Samstag, 30. Juni 2018

WM-Blog 11 - Verschwörungstheorien


26.06.18

Spiele des Tages: Südkorea – Deutschland 2:0

                                 Mexiko – Schweden 0:3

                                 Serbien – Brasilien 0:2

                                  Schweiz – Costa Rica 2:2

Meine Tipps: Südkorea – Deutschland 0:3 (Punkte: 0)

                         Mexiko – Schweden 1:1 (Punkte: 0)

                         Serbien – Brasilien 0:2 (Punkte: 3)

                         Schweiz – Costa Rica 0:0 (Punkte: 2)

Gesamtpunktzahl: 35

Deutschland ist raus! Das hätte ich bei all meinen Unkenrufen nie für möglich gehalten!

Wir haben auf Arbeit früher Schluss gemacht, damit wir das Spiel sehen können. So habe ich es noch rechtzeitig zu Sven geschafft, und wir beide haben fassungslos verfolgt, wie Deutschland völlig ideenlos gegen Südkorea versagte. Als im Parallelspiel Schweden in Führung ging, war klar: Deutschland braucht ein Tor! Doch es wollte einfach nicht fallen. Und dann, in der Schlussphase, Schweden führte mittlerweile 3:0, der Führungstreffer für Südkorea! Jetzt hätte Deutschland noch zwei Tore zum Weiterkommen gebraucht! Der Schiedsrichter glaubte offenbar noch daran, denn er verlängerte die ursprünglich auf sechs Minuten angelegte Nachspielzeit immer weiter. Mein Herz raste dermaßen, dass ich einfach nicht mehr stillsitzen konnte und ruhelos durch Svens Wohnzimmer tigerte. Deutschland warf alles nach vorne, Manuel Neuer mit vor dem gegnerischen Strafraum, verliert den Ball, Konter, Heung-Min Son schließt in der zehnten Minute der Nachspielzeit zum 2:0 ab. Alles ist vorbei! Traumhaft!

Die Fehlersuche begann sofort. Viele Dinge wurden genannt, die einfach komplett schiefliefen. Wenn man mich fragt, war das Hauptproblem die Selbstherrlichkeit. Die Überzeugung, dass man die Vorrunde sowieso irgendwie schaffen werde. Schließlich war man ja Deutschland. Deutschland scheidet nicht in der Vorrunde aus. Wichtig war, dass man zu den schweren Spielen, ab Viertelfinale aufwärts, fit wäre. So konnte das nicht gutgehen.

Innerhalb des deutschen Trosses (und unter den blindesten Fans) entwickelt sich aber bereits eine neue Theorie: Eigentlich sind die kritischen Stimmen in Deutschland schuld. Toni Kroos und Joshua Kimmich gingen schon nach dem Schwedenspiel mit schlechtem Beispiel voran, wetterten gegen „viele“ in Deutschland, die sich „über das Aus gefreut“ hätten. Tenor: Für die schlechte Stimmung, die das DFB-Team umwehte, waren nicht Trainer und Spieler verantwortlich, sondern die bösen Kritiker! Das ist natürlich lachhaft, passt aber nahtlos in die Geschichte. Niemand ist so ein schlechter Fußballverlierer wie die Deutschen. Wird Deutschland nicht Weltmeister, ist jemand von außen Schuld, und es wird noch Jahrzehnte später lamentiert, dass eigentlich Deutschland der verdiente Weltmeister sei. Das ist manchmal nervig, aber auch irgendwie unterhaltsam. Daher präsentiere ich hier: Die Top 5 der WM-Aus-Verschwörungstheorien!



Platz 5: Deutschland 2006 – Die Italiener sperren Frings!

Nach dem WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien 2006, das Deutschland im Elfmeterschießen gewann, kam es auf dem Platz zu Tumulten und Handgreiflichkeiten. Videobilder zeigen im Getümmel einen Faustschlag von Deutschlands Thorsten Frings gegen Argentiniens Julio Cruz. Es waren vor allem italienische Medien, die diese Bilder an die große Glocke hängten und eine Sperre für Frings forderten – mit Verweis auf eine ähnliche Situation, die bei der EM 2004 zu einer Sperre für Francesco Totti geführt hatte. Die Sperre kam tatsächlich, und ohne Frings verloren die Deutschen das Halbfinale – gegen Italien. Auch wenn die Sperre berechtigt war und das Fehlen von Frings kaum für die komplette taktische Unterlegenheit der Deutschen gegen Italien verantwortlich gemacht werden kann, bleibt aufgrund der Tatsache, dass Italien Hauptankläger und Hauptprofiteur der Sperre war, tatsächlich ein Geschmäckle… Daher nur Platz 5.

Platz 4: England 1966 – Lauter irreguläre Tore!

Die bekannteste Verschwörungstheorie zu deutschen Niederlagen: Man wäre 1966 ja definitiv Weltmeister geworden, wenn der Schiedsrichter den Engländern im Finale nicht ein, zwei oder sogar drei irreguläre Tore anerkannt hätte! Hauptstreitpunkt ist dabei das dritte englische Tor, das erste in der Verlängerung und letztlich spielentscheidend. Das Wembleytor. Der Schuss von Hurst knallte an die Latte, sprang auf den Boden und dann aus dem Tor. War er auf der Linie oder dahinter? Im Stadion unmöglich zu entscheiden. Schiedsrichter Dienst und Linienrichter Bachramov gaben den Treffer – angeblich unter anderem, weil „die Engländer jubelten“ und die Deutschen „niedergeschlagen aussahen“. Oft hört man, auch das letztliche 4:2, ebenfalls von Hurst, sei irregulär gewesen – das Spiel hätte unterbrochen werden müssen, weil sich Fans auf dem Platz befunden hätten. Und ganz spitzfindige Verschwörungstheoretiker behaupten gar, das erste Tor der Engländer hätte ebenfalls nicht fallen dürfen. Beim vorausgehenden Freistoß sei der Ball noch nicht freigegeben gewesen… Was dabei oft untergeht: Die Engländer waren klar das bessere Team und der verdiente Sieger. Dass das Wembleytor nicht hinter der Linie war, ist bis heute nicht klar bewiesen – selbst mit modernster Messtechnik untersuchte Originalaufnahmen lassen höchstens Thesen zu, keine klaren Aussagen. Die anderen beiden Tore aberkennen zu wollen, ist schon fast absurd spitzfindig. Mehr als den üblichen Heimvorteil hat England wohl nicht gehabt.

Platz 3: Russland 2018 – Das Störfeuer!

Am Ende waren die Medien und die Fans Schuld: Die deutschen Spieler und ihre treusten Fans waren sicher, dass die schlechte Stimmung, der mangelnde Teamgeist und die mutlosen Auftritte, die schließlich zum desaströsen Vorrundenaus führten, vor allem auf die Kritik von außen zurückzuführen sei. Kritik an Löws unverständlichen Nominierungen, an dem Erdogan-Skandal und dem Umgang des DFB damit, an den lächerlichen Marketingmaschen „Die Mannschaft“, „Best never rest“, #zsmmn und so weiter. Wie sollten die zarten Fußballerseelen bloß damit umgehen?  

Platz 2: Frankreich 1998 – Alle hassen Deutschland!

1998 blamierte sich Deutschland mit einem 0:3 im Viertelfinale gegen Kroatien bis auf die Knochen. Der katastrophale Auftritt ließ eigentlich nicht viel Raum für Theorien von bösem äußeren Einfluss, aber Bundestrainer Berti Vogts verstieg sich trotzdem in folgende Behauptung: „Vielleicht ist einigen der deutsche Fußball zu erfolgreich. Andere können spucken, kratzen, beißen.“ Auch Jürgen Kohler blies in das gleiche Horn: „Warum werden wir Deutsche so bestraft?" Das klingt ähnlich wie die noch heute kursierenden rechten Verschwörungstheorien, nach denen deutscher Erfolg und deutscher Nationalstolz bewusst unterdrückt werden sollen – und wurde und wird daher bis heute in rechten Kreisen gepflegt und immer wieder hervorgeholt, wenn eine Schiedsrichterentscheidung zu Deutschlands Ungunsten ausfällt oder Deutschland gar bei einem Turnier ausscheidet. Allgemein hat sich diese große Verschwörungstheorie nicht durchgesetzt, die frühe rote Karte gegen Christian Wörns wird aber zu Unrecht bis heute in Frage gestellt.

