"Mit dem
Fußball geht es immer mehr bergab!"
"Ich wünschte, ich hätte meine alte Mannschaft wieder!"
- DEKLINISMUS
Der Weltfußball ist in einer schlimmen Lage. Allein die Vergabe der Weltmeisterschaften an die Quasi-Diktatur Russland und an das totalitäre, homophobe, fußballtraditionslose und auch noch geographisch völlig ungeeignete Katar zeigen doch, dass es nur noch um Geld und nicht mehr um Ideale geht, genauso wie die Erhöhung der Teilnehmerzahlen, die zu einem Qualitätsverfall führen muss. Konservenmannschaften wie "RasenBallsport" Leipzig schießen wie Pilze aus dem Boden, die Spieler selbst werden immer abgehobener. Um noch zu verstehen, welche Verträge man eingehen muss, um alle Bundesligaspiele live zu sehen, braucht man einen Raketenwissenschaftler - und dessen Gehalt, um die Verträge dann auch alle zu bezahlen. Ständig werden neue Wettkämpfe, neue Regeln eingeführt oder zumindest vorgeschlagen - dabei war der Fußball doch gut, wie er immer war. Den Vogel schoss die neue Idee einer festen Superliga aus den Spitzenvereinen der verschiedenen europäischen Vereine ab. Es geht wirklich bergab mit dem guten alten Fußball, und man fängt an, sich in vergangene Zeiten zurückzusehnen.
Wenn ich einen Euro bekäme für jedes Mal, das mir jemand erzählt hat, mit diesem oder jenem oder der Welt ganz allgemein würde es immer schlimmer, dann würde es mir heute zumindest finanziell viel besser gehen.
Man nennt das den Deklinismus (Hans Rosling, der sich in seinem Buch Factfulness ausführlich damit auseinandersetzt, benutzt stattdessen den Begriff "Instinkt der Negativität"), die Vorstellung, dass die Welt sich im langsamen Verfall befindet, alles immer schlechter wird und die Vergangenheit viel schöner war. Der Deklinismus ist ein massiver Denkfehler, enorm weit verbreitet, schwer zu bekämpfen und mit gefährlichen Folgen. In der Politik wirkt er sich enorm aus und führt ironischerweise zu tatsächlichen Verschlechterungen - den Brexit haben wir vor allem der falschen Vorstellung vieler Briten zu verdanken, in Zeiten vor der EU sei alles besser gewesen; auch die rechten Parteien Europas und der Welt haben der Idee, man müsse zu einem alten, besseren Zustand zurückkehren, viel zu verdanken. Religiöse Bewegungen setzen ebenso darauf, um Mitglieder zu requirieren und zu halten - die Zeugen Jehovas und andere Endzeitbewegungen sammeln mit Begeisterung vermeintliche Hinweise auf den Verfall der Welt, der das Jüngste Gericht ankündigt und behaupten, Kriege, Katastrophen, Hungersnöte und Seuchen sowie die allgemeine "Schlechtigkeit der Menschen" hätten in den letzten Jahren enorm zugenommen. Und sogar im "kleinen" Bereich gibt es üble Auswirkungen des Deklinismus. Das von Lehrern (und Jugendtrainern) gehasste Phänomen der "Helikoptereltern" hat eine wesentliche Ursache in dem Glauben, die Welt sei für Kinder heute viel gefährlicher als früher.
Dabei ist die Welt nachweislich besser als früher, und sie wird immer besser - so sehr, dass der Spiegel eine monatliche Kolumne mit Dingen, die sich verbessern, füllen kann und diese mittlerweile sogar in Form zweier Bücher (Früher war alles schlechter und Früher war alles schlechter 2) veröffentlichen konnte. Positive Daten steigen an - heute leben mehr Menschen in einer Demokratie als je zuvor, mehr Menschen haben Zugang zu Trinkwasser als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Geschichte -, negative Daten sinken - es gibt heute viel weniger Analphabeten als jemals zuvor, Kinderarbeit ist massiv rückläufig. Manches ist auch mehr oder weniger gleichgeblieben - Vulkanausbrüche und Erdbeben treten mit derselben Häufigkeit auf wie in den meisten anderen Phasen der Weltgeschichte auch. Wirklich verschlechtern tut sich nur sehr wenig.
