"Dieser Spieler hätte sowieso nicht zu uns gepasst!"
"So macht das eh keinen Spaß!"
- KOGNITIVE DISSONANZ
2011 wollte der FC Bayern München unbedingt Arturo Vidal von Bayer Leverkusen verpflichten. Doch Vidal entschied sich stattdessen für das Angebot von Juventus Turin, die Bayern hatten das Nachsehen. Daraufhin behauptete Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge: "Solche Spieler möchte ich beim FC Bayern nicht haben!" Die Begründung: Vidal hätte den Bayern zuvor mündlich bereits zugesagt und durch seinen Wechsel zu Juventus seine fehlende Moral offenbart.
2015 wechselte Vidal dann doch, jetzt von Turin, an die Säbener Straße. Plötzlich hatte Rummenigge nichts mehr dagegen, einen solchen Spieler beim FC Bayern zu haben. Auch für diesen Stimmungswechsel war schnell eine Begründung gefunden: Mittlerweile habe man ja herausgefunden, dass nur Leverkusen daran schuld gewesen sei, dass Vidal damals zu Turin statt zu Bayern gewechselt sei.
Lachhaft? Schon. Aber auch nicht lachhafter als die vielen Argumente, die Fans von Union Berlin gegen Ende der Saison 2017/2018 plötzlich dafür fanden, dass es viel besser sei, in der zweiten Liga zu bleiben, statt in die erste aufzusteigen - die Aufstiegshoffnungen hatten sich gerade zerschlagen. Oder, um die Transfersituation umzudrehen, all die Fälle von Spielern, die offen Wechselabsichten bekundeten, um dann, wenn der Wechsel nicht zustande kam, ihre Liebe zum Verein zu beschwören und den angekündigten Abgang zum Missverständnis zu erklären.
Ich bin auf Facebook mit einem Vater einer meiner ehemaligen Spielerinnen befreundet. Dieser Vater läuft sehr viel und sehr lange Strecken und berichtet ausführlich auf Facebook darüber. Jedes Mal, wenn er wieder gelaufen ist, lädt er ein Foto seiner Uhr mit der Laufzeit hoch. Ist die Zeit leicht besser als das letzte Mal, weist er sehr stolz darauf hin. Ist sie schlechter, hat er eine Ausrede parat: Die Hitze, die schwerere Strecke, das gute Essen der letzten Tage. Als ich einmal nebenbei erwähnte, dass ich auch ein bisschen laufe, fragte er sofort nach Strecken und Zeiten. Kurz, seine Ergebnisse sind ihm sehr wichtig. Aber sie werden nicht besser. Ich bin seit gut zwei Jahren mit ihm befreundet, und in dieser Zeit haben sich seine Laufzeiten überhaupt nicht verändert. Mal ist er ein paar Sekunden schneller, mal ein paar Sekunden langsamer, aber im Großen und Ganzen tut sich nichts.
Spricht man ihn darauf an, kommt folgende Aussage: Er laufe ja gar nicht, um bestimmte Zeiten zu erreichen oder sich zu verbessern, sondern einzig und allein zum Spaß.
Aber warum beschäftigt er sich dann so viel mit seinen Zeiten?
Rummenigge, die Union-Fans, die wechselwilligen Spieler und der laufende Vater, sie alle sind dem selben Problem zum Opfer gefallen, der sogenannten kognitiven Dissonanz.
Eine kognitive Dissonanz entsteht, wenn unterschiedliche Wahrnehmungen (Kognitionen) in Konflikt (Dissonanz) geraten, also zum Beispiel wenn:
- man eine Entscheidung zwischen mehreren reizvollen Alternativen treffen musste (Ich habe mich für die Reise nach Paris entschieden, obwohl ich auch gerne nach London gefahren wäre);
- eine Entscheidung sich im Nachhinein als falsch/schlechter erweist (In Paris hat es die ganze Zeit geregnet, in London hätte ich zur selben Zeit Sonnenschein gehabt);
- eine große Anstrengung oder große Kosten sich nicht auszahlen (Jetzt hat diese Reise so viel Geld gekostet, und dann regnet es die ganze Zeit);
- wenn man daran scheitert, sich einen Wunsch zu erfüllen (Eigentlich wollte ich nach London, aber ich habe zu spät versucht, ein Hotel zu buchen - jetzt war alles ausgebucht);
- wenn man gegen seine eigenen Überzeugungen handelt (Eigentlich finde ich es auch unsinnig, in ein Land zu reisen, dessen Sprache ich nicht mal spreche).
Die Dissonanz, der innere Widerspruch, beschert uns Unwohlsein. Es fühlt sich einfach nicht gut an. Daher versucht man, eine Lösung zu finden. Im Wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten:
1. Das Problem wird doch noch gelöst (Ich breche diesen verkorksten Paris-Urlaub sofort ab und fahre nach London weiter);
2. Der unerfüllte Wunsch/die gebrochene Überzeugung wird aufgegeben (Na gut, dann werde ich London eben ein anderes Mal besuchen);
3. Eine Scheinlösung, eine Ausrede, eine Illusion wird bemüht. Ein kleiner Selbstbetrug, sozusagen (Ich hätte sowieso nicht nach London gewollt, viel zu langweilig. Paris ist auch bei Regen schöner, außerdem geben einem Regentage mehr Gelegenheit, die Museen zu besuchen).