Platz 1: Schweden 1958 – Schweden hatte ja Fans!

Es ist die mit Abstand absurdeste Verschwörungstheorie zum deutschen Ausscheiden und damit verdient Platz 1: 1958 schied der Titelverteidiger Deutschland im Halbfinale gegen Gastgeber Schweden aus. Danach entlud sich der Hass der frustrierten Deutschen auf alles Schwedische. Zahlreiche Anekdoten kursieren über die Tage nach dem Aus: So hätten deutsche Restaurants die Schwedenplatte von der Karte gestrichen oder gar schwedische Gäste nicht mehr bedient. Autos mit schwedischen Kennzeichen wurden die Reifen zerstochen. Grund des Volkszornes: Zum einen der übliche Vorwurf, der Schiedsrichter habe die Schweden bevorzugt. Zum anderen, und völlig absurd, aber bis heute auch in Sachbüchern zum Thema gerne wiederholt, wurde den Schweden allen Ernstes vorgeworfen, ihre Mannschaft angefeuert zu haben. „Einpeitscher“ hätten die Fans zu unsportlichen, fanatischen „Heja, heja“-Rufen angeheizt… Klingt lächerlich und weinerlich? Ist es auch.

Wäre EM, hätte ich auch für die derartige Verschwörungstheorien finden können. So waren natürlich beide dänischen Tore im EM-Finale 1992 irregulär. Und 2016 war Bastian Schweinsteigers Handspiel, das die Halbfinalniederlage gegen Frankreich einleitete, in Wahrheit nicht bestrafungswürdig…

Warten wir ab, was die nächsten Tage und Wochen an Verrücktheiten bringen…

Fußballirrtum des Tages: Das Wembleytor gilt als der größte Skandal der WM-Geschichte (siehe Einzelpost)  

Freitag, 29. Juni 2018

Fußballirrtümer 8 - Weltmeisterschaften finden immer im Sommer statt

2022 in Katar wird es im Sommer zu heiß für Fußballspiele sein. Man staunt, dass sich die FIFA darüber keine Gedanken gemacht hat, als sie dem Wüstenstaat ohne Fußballkultur den Zuschlag zur WM-Ausrichtung gab. Im Moment scheint es denkbar, dass die WM daher in den Wintermonaten ausgetragen wird. Glühwein auf der Fanmeile - undenkbar! Und bisher auch tatsächlich noch nie dagewesen. Die Aussage "Die WM fand bisher immer im Sommer statt" ist aber so trotzdem nicht richtig. Wenn die WM stattfand, war auf der Nordhalbkugel unserer Erde stets Sommer - doch zur gleichen Zeit herrscht auf der Südhalbkugel bekanntlich Winter. Für die Chilenen, die Kenianer oder die Australier ist es also völlig normal, die WM als ein Winterturnier zu betrachten.
Und bisher viermal befand sich das Austragungsland zum Zeitpunkt der Spiele auch mitten im Winter - 1930 Uruguay, 1962 Chile, 1978 Argentinien und 2010 Südafrika. In den meisten dieser auf der Südhalbkugel gelegenen Länder ist es nach europäischen Maßstäben auch im Winter warm, doch zumindest 1930 fiel während des Turniers tatsächlich Schnee! Das wird in Katar wohl eher nicht passieren...

WM-Blog 10 - Der Star des Turniers


26.06.18

Spiele des Tages: Frankreich – Dänemark 0:0

                                 Australien – Peru 0:2

                                 Nigeria – Argentinien 1:2

                                  Island – Kroatien 1:2

Meine Tipps: Frankreich – Dänemark 1:0 (Punkte: 0)

                         Australien – Peru 1:0 (Punkte: 0)

                         Nigeria – Argentinien 1:2 (Punkte: 3)

                         Island – Kroatien 2:2 (Punkte: 0)

Gesamtpunktzahl: 30

Messi hat heute sein erstes Tor bei dieser WM geschossen. Es war das 1:0 gegen Nigeria, am Ende siegten die Argentinier 2:1 und zogen doch noch ins Achtelfinale ein. Und Messis Treffer war ein echtes Traumtor, wunderbar selbst herausgespielt und abgeschlossen. Sonst war bei diesem Turnier nicht allzu viel von dem Superstar zu sehen. Was wieder mal die Frage aufwirft: Wer könnte eigentlich der Superstar dieser WM werden?

Das WM-Vorschauheft der BravoSport hat lange vor Turnierbeginn sieben Kandidaten vorgeschlagen. Nehmen wir die sieben doch mal als Ausgangspunkt, nach der Einschätzung der BravoSport-Redaktion absteigend sortiert, aber mit meinen Einschätzungen verbessert:

Thomas Müller (Deutschland): Nach der BravoSport der Topfavorit auf den Titel „Superstar der WM“. Schaut man nach den ersten beiden Spielen der Deutschen noch einmal darauf, ist das etwas lachhaft. Auch wenn die DFB-Elf wohl noch mit Ach und Krach ins Achtelfinale einziehen wird, wirkt sie nicht wie ein Team, das im Turnier weit kommen wird. Und Thomas Müller gehörte noch zu den schlechtesten. Er hatte schon im Ligasaisonverlauf etwas enttäuscht, bei der WM war er bisher wirkungslos, fahrig, ineffektiv, fast komplett abgemeldet. Die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass er im letzten Gruppenspiel auf der Bank bleiben könnte. Starchance: Geht gegen null.

Neymar (Brasilien): Auch wenn Brasilien im Moment gerne zu den „noch nicht so überzeugenden Favoriten“ mit Deutschland und Argentinien gestellt wird, haben sie, wie ich finde, eigentlich wunderbaren Fußball gespielt – nur die Durchschlagskraft vor dem Tor fehlte bis jetzt ein bisschen. Neymar ist ein echter Zauberfuß, hat schon tolle Szenen gehabt. Negativ fällt auf: Er schauspielert viel, lässt sich schon bei kleinen Berührungen theatralisch fallen. Und er meckert viel, auch mit der eigenen Mannschaft. Starchance: Spielerisch könnte er gut der Star der WM werden, einen Sympathiepreis gewinnt er nicht.

Sergio Ramos (Spanien): Ramos ist ein beinharter Abwehrspieler, der sich gerne am Rande der Legalität bewegt und schon vor der WM viele Sympathien verspielte, als er im Finale der Champions League Ägyptens/Liverpools Star Mo Salah mit einem brutalen Foul verletzte. Für Spanien ist er immens wichtig, ein Typ, der Star eines Turniers wird, ist er aber nicht. Da käme bei Spanien am ehesten noch Diego Costa in Frage. Starchance: Nur, wenn Spanien Weltmeister wird… aber selbst dann minimal.

Lionel Messi (Argentinien): Heute ein halbwegs ordentliches Spiel des vermeintlich besten Spielers der Welt. In den beiden vorhergehenden Partien ein Komplettausfall, fiel nur durch den verschossenen Elfmeter gegen Island auf. Ich halte ihn ja generell für etwas überbewertet und glaube, dass er vor allem als Konkurrent für den unbeliebten wirklich besten Spieler der Welt, Christiano Ronaldo, starkgeredet wird. Was natürlich nicht heißt, dass er nicht ein toller Fußballer ist. Argentinien ist weiter, Messi hat noch Luft nach oben – da kann noch was kommen. Starchance: Da muss auch noch was kommen – denkbar ist es aber.

Antoine Griezmann (Frankreich): Super Spieler, bisher wie alle Franzosen souverän, aber unauffällig. Da kann noch was kommen. Starchance: Möglich ist es.

Kevin De Bruyne (Belgien): Belgien gehört bisher zu den überzeugendsten Teams der WM. Gerade die Spiellaune der Mannschaft begeisterte. Wenn Belgien weit kommt, ist es mehr als denkbar, dass einer ihrer Spieler der Star der WM wird. Der geniale Lenker Kevin De Bruyne ist ein möglicher Kandidat, aber nicht der einzige. Starchance: Gut – aber die Konkurrenz im eigenen Team ist hart.