Die Zeugen Jehovas liegen falsch. Kriege nehmen nicht zu, sie nehmen ab. Wir leben in der friedlichsten Phase der Weltgeschichte, die Gefahr, im Krieg getötet zu werden, ist so gering wie noch nie. Naturkatastrophen bleiben, wie erwähnt, gleich häufig, kosten aber weniger Menschenleben als früher - was besseren Frühwarnsystemen und besserer Katastrophenhilfe zu verdanken ist. Hungersnöte werden viel seltener, insgesamt ist die Welt besser ernährt als je zuvor. Und Seuchen in Ausmaßen wie noch Anfang des 20. Jahrhunderts sind mittlerweile fast unvorstellbar. Die Pocken sind ausgestorben, die Pest an den äußersten Rand der Welt gedrängt, die Zahl der HIV-Infektionen sinkt kontinuierlich und die Chance, Krebs zu überleben, wächst stetig.
Woran liegt es, dass wir alle (auch im Leser meines Beitrags regt sich gerade, da bin ich sicher, ein "Aber...") so überzeugt von der Verschlechterung der Welt sind? Verantwortlich dafür sind im Wesentlichen drei Faktoren, die der in einem früheren Beitrag bereits erwähnten Verfügbarkeitsheuristik nahestehen.
Da wäre zunächst die sogenannte rosy retrospection, der rosige Rückblick. Es fällt uns leichter, Dinge in Erinnerung zu behalten, wenn sie vereinfacht und übertrieben einseitig abgespeichert werden. Das Gehirn neigt dabei dazu, ins Positive zu vereinfachen, so dass uns unsere Vergangenheit viel einfacher und schöner erscheint als die Gegenwart. Das berühmteste Experiment zur rosy retrospection kann jeder auch selbst durchführen: Direkt nach einem Urlaub eine detaillierte Bewertung der Reise aufschreiben und wegschließen. Ein paar Jahre später noch einmal denselben Urlaub bewerten und dann vergleichen. Fast immer ist die zweite Bewertung wesentlich positiver. Besonders populär ist die rosy retrospection übrigens in der Weihnachtszeit. Hast du nicht auch den Eindruck, dass Weihnachten früher viel ruhiger, besinnlicher und... naja, weihnachtlicher war? Und dass du viel öfter weiße Weihnachten erlebt hast als heute? Aber deine Eltern hatten damals denselben Eindruck. Und deren Eltern auch. Und zumindest, was die weißen Weihnachten betrifft, lässt sich statistisch und historisch klar nachweisen: Deren Häufigkeit hat sich in den letzten 150 Jahren in Deutschland nicht geändert.
Ein zweiter Faktor ist die Informationsverfügbarkeit. Heute erfahren wir über die Massenmedien viel schneller viel mehr über das, was auf der Welt vorgeht, und natürlich konzentrieren sich die Medien auf schlechte Nachrichten. Kriege, Verbrechen, Katastrophen verkaufen sich besser. Neulich sah ich ein Video von einem Bus in China, der von einer Brücke in einen Fluss stürzte, wobei alle Insassen ums Leben kamen. Davon hätte ich vor 50 Jahren nie erfahren, aber jetzt weiß ich davon, habe ein schreckliches Bild von einem Busunglück mehr im Kopf - und überschätze daher das Risiko einer Fahrt mit dem Bus. Dieses Informationsmissverhältnis liegt auch den Ängsten der Helikoptereltern zugrunde. Sie sind der Überzeugung, dass heute viel mehr Kinder als früher entführt werden. Stimmt nicht, es sind weniger als früher (das gilt übrigens für fast alle Verbrechen). Aber: Vor 50 Jahren hat man schon von Entführungen in einem anderen Bundesland nicht viel mitbekommen. Heute kann eine Entführung am anderen Ende der Welt wochenlang die Schlagzeilen beherrschen und bei allen Eltern einen tiefen Eindruck hinterlassen. Helikoptereltern glauben auch, dass heute so viele Raser unterwegs sind, dass eine besondere Gefahr im Straßenverkehr herrscht. Wieder falsch. Die Zahl der Verkehrsopfer (sowohl toter als auch verletzter) hat drastisch abgenommen. Aber auch hier hört man heute mehr Geschichten, die Bilder sind präsenter. Und deshalb wird die Wahrscheinlichkeit überschätzt.