Du ahnst schon: Variante 3 wird mit Abstand am häufigsten angewandt. Auch Rummenigge hat so gehandelt - der Konflikt Wir wollten Vidal/Vidal kommt nicht zu uns wurde gelöst mit der fadenscheinigen Rechtfertigung Eigentlich wollten wir ihn doch nicht, weil... Vermutlich hat Rummenigge auch tatsächlich selbst daran geglaubt; so hat sein Gehirn ihn davor bewahrt, sich zu sehr über den Misserfolg zu ärgern. Genauso die Union-Fans: Wir wollen gerne aufsteigen/wir steigen aber nicht auf = Eigentlich ist es viel besser, nicht aufzusteigen. Und der laufende Fußballerinnenvater: Ich strenge mich an, um bessere Zeiten zu erreichen/Ich werde einfach nicht besser = Eigentlich geht es ja gar nicht darum, besser zu werden. Das braucht sich niemand vorwerfen, wir alle machen das andauernd. Das Mädchen, das mich nicht wollte? Naja, so hübsch war sie eigentlich gar nicht, und außerdem zu humorlos und auch ein bisschen zu jung für mich. Die Bewerbung, auf die Du nie eine Antwort bekommen hast? Du würdest doch sowieso einen besser bezahlten Job an einem günstiger gelegenen Ort bekommen. Die Party, zu der wir nicht eingeladen wurden? War bestimmt langweilig, wir hätten ja eh kaum jemanden gekannt, und außerdem... bis dahin fahren, um diese Uhrzeit, bei diesem Wetter?
Im Schulfußball erleben wir ebenfalls immer wieder ein schönes Beispiel für kognitive Dissonanz, in diesem Fall aber vor allem im Jungenteam - bei den Mädchen ist dieses Problem nicht allzu weit verbreitet.
Viele fußballspielende Jungs halten sich gleich für die Größten. Wenn sie sich dazu herablassen, an der AG teilzunehmen, dann erwarten sie aber auch, dort die absoluten Stars zu sein. In den Trainingsspielen immer zu gewinnen. Bei den Turnieren gesetzt zu sein, nein, vielmehr von Frau Preben angefleht zu werden, an den Turnieren teilzunehmen. Jedes Jahr erleben einige der Jungs die böse Überraschung, dass sie doch nicht so gut sind, wie sie selbst gedacht hatten, in den Trainingsspielen Lehrgeld zahlen müssen, zu den großen Turnieren nicht erste Wahl sind. Manche trainieren daraufhin hart und werden besser. Manche finden sich damit ab, nicht zur Spitze zu gehören. Aber jedes Jahr verliert die AG auch einige Teilnehmer, die den dritten Weg wählen - die AG zu verlassen mit der Begründung Eigentlich habe ich ja eh keine Lust darauf.
Wie gesagt, ein Problem, das ich bei den Mädchen kaum kenne. Der schlimmste wiederkehrende Fall von kognitiver Dissonanz, mit dem ich zu kämpfen hatte, war der von Fanny Kronach.
Fanny war eine herausragende Vereinsspielerin, die einzige in ihrem Jahrgang. Auch wenn sie in einer unserer stärksten Mannschaften aller Zeiten spielte, war sie den anderen noch meilenweit voraus. Trotzdem war sie enorm ehrgeizig, wollte mit dieser Mannschaft unheimlich viel erreichen. Und jedes Mal, wenn es wieder in die Hose ging, schimpfte sie, wie wenig Spaß es doch machen würde, mit dieser lausigen Truppe zu spielen. Aber beim nächsten Mal war sie wieder dabei, wieder voller Ehrgeiz. Einmal, bei einem völlig hoffnungslosen Spiel, wir lagen bereits 0:4 zurück, verrannte sie sich total in sinnlose Alleingänge, wollte mit dem Kopf durch die Wand, war am Ende völlig von der Rolle. Als ich sie vom Feld nahm und dafür Sophia Poborsky auf den Platz schickte, fauchte sie nur "Na endlich! Ich hatte eh keinen Bock auf dieses Spiel." Um dann die restlichen Spielminuten permanent ihre Wiedereinwechslung zu fordern.
Zum Glück fing sie sich immer wieder schnell. Und ihre Teamkolleginnen wussten auch, was Sache war und waren nicht allzu sauer. Trotzdem war es manchmal anstrengend. Auch der Umgang mit einer kognitiven Dissonanz will gelernt sein.
Hier landet alles, was ich so schreibe und wohl nie zu einem Buch machen werde - über mein Hobby Fußball (und Mädchenfußball im Speziellen), mein Berufsfeld Archäologie und alles, was mich sonst noch interessiert.
Sonntag, 13. Januar 2019
Freitag, 11. Januar 2019
Die Plappertendenz, und warum ich Emilia keine Ratschläge geben muss (Denkfehler im Fußball 12)
"Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!"
"Du musst noch konzentrierter sein, deine Fehler in der Rückwärtsbewegung abstellen […]."
- PLAPPERTENDENZ
"Norwegen in rot, die deutsche Mannschaft, das muss ich Ihnen nicht mehr sagen und da brauche ich auch gar nicht viel zu erklären, wie so oft - wie eigentlich immer, wie fast immer, in den Farben, die Sie kennen: In den weißen Trikots und den schwarzen Hosen! Aber, meine lieben Zuschauer, das wissen Sie ja sicher auch so, da muss man keine großen Worte mehr verlieren."
Es gibt Websites voller derartiger Ergüsse des großen deutschen Sportkommentatoren Heribert Faßbender. Noch ein Beispiel gefällig? "Die Saudis sind übrigens Asienmeister, obwohl das ebensowenig Asiaten sind wie die Türken Europäer. Die Saudis haben ja gar keine Mandelaugen, wie man das von Asiaten erwartet. Das sind eher Araber als Asiaten." Was bringt einen gebildeten Mann dazu, derartigen Unsinn zu reden?