Christiano Ronaldo (Portugal): Von den sieben genannten Kandidaten räumt die BravoSport Ronaldo die geringsten Chancen ein, zum Star der WM zu werden. Stand jetzt hat er aber die besten Chancen. Nicht nur ist er immer noch der beste Fußballer der Welt (wer das bezweifelt, ist bloß ein Hater :P), er hatte auch einen Traumstart in das Turnier mit einem Hattrick gegen Spanien. Mit vier Toren steht er auf Platz zwei der Torjägerliste bisher. Die gefürchtete spanische Abwehr bekam ihn nie in den Griff, sein Freistoß zum 3:3 gehört zu den schönsten Toren bisher. Er fällt immer auf, ist nie langweilig. Im Grunde ist er jetzt schon der Star des Turniers… Starchance: Hoch.

Und wer wird es jetzt? Ich tippe am Ende auf einen Kandidaten, der in der BravoSport nicht genannt wurde: Englands Harry Kane. Mit fünf Toren führt er die Torjägerliste bisher an. Er strahlt eine unglaubliche Torgefahr aus, ist immer irgendwie zu Stelle. Seine beiden Treffer gegen Tunesien wirkten gleichzeitig voll Spielfreude herausgespielt und klinisch eiskalt. Bessere Elfmeter als die beiden gegen Panama habe ich nie gesehen. Ich traue England einiges zu, und wenn sie weit kommen, dann wird Harry Kane der Superstar der WM!

Fußballirrtum des Tages: WMs finden im Sommer statt (siehe Einzelpost)  

Dienstag, 26. Juni 2018

Fußballirrtümer 7 - Das Spiel dauert 90 Minuten

"Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten!"
Das ist vielleicht Sepp Herbergers bekannteste Fußballweisheit. Was banal klingt, ist nicht wörtlich zu verstehen gewesen, sondern als Hinweis, dass im Fußball alles passieren kann.
Wörtlich ist es auch nicht ganz richtig.
Durch Nachspielzeit beträgt die Bruttospielzeit einer professionellen Fußballpartie im Schnitt etwa 96 Minuten. Da die Nachspielzeit aber nie ausreicht, um all die durch ruhende Bälle und andere Unterbrechungen verlorene Zeit nachzuholen, liegt die Nettospielzeit eines Fußballspiels, die Zeit, in der tatsächlich Fußball gespielt wird, meist um die 65 bis 70 Minuten.

Ach, und übrigens: Der Ball ist auch nicht rund, sondern eine Kugel. Und auch das nur im ruhenden Zustand - sobald er getreten wird oder springt, verformt er sich erheblich...

WM-Blog 9 - Parallelspiele


25.06.18

Spiele des Tages: Uruguay – Russland 3:0

                                 Saudi-Arabien – Ägypten 2:1

                                 Spanien – Marokko 2:2

                                  Iran – Portugal 1:1

Meine Tipps: Uruguay – Russland 2:2 (Punkte: 0)

                         Saudi-Arabien – Ägypten 0:1 (Punkte: 0)

                         Spanien – Marokko 2:0 (Punkte: 0)

                         Iran – Portugal 0:2 (Punkte: 0)

Gesamtpunktzahl: 27

Ab heute bis zum Ende der Vorrunde finden immer zwei Spiele pro Gruppe parallel statt. Das ist eine für den heutigen Fußball erstaunlich fernsehzuschauerunfreundliche Einrichtung. Warum ist das so?

Der Sinn des Ganzen ist es, Manipulationen zu verhindern. Finden die Spiele nacheinander statt, so der Gedanke, dann kennen die beiden Teams, die das letzte Spiel bestreiten, das Ergebnis der Gruppengegner, können die komplette Tabelle durchrechnen, bevor sie spielen und unter Umständen ein Ergebnis absprechen, das beiden Teams weiterhilft, während die Gruppengegner machtlos zuschauen.

Das ist nicht etwa aus der Luft gegriffen. Die Regel mit den parallelen Spielen wurde als direkte Reaktion auf ein Ereignis beschlossen, das bis heute als einer der größten Skandale der WM-Geschichte gilt – die „Schande von Gijón“.

Zu diesem Tiefpunkt der WM- und der deutschen Länderspielgeschichte kam es vor genau 36 Jahren, am 25.06.1982, während der Vorrunde der WM in Spanien. Damals fanden die abschließenden Gruppenspiele noch nacheinander statt. Im vorletzten Spiel der Vorrundengruppe 2 hatte Algerien Chile mit 3:2 geschlagen und stand damit vor dem Einzug ins Achtelfinale. Im letzten Gruppenspiel im nordspanischen Gijón standen sich nun Deutschland und Österreich gegenüber – und konnten sich ausrechnen, welches Ergebnis für sie am günstigsten wäre. Die beiden Teams erkannten schnell: Deutschland musste gewinnen, um noch an Algerien vorbeizuziehen. Österreich konnte sich eine Niederlage leisten, um vor den Afrikanern zu bleiben, sie durfte aber nicht höher als 0:2 ausfallen. Raten Sie, was geschah - Deutschland ging nach zehn Minuten durch Hrubesch in Führung, danach passierte buchstäblich nichts mehr. Die Mannschaften spielten sich den Ball hin und her, es kam zu keinen ernsthaften Torschüssen oder Zweikämpfen mehr. Algerische Fans auf der Tribüne wedelten erbost mit Geldscheinen, auch die deutschen und österreichischen Fans pfiffen. Es half nichts, es blieb beim 1:0 und Algerien war ausgebootet.

Solche Situationen sollen also durch die Parallelspiele verhindert werden. Das gelingt nicht immer. Manchmal ergibt sich dennoch eine Situation, in der zwei Mannschaften beide von einem abgesprochenen (oder stillschweigend vereinbarten) Ergebnis profitieren und das Parallelspiel bedeutungslos machen würden. Auch in diesem Jahr ist ein solcher Fall dabei: Spielen Frankreich und Dänemark morgen Unentschieden, dann ist Frankreich Gruppensieger und Dänemark kommt als Zweiter ebenfalls weiter - während die Australier, die momentan noch rechnerische Chancen aufs Achtelfinale haben, sich auf den Kopf stellen (oder z.B. 20:0 gegen Peru gewinnen) könnten und doch ausgeschieden wären.

An eine andere derartige Situation, an der ebenfalls Dänemark beteiligt war, erinnere ich mich noch sehr gut. Bei der EM 2004 war vor dem letzten Gruppenspieltag klar: Gab es einen Sieger im Spiel zwischen den beiden führenden Teams, Schweden und Dänemark, könnte Italien mit einem gleichzeitigen Sieg gegen Bulgarien noch am Verlierer vorbeiziehen. Bei einem niedrigen Unentschieden der Skandinavier würden die Italiener mit einem Sieg wegen der erzielten Tore noch die punktgleichen Dänen überholen. Spielten Dänemark und Schweden aber 2:2 – oder ein noch torreicheres Unentschieden – war das Ergebnis der Parallelpartie völlig bedeutungslos, Italien wäre in jedem Fall ausgeschieden. Wie es manchmal so ihre Art ist, meckerten und lamentierten die Italiener schon im Vorfeld, was sie zwar viele Sympathien kostete – sie hatten aber wohl recht! Denn Dänemark und Schweden trennten sich 2:2, die Italiener schafften zwar den Sieg gegen Bulgarien, hatten aber nichts mehr davon. Ob es in diesem Spiel eine Absprache gab, ist allerdings bis heute stark umstritten. Zu schnell und spektakulär erschien es vielen Zuschauern, zu überraschend die Wendungen. Auf der anderen Seite wiesen Kritiker unter anderem darauf hin, dass der in den früheren Spielen so sichere dänische Keeper Sörensen beide schwedischen Tore durch kapitale Patzer begünstigt hatte… Sicher werden wir es wohl nie wissen.