Und drittens fällt es uns schwer, immer noch schlimme Dinge dennoch als eine Verbesserung zu betrachten - ja, wir neigen sogar dazu, eine positive Sicht auf solche Dinge als geschmacklos zu betrachten. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Kindersterblichkeit, die Jahr für Jahr rapide abnimmt. 2016 sind fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren gestorben. Jeder einzelne Fall ist eine entsetzliche Tragödie, individuell lässt sich keiner davon irgendwie schönreden. Trotzdem sollte man das Positive nicht aus den Augen verlieren: 1990 waren es noch elf Millionen. Individuell ein schwacher Trost, aber 2016 hat die Welt es geschafft, sechs Millionen Kinder weniger zu verlieren. Und von den Zeiten, als man sich auch in Westeuropa viele Kinder zulegte in dem Bewusstsein, dass einige davon früh sterben würden, sind wir ohnehin weit entfernt. Die Welt ist in dieser Hinsicht nicht perfekt geworden - aber besser.
Und wie ist es jetzt mit den Fußballbeispielen vom Anfang? In den meisten Fällen hat sich in Wirklichkeit nicht viel verändert. 1934 fand die WM im faschistischen Italien statt, 1978 in einem Argentinien, in dem eine Militärjunta diktatorisch herrschte und Kritiker "verschwinden ließ". Das ist sicher nicht besser als Russland oder Katar. Die Teilnehmerzahlen der Turniere wurden immer wieder erhöht (an der ersten WM nahmen noch 13 Länder teil), was immer von der Kritik der Qualitätsverwässerung begleitet wurde. Mannschaften, die in erster Linie Werbeträger waren, Namen, Wappen und Farben einer Firma trugen, gab es schon immer. Bayer Leverkusen, Bayer Uerdingen, Carl Zeiss Jena wären offensichtliche Beispiele - die gelten mittlerweile als Traditionsvereine. Abgehobene oder anderweitig negativ auffällige Spieler hat es auch immer gegeben - so wie Diego Maradona oder Paul Gascoigne dürfte sich heute kein Profi mehr benehmen. Dass es zumindest die Möglichkeit gibt, alle Bundesligaspiele live im Fernsehen zu sehen, ist eine Verbesserung gegenüber Jahrzehnten, in denen das nicht möglich war; es wäre zwar schön, wenn es übersichtlicher und günstiger wäre, aber man kann eben nicht immer alles haben. Und merkwürdige, krumme Regeländerungen in der Hoffnung, den Sport attraktiver zu machen, sind so alt wie der Fußball selbst, beginnend mit der Änderung der Abseitsregel im Jahre 1866 - bis dahin war es nicht erlaubt, einen Pass überhaupt nach vorne zu spielen. Seither gab es so regelmäßig Änderungen, dass die Phrase vom "Fußball, wie er immer war" gar keinen Sinn macht. Und die Einführung immer neuer Wettbewerbe? Gab es logischerweise auch schon immer. Die Pläne von einer Superliga sind im Übrigen so alt, dass in den ersten Gedankenspielen, an die ich mich erinnern kann, noch Bayer Leverkusen als einer der europäischen Top-Clubs eine Rolle spielte...
Klar gibt es immer wieder auch negative Entwicklungen. Aber wir sollten uns damit trösten, dass der Fußball als solcher viel besser geworden ist. Die statistischen Daten der Vizeweltmeister von 1966 was Passquote und -häufigkeit, Laufwerte, Athletik, Chancenverwertung, taktische Variabilität und so weiter betrifft, entsprechen etwa denen, die heute ein durchschnittlicher Fünftligist aufweist.
Der Tipp für jeden (ob Trainer oder nicht) lautet natürlich: Hüte dich vor der Verklärung der Vergangenheit. Sonst geht es dir wie mir, meiner Mannschaft von 2013/2014 und all ihren bedauernswerten Nachfolgern.