Es liegt mir dabei fern, mich über Faßbender lustig machen zu wollen. Von sämtlichen Sportkommentatoren gibt es derartige Aussetzer zu zitieren. Von Werner Hansch stammt dieses Prachtstück: "Ja, Statistiken. Aber welche Statistik stimmt schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit." Auch in Europa legendär wurde der Kommentar von Kiyoshi Inoue, der 2006 die WM-Partie zwischen Deutschland und Italien fürs japanische Fernsehen kommentierte und ziemlich ahnungslos daherplapperte. Ein Beispiel: "Hier in Dortmund sieht man noch deutlich, dass hier früher das kommunistische Ostdeutschland war." Zwischenfrage des Ko-Kommentatoren: "Ist das wirklich schon Ostdeutschland?" Darauf Inoue: "Ja, der Fluß Rhein war früher die Grenze. Wer da rüber wollte, wurde erschossen. Es gab nur eine Brücke, bei Remagen, die ist jetzt wieder aufgebaut."
Fast noch schlimmer sind die Spieler selbst und ihre Trainer in den Interviews nach den Spielen. So viel inhaltslose Phrasen, vom Thema abweichendes Geplapper und alberne Fehlurteile, Irrtümer und Versprecher hört man sonst nicht oft. Auch die Fernsehexperten, meist ehemalige Spieler, glänzen oft durch sinnloses Gerede. Beispiele sind auf entsprechenden Websites und in zahlreichen Büchern in Masse zu finden.
Die Neigung des Menschen, lieber irgendetwas zu reden, als zuzugeben, von einem Thema keine Ahnung oder zu einem Sachverhalt nichts zu sagen zu haben, begegnet einem aber auch im Alltag andauernd. Schon Platon hatte um 400 vor Christus erkannt: "Weise reden, weil sie etwas zu sagen haben, Toren sagen etwas, weil sie reden müssen." Daher ist es erstaunlich, wie lange es dauerte, bis jemand dieses Verhalten als kognitiven Fehler beschrieb. Erst in den 1990ern erfand der Manager Charlie Munger dafür die Bezeichnung Twaddle Tendency, die Rolf Dobelli in seinem 2014 erschienenen Buch Die Kunst des klugen Handelns treffend als "Plappertendenz" übersetzte.
Die Plappertendenz soll eine Unklarheit im Kopf hinter einem Schwall von Worten verbergen.
Eine solche Unklarheit entsteht nicht zwingend durch Dummheit, sondern auch, wenn man sich zu etwas äußern soll, zu dem es einfach nichts zu sagen gibt. Oder zu etwas, was außerhalb des eigenen Fachgebiets liegt. Oder sogar, wenn man mit etwas Mühe etwas sagen könnte, aber gerade einen Anfall von Denkfaulheit hat.
Du merkst bereits: Das passiert andauernd! Der Typ, der im Internet zu allem seinen Senf dazu gibt. Der Kaffee-Gast, den du bittest, deinen selbstgebackenen Kuchen zu beurteilen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Der Radiosprecher, der Sendeminuten zu füllen hat. Sie alle plappern. Vorträge an Schule und Universität sind nichts weiter als Übungen im Plappern, denn in der kurzen Vorbereitungszeit kann man gar nicht zu einem Experten werden, der in der Lage wäre, einen soliden Vortrag zu halten.
Je geschickter man sich ausdrückt, je intelligenter die Worte klingen, desto besser kann man sich allerdings durchschummeln. Bei vermeintlich großen Gelehrten kommt es dann sogar zu einem "Des-Kaisers-neue-Kleider"-Effekt: Es sammeln sich Bewunderer der weisen Lehren, weil niemand zugeben will, dass er nur inhaltsloses Geplapper zu erkennen vermag.
Dobelli schreibt: "Je weniger Resultate eine Wissenschaft generiert, desto mehr neigt sie [zum Plappern]." Er nennt als Beispiel die Wirtschaftsökonomie, aber ich möchte noch eine andere Wissenschaft als schlimmsten Kandidaten ins Rennen werfen.
Kürzlich versuchte ich meiner Schwester, die Religionswissenschaften studiert, bei einer Hausarbeit im Bereich Theologie zu helfen. Sie sollte dabei zwei Texte vergleichen, einer davon verfasst vom berühmten Theologen des beginnenden 19. Jahrhunderts, Friedrich Schleiermacher. Ein Auszug gefällig?
"Wenn wir uns mit beiden Elementen unseres Selbstbewußtseins, dem der Sünde und dem der Gnade, als Mitglieder der Kinder der Welt gegenüber betrachten: so finden wir uns vermöge des letzten, worin uns die vollkommene Gewißheit des göttlichen Beschlusses unserer Seligkeit gegeben ist, allen denen entgegen, in denen sich dieses Bewußtsein noch nicht entwickelt hat. Hingegen vermöge des Bewußtseins der Sünde finden wir uns ihnen vollkommen gleich; denn das Bewußtsein der Vergebung gehört dem selben Element an, vergegenwärtigt uns aber immer jenes ursprüngliche, welches dem Bewußtsein der allen gemeinschaftlichen Not angehört."
