Donnerstag, 29. April 2021

Wie du dein Schulfußball-Team professionell wirken lässt

Bevor wir das „Wie“ betrachten, sollten wir das „Warum“ klären. Warum willst du, dass dein Schulfußballteam professioneller wirkt, als es ist?

Klar – Psychologie. Fühlt dein Team sich „wie eine echte Fußballmannschaft“, wirkt sich das positiv auf das Selbstvertrauen und damit die Leistung aus. „Richtig echter Fußball“ wirkt übrigens auch anziehend und kann dir neue Spielerinnen in die Mannschaft spülen. Aber vor allem willst du die Gegner beeindrucken. Im Schulfußball hast du schon halb gewonnen, wenn die Spielerinnen auf der anderen Seite mit dem Eindruck ins Spiel gehen, dass deine Mannschaft besser ist.

Aber Achtung: Übertreiben darf man nicht! Denn trägt man zu dick auf, dann erzeugt man zum einen den Effekt, dass die Gegner besonders motiviert sind, deine arrogante Truppe zu schlagen; zum anderen zieht eine Mannschaft, die hyperprofessionell auftritt und dann lausig spielt, Schimpf und Schande in besonderem Maße auf sich. Im Folgenden zeige ich dir also nicht nur, was für einen professionellen Eindruck im Schulfußball unerlässlich ist, sondern auch, was du lieber lassen solltest.

 

1: Trikots  

Einheitliche Trikots sind das absolute Minimum. Sie sollten aus Trikotstoff sein und einen Trikotschnitt haben. Sponsorenwerbung auf der Brust ist nett, aber nicht zwingend erforderlich, Rückennummern aber sind unverzichtbar. Die Trikots müssen ein identisches Design haben – alle in der gleichen Farbe reicht nicht! Die Hosen und Stutzen dazu sollten zwar eine einheitliche Farbe haben, hier ist das Design aber nicht ganz so wichtig. Die „Bringt alle eine schwarze Sporthose mit“-Methode ist hier absolut ausreichend. Auch ein Torwarttrikot, das eine andere Farbe hat als die Spielertrikots, ist unerlässlich.

Was ist zu wenig? Wie gesagt, T-Shirts. Oder lauter unterschiedliche Trikots in mehr oder weniger gleicher Farbe. Am allerschlimmsten: Jede Spielerin zieht an, was sie will, und dann werden Leibchen übergezogen. Das wirkt dermaßen unprofessionell, dass es schon fast lächerlich ist. Trikots ohne Rückennummern sind bereits grenzwertig, wenn du bei einem Turnier antrittst, in dem keine Nummern vorgeschrieben sind. Sobald man aber anfängt, mit Paketklebeband etc. Rückennummern zu improvisieren, wird man auf gar keinen Fall mehr ernstgenommen.

Die Torhüterin sollte auf keinen Fall ein Feldspielertrikot mit Leibchen darüber oder einfach einen Pullover tragen – ansonsten ist man da allerdings weniger streng, weil es nicht ungewöhnlich ist, wenn eine Schulfußballtorhüterin ihre eigene Ausrüstung mitbringt, also z.B. ein Trikot von einer anderen Firma trägt als der Rest der Mannschaft.

Was ist zu viel? Generell gilt: Mit personalisierten Trikots (also den Namen der Spielerinnen auf dem Rücken) wird man sofort in die Kategorie „Arrogante Poser“ eingeordnet. Auch alles, was über Trikot-Hose-Stutzen hinausgeht, also z.B. einheitliche Trainingsjacken, sollte man im Schulfußball vermeiden. Ebenfalls eine „Was ist denn mit denen los“-Reaktion kann erwarten, wer mit zwei unterschiedlichen Trikotsets zu einem Turnier aufkreuzt und dann gegebenenfalls zum „Auswärtstrikot“ wechselt. Bei zwei Teams mit gleicher Trikotfarbe ist im Rahmen eines Schulfußballturniers das Tragen von Leibchen völlig ausreichend.