Für den Zuschauer bedeutet diese Parallelschaltung natürlich, dass er entweder auf ein Spiel komplett verzichten oder, sofern überhaupt beide Spiele übertragen werden, hin- und herschalten muss – was natürlich das Risiko beinhaltet, die besten Momente beider Spiele genau zu verpassen. In den letzten Turnieren haben die öffentlich-rechtlichen Sender es so geregelt, dass das vermeintlich interessantere der beiden Spiele auf dem Muttersender, ARD oder ZDF, übertragen wird. Der Spielstand des Parallelspiels wird dabei die ganze Zeit eingeblendet, und bei Toren wird kurz dort hinüber geschaltet. Wer sich doch eher für das zweite Spiel interessiert, der kann es auf dem jeweiligen Tochtersender (ZDFinfo oder ARDone) live verfolgen. Das ist vermutlich die bestmögliche Lösung, trotzdem leidet der Fußballfan mit den verpassten Spielen. Das erste Doppelspiel heute, Russland – Uruguay/ Saudi-Arabien – Ägypten, verpasse ich aber ohnehin, da ich noch auf Arbeit bin. Am Abend schaue ich dann das 1:1 zwischen Portugal und dem Iran, während insgesamt immerhin viermal zum spektakulären 2:2 zwischen Spanien und Marokko geschaltet wird. Ich habe wohl nichts Wichtiges verpasst.

 Es sei zudem noch bemerkt, dass die Parallelspiel-Regelung zu einem meiner aufregendsten, befriedigendsten Fußballmomente überhaupt beigetragen hat:

Bei der WM 2010 spielten zum Abschluss ihrer Gruppe parallel England – Slowenien und USA – Algerien. England war so gut wie durch, Algerien raus – es war also ein Fernduell zwischen den Amerikanern und den Slowenen. Dabei mussten die Amerikaner auf eine Niederlage der Slowenen hoffen und selbst gewinnen, um noch an den Osteuropäern vorbeizuziehen. Leider konnte ich das Spiel der Amerikaner nicht sehen. Ich weiß nicht mehr genau, ob es damals die Übertragung auf dem Tochtersender noch nicht gab oder ob unser Fernseher den Tochtersender nicht empfing. Jedenfalls hatte der Hauptsender sich entschieden, England gegen Slowenien zu übertragen. Sven, der mal wieder zu Gast war, und ich sahen also einen grauenhaft langweiligen 1:0-Sieg der Briten. Im Spiel der Amerikaner stand es die ganze Zeit 0:0 – es war noch nicht ein einziges Mal dorthin hinübergeschaltet worden. Doch dann, plötzlich, England – Slowenien war bereists abgepfiffen, alle hatten sich damit abgefunden, dass die beiden europäischen Teams weiterkommen würden, der Schrei des Kommentators: „TOOOOOOOOOOOR IN PRETORIA!!!!“ Sven und ich hielten den Atem an. Die Umschaltung nach Pretoria kam, und eine amerikanische Jubeltraube erschien auf dem Bildschirm. Zeitgleich sprangen Sven und ich vom Sofa, machten pumpende Faustbewegungen und skandierten: „U-S-A! U-S-A! U-S-A!“ Herrlich. Ich glaube, es wäre mir nicht in derartiger Erinnerung geblieben, wenn ich das ganze Spiel gesehen hätte.

Fußballirrtum des Tages: Das Spiel dauert 90 Minuten (siehe Einzelpost)  

Fußballirrtümer 6 - Es gibt kein Team mehr in der Bundesliga, das nie abgestiegen ist

Leider musste ich diesen schon länger geschriebenen Artikel vor kurzem mit dem Abstieg des HSV aktualisieren. Denn lange hieß es: Der HSV ist die einzige Mannschaft, die nie aus der Bundesliga abgestiegen ist. Das war damals schon falsch, und genauso falsch ist die Annahme, es gebe nun gar keine Mannschaft mehr in der Bundesliga, die nie abgestiegen sei.
Tatsächlich gibt es derzeit (Stand: Vor Saisonbeginn 2018/2019) drei Teams in der Bundesliga, die noch nie aus selbiger abgestiegen sind: Den FC Bayern München, die TSG Hoffenheim und RB Leipzig.
Richtig ist, dass der HSV das letzte Bundesligamitglied war, das von Anfang an immer in der ersten Liga gespielt hatte - und das es nun kein solches Team mehr gibt. Denn die drei anderen genannten sind erst später in die Liga aufgestiegen - und bisher dort geblieben.

WM-Blog 8 - Lieblingsteams


24.06.18

Spiele des Tages: England – Panama 6:1

                                Japan – Senegal 2:2

                                Kolumbien – Polen 3:0

Meine Tipps: England – Panama 1:0 (Punkte: 1)

                         Japan – Senegal 1:2 (Punkte: 0)

                         Polen – Kolumbien 1:1 (Punkte: 0)

Gesamtpunktzahl: 27 (inklusive Übertrag der nicht im Blog dokumentierten Spieltage)

Man kann nur Fan einer Mannschaft sein. Das Herzblut, das es kostet, ein echter Fan zu sein, hat man nicht zweimal zur Verfügung. Leute, die behaupten, Fan „diverser Mannschaften“ zu sein, sind meist in Wirklichkeit überhaupt keine Fans. Man kann übrigens auch kein Fan der Mannschaft sein, an der man selbst als Spieler oder Trainer beteiligt ist – den echten Fan zeichnet die Perspektive des machtlosen Zuschauers aus. Für mich gibt es kein wichtigeres Team als meine Fußballmädels, aber ich bin kein Fan des Teams – ich gehöre ja als Trainer dazu. Ich bin auch nicht Fan eines Nationalteams. Die Mannschaft, der ich fanatisch anhänge, die den Großteil meiner Fußballzuschauer-Emotionen aufsaugt, ist tragischerweise der HSV.

Zum Glück muss man kein Fan in diesem strengen Wortsinn sein, um mit einer Mannschaft zu sympathisieren, mit ihr mit zu fiebern und sich über ihre Erfolge zu freuen. Ich sympathisiere gleich mit einer ganzen Reihe von Nationalteams, aus verschiedenen Gründen. Das ist toll, denn zu Beginn der WM habe ich immer ein paar Teams im Rennen. Leider habe ich ein Faible für sympathische Verlierer, so dass ich so ab dem Viertelfinale oft wieder ohne Team dastehe.

Welche Teams ich seit wann und wieso unterstütze, habe ich hier mal aufgelistet und auch versucht, sie mit Hilfe meiner Gefühle bei verschiedenen Aufeinandertreffen der letzten Jahre in eine Top-10-Rangfolge zu bringen – beginnend mit dem Nationalteam, das mir am wichtigsten ist.


 Seit wann? WM 2002

Warum? Ich sympathisierte aufgrund meiner Neigung zu Teams von den britischen Inseln von Beginn der WM an mit den Iren. Mein Herz gewannen sie endgültig mit ihrer starken Vorrundenleistung gegen Deutschland, und dann ging es schnell die Rutschbahn hinab. Ich stieß auf sympathische kleine Geschichten über die Mannschaft, ich bekam zum Geburtstag (der immer während der WM stattfindet) ein Irland-Fanshirt und wurde Augenzeuge des dramatischen Aus gegen Spanien im Elfmeterschießen. Seitdem ist Irland meine liebste Nationalmannschaft.

Der beste Moment: Robbie Keanes 1:1 im WM-Vorrundenspiel gegen Deutschland 2002. Oder John O’Sheas 1:1 gegen Deutschland in der WM-Quali 2013. Letzteres habe ich in meinem Stamm-Irish Pub gesehen. Obwohl, wie gesagt, ein Irish Pub, war ich der einzige der vielen Gäste, der jubelte, als O’Shea traf. Daraufhin gab mir der Wirt ein Bier aus.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Robbie Keane




 Seit wann? Solange ich zurückdenken kann

Warum? Mein liebster Urlaubsort als Kind war ein Campingplatz am Vänernsee in Schweden. Von daher war ich prädestiniert, Schweden-Anhänger zu werden.