Verstanden, worum es überhaupt geht? Nota bene, das ist die erklärende Einleitung eines seitenlangen Textes, der immer unverständlicher wird. Kein Wunder. Die abrahamitischen Religionen basieren auf alten Büchern. Erklären diese etwas nicht oder sind widersprüchlich/schwer verständlich, gibt es keine faktische Basis für weitere Forschungen. Die meisten Theologen philosophieren den ganzen Tag über Nichts und denken sich Dinge aus, die dann schwulstig begründet werden wollen. Das einzig Witzige in diesem Fall ist, dass hier jemand mit ausgerechnet dem Namen Schleiermacher versucht, seine eigene Überflüssigkeit zu verschleiern - ein Witz, der schon seinen Zeitgenossen auffiel; eine Karikatur aus dem Jahre 1868 zeigt Schleiermacher beim "Verschleiern der Vernunft".
Schleiermachers Buch ist nur Geplapper, und wer darüber Vergleiche schreibt, muss ebenfalls plappern. Das wollten wir nicht. Meine Schwester bat um eine neue Aufgabe.
Nach diesen Betrachtungen ist es einfacher, die Kommentatoren und Sportler zu verstehen. Ein Sportkommentator muss sowohl dann etwas erzählen, wenn es nichts zu erzählen gibt, als auch Einschätzungen zu akuten Sachverhalten abgeben, die er vielleicht gar nicht richtig gesehen hat und über die er auf jeden Fall nicht in Ruhe nachdenken konnte. Ein solides Hintergrundwissen zu allen Aspekten, die während des Spiels eine Rolle spielen könnten, wird auch noch erwartet. Natürlich kommt es da zu Geplapper. Und was sollen Sportler, Trainer und Fernsehexperten zu Fragen wie "Warum ging dieses Spiel verloren?" oder "Welche Taktik wäre jetzt die Richtige?" antworten - Fragen, auf die es gar keine klare Antwort gibt? Oder gar auf die lächerlich banale Frage "Wie fühlen sie sich jetzt?"
Den besten Rat gaben Mark Twain und der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr. Ersterer empfahl: "Wenn du nichts zu sagen hast, dann sage nichts." Zweiterer kam zu der Erkenntnis: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!"
Zu diesem Schluss kam ich kürzlich dann auch selbst. Als Trainer einer Jugendmannschaft hat man immer den Drang, vor einem Wettkampf und in der Nachbesprechung jedem Spieler Tipps zur Verbesserung zu geben. Schön und gut, wenn es einen soliden Ansatzpunkt für Verbesserungsvorschläge gibt. Zum Beispiel hat meine Abwehrspielerin Valeska im vorletzten Turnier zwar immer richtig gestanden und viele wichtige Zweikämpfe gewonnen, den Ball dann aber immer nur ein kleines bisschen nach vorne gekickt. Also habe ich ihr eingetrichtert, das nächste Mal mit mehr Kraft und Selbstbewusstsein abzuziehen, um den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern. Das nächste Mal war gestern, und Valeska hat sich bemüht, meinen Hinweis umzusetzen und war somit gleich besser. Aber was sollte ich Rebecca und Emilia sagen? Im vorletzten Turnier hatte Rebecca alles richtig gemacht. Alles umgesetzt, wie wir es im Training geübt und besprochen hatten. Vollen Einsatz gezeigt. Immer an der richtigen Stelle gestanden. Jeden Zweikampf gewonnen. Eine grandiose Leistung. Es gab nichts zu verbessern. Und Emilia ist halt Emilia. Sie macht schlicht keine Fehler, aber auch nichts spektakuläres. Spielt immer unauffällig, aber zuverlässig ihren Stiefel runter.
Trotzdem hatte ich das Verlangen, den beiden in der Nachbesprechung auch noch Ratschläge mitzugeben. Ich weiß nicht mal mehr, was ich wem gesagt habe, aber es waren Dinge wie: "Du musst noch konzentrierter sein" und "Das Umschalten muss noch besser funktionieren". Und so weiter. Ich habe geplappert.
Das ging mir hinterher auch auf, und direkt vor dem nächsten Turnier machte ich es besser: In meiner Ratschlagrunde sagte ich zu Rebecca nur "Wie letztes Mal" und zu Emilia gar nichts Individuelles. Beide spielten ein tolles Turnier.
Beschließen möchte ich einen Beitrag, in dem ich so viele Negativbeispiele zitiert habe, aber mit einem Positivbeispiel. Selten hat ein Fußballer die Plappertendenz so großartig vermieden wie der deutsche Nationalspieler Paul Janes im Interview nach der WM 1934 in Italien:
Frage: Herr Janes, Sie waren mit der Nationalelf in Italien?
Janes: Ja.
Frage: Sind Sie mit dem Abschneiden zufrieden?
Janes: Ja.
Frage: Hätten sie Weltmeister werden können?
Janes: Nein.
Frage: Der dritte Platz tut es auch?
Janes: Ja.
Frage: Wie war es in Italien?
Janes: Warm.
"Du musst noch konzentrierter sein, deine Fehler in der Rückwärtsbewegung abstellen […]."
- PLAPPERTENDENZ
"Norwegen in rot, die deutsche Mannschaft, das muss ich Ihnen nicht mehr sagen und da brauche ich auch gar nicht viel zu erklären, wie so oft - wie eigentlich immer, wie fast immer, in den Farben, die Sie kennen: In den weißen Trikots und den schwarzen Hosen! Aber, meine lieben Zuschauer, das wissen Sie ja sicher auch so, da muss man keine großen Worte mehr verlieren."
Es gibt Websites voller derartiger Ergüsse des großen deutschen Sportkommentatoren Heribert Faßbender. Noch ein Beispiel gefällig? "Die Saudis sind übrigens Asienmeister, obwohl das ebensowenig Asiaten sind wie die Türken Europäer. Die Saudis haben ja gar keine Mandelaugen, wie man das von Asiaten erwartet. Das sind eher Araber als Asiaten." Was bringt einen gebildeten Mann dazu, derartigen Unsinn zu reden?