Als der Kern der ersten Mädchenmannschaft, die ich voll unter meinen Fittichen hatte, die Schule verließ, war ich am Boden zerstört. So eine tolle Truppe, nett und lustig, zuverlässig, und gut gespielt hatten sie auch noch. Seitdem glorifiziere ich diese Mannschaft. Jedes neue Team muss sich dem Vergleich stellen, und jedes neue Team verliert. Wie oft habe ich mir die alte Mannschaft zurückgewünscht, habe sogar gedacht, dass ich fünf oder sechs der neuen Spielerinnen eintauschen würde, nur um meine alte Kapitänin Sophia Drosselmeier zurückzubekommen? Besonders schwer unter dem Vergleich zu leiden hatte natürlich die direkte Nachfolgermannschaft, die ich immer irgendwie als inadäquat angesehen habe.
Objektiv betrachtet war dagegen diese Nachfolgermannschaft, aus der das Team von 2015/2016 entstand, fußballerisch besser (es war unsere erfolgreichste Mannschaft, über die ich bereits im Artikel über den Rückschaufehler geschrieben habe) und stand meinen alten Heldinnen auch in den anderen Bereichen in nichts nach. Nettigkeit und Lustigkeit? Eine nettere, lustigere Person als die Kapitänin von 2015/2016, Doreen van Bergen, habe ich nie getroffen. Zuverlässigkeit? Sara Demir nahm von 2014 bis 2016 an allen Wettkämpfen teil, machte insgesamt 99 Spiele für die Schule und fehlte auch im Training nie. Sophia Savoy sagte ihre eigene Geburtstagsfeier ab, um an einem Turnier teilzunehmen. Beides ist bei der alten Mannschaft nicht vorgekommen.
Aber der eigentliche Grund, warum ich diesen Artikel schreibe, ist, dass mir folgendes aufgefallen ist: All die Fehler, die es in meiner aktuellen Mannschaft gibt, über die ich mich andauernd ärgere, gab es in der glorreichen alten Truppe auch.
Die frühreife Helena, die nur noch Jungs im Kopf hat, das Training schwänzt, um mit den unreifen Jungs aus ihrer Klassenstufe abzuhängen und die mit ihren Geschichten die ganze Mannschaft aufmischt? In der alten Mannschaft gab es Aleyna, die ständig einen neuen Freund hatte, im Training anfing, mit Jungs zu telefonieren und sich einmal den Schwarm einer Mitspielerin angelte - was zu dramatischen Szenen inklusive Tränen und "Auf-dem-Klo-einschließen" direkt vor Trainingsbeginn führte. Da ist die eher naive Helena fast noch harmlos.
Sudel, die im letzten Jahr total zuverlässig war und jetzt plötzlich einfach nicht mehr kommt - ohne sich abzumelden, ohne mit mir zu sprechen, ohne erkennbaren Grund? Hat ihre Entsprechung in Emitia aus dem alten Team, die im Rahmen eines völlig rätselhaften Fußball-AG-Streiks ihrer Klasse (der sonst nur die Jungen-AG betraf) plötzlich aus meiner Mannschaft verschwand.
Die selbst zwar zuverlässige Mannschaftskapitänin Emilia, die sich aber überhaupt nicht durchsetzt und ihre Teamkolleginnen nie zur Ordnung rufen kann? Naja, ein bisschen war das auch das Problem bei Sophia Drosselmeier...
Und dass wir zwar in der Abwehr sicher stehen, aber nie Tore schießen? War bei der glorreichen Mannschaft genauso - bis eine Vereinsspielerin dazu kam (was diese Saison leider nicht in Aussicht steht).
Eins hat die glorreiche alte Mannschaft den Nachfolgerinnen tatsächlich voraus: Der Kern dieser Truppe war am gescheiterten Versuch beteiligt, die AG in einen Verein zu übertragen. Als ich mich im Verein Intrigen und übler Nachrede ausgesetzt sah, hielt dieser Kern der alten Mannschaft felsenfest zu mir (im Gegensatz zur einzigen beteiligten Vertreterin der Nachfolgermannschaft). Dafür werde ich sie immer lieben - und ich werde nie erfahren, wie sich die anderen Mannschaften in einer solchen Situation verhalten hätten, daher kann das auch niemand mehr aufholen.
Aber darüber hinaus zu behaupten, dass meine Spielerinnen von 2013/2014 in allem viel besser waren als ihre Nachfolgerinnen und dass seit ihrem Abgang immer alles nur schlechter geworden ist - das ist rosy retrospection und Deklinismus.