Der beste Moment: Das besonders Schöne an meiner Schweden-Anhängerschaft: Da gibt es so viele Momente. Natürlich ist das spektakuläre 4:4 im WM-Qualispiel gegen Deutschland 2012 zu nennen. Oder aber auch das Spiel um Platz 3 1994, das erste WM-Spiel, das ich als solches erlebte – ein 3:0 für Schweden. Oder der Tag auf der Fanmeile 2006, als Schweden in einem Duell von zwei meiner Teams (ich hatte mein Gesicht halb als Schweden-, halb als Englandflagge bemalt) zum Ausgleich gegen England traf und eine klischeehaft bildhübsche Schwedin mir einen herzhaften Kuss verpasste. Oder der Moment 2002, als Anders Svensson zum 1:1 gegen Argentinien traf und damit nicht nur für das Weiterkommen seiner Schweden, sondern auch für das Vorrundenaus der hochgehandelten Südamerikaner sorgte…  

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Anders Svensson



3. Schottland

 Seit wann? Seit etwa 1996

Warum? Es fing natürlich mit meiner generellen Begeisterung fürs britische an. Bei der EM 96 gefielen mir dann die schottischen Trikots besonders gut. Später begeisterte mich der Kampfgeist der spielerisch eher schwachen Mannschaft.

Der beste Moment: Die Qualifikation zur EM 2004, als Schottland mit Frankreich und Italien eine scheinbar unmögliche Qualigruppe hatte, dann Frankreich zweimal und Italien einmal spektakulär schlug – und tragisch scheiterte, weil es in den Spielen gegen die schwachen Gruppengegner wie Kasachstan zu wenig Punkte holte.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: James „Faddy“ McFadden



4. England

 Seit wann? Konkret seit 1996, eine leichte Neigung dorthin hatte ich aber schon immer

Warum? England war ein weiteres frühes Reiseland meiner Kindheit, das mich immer sehr faszinierte. Und ich habe früh die englische Liga verfolgt – viele meiner absoluten Lieblingsspieler waren und sind Engländer. Außerdem habe ich ein Faible für tragisches Scheitern – und das kann keiner so schön wie die Engländer.

Der beste Moment: Das 6:1 gegen Panama heute. So wollte ich England schon immer spielen sehen.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Alan Shearer



5. Australien

 Seit wann? Vage seit 2000, konkret seit 2005

Warum? Meine „Liebe“ zu Australien, einem Land, das ich nie bereist habe, kommt von den Olympischen Spielen 2000 in Sydney, die eins meiner liebsten Sportevents aller Zeiten sind – tolle Stimmung, super Wettkämpfe und das besondere Gefühl, Livesport mitten in der Nacht oder früh am Morgen zu schauen. Seither war ich Australien zugeneigt und hoffte, die Qualifikation des Fußballteams zu einem großen Turnier mitzuerleben – ein Wunsch der mit dem Confed-Cup 2005 und der WM 2006 schließlich erfüllt wurde. Und das Beste: Die Australier spielten genau so kämpferisch, kraftvoll und sympathisch, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und scheiterten beide Male genauso tragisch, wie meine Teams es nun mal zu tun pflegen.

Der beste Moment: Das bedeutungslose Confed-Cup-Spiel gegen Tunesien 2005, das ich mit meinem Kumpel Samuel live im Leipziger Zentralstadion sah. Australien verlor, aber die Stimmung war hervorragend – und hinterher entdeckten wir nur ein paar Straßenecken vom Stadion entfernt einen australischen Pub, in dem wir mit den weitgereisten Fans Fosters tranken und feierten.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Mark Viduka



6. Liechtenstein

 Seit wann? Seit etwa 2004

Warum? Meine schräge Beziehung zu Liechtenstein ist nur schwer knapp und verständlich wiederzugeben, also versuche ich es gar nicht erst. Liechtenstein hat sich jedenfalls in den letzten Jahren zu einem Running Gag in meinem Freundeskreis entwickelt.

Der beste Moment: Ich habe noch nie ein Liechtensteinspiel live gesehen – weder im Stadion noch im Fernsehen. Trotzdem: Als ich 2007 im Liveticker vom 1:0-Sieg über Lettland las, habe ich ausgelassen gefeiert.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Mario Frick, wohl einziger liechtensteinischer Träger eines Fußballweltrekords: Er ist bisher der einzige Spieler der Welt, der 100 Länderspielniederlagen erlitten hat.



7. USA

 Seit wann? WM 2002

Warum? Obwohl ich den USA schon 2002 politisch sehr kritisch gegenüberstand, spielte die Mannschaft damals so tollen Fußball, dass ich mich total in sie verliebte. Außerdem haben sie immer coole Auswärtstrikots.

Der beste Moment: Landon Donovans Tor gegen Algerien 2010. Was genau daran so toll war, werde ich in den nächsten Tagen in diesem Blog detaillierter beschreiben, wenn es um gleichzeitig stattfindende Spiele gehen wird.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Michael Bradley



8. Dänemark

 Seit wann? Schon immer

Warum? Weil Dänemark das häufigste Urlaubsland meiner Kindheit war, weil Dänemark in meiner ersten prägenden Fußballphase im Alter von sechs bis zwölf Jahren (also 1992 bis 1998) ein besonders gutes Team hatte, weil ich kurz danach, also mit zwölf oder dreizehn, die dänischen Mädchen für mich entdeckte und weil ich immer begeistert von den schönen roten Hummeltrikots war.

Der beste Moment: Kurioserweise ein 0:0, und zwar bei der EM 2004 gegen Italien. Eins der spannendsten Spiele, die ich je erlebt habe.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Peter Schmeichel



9. Neuseeland

 Seit wann? Seit 2010

Warum? Eigentlich habe ich bei der WM 2010 schlicht beschlossen, Neuseeland als Australiens kleinen Bruder einfach auch noch zu adoptieren. Sie gewannen kein Spiel und schieden gleich in der Vorrunde aus. Aber cool waren sie trotzdem.

Der beste Moment: Shane Smeltz‘ Führungstor gegen Italien 2010. Mein Bruder und ich sprangen zeitgleich vom Sofa auf und jubelten und grölten so laut, dass die ganze Nachbarschaft zusammengerannt kam (und eine ahnungslose Nachbarin fragte, ob ihr entgangen sei, dass Deutschland heute spiele…). Am Ende „nur“ ein 1:1, aber das störte uns kaum.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Chris Killen



10. Mexiko

 Seit wann? Seit 2005

Warum? Auf der Suche nach einer Mannschaft mit Potential, beim Confed-Cup 2005 sowohl die ungeliebten Brasilianer als auch die ungeliebten Deutschen zu schlagen, stieß ich auf Mexiko, deren Spielstil mir sofort zusagte und bis heute zusagt. Ich habe mir dann selbst ein Fanshirt bemalt (darauf waren ein Sombrero, ein Kaktus, die Umrisse von Mexiko und eine Tequila-Flasche mit dem Spruch „Wir werden spielen wie Flasche voll“…) und zu jedem Spiel laut Fiesta Mexicana und Mexico abgespielt und mitgegrölt. HOSSA! HOSSA! HOSSA, HOSSA, HOSSA!

Der beste Moment:  Mexiko hat die nette Angewohnheit, Teams zu schlagen, die ich nicht leiden kann. Daher gibt es derzeit drei ganz große Highlights: Natürlich der erhoffte Sieg gegen Brasilien beim Confed Cup 2005, der Sieg gegen die abartigen Franzosen bei der WM 2010 und der Sieg gegen Deutschland bei der laufenden WM.

Mein Lieblingsspieler aller Zeiten: Pavel Pardo



11 ff. Unter ferner liefen:

Weitere Nationalteams, denen ich hin und wieder die Daumen drücke, die aber klar hinter den oben genannten anstehen: Norwegen, Wales, Kanada, Südafrika, Island, Tahiti.



