Sonntag, 26. Januar 2020

Warum Fußball besser als Handball ist


Ab und an erleben wir einen Hype um irgendeine Randsportart. In den letzten Jahren waren es vor allem American Football und Handball, die immer mal wieder zwischenzeitlich abgefeiert wurden. Und natürlich wird sich dann am Branchenprimus gerieben – in ähnlich absurder Frequenz wie Tore beim Handball fallen dann abschätzige Bemerkungen über Fußball. Handball, das sei ja noch ein echter, ehrlicher Sport und ohnehin viel spannender als Fußball.

Auch die Medien springen auf den Zug auf – versuchsweise mag man mal nach „Warum Handball geiler ist als Fußball“ oder „Was der Fußball vom Handball lernen kann“ googeln. Es sind hunderte von Artikeln, in zahlreichen Zeitungen und Webmagazinen erschienen. Und sie alle sind inhaltsleer. Handball ist nicht „geiler“ als Fußball. Und Fußball kann nichts vom Handball lernen – Fußball ist dort wo der Handball gerne wäre.

Warum aber ist Fußball so viel erfolgreicher als Handball, Football, Basketball, Darts oder was sonst immer mal als „geilste Sportart“ in den Ring geworfen wird? Kritiker argwöhnen eine Bevorzugung durch die Medien, aber damit zäumen sie das Pferd vom falschen Ende auf. Fußball ist nicht so beliebt, weil es so viel im Fernsehen zu sehen ist, sondern es ist so viel im Fernsehen zu sehen, weil es so beliebt ist. Und diese Beliebtheit lässt sich auf zwei „Killer-Apps“ zurückführen, die der Konkurrenz fehlen.



KILLER-APP 1: SIMPLIZITÄT

Fußball ist unglaublich einfach zu verstehen. Das wird gerne unterschätzt, aber die Einfachheit und Offensichtlichkeit der Fußballregeln sind von bezauberndem Reiz. Eine Sportart, in der eine einfach zu verstehende wenn auch manchmal schwer anzuwendende Regel wie das Abseits als besonders problematisch gilt, ist natürlich aller Konkurrenz mit ihrem verzettelten, undurchschaubaren Regelwerk voraus. Und auch die Anforderungen, um selbst zu spielen, sind so geringgehalten, dass kaum ein anderer Sport mithalten kann. Das führt zu mehreren durchschlagenden Vorteilen.



Vorteil 1: Zuschauer können leicht einsteigen

Ich habe erstaunlicherweise Freunde, die sich nicht für Sport interessieren. Sie schauen gar nichts, nicht einmal die Fußball-WM. Während des DFB-Pokalfinales 2017 fragte mich einer von ihnen, ob das „BFB-Finale“ etwas wichtiges sei. Kurz, sie sind so planlos, wie man nur sein kann. Die einzige Sportart, die ich mit ihnen gemeinsam anschauen kann? Fußball.

Denn Fußball versteht man beim Zuschauen. Ein Tor zählt immer einen Punkt, nie aus irgendwelchen Gründen zwei, drei oder sieben. Einen Freistoß gibt es, wenn man jemanden umtritt oder zumindest festhält, nicht, weil man gegen eine uneinsichtige Schrittregel verstoßen hat. Und das war’s ja auch schon fast, von der erwähnten Abseitsregel abgesehen gibt es keine merkwürdigen Sonderregeln, die ständiger Erklärung bedürfen. Ich liebe Rugby. Aber ich habe lange gebraucht, um Rugby zu verstehen. Wann gibt es einen Einwurf in die Gasse, wann ein Gedränge, wann einen Freistoß? Das erschloss sich nicht beim Anschauen, das musste ich nachlesen. Bis heute habe ich nicht verstanden, wie die gegnerische Mannschaft beim Handball erfolgreich einen Angriff abwehren kann. Mir scheint es, als ob jede Abwehraktion dazu führt, dass die angreifende Mannschaft den Ball zurückbekommt und noch einmal angreifen darf. Schrittfehlerregeln wie beim Basketball sind die Hölle. Und von den Cricket-Regeln will ich gar nicht anfangen.

Um zu meinen sporthassenden Freunden zurückzukommen: Ich kann nur Fußball mit ihnen schauen. Ich habe sie auch schon zum Rugby eingeladen. Das führte dazu, dass ich mehr erklären musste, als Rugby schauen zu können. Das meiste musste ich jedes Mal, wenn es von Bedeutung war, nochmal erklären. Aber Fußball können wir schauen, ohne dass ich mir den Mund fusselig rede. Ich erkläre am Anfang geduldig, was ein DFB-Pokalfinale ist, und den Rest können meine Freunde verstehen.