 

2: Die Ausrüstung

Wer professionell wirken will, sollte neben Trikots noch ein bisschen Ausrüstung mitbringen. Das heißt nicht, dass man bergeweise Krimskrams mitschleppen soll. Aber es macht einen guten Eindruck, wenn man sich die absoluten Basics nicht bei Gegnern oder Turnierleitung leihen muss – und vielleicht sogar selber mal etwas verleihen kann. In die Ausrüstung gehören auf jeden Fall: Torwarthandschuhe, eine Schirmmütze für die Keeperin, Pflaster und Desinfektionsspray, Sonnencreme, Zopfgummis, Leibchen, mindestens ein Ball, ein Kugelschreiber (zum Ausfüllen des Turnierplans).

Was ist zu wenig? Zuallermindest solltest du die Torwarthandschuhe und den Ball dabeihaben. Fehlt eins von beidem, ist das schon ziemlich blamabel.

Was ist zu viel? Aufwändige Trainingsausstattung (siehe dazu auch Punkt 5) sollte am heimischen Trainingsplatz bleiben. Ansonsten ist darauf zu achten, dass man nicht wie ein neurotischer Planer wirkt, der auf jede noch so absurde Eventualität eingestellt ist – Tornetzflickzeug z.B. solltest du nicht mitbringen. Auch den Eindruck des die Spielerinnen komplett verhätschelnden Helikoptertrainers willst du wohl eher vermeiden. Also bitte keine Schuheinlagen, kein Make-Up und kein Raumspray „weil die Kabine so schlimm riecht“. Und achte darauf, dass du von allem, was du mitbringst, auch weißt, wie man es benutzt. Gilt natürlich vor allem für medizinische Ausrüstung.

 

3. Die Kapitänin

Eine als solche erkennbare Mannschaftskapitänin zu haben, habe ich immer für das Minimum gehalten. Allein schon, damit keine Unklarheit besteht, wer am Ende nach vorne geht und die Urkunde für den achten Platz abholt. Aber viele Trainer denken nicht daran, eine Kapitänin zu ernennen. Dabei macht das echt was her. Einmal wurde ich Ohrenzeuge, wie die Spielerinnen einer gegnerischen Mannschaft sich, nachdem Sophia Savoy mit ihrer Kapitänsbinde am Arm an ihnen vorbeigegangen war, beeindruckt zuraunten: „Die haben sogar eine Kapitänin!!!“

Ob du, wie ich das mache, eine feste Kapitänin mit Aufgaben auch abseits der Turniere hat, oder nur schnell vor dem Turnierbeginn eine deiner Spielerinnen ernennst, ist dabei für die Wirkung auf den Gegner egal. Hauptsache, deine Spielerinnen wissen, dass die Kapitänin bei Begrüßung und Siegerehrung vorne steht.

Was ist zu wenig? Klar, keine Kapitänin haben. Vor allem, wenn in deiner Mannschaft Verwirrung ausbricht, sobald die Turnierleitung eine Teamvertreterin nach vorne rufen will.

Bei der Kapitänsbinde ist zu beachten: Eine zu haben, macht einen guten, professionellen Eindruck. Keine zu haben, ist auch in Ordnung. Was gar nicht geht, ist eine improvisierte Kapitänsbinde: Krepppapier, ein Schweißband, Mullbinde etc. gehören auf keinen Fall an den Arm deiner Kapitänin!

Was ist zu viel? Wenn du und/oder deine Spielerinnen die Kapitänin nur noch „Captain“ nennen. Das klingt aufgesetzt.

 

4. Der Trainer

Ja, auch an deinem Auftreten kann man feilen, damit du professioneller wirkst. Im Wesentlichen musst du zwei Punkte beachten: Erstens solltest du dich souverän verhalten. Das bedeutet: Sportliche Fairness, Ruhe im Umgang mit Spielerinnen, Schiedsrichter und Gegnern und ein bisschen Ahnung von Fußball. Zweitens sollte auch dein Outfit professionell wirken. Sportlich leger – Trainingsanzug, notfalls aber auch T-Shirt und Jeans. Unter dem Arm vielleicht ein Klemmbrett für den Turnierplan.