Fußballirrtum des Tages: Es gibt kein Team mehr in der Bundesliga, das nie abgestiegen ist (siehe Einzelpost)  

Sonntag, 24. Juni 2018

Fußballirrtümer 5 - Es gibt einen psychologisch günstigen Zeitpunkt für Tore

Kaum ein Kommentator traut sich heute noch, die Phrase von dem Treffer zum psychologisch günstigen Zeitpunkt zu benutzen. Trotzdem hält sich der alte Volksglaube hartnäckig, es wäre gut, ein Tor - insbesondere ein Ausgleichstor - kurz vor der Halbzeitpause zu erzielen. Die eigene Mannschaft ginge dann mit einem guten Gefühl in die Kabine, die gegnerische sei dagegen geschockt.
Es gab nie einen ernsthaften Hinweis darauf, dass dem wirklich so ist. Man ging und geht wohl einfach davon aus, weil es auf den ersten Blick überzeugend klingt - das ist übrigens, wie wir noch bei einigen späteren Einträgen sehen werden, relativ häufig bei Fußballirrtümern.
Dabei kann man sich auch auf Anhieb fragen stellen. Zum Beispiel:
- Gibt es aus Sicht des gegnerischen Teams überhaupt einen "guten Zeitpunkt" für ein Gegentor? Und müsste eine Mannschaft sich ärgern, zu früh zu treffen - weil ein späterer Zeitpunkt günstiger gewesen wäre?
- Kann es nicht sogar von Vorteil sein, wenn kurz nach dem Gegentreffer erstmal Pause ist? Schließlich hat die betroffene Mannschaft jetzt Gelegenheit, sich von dem Schreck zu erholen und auf die neue Situation einzustellen.
Schon solche Überlegungen lassen den Verdacht aufkommen, dass an dem Klischee nichts dran ist.
Das ist aber auch wissenschaftlich bestätigt. Der Sportpsychologe Peter Ayton untersuchte in den 90ern die Premier League statistisch und fand keinen Zusammenhang zwischen Zeitpunkt der Tore und Sieger einer Partie. Der deutsche Autor Christian Eichler weist daraufhin, dass es in sämtlichen WM-Spielen zwischen 1990 und 1998 nicht ein einziges Mal zu einem Sieg nach Ausgleich kurz vor der Pause kam - es sei denn, man wertet das Unentschieden Argentiniens mit späterem Sieg im Elfmeterschießen gegen England 1998.
Also: Alles Quatsch, wichtig ist nur, dass das Tor überhaupt fällt.

WM-Blog 7 - Die verlorene Unschuld

Wegen Internetlosigkeit bin ich leider ein paar Tage im Verzug... Den Blogbeitrag für den 20. Juni hatte ich aber schon geschrieben, darum liefere ich ihn noch nach. 

19.06.18
Spiele des Tages: Kolumbien – Japan 1:2
                                Polen – Senegal 1:2
                                Russland – Ägypten 3:1
Meine Tipps: Kolumbien – Japan 2:0 (Punkte: 0)
                         Polen – Senegal 1:2 (Punkte: 3)
                         Russland – Ägypten 2:1 (Punkte: 1)
Gesamtpunktzahl: 16
Heute spielen Polen gegen Senegal und Kolumbien gegen Japan – und beide Male gewinnt der Außenseiter. Das gäbe einen schönen Tagesartikel über Außenseitersiege her, aber es gibt diesmal ein viel wichtigeres Thema: Der erste Spieltag der Vorrunde ist rum.
Das ist ein trauriger Moment. Die WM hat ihre Unschuld verloren. Wir haben alle Teams einmal spielen sehen. Die ersten Weichen sind gestellt, und viele Mannschaften werden nach ihrem nächsten Spiel bereits als Heimfahrer feststehen. Die Aufregung vor dem ersten Match ist vorbei, die Spannung, in welcher Form ein Team sich befindet. Auf der positiven Seite kann man jetzt über den weiteren Verlauf der Gruppen spekulieren – was ich natürlich umgehend tun werde (und dabei nach Kräften versuchen werde, zu ignorieren, dass ein zweites Match schon stattgefunden hat, nämlich Ägypten gegen Russland).
GRUPPE A
Klar scheint zu sein, dass Russland durch ist und Saudi-Arabien raus. Zu deutlich die Klatsche, die die Araber gegen den Gastgeber einstecken mussten. Auch der zweite Halbfinalist steht ziemlich sicher fest, da Uruguay das wohl schon vorentscheidende Match gegen Ägypten gewonnen hat und morgen wohl gegen Saudi-Arabien gewinnt. Mein Tipp: Russland Erster, Uruguay Zweiter.
GRUPPE B
Portugal in einer bestechenden Form und das aufregendere Team beim spektakulären 3:3 – Spanien aber fußballerisch das bessere. Durch die Tatsache, dass es hier keinen Verlierer gab und der Iran das Spiel gegen die eigentlich besseren Marokkaner gewonnen hat, steht für mich bereits fest, was auch alle vorher schon geahnt haben – Spanien und Portugal kommen weiter. Marokko hätte ich eine Überraschung zugetraut, wenn sie mit drei Punkten gestartet wären und es einen Verlierer zwischen Portugal und Spanien gegeben hätte. Der Iran ist trotz der drei Auftaktpunkte zu schwach für eine Sensation. Mein Tipp: Portugal Erster (und WM-Kandidat), Spanien Zweiter.
GRUPPE C
Frankreich, Dänemark und Peru schwächer als erwartet, Australien stärker als erwartet. Das könnte für einen überraschenden Achtelfinaleinzug der Australier reichen – Dänemark ist zu knacken, Peru schon so gut wie raus. Ich bin gespannt, ob die Franzosen sich im Laufe des Turniers steigern können. Zum Weiterkommen sollte es auf jeden Fall langen. Mein Tipp: Frankreich Erster, Australien Zweiter.
GRUPPE D
Starker Auftritt Kroatiens gegen einen allerdings schwachen Gegner; Argentinien enttäuschte komplett, die Isländer waren kampf-, aber nicht spielstark. Ich vermute, dass Kroatien ein Unentschieden gegen Argentinien und einen Sieg gegen Island einfährt und die Gruppe sogar gewinnt. Mein Tipp: Kroatien Erster, Argentinien Zweiter.
GRUPPE E
Auch, wenn viel über das Unentschieden gegen die Schweiz gespottet wurde, hat Brasilien stark gespielt und sowohl gute Organisation gezeigt als auch Genie aufblitzen lassen. Ich sehe das sehr positiv. Serbien hat mir auch gefallen, aber dass die Schweiz den Big Point gegen Brasilien geholt hat, dürfte eher die Eidgenossen weiterbringen. Costa Rica ist trotz einem Navas in Galaform schon so gut wie raus. Mein Tipp: Brasilien Erster (und WM-Kandidat), Schweiz Zweiter.
GRUPPE F
Deutschland war wirklich unterirdisch. Richtig, richtig schlecht. Sie werden früh ausscheiden bei dieser WM. Aber wohl nicht in der Vorrunde. Das sind schlechte Neuigkeiten für die Schweden, denn Mexiko wird sich Platz 1 sichern. Mein Tipp: Mexiko Erster, Deutschland Zweiter.
GRUPPE G
Eine überraschend starke Gruppe. Panama präsentierte sich besser als erwartet, spielfreudig und schnell; Tunesien lieferte einen tollen Kampf und stand defensiv sehr sicher. Umso überzeugender die Auftritte der Gruppenfavoriten: Belgien spielte so schnell, spritzig und geschickt wie es das Klischee von den Brasilianern und die Medien von den Deutschen erwarten. England war eiskalt und superclever. Zwei Titelkandidaten. Mein Tipp: Belgien Erster (und WM-Kandidat), England Zweiter (und WM-Kandidat).
GRUPPE H
Wie ich – und offenbar kaum jemand sonst – erwartet habe, ist Polen abhängig von einem schwachen Lewandowski und kann wohl nach der Vorrunde die Koffer packen. Ob Kolumbien das Steuer noch rumreißen kann, wird spannend – eigentlich schätze ich die Japaner nicht so stark ein, so dass der Sieger der Partie Kolumbien – Polen wohl noch an ihnen vorbeiziehen wird. Senegal hatte ich von Anfang an auf der Liste und fühle mich durch den heutigen Auftritt bestätigt.

Fußballirrtum des Tages: Es gibt einen psychologisch wichtigen Zeitpunkt für Tore (siehe Einzelpost)  

Mittwoch, 20. Juni 2018

Fußball-Irrtümer 5 - Die WM 2006 war ein Turnier des spektakulären Offensivfussballs


Trotz des sich so langsam offenbarenden Schmiergeldskandals um ihre Vergabe bleibt die WM 2006 in guter Erinnerung. Traumhaftes Wetter, ausgelassene Stimmung und… spektakuläre Spiele?

