht auf dem erhaltenen Teil der Unterzeichnerliste des Konzils. Die erste wirkliche Quelle zu Nikolaus‘ Leben wurde um 700 n.Chr. verfasst – rund 350 Jahre nach seinen vermeintlichen Lebzeiten. Dazu kommt, dass, wie bereits erwähnt, die meisten Geschichten über Nikolaus sehr legendenhaft wirken, und das von Anfang an.
Auf der anderen Seite haben viele solcher Legenden einen wahren Kern, und viele zentrale Lebensdaten von Nikolaus werden in den frühesten Quellen so einheitlich wiedergegeben, dass die meisten Forscher an einen gewissen Wahrheitsgehalt glauben. Kurz, es ist denkbar, dass Nikolaus wirklich existierte – gesichert ist es aber auf keinen Fall!
Quellen: Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter; Th. Hauschild: Weihnachtsmann: Die wahre Geschichte; Manfred Becker-Huberti: Der Weihnachtsmann lebt; http://www.stnicholascenter.org/pages/early-sources/; https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_von_Myra 

Dienstag, 5. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 3 - 5

Um zum Datum aufzuschließen, heute drei kurze Irrtumartikel auf einmal:



3. Es ist ein Ross entsprungen

Ein immer noch erstaunlich häufiger Irrtum und ein klassischer „Mondegreen“, ein Textverhörer. Geht es in dem bekannten Weihnachtslied tatsächlich um ein entlaufenes Pferd?

Natürlich nicht. Es ist nicht ein Ross, sondern ein Ros‘ entsprungen, eine poetische Verkürzung von „eine Rose“. Das Ganze ist eine Metapher, in der nach dem katholischen Urtext Isai (Jesse), ein biblischer Vorfahre von Maria, die Wurzel ist, aus der ein Rosenstock wächst (Maria), der schließlich eine Blume trägt, Jesus. In der heute geläufigeren protestantischen Textversion soll Maria weniger stark betont werden; hier ist Jesus sowohl die Ros‘, also der Rosenstock, als auch das daraus entspringende Blümlein – ungeachtet der logischen Probleme, die das aufwirft…




4. Im Lied Let it Snow wird um Schnee an Weihnachten gebeten
Let it snow, let it snow, let it snow… Das Lied, ursprünglich 1945 von Sammy Cahn und Jule Styne geschrieben und vielfach gecovert, wird zur Weihnachtszeit in Radio und Kaufhäusern rauf und runter gespielt. Und in vielen Teilen Deutschlands wünschen sich die Menschen ja auch sehnlichst und meist vergeblich Schnee zu Weihnachten. Lass es schneien, das Lied passt wie die Faust aufs Auge – oder etwa nicht?
Tatsächlich besagt der Liedtext fast genau das Gegenteil. Lass es schneien soll hier nicht bedeuten ‚Lass es bitte anfangen zu schneien’, sondern ‚Lass es ruhig weiterschneien, ist mir doch egal’, im Text wird geschildert, wie schön es mit der Liebsten am warmen Kamin ist, auch wenn es draußen unaufhörlich schneit.
Quellen: Sammy Cahn, Let it Snow!

5. Rudolf ist eins der acht Rentiere des Weihnachtsmannes
Rudolf, das rotnasige Rentier ist mit weitem Abstand das bekannteste Tier aus dem Gespann des Weihnachtsmannes. Dieses besteht bekanntlich aus acht Rentieren. Also außer Rudolf noch sieben, oder?
Falsch. Traditionell sind es tatsächlich acht Rentiere, nur gehört Rudolf nicht dazu. Bis 1939 wurden als Namen der Zugtiere meist Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donder (oder Donner) und Blitzen genannt, die aus Thomas Nashs `Twas the night before Christmas von 1822 stammen. Erst mit dem 1939 veröffentlichten Malbuch Rudolph the red-nosed Reindeer kommt das populäre Führungstier hinzu. Im gleichnamigen Lied von 1949 werden die Namen aller acht klassischen Rentiere erwähnt, Rudolf erringt im Laufe der Handlung den Platz als Nummer Neun.
Natürlich gibt es dennoch Darstellungen, in denen Rudolf eins von nur acht Rentieren ist, und sogar solche, in denen er als Teil eines Zweier- oder Dreiergespanns arbeitet. Selbst ein einzelnes Rentier, ebenfalls meist Rudolf genannt, ist schon als Zugtier aufgetaucht. Aber streng traditionell ist er „nur“ die Nummer Neun.
Quellen: Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter; Barbara Rias-Bucher, Das Weihnachts-ABC;   http://en.wikipedia.org/wiki/Santa_Claus%27_reindeer

Montag, 4. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 2

Der zweite Teil meines kleinen Weihnachtsirrtümer-Adventskalender-Lexikons. Viel Spaß!