Was ist zu wenig? Schluffige Kleidung oder Arbeitsklamotten und jede Form von schlechtem Benehmen: Auf den Schiedsrichter schimpfen, Gegnerinnen niedermachen, deine eigenen Spielerinnen zusammenstauchen. Außerdem: Das Demonstrieren von völliger Ahnungslosigkeit im Bereich Fußball. Wenn du wirklich ein blutiger Anfänger bist, dann halte dich wenigstens zurück, damit du nicht so auffällst. Und folge diesem Blog, dann bist du das Problem bald los.

Was ist zu viel? Arrogantes Vorführen enormen Fußballfachwissens. Du brauchst wirklich nicht jeden in eine detaillierte Taktikdiskussion verwickeln. Optisch gelten Shirts im Design der Trikots deiner Mannschaft mit der Aufschrift „Trainer“ oder „Coach“ als zu dick aufgetragen. Und komm nicht im Anzug – Anzug tragen Proficoaches, keine Schulmannschaftstrainer. Übrigens: Die früher völlig legitime Stoppuhr um den Hals vermittelt, seit jedes Handy über eine Stoppuhr verfügt, auch ein bisschen das Gefühl des Überladenen, Schauspielerischen.

 

5. Das Aufwärmen

Erscheint mit etwas Vorlaufzeit auf dem Platz. Eine halbe Stunde ist ideal. Dann wärmst du deine Mannschaft mit ein paar Übungen auf. Alle nehmen teil und strengen sich an. Ein professionell wirkendes Aufwärmprogramm könnte z.B. aus dem Lauf-ABC, einer Runde „Schweinchen in der Mitte“ und einem abschließenden Einschießen aufs Tor bestehen.

Was ist zu wenig? Gar nicht aufwärmen. Auch aus gesundheitlichen Gründen.

Das sogenannte „Individuelle Aufwärmen“ (alle machen die Übungen, auf die sie Lust haben) wirkt superprofessionell, wenn auch wirklich alle Spielerinnen für sich konzentriert sinnvolle Aufwärmübungen machen. Da das im Mädchen-Schulfußball aber eigentlich nie klappt, verzichtest du vielleicht am besten darauf.

Was auch gar nicht geht: Aufwärmen nur mit dem Teil der Mannschaft, der Lust hat oder sich auch mal aus der Umkleidekabine bequemt. Nein! Alle machen mit!

Was ist zu viel? Komplizierte Trainingsgeräte mitbringen und zum Aufwärmen einsetzten. Schon die Koordinationsleiter ist sehr grenzwertig. Alles, was darüber hinausgeht, sollte unbedingt vermieden werden.

Außerdem: Verbissenes Aufwärmen. Die Grenze zum konzentrierten Aufwärmen ist etwas schwammig, aber wer schon mit „Hopp, hopp, hopp!“ aus der Kabine galoppiert kommt und die Begrüßung verpasst, weil unbedingt das Lauf-ABC komplett abgeschlossen werden muss, macht sich garantiert zum Löffel.

 

PRO-TIP: Als letzte Demonstration der Professionalität vor dem Anpfiff eignet sich ein gut durchgeführter Teamkreis. Die Spielerinnen treffen sich (inklusive Ersatzspielerinnen) in der Mitte der eigenen Hälfte und bilden einen Kreis. Unter Anleitung der Kapitänin brüllen sie laut einen einfachen, ja nicht zu überladenen Schlachtruf (zu überladen ist alles, was länger als eine Minute dauert und/oder lauter Reime enthält; meine Mannschaft ist bisher mit „Wer sind wir? DIE SCHILLER-MÄDCHEN! Was sind wir? EIN TEAM!!!“ gut gefahren). Danach löst sich der Kreis sofort auf und alle laufen auf ihre Positionen. Wenn ihr das gut choreografiert hinbekommt, jagt ihr jedem Gegner direkt vor Spielbeginn noch einmal richtig Angst ein!  