"Ich wünschte, ich hätte meine alte Mannschaft wieder!"
- DEKLINISMUS
Der Weltfußball ist in einer schlimmen Lage. Allein die Vergabe der Weltmeisterschaften an die Quasi-Diktatur Russland und an das totalitäre, homophobe, fußballtraditionslose und auch noch geographisch völlig ungeeignete Katar zeigen doch, dass es nur noch um Geld und nicht mehr um Ideale geht, genauso wie die Erhöhung der Teilnehmerzahlen, die zu einem Qualitätsverfall führen muss. Konservenmannschaften wie "RasenBallsport" Leipzig schießen wie Pilze aus dem Boden, die Spieler selbst werden immer abgehobener. Um noch zu verstehen, welche Verträge man eingehen muss, um alle Bundesligaspiele live zu sehen, braucht man einen Raketenwissenschaftler - und dessen Gehalt, um die Verträge dann auch alle zu bezahlen. Ständig werden neue Wettkämpfe, neue Regeln eingeführt oder zumindest vorgeschlagen - dabei war der Fußball doch gut, wie er immer war. Den Vogel schoss die neue Idee einer festen Superliga aus den Spitzenvereinen der verschiedenen europäischen Vereine ab. Es geht wirklich bergab mit dem guten alten Fußball, und man fängt an, sich in vergangene Zeiten zurückzusehnen.
Wenn ich einen Euro bekäme für jedes Mal, das mir jemand erzählt hat, mit diesem oder jenem oder der Welt ganz allgemein würde es immer schlimmer, dann würde es mir heute zumindest finanziell viel besser gehen.
Man nennt das den Deklinismus (Hans Rosling, der sich in seinem Buch Factfulness ausführlich damit auseinandersetzt, benutzt stattdessen den Begriff "Instinkt der Negativität"), die Vorstellung, dass die Welt sich im langsamen Verfall befindet, alles immer schlechter wird und die Vergangenheit viel schöner war. Der Deklinismus ist ein massiver Denkfehler, enorm weit verbreitet, schwer zu bekämpfen und mit gefährlichen Folgen. In der Politik wirkt er sich enorm aus und führt ironischerweise zu tatsächlichen Verschlechterungen - den Brexit haben wir vor allem der falschen Vorstellung vieler Briten zu verdanken, in Zeiten vor der EU sei alles besser gewesen; auch die rechten Parteien Europas und der Welt haben der Idee, man müsse zu einem alten, besseren Zustand zurückkehren, viel zu verdanken. Religiöse Bewegungen setzen ebenso darauf, um Mitglieder zu requirieren und zu halten - die Zeugen Jehovas und andere Endzeitbewegungen sammeln mit Begeisterung vermeintliche Hinweise auf den Verfall der Welt, der das Jüngste Gericht ankündigt und behaupten, Kriege, Katastrophen, Hungersnöte und Seuchen sowie die allgemeine "Schlechtigkeit der Menschen" hätten in den letzten Jahren enorm zugenommen. Und sogar im "kleinen" Bereich gibt es üble Auswirkungen des Deklinismus. Das von Lehrern (und Jugendtrainern) gehasste Phänomen der "Helikoptereltern" hat eine wesentliche Ursache in dem Glauben, die Welt sei für Kinder heute viel gefährlicher als früher.
Dabei ist die Welt nachweislich besser als früher, und sie wird immer besser - so sehr, dass der Spiegel eine monatliche Kolumne mit Dingen, die sich verbessern, füllen kann und diese mittlerweile sogar in Form zweier Bücher (Früher war alles schlechter und Früher war alles schlechter 2) veröffentlichen konnte. Positive Daten steigen an - heute leben mehr Menschen in einer Demokratie als je zuvor, mehr Menschen haben Zugang zu Trinkwasser als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Geschichte -, negative Daten sinken - es gibt heute viel weniger Analphabeten als jemals zuvor, Kinderarbeit ist massiv rückläufig. Manches ist auch mehr oder weniger gleichgeblieben - Vulkanausbrüche und Erdbeben treten mit derselben Häufigkeit auf wie in den meisten anderen Phasen der Weltgeschichte auch. Wirklich verschlechtern tut sich nur sehr wenig.