2. Nicht verkaufte Schokoweihnachtsmänner werden zu Osterhasen

Eine oft gehörte Verschwörungstheorie besagt, die Schokoladenweihnachtsmänner, die wir im Dezember nicht äßen, würden uns im Frühling als Schokoladenosterhasen wieder vorgesetzt. Doch kann das stimmen? Einfache Antwort: Nein.
Zunächst mal bleiben viel weniger Schokonikoläuse im Geschäft zurück, als gemeinhin angenommen, denn die Produktion orientiert sich an relativ zuverlässigen Marktdaten. Zweitens wäre das Umschmelzen den Aufwand und Ärger niemals wert. Einsammeln, nach Hersteller sortiert zurück an die Fabrik schicken, dort von Hand auspacken und anschließend einschmelzen – das würde enorme Kosten verursachen. Da ist es günstiger, frische Schokohasen zu produzieren. Außerdem bleibt man so im Rahmen des Legalen; mit der Wiederverwertung einmal ausgelieferter Lebensmittel käme man in Konflikt mit dem deutschen Lebensmittelgesetz. Zu guter Letzt wäre die Wiederverwertung auch dem Geschmack abträglich, mehrfach eingeschmolzene Schokolade mundet einfach nicht mehr so gut.

Sonntag, 3. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 1

Ich bin Archäologe und Fußballtrainer, aber vor allem schreibe ich. Über alles Mögliche und Unmögliche. Das ein oder andere behandele ich als Buchprojekt, und vielleicht wird irgendwann ja mal was wirklich veröffentlicht. Um auch die Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, bei denen es für ein Buch auf keinen Fall reicht, versuche ich es mal mit einem Blog.
Anfangen tue ich, saisonangemessen, mit einem kleinen Lexikon der Weihnachtsirrtümer, das ich schon vor Jahren verfasst habe. Es sind 24 Irrtümer, also adventskalendermäßig gedacht, da ich aber zu spät anfange, werde ich mich da vielleicht nicht ganz dran halten. Heute also, zum 3. Dezember, den 1. Teil.

1. An Weihnachten steigt die Selbstmordrate dramatisch an

Eine der hartnäckigsten Legenden über Weihnachten besagt, der Weihnachtsstress triebe die Menschen reihenweise in die Verzweiflung, die Selbstmordrate schnelle jeden Dezember in die Höhe. Manche Quellen erweitern das Ganze noch um andere Gruselstatistiken, nach denen auch die Mord- und die Unfallrate, die Trennungs- und Scheidungsrate, die Zahl der Einlieferungen in die Psychatrie etc. in der Weihnachtszeit ansteigen. Gerade Weihnachts-kritiker zitieren solche Statistiken natürlich mit Begeisterung. Genaue Zahlen oder Quellen werden aber nie genannt.
 Das hat einen Grund: Die Statistiken sind frei erfunden. Nur eine einzige der zahlreichen Studien zum Thema konnte eine Selbstmordhäufung im Dezember ausmachen, und diese Studie bezog sich ausschließlich auf Japan. Andernorts sieht das ganz anders aus.
Roger Highfield vom Science-Ressort des Daily Telegraph zitiert eine britische Untersuchung von 22 196 Selbstmorden über einen Zeitraum von 19 Jahren, die bei Männern keine jahres-zeitliche Schwankung der Selbstmordrate feststellen konnte, bei Frauen aber ein Sinken der Rate im Dezember um ein Viertel im Vergleich zum Jahresdurchschnitt. Der Soziologe David Phillips erfasste in seiner Statistik zum Thema über 180 000 Selbstmorde und stellte fest, dass es in den Monaten April und Juni die meisten Selbstmorde gibt, im Dezember hingegen am wenigsten. Die Universität Wien fand 2011 heraus, dass in Österreich der Dezember und der Januar die selbstmordärmsten Monate des Jahres sind, während es im März und August besonders viele Suizide gibt.
  Zum selben Schluss kam auch eine Untersuchung der Amerikaner William Zung und Richard Green im Jahre 1974, die zudem auch die Mär von der Psychatrie-Einlieferung widerlegt – auch hier gibt es keine Steigerung der Fälle in der Weihnachtszeit oder zu irgendwelchen anderen Feiertagen.
 Zu Mord- und Unfallraten an Weihnachten konnte ich keine Untersuchungen oder Statistiken finden, was zumindest nahe legt, dass die Behauptungen über einen Anstieg nicht auf genauen Erhebungen basieren.
 Bleibt noch die Sache mit den Trennungen. Und da scheint was dran zu sein, zumindest laut Google. Denn die Statistik der Internet-Suchmaschine belegt Jahr für Jahr eine Häufung der Suchbegriffe „anwalt familienrecht“ und „scheidungsanwalt“ im Januar. Ein stressiges Weih-nachten scheint also viele Beziehungen zu zerrütten. Allerdings geht es noch schlimmer: Häufiger eingegeben werden die beiden Suchbegriffe im August und September – nach der anderen großen Beziehungszerreißprobe, den gemeinsamen Sommerferien.
Quellen: Roger Highfield, Können Engel fliegen?; Volker Faust, Jahreszeit und Suizid;  http://science.orf.at/stories/1687807/; http://www.google.de/trends/explore#q=anwalt%20familienrecht%2C%20scheidungsanwalt&geo=DE&cmpt=q

Fußballirrtümer: Der Super Bowl hat mehr Zuschauer als jedes Fußballspiel

Der Super Bowl, das Finale der amerikanischen Football-Liga NFL, wird oft als das „größte Einzelsportereignis der Welt“ bezeichnet. Soll h...