 

Samstag, 10. April 2021

Wie man ein Neunmeterschießen (oder auch ein Elfmeterschießen) gewinnt

Dank Corona liegt der Schulfußball immer noch brach und es gibt nicht viel Neues von uns zu berichten. Um den Blog trotzdem wiederzubeleben hier ein vielleicht für Trainerkollegen nützlicher Artikel, den ich schon vor gut fünf Jahren geschrieben habe...

Neunmeterschießen sind in den letzten Jahren eine kleine Obsession für mich geworden. Das muss man nicht verstehen, schließlich kommt es im Schulfußball kaum je dazu. In den letzten vier Jahren sind meine Mädels gerade einmal bei zwei Neunmeterschießen angetreten.  Trotzdem habe ich mich viel damit beschäftigt, wie man ein Neunmeterschießen gewinnen kann. Vielleicht gerade deshalb, weil wir beide Male verloren haben.

Der erste wichtige Fakt, auf den ich bei meinen Recherchen gestoßen bin: Die ständig die eigene Leistung entschuldigend und/oder die Fußballgötter anklagend vorgebrachte Weisheit „Elfmeter (bzw. Neunmeter) sind reine Glückssache“ und die Phrase von der Elferlotterie sind völlig falsch. Es gibt statistische Gewissheiten, klare Verhaltensregeln, die die Chancen, ein Strafstoßschießen zu gewinnen, zumindest drastisch erhöhen.

Mein gesammeltes und teilweise schon an die neue Mannschaft weitergegebenes Wissen scheint lange sinnlos zu bleiben, doch ganz kurz vor dem Ende der AG-Zeit meiner aktuellen Mädels kommt es im Südpokal doch noch zu einem Entscheidungsschießen. Nach einem 0:0 im Spiel um Platz 5 müssen wir endlich mal wieder antreten. Es könnte ein Musterbeispiel für das richtige Verhalten im Neunmeterschießen werden, denn meine Mädels machen fast alles richtig – und die Gegnerinnen machen fast alles falsch. Also bitte sehr - so gewinnt man ein Neunmeterschießen:

 

Schritt 1: Vorlegen!

Die Mannschaft, die das Neunmeterschießen beginnt, hat laut dem Elfmeterexperten Ben Lyttleton eine Siegchance von etwa 60%. Der deutsche Fußballstatistiker Roland Loy kommt auf eine ganz ähnliche Zahl, es ist also wohl etwas dran, auch wenn der (mutmaßlich psychologische) Grund dafür noch unbekannt ist.

Leider ist das schon ein bisschen Glückssache: Als die Spielführerinnen zum Schiedsrichter gehen, flüstere ich meiner Kapitänin Doreen zu, dass wir zuerst schießen wollen, aber der Münzwurf fällt zu Gunsten der gegnerischen Kapitänin aus, und die will ebenfalls vorlegen. Nachteil für uns.

 

Schritt 2: Die richtigen Schützen wählen!

Neunmeter (oder Elfmeter) sind zuallererst einmal Nervensache. Es ist also nicht damit getan, die Spielerinnen auszuwählen, die im Training am besten schießen. Man sollte sich nach Schützen umsehen, die die Ruhe weg haben, wie man so schön sagt. Laut den Autoren von „Der Fussball – Die Wahrheit“ soll man zudem zwischen zwei unterschiedlichen  Motivationstypen unter den Spielerinnen unterscheiden. Demnach gibt es zum einen Menschen, die sich auf das Erreichen eines Ziels konzentrieren, zum anderen solche, die Fehlervermeidung in den Fokus setzen. Auf Neunmeter angewendet heißt das: Die einen wollen das Ding reinhauen, und sie tun es meistens. Die anderen wollen bloß nicht verschießen – und scheitern gerade deshalb mit größerer Wahrscheinlichkeit. Pflichtbewusstsein ist ein weiterer Aspekt, eine Spielerin, die sehr pflichtbewusst ist und vermittelt bekommt, dass es ihre Pflicht ist, zu treffen, ist psychologisch im Vorteil. Schließlich kommt noch der Aspekt der Freiwilligkeit dazu – eine Schützin, die schießen will, trifft eher als eine, die überredet werden musste.