In Deutschland erinnern sich viele Menschen an ein Feuerwerk des Angriffsfußballs, an hochklassige, schnelle Spiele mit vielen Toren. Aber war das wirklich so?

Statistisch fielen bei der WM 2006 nur 2,3 Tore pro Spiel, nur bei einer einzigen WM gab es bisher weniger. Der Schweiz gelang ein skurriler WM-Rekord, sie war die erste Mannschaft, die bei einer WM ausschied, ohne ein einziges Gegentor kassiert zu haben (das Aus kam nach einem 0:0 gegen die Ukraine im Achtelfinale, nachdem die Schweizer im entscheidenden Elfmeterschießen nicht einen einzigen Elfmeter verwandeln konnten).

Dafür ging es rabiater zu als je zuvor, insgesamt kam es zu 28 Platzverweisen, sowohl als reine Zahl als auch im Schnitt pro Spiel (0,44) der Höchstwert in der WM-Geschichte. Außerhalb Deutschlands erinnern sich viele vor allem an die Achtelfinalpartie zwischen Portugal und den Niederlanden, in der mit 12 gelben und vier gelb-roten Karten ebenfalls ein Rekord aufgestellt wurde. Im Finale standen zwei defensiv ausgerichtete Teams, die wenige Tore zuließen und selbst nur das Nötigste nach vorne machten. Weltmeister wurde schließlich Italien, das im ganzen Turnier nur zwei Gegentreffer kassiert hatte, ein Eigentor im Vorrundenspiel gegen die USA und ein Elfmetertor im Finale gegen Frankreich. Als prägender Spieler des Turniers wurde Italiens Innenverteidiger Fabio Cannavaro wahrgenommen, ein echter Zerstörer, der dann sogar Weltfußballer des Jahres 2006 wurde. Die WM in Deutschland war also ein Turnier der Verteidiger.

Warum aber erinnern dann so viele Deutsche 2006 als ein Turnier des erfrischenden Angriffsfußballs? Weil die deutsche Mannschaft zum ersten Mal seit Jahren offensiv spielte und viele Tore erzielte! Dass die Leistung der eigenen Mannschaft den Blick auf das ganze Turnier verzerrt, ist nicht neu – auch die WM 1990, bei der Deutschland Weltmeister wurde, wird hierzulande positiver gesehen als im Rest der Welt. Das Turnier in Italien war das einzige mit noch weniger Toren pro Spiel als 2006 (2,21) und ist allgemein als langweiligste WM aller Zeiten verrufen…

WM-Blog 6 - Torjubel


17.06.18

Spiele des Tages: Schweden – Südkorea 1:0

                                 Belgien – Panama 3:0

                                 Tunesien – England 1:2

Meine Tipps: Schweden – Südkorea 2:1 (Punkte: 2)

                          Belgien – Panama 2:0 (Punkte: 1)

                          Tunesien – England 0:2 (Punkte: 1)

Gesamtpunktzahl: 12

Ich schaue mir mit meiner Schwester Tunesien gegen England an. England startet stark, geht früh durch Harry Kane 1:0 in Führung. Dann entwickelt sich ein grauenhaftes Spiel, auch wenn es einem Respekt für die Tunesier abnötigt. Denn die versuchen weiter, Nadelstiche zu setzen, bis sie schließlich mit einem mehr als fragwürdigen Elfmeter belohnt werden. Der führt zum 1:1, obwohl Englands Keeper Pickford noch mit den Fingerspitzen dran ist. Nun wird den Tunesiern klar: Ein 1:1 gegen England wäre doch ein Riesenerfolg! Das Spiel wird zur Abwehrschlacht – und zum Krampf, denn nun stehen elf Tunesier den haushoch überlegenen Engländern permanent im Strafraum im Weg. Immer wieder spielen sich die Engländer bis an den Strafraumrand, doch wenn der Pass oder die Flanke in den Strafraum kommt, ist irgendein tunesisches Körperteil dazwischen. Kane wird dreimal im Strafraum umgerissen, dreimal ist es ein deutlicherer Elfmeter als der, den Tunesien bekam, dreimal bleibt die Pfeife stumm. Erst in der Nachspielzeit werden England und wir erlöst: Kane kommt noch einmal völlig frei zum Kopfball und macht das 2:1! Auftaktsieg für England!

„Ich wusste nicht, dass man das noch macht“, sagt meine Schwester.

„Was?“, frage ich.

„Na, so jubeln“, sagt sie und zeigt auf die Wiederholung des englischen Torjubels, „auf einem Haufen!“

Sie hat Recht. Der Torjubel der Engländer war beide Male ungewöhnlich, zumindest für eine Spitzenmannschaft. Kane vollführt kein Kunststück, keine symbolische Geste, keinen charakteristischen Standardjubel als er trifft. Er sprintet einfach, seine Freude herausschreiend, zur Seitenlinie, wo seine Teamkameraden ihn einholen und ihm um den Hals fallen, bis er unter einer Spielertraube begraben ist. Das wirkt im modernen Fußball, wo auch die Freude längst Inszenierung ist, anachronistisch ehrlich. Einen solchen einfachen Jubel erlebt man sonst höchstens von den kleinen Teams, für die jeder Treffer sich anfühlt wie ein Triumph – und selbst von denen nicht immer. Zumindest seit ich die WMs detailliert verfolge, also seit 2002, ist der inszenierte Jubel ganz normal. Auf 2002 zurückblickend fällt mir da natürlich Deutschlands Miroslav Klose ein, der nach jedem Treffer einen Salto schlug. Ein Torjubel, der nicht nur geplant war, sondern für den Klose sogar noch trainierte. In späteren Jahren, etwas älter und unbeweglicher geworden, kündigte Klose den Salto manchmal sogar im Voraus an – „Wenn ich gegen xyz treffe, schlage ich wieder einen Salto!“ Aber auch mein Lieblingsspieler und Lieblingsspiel der WM 2002 (und vielleicht aller Zeiten) sind betroffen. Als Robbie Keane in der Nachspielzeit der Vorrundenpartie gegen Deutschland zum 1:1 trifft (die deutsche Führung hatte Klose hergestellt und mit einem Salto gefeiert), erwartet man einen spontanen, ehrlichen Jubel, wie er zu den bodenständigen Iren passt. Doch stattdessen schlägt Keane routiniert ein Rad. Dann möchte er eine Geste ins Publikum machen, die offenbar einen Bogenschützen darstellen soll. Als ihm Teamkollegen, die ihn beglückwünschen wollen, dabei in die Quere kommen, schiebt er sie beiseite. Das macht keinen guten Eindruck.

Auch dieses Jahr haben wir bereits wieder viel inszenierten Jubel gesehen. Besonders auffällig natürlich Christiano Ronaldo, der bei seinen drei Treffern sowohl den einstudierten Standardjubel als auch den wohlüberlegten symbolischen Jubel präsentiert – aber nie einen spontanen Jubel der ehrlichen Freude. Nach allen drei Toren hatte er seinen üblichen „Superheldenjubel“ aufgeführt; nach dem dritten Treffer strich er sich zudem mit großer Geste über einen imaginären Ziegenbart. Eine Kampfansage an Lionel Messi, seinen Dauerkonkurrenten im Kampf um den Titel „Bester Fußballer der Welt/aller Zeiten“. Denn Ziege heißt auf Englisch goat, doch GoaT ist auch das Akronym für Greatest of all Time, Bester aller Zeiten.

Die Engländer jedenfalls scheinen spontan und freudig zu Jubeln, und das macht sie sehr sympathisch. Es unterstützt den Eindruck des jungen, hungrigen Teams, das sich nicht auf alten Lorbeeren und großen Namen ausruht, sondern gewillt ist, Leistung zu zeigen. Um das ganz sicher zu sagen, müsste man die Engländer natürlich noch ein paar Mal jubeln sehen – aber ich habe das Gefühl, als sollte das kein Problem sein.  