Das ist ein Riesenvorteil. Denn Sport soll etwas verbindendes sein, keine verschlossene Geheimwissenschaft. Und für den kommerziellen Erfolg ist es natürlich auch zuträglich, wenn jeder einschalten kann und versteht, was abgeht.

Auch für Sport gilt: Der Geschmack kommt beim Essen; wenn es mir leichtfällt, einzusteigen, merke ich auch schneller, dass es mir gefällt.



Vorteil 2: Jeder kann spielen

Was brauchst du, um in den Garten zu gehen und dich wie Dirk Nowitzki zu fühlen? Einen Ball, der gut genug springt, um ihn dribbeln zu können, und ein hohes Ziel, einen Korb. Klingt nicht nach so viel. In den Garten zu gehen und sich wie irgendein bekannter Handballer (ich kenne keinen, ich schau keinen Handball, weil Handball dämlich ist) zu fühlen, ist schon aufwändiger. Du brauchst einen Ball, der gut in der Hand liegt und wurffähig ist und mindestens einen Mitspieler. Alleine Handball zu simulieren ist witzlos, man braucht zumindest einen Torwart – weil ein Tor mit der Hand zu treffen so leicht ist, bringt das sonst nichts. Außerdem braucht man ein halbwegs komplexes Tor, mit Pfosten und einer Latte, weil der Ball ja in einiger Höhe einschlagen soll. Ein angehender Wayne Gretzky braucht neben Etwas als Puck auch noch eine Art Schläger, wer Michael Phelps nacheifern will, einen Swimmingpool.

Aber was brauchst du, um dich wie Cristiano Ronaldo zu fühlen?  Etwas zum rumkicken. Kann ein Ball sein, eine Dose, ein Stein, ein zusammengeknülltes Papier. Ein Tor kann man sich basteln, indem man eine Jacke und einen großen Stein als Pfosten auf den Boden legt. Einfacher geht’s nicht. Und das ist einer der Gründe, aus denen so viele kleine Jungs (und auch recht viele Mädchen) davon träumen, Cristiano Ronaldo zu sein – und kaum jemand davon, Handbally McHandballface der Handballer zu sein. Mit der Fantasie beim Kicken im Garten fängt alles an.

Das ist auch der Grund für den weltweiten Erfolg des Fußballs. Selbst im ärmsten Slum von Rio de Janeiro kann man noch ein Fußballspiel improvisieren, bei dem jeder, der Lust hat, dabei sein kann. Versuch das mal mit American Football.

Schon in ganz jungen Jahren, als ich kaum Englisch sprach, war ich bei einem Englandurlaub in der Lage, mit englischen Kindern Fußball zu spielen – weil man sich über kaum etwas verständigen muss!

Ist das nicht großartig?

Wenn neue Mädchen in meine Fußball-AG kommen, können sie einfach einsteigen. Sie müssen keine teure Ausrüstung kaufen, ich muss ihnen nichts stundenlang erklären. Wo ist der Einstieg noch so einfach wie beim Fußball? Nirgendwo.



KILLER-APP 2: TORLOSIGKEIT

Und hier kommen wir zum größten Irrtum im Bereich Ballsportarten, der weitverbreiteten Annahme, ein Sportspiel sei attraktiver, je mehr Tore fielen. Niemandem scheint der Widerspruch aufzufallen, dass ausgerechnet das Sportspiel mit der deutlich geringsten Torquote weltweit am beliebtesten ist. Im Durchschnitt fallen in jedem professionellen Fußballspiel 2,7 Tore, also rund ein Tor alle 30 Minuten. Im Eishockey sind es schon 5,7 Tore, man braucht für ein Tor also etwa zehn Minuten. Im Handball ist mit etwa 54 Toren zu rechnen, das bedeutet, es fällt fast ein Tor pro Minute. Schaut man auf die weltweite Verbreitung und die weltweiten Einschaltquoten, ist Fußball mit Abstand die beliebteste dieser drei Sportarten, Handball die am wenigsten beliebte. Ist das Zufall? Sportfunktionären scheint es offenbar so, fast jede Ballsportart erlebt hin und wieder Regeländerungen, die die Zahl der Tore erhöhen sollen – im Glauben, der Sport würde dadurch attraktiver. Dabei hat die Beliebtheit des Fußballs rapide zugenommen, obwohl die Zahl der Tore durch die moderne Defensivarbeit sogar sank (während fehgeleitete Maßnahmen zur Erhöhung der Trefferzahl, wie z.B. die Einführung der Drei-Punkte-Regel, zum Glück wirkungslos verpufften).