Die ideale Neunmeterschützin ist also eine ruhige, zielorientierte, pflichtbewusste Spielerin mit einer guten Schusstechnik. Ich habe heute genau eine solche im Team, meine Abwehrchefin Sophia Savoy. Schon im Voraus habe ich mich auf sie festgelegt und bin erleichtert, als sie sich auf meine Frage, wer bereit sei anzutreten, sofort meldet. Dazu wähle ich noch Annie Pohl, die ebenfalls eine gute Schusstechnik hat und als einzige meiner heutigen Mannschaft schon an einem der früheren Neunmeterschießen teilgenommen hat, die Situation also kennt, und Büsra, die ebenfalls gut schießt und starke Nerven hat. Dann gehen mir allerdings schon die richtig guten Alternativen aus. Mit etwas Bauchschmerzen entscheide ich mich für Branka und Sara, die beide im Training gut schießen, an deren Zielorientierung und Stressresistenz ich aber zweifle.

 

Schritt 3: Die richtige Reihenfolge bestimmen!

Eine der falschesten immer wieder auftauchenden Empfehlungen zum Thema Neun/Elfmeterschießen ist die, man solle die beste Schützin als letztes antreten lassen. Der Gedankengang dahinter scheint zwar logisch – eine spätere Schützin muss länger warten und möglicherweise einen sehr entscheidenden Neunmeter schießen, ist also besonders unter Druck -  , aber wie Roland Loy richtig anmerkt, kann man so die Situation erzeugen, dass die schlechteren Schützinnen das Neunmeterschießen bereits verloren haben, bevor die besseren überhaupt zum Einsatz kommen. Zudem ist der psychologische Aspekt nicht zu unterschätzen: Treffen die ersten Schützinnen, geben sie dem Rest des Teams Sicherheit, verschießen sie hingegen, setzen sie die Nachfolgerinnen unter Druck.

Für mich ist die Sache klar: Um mit einem möglichst guten Polster zu starten, werden meine beiden besten Schützinnen, Sophia Savoy und Annie Pohl, anfangen. Als drittes soll Branka schießen, bei der ich am meisten Zweifel habe. Die Logik dahinter: Der dritte Neunmeter ist nur selten bereits entscheidend, und psychologisch sind die Auswirkungen eines Fehlschusses hier hoffentlich nicht mehr so dramatisch wie gleich am Anfang. Ich rechne mir einfach aus, dass ein Misserfolg an dritter Stelle am wenigsten Schaden anrichtet. Büsra und Sara sollen das Ding dann am Schluss nach Hause schaukeln.

 

Schritt 0 und 4: Die Torhüterin auffällig machen!

Menschen sind Jäger. Sie richten ihre Handlungen oft unbewusst auf auffällige Ziele aus, vor allem, wenn die sich auch noch bewegen. Torhüterinnen können die Schützin daher dahingehend  beeinflussen, eher in ihre Richtung zu schießen, indem sie auf sich aufmerksam machen.

Den ersten Schritt, das auszunutzen, habe ich schon lange vor diesem Neunmeterduell gemacht (daher Schritt 0): Meine Keeperin Leah hatte sich zu Weihnachten eine Torwartausrüstung gewünscht, und als ihre Mutter mich fragte, worauf sie beim Kauf achten solle, antwortete ich: „Auf eine grelle Farbe!“ Jetzt, als sie sich zum ersten Schuss der Gegner bereit macht, steht Leah mit neongelbem Oberteil im Tor. Ich habe ihr außerdem schon vor Monaten eingeschärft, mit Bewegungen auf sich aufmerksam zu machen. Im Training hat sie die Klassiker ausprobiert, Arme schwenken, auf der Linie auf und ab hüpfen und so weiter, aber was sie sich jetzt für den Ernstfall ausgedacht hat, überrascht und beeindruckt sogar mich. Sie geht leicht in die Knie, neigt den Oberkörper nach vorne und reckt das Gesicht der Schützin entgegen. Die Arme streckt sie weit zur Seite; die Finger bewegt sie permanent, als könne sie es kaum erwarten, zuzupacken. Die Gegnerin, die sich den Ball zurechtlegt, fixiert sie fest, aber mit einem mitleidig-abschätzigen Blick, als würde sie denken „Was, ausgerechnet du willst schießen?“ Völlig verängstigt gibt die Schützin einen schwachen Schuss ziemlich genau in Leahs Richtung ab. Kein Problem für unsere Keeperin.