Es liegt mir dabei fern, mich über Faßbender lustig machen zu wollen. Von sämtlichen Sportkommentatoren gibt es derartige Aussetzer zu zitieren. Von Werner Hansch stammt dieses Prachtstück: "Ja, Statistiken. Aber welche Statistik stimmt schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit." Auch in Europa legendär wurde der Kommentar von Kiyoshi Inoue, der 2006 die WM-Partie zwischen Deutschland und Italien fürs japanische Fernsehen kommentierte und ziemlich ahnungslos daherplapperte. Ein Beispiel: "Hier in Dortmund sieht man noch deutlich, dass hier früher das kommunistische Ostdeutschland war." Zwischenfrage des Ko-Kommentatoren: "Ist das wirklich schon Ostdeutschland?" Darauf Inoue: "Ja, der Fluß Rhein war früher die Grenze. Wer da rüber wollte, wurde erschossen. Es gab nur eine Brücke, bei Remagen, die ist jetzt wieder aufgebaut."
Fast noch schlimmer sind die Spieler selbst und ihre Trainer in den Interviews nach den Spielen. So viel inhaltslose Phrasen, vom Thema abweichendes Geplapper und alberne Fehlurteile, Irrtümer und Versprecher hört man sonst nicht oft. Auch die Fernsehexperten, meist ehemalige Spieler, glänzen oft durch sinnloses Gerede. Beispiele sind auf entsprechenden Websites und in zahlreichen Büchern in Masse zu finden.
Die Neigung des Menschen, lieber irgendetwas zu reden, als zuzugeben, von einem Thema keine Ahnung oder zu einem Sachverhalt nichts zu sagen zu haben, begegnet einem aber auch im Alltag andauernd. Schon Platon hatte um 400 vor Christus erkannt: "Weise reden, weil sie etwas zu sagen haben, Toren sagen etwas, weil sie reden müssen." Daher ist es erstaunlich, wie lange es dauerte, bis jemand dieses Verhalten als kognitiven Fehler beschrieb. Erst in den 1990ern erfand der Manager Charlie Munger dafür die Bezeichnung Twaddle Tendency, die Rolf Dobelli in seinem 2014 erschienenen Buch Die Kunst des klugen Handelns treffend als "Plappertendenz" übersetzte.
Die Plappertendenz soll eine Unklarheit im Kopf hinter einem Schwall von Worten verbergen.
Eine solche Unklarheit entsteht nicht zwingend durch Dummheit, sondern auch, wenn man sich zu etwas äußern soll, zu dem es einfach nichts zu sagen gibt. Oder zu etwas, was außerhalb des eigenen Fachgebiets liegt. Oder sogar, wenn man mit etwas Mühe etwas sagen könnte, aber gerade einen Anfall von Denkfaulheit hat.
Du merkst bereits: Das passiert andauernd! Der Typ, der im Internet zu allem seinen Senf dazu gibt. Der Kaffee-Gast, den du bittest, deinen selbstgebackenen Kuchen zu beurteilen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Der Radiosprecher, der Sendeminuten zu füllen hat. Sie alle plappern. Vorträge an Schule und Universität sind nichts weiter als Übungen im Plappern, denn in der kurzen Vorbereitungszeit kann man gar nicht zu einem Experten werden, der in der Lage wäre, einen soliden Vortrag zu halten.
Je geschickter man sich ausdrückt, je intelligenter die Worte klingen, desto besser kann man sich allerdings durchschummeln. Bei vermeintlich großen Gelehrten kommt es dann sogar zu einem "Des-Kaisers-neue-Kleider"-Effekt: Es sammeln sich Bewunderer der weisen Lehren, weil niemand zugeben will, dass er nur inhaltsloses Geplapper zu erkennen vermag.
Dobelli schreibt: "Je weniger Resultate eine Wissenschaft generiert, desto mehr neigt sie [zum Plappern]." Er nennt als Beispiel die Wirtschaftsökonomie, aber ich möchte noch eine andere Wissenschaft als schlimmsten Kandidaten ins Rennen werfen.
Kürzlich versuchte ich meiner Schwester, die Religionswissenschaften studiert, bei einer Hausarbeit im Bereich Theologie zu helfen. Sie sollte dabei zwei Texte vergleichen, einer davon verfasst vom berühmten Theologen des beginnenden 19. Jahrhunderts, Friedrich Schleiermacher. Ein Auszug gefällig?
"Wenn wir uns mit beiden Elementen unseres Selbstbewußtseins, dem der Sünde und dem der Gnade, als Mitglieder der Kinder der Welt gegenüber betrachten: so finden wir uns vermöge des letzten, worin uns die vollkommene Gewißheit des göttlichen Beschlusses unserer Seligkeit gegeben ist, allen denen entgegen, in denen sich dieses Bewußtsein noch nicht entwickelt hat. Hingegen vermöge des Bewußtseins der Sünde finden wir uns ihnen vollkommen gleich; denn das Bewußtsein der Vergebung gehört dem selben Element an, vergegenwärtigt uns aber immer jenes ursprüngliche, welches dem Bewußtsein der allen gemeinschaftlichen Not angehört."