Die Zeugen Jehovas liegen falsch. Kriege nehmen nicht zu, sie nehmen ab. Wir leben in der friedlichsten Phase der Weltgeschichte, die Gefahr, im Krieg getötet zu werden, ist so gering wie noch nie. Naturkatastrophen bleiben, wie erwähnt, gleich häufig, kosten aber weniger Menschenleben als früher - was besseren Frühwarnsystemen und besserer Katastrophenhilfe zu verdanken ist. Hungersnöte werden viel seltener, insgesamt ist die Welt besser ernährt als je zuvor. Und Seuchen in Ausmaßen wie noch Anfang des 20. Jahrhunderts sind mittlerweile fast unvorstellbar. Die Pocken sind ausgestorben, die Pest an den äußersten Rand der Welt gedrängt, die Zahl der HIV-Infektionen sinkt kontinuierlich und die Chance, Krebs zu überleben, wächst stetig.
Woran liegt es, dass wir alle (auch im Leser meines Beitrags regt sich gerade, da bin ich sicher, ein "Aber...") so überzeugt von der Verschlechterung der Welt sind? Verantwortlich dafür sind im Wesentlichen drei Faktoren, die der in einem früheren Beitrag bereits erwähnten Verfügbarkeitsheuristik nahestehen.
Da wäre zunächst die sogenannte rosy retrospection, der rosige Rückblick. Es fällt uns leichter, Dinge in Erinnerung zu behalten, wenn sie vereinfacht und übertrieben einseitig abgespeichert werden. Das Gehirn neigt dabei dazu, ins Positive zu vereinfachen, so dass uns unsere Vergangenheit viel einfacher und schöner erscheint als die Gegenwart. Das berühmteste Experiment zur rosy retrospection kann jeder auch selbst durchführen: Direkt nach einem Urlaub eine detaillierte Bewertung der Reise aufschreiben und wegschließen. Ein paar Jahre später noch einmal denselben Urlaub bewerten und dann vergleichen. Fast immer ist die zweite Bewertung wesentlich positiver. Besonders populär ist die rosy retrospection übrigens in der Weihnachtszeit. Hast du nicht auch den Eindruck, dass Weihnachten früher viel ruhiger, besinnlicher und... naja, weihnachtlicher war? Und dass du viel öfter weiße Weihnachten erlebt hast als heute? Aber deine Eltern hatten damals denselben Eindruck. Und deren Eltern auch. Und zumindest, was die weißen Weihnachten betrifft, lässt sich statistisch und historisch klar nachweisen: Deren Häufigkeit hat sich in den letzten 150 Jahren in Deutschland nicht geändert.
Ein zweiter Faktor ist die Informationsverfügbarkeit. Heute erfahren wir über die Massenmedien viel schneller viel mehr über das, was auf der Welt vorgeht, und natürlich konzentrieren sich die Medien auf schlechte Nachrichten. Kriege, Verbrechen, Katastrophen verkaufen sich besser. Neulich sah ich ein Video von einem Bus in China, der von einer Brücke in einen Fluss stürzte, wobei alle Insassen ums Leben kamen. Davon hätte ich vor 50 Jahren nie erfahren, aber jetzt weiß ich davon, habe ein schreckliches Bild von einem Busunglück mehr im Kopf - und überschätze daher das Risiko einer Fahrt mit dem Bus. Dieses Informationsmissverhältnis liegt auch den Ängsten der Helikoptereltern zugrunde. Sie sind der Überzeugung, dass heute viel mehr Kinder als früher entführt werden. Stimmt nicht, es sind weniger als früher (das gilt übrigens für fast alle Verbrechen). Aber: Vor 50 Jahren hat man schon von Entführungen in einem anderen Bundesland nicht viel mitbekommen. Heute kann eine Entführung am anderen Ende der Welt wochenlang die Schlagzeilen beherrschen und bei allen Eltern einen tiefen Eindruck hinterlassen. Helikoptereltern glauben auch, dass heute so viele Raser unterwegs sind, dass eine besondere Gefahr im Straßenverkehr herrscht. Wieder falsch. Die Zahl der Verkehrsopfer (sowohl toter als auch verletzter) hat drastisch abgenommen. Aber auch hier hört man heute mehr Geschichten, die Bilder sind präsenter. Und deshalb wird die Wahrscheinlichkeit überschätzt.