 

Schritt 5: Richtig schießen!

Schritt 6: Jubeln!

Je länger eine Schützin wartet, bis sie schießt, desto eher verschießt sie. Auf der anderen Seite ist laut Lyttleton auch ein überhasteter Schuss schlecht; er hat festgestellt, das gerade englische Nationalspieler viel zu schnell schießen. Ideal ist demnach ein ruhiger, aber zügiger Anlauf. Und wohin soll man schießen? Da gibt es mehrere Antworten. Ideal ist ein hoher Schuss, aber wenn man mit Hochschüssen nicht sicher genug ist, gibt es eine nächstbeste Möglichkeit. Ganz flach geschossene Neunmeter werden nach Loy in 25% der Fälle abgewehrt, sind also wesentlich sicherer als der notorische halbhoch geschossene Strafstoß (über 38% Abwehrchance).

Sophia Savoy, die jetzt als erstes für uns antritt, läuft, wie ich es ihr empfohlen habe, ruhig und zügig an. Dann schießt sie flach und hart in die rechte untere Ecke. Kann man so machen. Die gegnerische Torhüterin, die übrigens blassblau trägt und bewegungslos auf der Linie steht, hat keine Chance. 1:0 für uns.

Und jetzt? Laut Lyttleton gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Bejubeln eines verwandelten Strafstoßes und dem Erfolg der nachfolgenden Teamkolleginnen – vielleicht durch sogenannte emotionale Übertragung. Auch das habe ich Sophia gesteckt, die brav die Fäuste ballt und ein deutlich vernehmbares „JA!“ ausstößt; für unsere sonst eher stoische Abwehrchefin schon fast ein Ausbruch überschäumender Begeisterung.

 

Schritt 7: Den Schützen ausgucken und beeinflussen!

Rechtsfüßerinnen schießen aus ihrer Sicht eher nach links, Linksfüßerinnen nach rechts. Da sind sich alle meine Quellen einig, auch wenn das Ausmaß etwas umstritten ist. Die Torhüterinnen kann den Effekt noch verschärfen, wenn sie die entsprechende Ecke anbietet. Das tut sie, indem sie sich nicht ganz in die Mitte des Tores stellt. Selbst wenn die Abweichung nur minimal ist, neigen Schützen dazu, in die vermeintlich offenere Torhälfte zu schießen.

Die zweite gegnerische Schützin schießt den praktisch schlechtmöglichsten Neuner: Als Rechtsfüßerin auf die von Leah angebotene linke Torseite, nah an der Keeperin, halbhoch. Leah wehrt nicht nur ab, sie hält den Ball sogar fest. Weiter 1:0 für uns.

 

Schritt 8: Mentale Vorbereitung!

Was machen die späteren Schützinnen, während sie darauf warten, an die Reihe zu kommen? Im Fernsehen sieht man im wesentlichen zwei Varianten: Spieler, die beten, und Spieler, die versuchen, sich gegenseitig Kraft und Halt zu geben, eine Spielertraube, die Arm in Arm steht, sich gegenseitig die Schultern drückt. Lyttleton empfiehlt, dabei die Gedanken nicht schweifen zu lassen, sondern sich auf die technischen Details der kommenden Aufgabe zu konzentrieren.

Während die zweite gegnerische Schützin sich bereitmacht und schließlich scheitert, erklärt mir Annie Pohl ihren Plan: Sie wird Sophias Schuss genau kopieren. Sie meint, dass die Torhüterin jetzt einen Schuss in die andere Richtung erwarten wird und durch die Wiederholung zu überrumpeln sei. Ich bin davon zwar nicht voll überzeugt, sage das aber nicht; Hauptsache, Annie geht ihren Schuss selbstsicher und konzentriert an. Und was soll ich sagen: Es funktioniert! 2:0 für uns.