Nein, die wenigen Tore im Fußball sind nicht seine Schwäche, sondern seine Stärke! Warum?



Vorteil 1: Tore können Bedeutung haben

Steilpass nach vorne, Neil Quinn setzt sich im Kopfballduell gegen Christoph Metzelder durch, legt den Ball in den Strafraum. Robbie Keane rauscht heran, Carsten Ramelows verzweifelte Grätsche geht ins Leere, und Keane, weit vornübergebeugt bei diesem Schuss, legt den Ball am herausstürmenden Oliver Kahn vorbei ins Tor. Irland hat in der WM-Vorrundenpartie gegen Deutschland in allerletzter Minute zum 1:1 ausgeglichen, und ich werde dieses Tor und seine Entstehung nie vergessen.

Jeder Fußballfan hat ein paar Tore, die er, wie ich Robbie Keanes Treffer gegen Deutschland, bis ins letzte Teil in Erinnerung hat. Die vielleicht sogar sein Leben verändert haben (in gewisser Weise gilt das für Keanes Tor auch bei mir). Neben diesen privaten Highlights gibt es auch eine ganze Reihe Tore, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrannten, weil sie besonders wichtig waren – wie Helmut Rahns Treffer aus dem Hintergrund im WM-Finale 1954 – oder besonders spektakulär – wie Diego Maradonas Solotor gegen England 1982, das Tor des Jahrhunderts. Über solche Tore wird noch Jahrzehnte später gesprochen, und Menschen, die sie nie live gesehen haben, kennen sie im Detail. Das erreicht eine historische Dimension und auch eine verbindende Wirkung, die kein Handball-Tor jemals erreichen kann. Handballfans und -spieler vorgetreten und ehrlich geantwortet, bitte: Gibt es ein einziges solches Handballtor in eurem Leben? Eines das mehr als eine statistische Erinnerung („mein erstes Tor“, „das Siegtor in einem wichtigen Spiel“) ist? Von dem ihr noch genau beschreiben könnt, wie es gefallen ist? Wahrscheinlich nicht. Das liegt natürlich auch an den immer gleichen, formelhaften Abläufen beim Handball, aber vor allem daran, dass ein einzelnes Tor durch die Masse entwertet wird. Die Seltenheit der Tore gibt ihnen erst Bedeutung.



Vorteil 2: Tore für dein Team sind ein geiles Gefühl

Ich habe jetzt schon mehrfach in Gesellschaft Handball und Basketball gesehen, und noch nie erlebt, dass bei einem Tor/Korb in der ersten Halbzeit/den ersten zwei Dritteln gejubelt wurde. Das höchste der Gefühle waren geballte Fäuste oder Klatschen, wenn das Tor einen Führungswechsel bedeutete. Aber Jubel? Nie. Warum auch? Alle Tore in der ersten Hälfte eines Handballspiels sind bedeutungslos. Und eben als Massenware auch gefühlsmäßig entwertet. Wie soll ich mich über ein Tor freuen, wenn ich weiß, dass ich in der nächsten Stunde noch mit 53 weiteren zu rechnen ist?

Beim Fußball ist das bekanntermaßen ganz anders. Jürgen Klinsmann, der recht viele Tore schoss, gehört zu den vielen Menschen, die das Gefühl bei einem Tor im Fußball mit einem Orgasmus verglichen. Nick Hornby, der nur Tore ansah und nicht selbst spielte, schrieb sogar, ein wichtiges Tor führe zu einem besseren Glücksgefühl als ein Orgasmus, da letzterer in der Regel erwartet käme.

Hornby hat Recht. Nichts kann das Gefühl überbieten, wenn dein Team einen entscheidenden Treffer erzielt. Ein so überbordendes Glücksgefühl, das zu enthemmtem Jubel vor den Fernsehgeräten führt und dazu, dass erwachsene Männer im Stadion wildfremden Menschen um den Hals fallen, kennen der Handball und der Basketball nicht, und das macht sie im Vergleich weniger reizvoll.