Verstanden, worum es überhaupt geht? Nota bene, das ist die erklärende Einleitung eines seitenlangen Textes, der immer unverständlicher wird. Kein Wunder. Die abrahamitischen Religionen basieren auf alten Büchern. Erklären diese etwas nicht oder sind widersprüchlich/schwer verständlich, gibt es keine faktische Basis für weitere Forschungen. Die meisten Theologen philosophieren den ganzen Tag über Nichts und denken sich Dinge aus, die dann schwulstig begründet werden wollen. Das einzig Witzige in diesem Fall ist, dass hier jemand mit ausgerechnet dem Namen Schleiermacher versucht, seine eigene Überflüssigkeit zu verschleiern - ein Witz, der schon seinen Zeitgenossen auffiel; eine Karikatur aus dem Jahre 1868 zeigt Schleiermacher beim "Verschleiern der Vernunft".
Schleiermachers Buch ist nur Geplapper, und wer darüber Vergleiche schreibt, muss ebenfalls plappern. Das wollten wir nicht. Meine Schwester bat um eine neue Aufgabe.
Nach diesen Betrachtungen ist es einfacher, die Kommentatoren und Sportler zu verstehen. Ein Sportkommentator muss sowohl dann etwas erzählen, wenn es nichts zu erzählen gibt, als auch Einschätzungen zu akuten Sachverhalten abgeben, die er vielleicht gar nicht richtig gesehen hat und über die er auf jeden Fall nicht in Ruhe nachdenken konnte. Ein solides Hintergrundwissen zu allen Aspekten, die während des Spiels eine Rolle spielen könnten, wird auch noch erwartet. Natürlich kommt es da zu Geplapper. Und was sollen Sportler, Trainer und Fernsehexperten zu Fragen wie "Warum ging dieses Spiel verloren?" oder "Welche Taktik wäre jetzt die Richtige?" antworten - Fragen, auf die es gar keine klare Antwort gibt? Oder gar auf die lächerlich banale Frage "Wie fühlen sie sich jetzt?"
Den besten Rat gaben Mark Twain und der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr. Ersterer empfahl: "Wenn du nichts zu sagen hast, dann sage nichts." Zweiterer kam zu der Erkenntnis: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!"
Zu diesem Schluss kam ich kürzlich dann auch selbst. Als Trainer einer Jugendmannschaft hat man immer den Drang, vor einem Wettkampf und in der Nachbesprechung jedem Spieler Tipps zur Verbesserung zu geben. Schön und gut, wenn es einen soliden Ansatzpunkt für Verbesserungsvorschläge gibt. Zum Beispiel hat meine Abwehrspielerin Valeska im vorletzten Turnier zwar immer richtig gestanden und viele wichtige Zweikämpfe gewonnen, den Ball dann aber immer nur ein kleines bisschen nach vorne gekickt. Also habe ich ihr eingetrichtert, das nächste Mal mit mehr Kraft und Selbstbewusstsein abzuziehen, um den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern. Das nächste Mal war gestern, und Valeska hat sich bemüht, meinen Hinweis umzusetzen und war somit gleich besser. Aber was sollte ich Rebecca und Emilia sagen? Im vorletzten Turnier hatte Rebecca alles richtig gemacht. Alles umgesetzt, wie wir es im Training geübt und besprochen hatten. Vollen Einsatz gezeigt. Immer an der richtigen Stelle gestanden. Jeden Zweikampf gewonnen. Eine grandiose Leistung. Es gab nichts zu verbessern. Und Emilia ist halt Emilia. Sie macht schlicht keine Fehler, aber auch nichts spektakuläres. Spielt immer unauffällig, aber zuverlässig ihren Stiefel runter.
Trotzdem hatte ich das Verlangen, den beiden in der Nachbesprechung auch noch Ratschläge mitzugeben. Ich weiß nicht mal mehr, was ich wem gesagt habe, aber es waren Dinge wie: "Du musst noch konzentrierter sein" und "Das Umschalten muss noch besser funktionieren". Und so weiter. Ich habe geplappert.
Das ging mir hinterher auch auf, und direkt vor dem nächsten Turnier machte ich es besser: In meiner Ratschlagrunde sagte ich zu Rebecca nur "Wie letztes Mal" und zu Emilia gar nichts Individuelles. Beide spielten ein tolles Turnier.
Beschließen möchte ich einen Beitrag, in dem ich so viele Negativbeispiele zitiert habe, aber mit einem Positivbeispiel. Selten hat ein Fußballer die Plappertendenz so großartig vermieden wie der deutsche Nationalspieler Paul Janes im Interview nach der WM 1934 in Italien:
Frage: Herr Janes, Sie waren mit der Nationalelf in Italien?
Janes: Ja.
Frage: Sind Sie mit dem Abschneiden zufrieden?
Janes: Ja.
Frage: Hätten sie Weltmeister werden können?
Janes: Nein.
Frage: Der dritte Platz tut es auch?
Janes: Ja.
Frage: Wie war es in Italien?
Janes: Warm.
Samstag, 5. Januar 2019
Archäologie-Thriller 1: "Falsch" von Gerd Schilddorfer
Ich lese mit Begeisterung Archäologie-Thriller jeder Art. Leider sind sie oft schwer zu finden, da sie in der "Spannungs"-Abteilung der Buchhandlungen zwischen Krimis und "normalen" Thrillern verschwinden. Mit der Rezensionsreihe, die ich heute beginne, will ich ein bisschen Abhilfe schaffen und meine Sucherfolge vorstellen. Viel Spaß!