Und drittens fällt es uns schwer, immer noch schlimme Dinge dennoch als eine Verbesserung zu betrachten - ja, wir neigen sogar dazu, eine positive Sicht auf solche Dinge als geschmacklos zu betrachten. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Kindersterblichkeit, die Jahr für Jahr rapide abnimmt. 2016 sind fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren gestorben. Jeder einzelne Fall ist eine entsetzliche Tragödie, individuell lässt sich keiner davon irgendwie schönreden. Trotzdem sollte man das Positive nicht aus den Augen verlieren: 1990 waren es noch elf Millionen. Individuell ein schwacher Trost, aber 2016 hat die Welt es geschafft, sechs Millionen Kinder weniger zu verlieren. Und von den Zeiten, als man sich auch in Westeuropa viele Kinder zulegte in dem Bewusstsein, dass einige davon früh sterben würden, sind wir ohnehin weit entfernt. Die Welt ist in dieser Hinsicht nicht perfekt geworden - aber besser.
Und wie ist es jetzt mit den Fußballbeispielen vom Anfang? In den meisten Fällen hat sich in Wirklichkeit nicht viel verändert. 1934 fand die WM im faschistischen Italien statt, 1978 in einem Argentinien, in dem eine Militärjunta diktatorisch herrschte und Kritiker "verschwinden ließ". Das ist sicher nicht besser als Russland oder Katar. Die Teilnehmerzahlen der Turniere wurden immer wieder erhöht (an der ersten WM nahmen noch 13 Länder teil), was immer von der Kritik der Qualitätsverwässerung begleitet wurde. Mannschaften, die in erster Linie Werbeträger waren, Namen, Wappen und Farben einer Firma trugen, gab es schon immer. Bayer Leverkusen, Bayer Uerdingen, Carl Zeiss Jena wären offensichtliche Beispiele - die gelten mittlerweile als Traditionsvereine. Abgehobene oder anderweitig negativ auffällige Spieler hat es auch immer gegeben - so wie Diego Maradona oder Paul Gascoigne dürfte sich heute kein Profi mehr benehmen. Dass es zumindest die Möglichkeit gibt, alle Bundesligaspiele live im Fernsehen zu sehen, ist eine Verbesserung gegenüber Jahrzehnten, in denen das nicht möglich war; es wäre zwar schön, wenn es übersichtlicher und günstiger wäre, aber man kann eben nicht immer alles haben. Und merkwürdige, krumme Regeländerungen in der Hoffnung, den Sport attraktiver zu machen, sind so alt wie der Fußball selbst, beginnend mit der Änderung der Abseitsregel im Jahre 1866 - bis dahin war es nicht erlaubt, einen Pass überhaupt nach vorne zu spielen. Seither gab es so regelmäßig Änderungen, dass die Phrase vom "Fußball, wie er immer war" gar keinen Sinn macht. Und die Einführung immer neuer Wettbewerbe? Gab es logischerweise auch schon immer. Die Pläne von einer Superliga sind im Übrigen so alt, dass in den ersten Gedankenspielen, an die ich mich erinnern kann, noch Bayer Leverkusen als einer der europäischen Top-Clubs eine Rolle spielte...
Klar gibt es immer wieder auch negative Entwicklungen. Aber wir sollten uns damit trösten, dass der Fußball als solcher viel besser geworden ist. Die statistischen Daten der Vizeweltmeister von 1966 was Passquote und -häufigkeit, Laufwerte, Athletik, Chancenverwertung, taktische Variabilität und so weiter betrifft, entsprechen etwa denen, die heute ein durchschnittlicher Fünftligist aufweist.
Der Tipp für jeden (ob Trainer oder nicht) lautet natürlich: Hüte dich vor der Verklärung der Vergangenheit. Sonst geht es dir wie mir, meiner Mannschaft von 2013/2014 und all ihren bedauernswerten Nachfolgern.