Vorteil 3: Jeder Moment eines Fußballspiels ist wichtig

Neulich war ich mit meinen Mädchen im Stadion – Union Berlin hatte uns zu einem Freundschaftsspiel eingeladen (als Zuschauer, meine ich). Dreimal habe ich in den 90 Minuten meinen Platz verlassen – eine Bratwurst kaufen, einen Glühwein kaufen, auf Toilette gehen. Ich verpasste zwei von drei Toren des Spiels und einen nicht gegebenen Abseitstreffer. Das ist natürlich Pech, illustriert aber: Es ist im Fußball unvorhersehbar, wann die wichtigen Dinge passieren. Es ist übrigens auch so, dass nicht nur Tore wichtig sind. Von den unzähligen anderen Ereignissen im Laufe eines Spiels kann ebenfalls enorme Bedeutung ausgehen. Der abgefangene Pass in der 20. Minute kann am Ende der Schlüssel zum 1:0-Sieg nach 90 Minuten gewesen sein. Du hast die Riesenparade eures Keepers in der 40. Minute verpasst? Zu blöd, das war der entscheidende Moment des Spiels, der den Angriffsbemühungen des Gegners den Zahn zog.

Eine bittere Wahrheit über Handball, die fast jeder weiß, aber keiner sich auszusprechen traut: Die ersten fünfzig der sechzig Spielminuten sind bedeutungslos. Wenn du die letzten zehn Minuten anschaust, dann hast du alle wichtigen Treffer gesehen, weil durch die vielen Tore in schneller Folge eine Entscheidung eh nicht früher fallen kann und durch die immer gleichen Spielzüge praktisch jede Spielszene austauschbar ist. Streng genommen reichen auch die letzten fünf Minuten. Die können dann zugegebenermaßen enorm spannend sein, was zu dem Trugschluss führen kann, Handball sei generell spannend. Aber wer erst zur Schlussphase einschaltet, der hat absolut nichts verpasst. Wer mir nicht glaubt, der mache die Probe aufs Exempel!



Vorteil 4: Wenige Tore ermöglichen Sensationen

Einer der vielen „Warum Handball geiler ist als Fußball“-Artikel, in diesem Falle veröffentlicht auf web.de, verblüffte mit folgenden zwei Argumenten: „Handball ist fairer“ (damit ist gemeint, dass die bessere Mannschaft fast immer gewinnt) und „Handball ist spannender“.

Es bedarf nicht viel Aufmerksamkeit, um den Fehler darin zu finden: Spannend ist etwas, von dem man nicht weiß, wie es ausgeht. Gewinnt aber immer die bessere Mannschaft, kennt man den Ausgang meist schon vorher und spätestens nachdem man ein paar Minuten zugeschaut hat. Ergo ist Handball nicht besonders spannend, falls die Behauptung stimmt, Handball sei fairer als Fußball.

Tatsächlich gewinnen in Handball, Football und Basketball in mehr als zwei Drittel der Spiele die Teams, die von den Buchmachern als Favoriten gesehen wurden. Im Fußball gelingt das nur etwa der Hälfte der Favoriten. Und die Sensationen im Fußball sind nicht nur häufiger, sondern oft auch größer.  Wird der Favorit als 50% stärker eingeschätzt als der Gegner, beträgt seine Siegchance im Handball fast 90%. Im Fußball dagegen beläuft sie sich auf gerade einmal 65%. Weniger mathematisch ausgedrückt heißt das: Eine Favoritenniederlage im Handball bedeutet in der Regel, dass von zwei fast gleichstark eingeschätzten Teams das gewinnt, das man für minimal schwächer gehalten hat. Im Fußball hingegen kann Griechenland aus dem Nichts Europameister werden und Vestenbergsgreuth Bayern München schlagen – im Handball völlig undenkbare Ereignisse.

Dass das den Fußball spannender und für den Zuschauer befriedigender macht und für unglaubliche Höhepunkte sorgen kann, die anderen Sportarten verwehrt bleiben, liegt auf der Hand.

Und woran liegt das? Natürlich auch an der geringen Torzahl. Je mehr Tore fallen, desto eher gewinnt der Favorit, weil er einen Fehler oder einfaches Pech besser ausgleichen kann. Im Handball bedeutet ein Glückstor des Außenseiters, dass der Favorit 31:24 statt 31:23 gewinnt. Im Fußball kann es ein 1:1 bedeuten, oder sogar, wenn der Außenseiter erfolgreich mauert, eine 0:1-Blamage des Favoriten. Und genau darauf hoffen Millionen Menschen, wenn sie Bayern München gegen FC St. Pauli oder Brasilien gegen Nordkorea einschalten. Auf eine Sensation, einen jener wundervollen David-gegen-Goliath-Momente – auf etwas, worüber man noch in Jahrzehnten reden wird.



Die wenigen Tore sind also mitnichten eine Schwäche des Fußballs – sie sind sein Erfolgsgeheimnis.



Und darum, liebe Leser, ist Fußball besser als Handball und kann von diesem nichts lernen!

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