 

Die nächste Runde läuft nicht so gut für uns, aber mit Rückschlägen muss man halt rechnen. Die dritte gegnerische Schützin schießt scharf in die Ecke, Leah fliegt zwar in die richtige Richtung, kommt aber nicht mehr an den Ball. Und wie befürchtet schießt Branka überhastet die gegnerische Torhüterin an. Nur noch 2:1 für uns.

 

Schritt X: Die Schützin einschüchtern!

Folgenden Schritt empfehle ich ausdrücklich nicht. Er ist unsportlich und kann auch bestraft werden, z.B. mit einer Strafstoßwiederholung. Da man aber nicht leugnen kann, dass er bisweilen funktioniert und heute zu unserem Sieg beiträgt, sei er hier auch erwähnt.

Leah bringt der vierten Schützin des Gegners persönlich den Ball. Als die ihn entgegennehmen will, hält Leah ihn noch einen Moment fest, sieht der Gegenspielerin in die Augen und sagt etwas. Ich weiß nicht was, aber aufbauend wird es kaum gewesen sein. Ich schaue etwas verunsichert zum Schiedsrichter, aber der reagiert nicht.

Als die Schützin anläuft, noch bevor sie den Ball berührt, macht Leah einen großen Schritt von der Torlinie, der Schützin entgegen. Das darf sie nicht, aber der Schiri reagiert wieder nicht. Der Schuss geht meilenweit am Tor vorbei, und der Schiri lässt das Ganze durchgehen! Weiter 2:1 für uns, und Büsra kann das Neunmeterschießen jetzt entscheiden.

 

Schritt 9: Die Torhüterin ausgucken!

Schritt 10: Hoch schießen!

Roland Loy hat errechnet, dass 71,5% aller Strafstöße verwandelt werden, wenn der Schütze sich vorher für eine Ecke entschieden hat. Wartet und reagiert er hingegen auf die erste Bewegung des Torhüters (am einfachsten mit einem leicht verzögerten Anlauf), erhöht sich die Trefferquote auf 94,3%.

Ganz ähnlich wirkt sich die Schusshöhe auf die Trefferwahrscheinlichkeit aus. Ein Neun/Elfmeter auf die untere Torhälfte (was das berüchtigte „Halbhoch“ einschließt) führt in 75% der Fälle zum Treffer, in die obere Torhälfte verwandelt man mit 99%iger Sicherheit.

Ein Idealstrafstoß geht also hoch in die der Torwartbewegung entgegengesetzte Richtung. So sollte man es machen - wenn man denn kann, denn Hochschüsse klappen nicht immer so gut und neigen dazu, halbhoch auszufallen. Und beim verzögerten Anlauf darf man neuerdings nicht mehr stehen bleiben, was das Ausgucken ebenfalls schwerer macht.

Büsra aber kann. Sie wird kurz vor dem Ball ein kleines bisschen langsamer, die Torhüterin bewegt sich nach links, und Büsra schnibbelt die Kugel hoch nach rechts. Wie bei Büsra üblich bleibt mir auch diesmal fast das Herz stehen, denn der Schuss wirkt erst zu hoch, aber er senkt sich ins Netz. 3:1, wir haben gewonnen! Die beiden fünften Schützinnen kommen nicht mehr dran, und soweit ich es beurteilen kann, hat der gegnerische Trainer einen weiteren Fehler gemacht. Seine beste Spielerin und Torjägerin hätte jetzt schießen sollen, mutmaßlich wäre sie auch seine beste Schützin gewesen. Uns dagegen bleibt das Nervenspiel mit Sara erspart.

Die Mädels liegen sich jubelnd in den Armen, und ich klopfe mir selbst im Geiste auf die Schulter. Sauber ausmanövriert. Da soll noch einer sagen, Neunmeterschießen seien eine reine Glückssache!

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