Autor: Gerd Schilddorfer
Titel: Falsch
Reihe: John-Finch-Thriller (Band 1)
Daten: Originaltitel: Falsch (Originalveröffentlichung auf Deutsch)
Taschenbuch, 720 Seiten
Bastei Lübbe Verlag, 1. Auflage 2018 (Neuauflage in neuem Design)
ISBN-10: 3404177312
ISBN-13: 978-3404177318
Inhalt: Im kolumbianischen Dschungel steigen drei Brieftauben auf, die drei alten Männern oder ihren Nachfahren die Schlüssel zu einem alten Geheimnis überbringen. Als der alternde Buschpilot John Finch von einem der Empfänger, dem Millionär Wilhelm Klausner, beauftragt wird, die anderen beiden Empfänger aufzuspüren, sind bereits mehrere Parteien auf der Jagd nach dem Geheimnis - und einige schrecken vor nichts zurück, um die Konkurrenz aufzuhalten. Nachdem die Empfänger gefunden und die ersten Hinweise entschlüsselt sind, bricht Finch mit einer bunten Truppe von Gefährten nach Europa auf, um das Geheimnis zu lüften.
Eine Parallelgeschichte erzählt von dem Studenten und Flughafen-Loader Christopher Weber, der von dunklen Strippenziehern in einen Raubversuch auf dem Flughafen verwickelt wird und sich schließlich unfreiwillig mit den Yakuza anlegt.
Und drittens gibt es zwei historische Geschichten, die immer wieder eingefügt werden. Zunächst begleiten wir einen russischen Adligen auf der Flucht vor der kommunistischen Revolution; später erfahren wir die Vorgeschichte des geheimnisvollen Schatzes.
Archäologischer Hintergrund: Eigentlich ist Falsch strenggenommen gar kein Archäologie-Thriller; ich habe ihn in erster Linie aufgenommen, um nicht Band 1 der später eher archäologischen John Finch-Reihe auszulassen. Ohne das Ende vorwegzunehmen, kann ich auch nicht Zuviel auf den historischen Hintergrund eingehen. Es geht jedenfalls um geheime Operationen im dritten Reich, und wie meistens erklärt Schilddorfer die Hintergründe detailliert und gut.
Das ist gut: Falsch liest sich gut und spannend und hat interessante und sympathische Charaktere, mit denen man schnell mitfiebert. Die Schilderung der Handlungsorte und -Zeiten ist sehr gelungen, die enorme Menge an Fakten erfreut auch deshalb, weil sie geschickt eingebaut ist. Man lernt beim Lesen, ohne sich lehrmeisterlich behandelt zu fühlen.
Das ist schlecht: Achtung, ab hier leichte Spoilerwarnung - die meisten Probleme des Buches treten erst gegen Ende zu Tage!
Es ist etwas entnervend, dass man fast bis zum Ende nicht mal einen brauchbaren Hinweis erhält, um was es bei dem Geheimnis eigentlich geht. Auch Leute, die Bescheid wissen oder zumindest eine Ahnung haben, schweigen das ganze Buch über. Wann immer jemand doch die Wahrheit erfährt, werden wir als Leser ausgeschlossen, erfahren nur, wie erschüttert der nun Wissende ist.
Daher rechnet man mit etwas ganz Spektakulärem und ist dann doch etwas enttäuscht, wie banal die Auflösung ist.
Etwas irritierend auch: Das ganze Buch wirkt etwas nach Wunschdenken eines alten Mannes. Es schadet überhaupt nicht, wenn Senioren die Hauptpersonen eines Buches sind, aber die Ansammlung von heldenhaften, enorm kompetenten, immer noch fitten Charakteren um die 70 ist schon ein bisschen auffällig. Dass der ebenfalls weit über 60-jährige Finch mit der attraktiven, kultivierten, reichen und um die dreißig Jahre jüngeren Fiona im Bett landet (und in späteren Bänden auch eine feste Beziehung mit ihr hat), wirkt auch etwas... naja, zu seinen Gunsten konstruiert.
Wie die Haupthandlung und die Nebenhandlung um Christopher Weber, die eigentlich gar nichts mit der Haupthandlung zu tun hat, am Ende zusammengeführt werden, und wie das Geheimnis gegen alle Widerstände doch noch gelüftet wird, ist derart konstruiert und an den Haaren herbeigezogen, dass man es einfach nur noch als unglaubwürdig empfindet. Ein Fan des Buches würde nun sicherlich sagen, dass es solche Zufälle im wahren Leben auch gibt... Aber als Autor darf man es sich dann doch nicht so einfach machen.
Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass die erste historische Nebenhandlung um den russischen Adligen auf der Flucht tatsächlich überhaupt keinen Einfluss auf oder Zusammenhang mit der Haupthandlung und nur einen minimalen Zusammenhang mit der Nebenhandlung hat (zwei Charaktere arbeiten für bzw. besuchen eine Schule für "besondere" Kinder in der Schweiz, die von diesem Adligen gegründet wurde; dieser Fakt ist aber für die Handlung bedeutungslos). Ließe man alle diese Kapitel weg, ginge dem Buch nichts verloren.
Bewertung: Ich habe das Buch schnell gelesen und war über weite Strecken auch unterhalten; das Ende hat mich aber sehr enttäuscht. Wäre es mein erster John-Finch-Roman gewesen, hätte ich die anderen (besseren) Bände wohl nicht gelesen. Schulnote 4+.
Autor: Gerd Schilddorfer
Titel: Falsch
Reihe: John-Finch-Thriller (Band 1)
Daten: Originaltitel: Falsch (Originalveröffentlichung auf Deutsch)
Taschenbuch, 720 Seiten
Bastei Lübbe Verlag, 1. Auflage 2018 (Neuauflage in neuem Design)
ISBN-10: 3404177312
ISBN-13: 978-3404177318
Inhalt: Im kolumbianischen Dschungel steigen drei Brieftauben auf, die drei alten Männern oder ihren Nachfahren die Schlüssel zu einem alten Geheimnis überbringen. Als der alternde Buschpilot John Finch von einem der Empfänger, dem Millionär Wilhelm Klausner, beauftragt wird, die anderen beiden Empfänger aufzuspüren, sind bereits mehrere Parteien auf der Jagd nach dem Geheimnis - und einige schrecken vor nichts zurück, um die Konkurrenz aufzuhalten. Nachdem die Empfänger gefunden und die ersten Hinweise entschlüsselt sind, bricht Finch mit einer bunten Truppe von Gefährten nach Europa auf, um das Geheimnis zu lüften.