Als der Kern der ersten Mädchenmannschaft, die ich voll unter meinen Fittichen hatte, die Schule verließ, war ich am Boden zerstört. So eine tolle Truppe, nett und lustig, zuverlässig, und gut gespielt hatten sie auch noch. Seitdem glorifiziere ich diese Mannschaft. Jedes neue Team muss sich dem Vergleich stellen, und jedes neue Team verliert. Wie oft habe ich mir die alte Mannschaft zurückgewünscht, habe sogar gedacht, dass ich fünf oder sechs der neuen Spielerinnen eintauschen würde, nur um meine alte Kapitänin Sophia Drosselmeier zurückzubekommen? Besonders schwer unter dem Vergleich zu leiden hatte natürlich die direkte Nachfolgermannschaft, die ich immer irgendwie als inadäquat angesehen habe.
Objektiv betrachtet war dagegen diese Nachfolgermannschaft, aus der das Team von 2015/2016 entstand, fußballerisch besser (es war unsere erfolgreichste Mannschaft, über die ich bereits im Artikel über den Rückschaufehler geschrieben habe) und stand meinen alten Heldinnen auch in den anderen Bereichen in nichts nach. Nettigkeit und Lustigkeit? Eine nettere, lustigere Person als die Kapitänin von 2015/2016, Doreen van Bergen, habe ich nie getroffen. Zuverlässigkeit? Sara Demir nahm von 2014 bis 2016 an allen Wettkämpfen teil, machte insgesamt 99 Spiele für die Schule und fehlte auch im Training nie. Sophia Savoy sagte ihre eigene Geburtstagsfeier ab, um an einem Turnier teilzunehmen. Beides ist bei der alten Mannschaft nicht vorgekommen.
Aber der eigentliche Grund, warum ich diesen Artikel schreibe, ist, dass mir folgendes aufgefallen ist: All die Fehler, die es in meiner aktuellen Mannschaft gibt, über die ich mich andauernd ärgere, gab es in der glorreichen alten Truppe auch.
Die frühreife Helena, die nur noch Jungs im Kopf hat, das Training schwänzt, um mit den unreifen Jungs aus ihrer Klassenstufe abzuhängen und die mit ihren Geschichten die ganze Mannschaft aufmischt? In der alten Mannschaft gab es Aleyna, die ständig einen neuen Freund hatte, im Training anfing, mit Jungs zu telefonieren und sich einmal den Schwarm einer Mitspielerin angelte - was zu dramatischen Szenen inklusive Tränen und "Auf-dem-Klo-einschließen" direkt vor Trainingsbeginn führte. Da ist die eher naive Helena fast noch harmlos.
Sudel, die im letzten Jahr total zuverlässig war und jetzt plötzlich einfach nicht mehr kommt - ohne sich abzumelden, ohne mit mir zu sprechen, ohne erkennbaren Grund? Hat ihre Entsprechung in Emitia aus dem alten Team, die im Rahmen eines völlig rätselhaften Fußball-AG-Streiks ihrer Klasse (der sonst nur die Jungen-AG betraf) plötzlich aus meiner Mannschaft verschwand.
Die selbst zwar zuverlässige Mannschaftskapitänin Emilia, die sich aber überhaupt nicht durchsetzt und ihre Teamkolleginnen nie zur Ordnung rufen kann? Naja, ein bisschen war das auch das Problem bei Sophia Drosselmeier...
Und dass wir zwar in der Abwehr sicher stehen, aber nie Tore schießen? War bei der glorreichen Mannschaft genauso - bis eine Vereinsspielerin dazu kam (was diese Saison leider nicht in Aussicht steht).
Eins hat die glorreiche alte Mannschaft den Nachfolgerinnen tatsächlich voraus: Der Kern dieser Truppe war am gescheiterten Versuch beteiligt, die AG in einen Verein zu übertragen. Als ich mich im Verein Intrigen und übler Nachrede ausgesetzt sah, hielt dieser Kern der alten Mannschaft felsenfest zu mir (im Gegensatz zur einzigen beteiligten Vertreterin der Nachfolgermannschaft). Dafür werde ich sie immer lieben - und ich werde nie erfahren, wie sich die anderen Mannschaften in einer solchen Situation verhalten hätten, daher kann das auch niemand mehr aufholen.
Aber darüber hinaus zu behaupten, dass meine Spielerinnen von 2013/2014 in allem viel besser waren als ihre Nachfolgerinnen und dass seit ihrem Abgang immer alles nur schlechter geworden ist - das ist rosy retrospection und Deklinismus.