Eine Parallelgeschichte erzählt von dem Studenten und Flughafen-Loader Christopher Weber, der von dunklen Strippenziehern in einen Raubversuch auf dem Flughafen verwickelt wird und sich schließlich unfreiwillig mit den Yakuza anlegt.
Und drittens gibt es zwei historische Geschichten, die immer wieder eingefügt werden. Zunächst begleiten wir einen russischen Adligen auf der Flucht vor der kommunistischen Revolution; später erfahren wir die Vorgeschichte des geheimnisvollen Schatzes.
Archäologischer Hintergrund: Eigentlich ist Falsch strenggenommen gar kein Archäologie-Thriller; ich habe ihn in erster Linie aufgenommen, um nicht Band 1 der später eher archäologischen John Finch-Reihe auszulassen. Ohne das Ende vorwegzunehmen, kann ich auch nicht Zuviel auf den historischen Hintergrund eingehen. Es geht jedenfalls um geheime Operationen im dritten Reich, und wie meistens erklärt Schilddorfer die Hintergründe detailliert und gut.
Das ist gut: Falsch liest sich gut und spannend und hat interessante und sympathische Charaktere, mit denen man schnell mitfiebert. Die Schilderung der Handlungsorte und -Zeiten ist sehr gelungen, die enorme Menge an Fakten erfreut auch deshalb, weil sie geschickt eingebaut ist. Man lernt beim Lesen, ohne sich lehrmeisterlich behandelt zu fühlen.
Das ist schlecht: Achtung, ab hier leichte Spoilerwarnung - die meisten Probleme des Buches treten erst gegen Ende zu Tage!
Es ist etwas entnervend, dass man fast bis zum Ende nicht mal einen brauchbaren Hinweis erhält, um was es bei dem Geheimnis eigentlich geht. Auch Leute, die Bescheid wissen oder zumindest eine Ahnung haben, schweigen das ganze Buch über. Wann immer jemand doch die Wahrheit erfährt, werden wir als Leser ausgeschlossen, erfahren nur, wie erschüttert der nun Wissende ist.
Daher rechnet man mit etwas ganz Spektakulärem und ist dann doch etwas enttäuscht, wie banal die Auflösung ist.
Etwas irritierend auch: Das ganze Buch wirkt etwas nach Wunschdenken eines alten Mannes. Es schadet überhaupt nicht, wenn Senioren die Hauptpersonen eines Buches sind, aber die Ansammlung von heldenhaften, enorm kompetenten, immer noch fitten Charakteren um die 70 ist schon ein bisschen auffällig. Dass der ebenfalls weit über 60-jährige Finch mit der attraktiven, kultivierten, reichen und um die dreißig Jahre jüngeren Fiona im Bett landet (und in späteren Bänden auch eine feste Beziehung mit ihr hat), wirkt auch etwas... naja, zu seinen Gunsten konstruiert.
Wie die Haupthandlung und die Nebenhandlung um Christopher Weber, die eigentlich gar nichts mit der Haupthandlung zu tun hat, am Ende zusammengeführt werden, und wie das Geheimnis gegen alle Widerstände doch noch gelüftet wird, ist derart konstruiert und an den Haaren herbeigezogen, dass man es einfach nur noch als unglaubwürdig empfindet. Ein Fan des Buches würde nun sicherlich sagen, dass es solche Zufälle im wahren Leben auch gibt... Aber als Autor darf man es sich dann doch nicht so einfach machen.
Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass die erste historische Nebenhandlung um den russischen Adligen auf der Flucht tatsächlich überhaupt keinen Einfluss auf oder Zusammenhang mit der Haupthandlung und nur einen minimalen Zusammenhang mit der Nebenhandlung hat (zwei Charaktere arbeiten für bzw. besuchen eine Schule für "besondere" Kinder in der Schweiz, die von diesem Adligen gegründet wurde; dieser Fakt ist aber für die Handlung bedeutungslos). Ließe man alle diese Kapitel weg, ginge dem Buch nichts verloren.
Bewertung: Ich habe das Buch schnell gelesen und war über weite Strecken auch unterhalten; das Ende hat mich aber sehr enttäuscht. Wäre es mein erster John-Finch-Roman gewesen, hätte ich die anderen (besseren) Bände wohl nicht gelesen. Schulnote 4+.
Abonnieren
Posts (Atom)
Fußballirrtümer: Der Super Bowl hat mehr Zuschauer als jedes Fußballspiel
Der Super Bowl, das Finale der amerikanischen Football-Liga NFL, wird oft als das „größte Einzelsportereignis der Welt“ bezeichnet. Soll h...
-
Es gibt ein großes Problem bei Schulfußballturnieren (und, wie man hört, auch bei anderen Schulwettkämpfen in Teamsportarten): Am Ende m...
-
Leider musste ich diesen schon länger geschriebenen Artikel vor kurzem mit dem Abstieg des HSV aktualisieren. Denn lange hieß es: Der HSV is...
-
"Mein Lieblingsfußballer ist Rúrik Gislason!" "Auf Sophias kann man sich eben verlassen!" - HALO EFFECT Schöne Fußbal...