Fußballirrtum des Tages: Die WM 2006 war ein Feuerwerk des Offensivfußballs (siehe Einzelpost)  

Montag, 18. Juni 2018

Fußball-Irrtümer 4 - Es ist ein Vorteil, in roten Trikots zu spielen




Ein Mythos, der vor allem vom ehemaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann befeuert wurde und sich bis heute hält, besagt dass eine Mannschaft, die in roten Trikots spielt, gegenüber dem Gegner einen psychologischen Vorteil hat und ein enges Spiel eher für sich entscheiden kann. Dies scheint durch eine sportwissenschaftliche Studie und auch durch Statistiken aus der Bundesliga und der Premier League bestätigt, und so verordnete Klinsmann dem deutschen Team 2006 rote Auswärtstrikots (und setzte sich sogar für rote Heimtrikots ein, daraus wurde aber nichts). Er war dabei aber in Wirklichkeit einem Trugschluss aufgesessen, einer falschen Anwendung der vorliegenden Daten.

Die erwähnte Studie, die übrigens nicht von Sportwissenschaftlern, sondern von den Evolutionsbiologen Russel Hill und Robert Barton 2005 in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde, bezog sich nur auf die Erfolge von Kampfsportlern (Boxer, Ringer und Taekwondo-Kämpfer) bei den Olympischen Spielen 2004.

Auf den ersten Blick ist klar, dass zwischen Kampfsportlern und Fußballern Welten liegen, das Problem geht aber noch tiefer. In den Olympischen Kampfsportarten gibt es nämlich ausschließlich rote und blaue Trikots, die den Athleten vor dem Kampf zugelost werden. Tatsächlich deckte die Studie auf, dass die Kämpfer, denen das rote Trikot zugelost wurde, einen signifikanten Vorteil hatten. Aber der ging offenbar in erster Linie darauf zurück, dass die Schiedsrichter den Träger eines roten Trikots als aggressiver wahrnehmen und eher ihm die Initiative bei Angriffen und das Landen eines Treffers anrechnen – was in den Kampfsportarten zu höherer Punktzahl führt. Dieser Effekt ist auf den Fußball nicht einmal ansatzweise zu übertragen. Höchstens stellt sich die Frage, ob ein Spieler in einem roten Trikot nicht eher Gefahr läuft, dass ihm ein Foul unterstellt wird; dazu gibt es aber bisher keine klaren Studien.

Und was ist mit den ebenfalls gerne angeführten Studien zu den Erfolgen rotgewandeter Teams in Bundesliga und Premier League? Schließlich waren nach den damaligen Statistiken (also Stand 2004) 60% der Premier League- und 48,5% der Bundesligameister in roten Heimtrikots angetreten! Hier ist aber zu bedenken, dass das absolute deutsche Spitzenteam, der FC Bayern München, der der Konkurrenz finanziell weit voraus ist, Rot trägt – aber vermutlich mit lila Trikots mit gelben Tupfen nicht weniger erfolgreich wäre. In England gibt es gleich drei derartige Spitzenteams in roten Trikots: Manchester United, FC Liverpool und Arsenal London. Auch hier ist die Farbe der Trikots wohl ein eher zu vernachlässigender Faktor.

Bei Fußballweltmeisterschaften ist im Übrigen sogar Gegenteiliges zu beobachten: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine in Blau gekleidete Mannschaft gewinnt, ist statistisch höher. Bisher siebenmal wurde eine in blauen Heimtrikots spielende Mannschaft Weltmeister – einmal Frankreich, zweimal Uruguay, viermal Italien. Rechnet man die in blau-weiß spielenden Argentinier auch dazu, trug der Sieger sogar neunmal blau. Und es soll nicht verschwiegen werden, dass Brasilien bei seinem Finalsieg 1958 in und gegen Schweden die blauen Auswärtstrikots trug. Ein Team in roten Heimtrikots konnte nur ein einziges Mal Weltmeister werden – Spanien 2010, das im Finale übrigens die schwarzen Auswärtstrikots trug. Außerdem trug England beim Finalsieg 1966 die roten Auswärtstrikots, hatte das Turnier aber vorwiegend in den weißen Heimtrikots bestritten (was die Zahl der Erfolge von Teams in weißen Heimtrikots auf immerhin fünf bringt – viermal Deutschland, einmal England; dazu kommen noch fünf WM-Titel von Teams in gelben Heimtrikots – immer Brasilien).


WM-Blog 5 - Titelverteidiger


17.06.18

Spiele des Tages: Costa Rica – Serbien 0:1

                                 Deutschland – Mexiko 0:1

                                 Brasilien – Schweiz 1:1

Meine Tipps: Costa Rica – Serbien 1:1 (Punkte: 0)

                          Deutschland – Mexiko 0:1 (Punkte: 3)

                          Brasilien – Schweiz 3:1 (Punkte: 0)

Gesamtpunktzahl: 8

Es ist passiert! Einer der schönsten WM-Abende seit Jahren! Ein spritziges, lebhaftes und cleveres Mexiko schlägt das dröge Deutschland hochverdient, eher noch zu niedrig, mit 0:1. Fehlstart für den Titelverteidiger! Was habe ich gefeiert!

Jetzt kommt natürlich das Thema auf, das bisher vor dieser WM ein Tabu war: Was ist eigentlich in den letzten Jahren mit den Titelverteidigern los?

1998 kam Titelverteidiger Brasilien ins Finale. Dort wurden die Südamerikaner von Frankreich gnadenlos demontiert, 0:3 der Endstand. Ein blamabler Auftritt, aber immerhin stand Brasilien wieder im Finale. Es ist bis heute das beste Ergebnis, das ein WM-Titelverteidiger erreicht hat, seit ich die Turniere verfolge.

2002 folgte eine Sensation. Titelverteidiger und Europameister Frankreich, haushoher Favorit, spielte in einer nominell leichten Gruppe, erzielte aber keinen einzigen Treffer. 0:1 gegen Senegal, 0:0 gegen Uruguay, 0:2 gegen Dänemark. Das Vorrundenaus. Weltmeister wurde Brasilien.

Die Brasilianer starteten 2006 als vielleicht höchst gehandelter Favorit aller Zeiten. Nie zuvor habe ich erlebt, dass ein Team von den Medien im Voraus so dermaßen überzeugt zum Weltmeister geschrieben wurde. Mit Mühe schafften sie die leichte Gruppe mit Kroatien, Australien und Japan. Im Achtelfinale ein weiterer schwacher Gegner, Ghana, der relativ entspannt aus dem Weg geräumt wurde. Dann kam Frankreich, und wieder war Brasilien chancenlos. Aus im Viertelfinale. Im Finale siegte Italien gegen Frankreich.

2010 hatte Italien es als Titelverteidiger in der Vorrunde mit Paraguay, Neuseeland und der Slowakei zu tun – und schaffte das Kunststück, Gruppenletzter zu werden. Sogar gegen Neuseeland, den größten Außenseiter der WM, war nur ein 1:1 drin, und selbst das nur mit Hilfe eines mehr als fragwürdigen Elfmeters. Der Titel ging an Spanien.

Die Spanier schienen den Weltfußball zu dominieren – bis sie in ihrem Auftaktspiel als Titelverteidiger 2014 von Holland nach allen Regeln der Kunst zerlegt wurden – 1:5!!! Es folgte eine Niederlage gegen Chile, womit das Vorrundenaus besiegelt war. Da half auch der Sieg zum Abschluss gegen Australien nicht mehr. Deutschland holte sich den Pokal.

Und startete jetzt mit einer unterirdischen Leistung gegen Mexiko, mit der ersten deutschen Auftaktspiel-Niederlage seit 1982.

Woran also liegt das? Zum einen sind die vier Jahre zwischen zwei Weltmeisterschaften ziemlich lang. Da verändert sich so einiges. Einige der Weltmeister von damals stehen nicht mehr zur Verfügung. Im Falle Deutschlands sind Lahm, Klose, Schweinsteiger, Podolski nie adäquat ersetzt worden. Andere spielen zwar noch, sind aber nicht mehr auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Bei Özil, Hummels, Boateng scheint das der Fall zu sein. Der Trainer tut sich aber schwer, verdiente Kräfte auszuschließen. Acht Weltmeister standen gegen Mexiko auf dem Platz, die dringend nötige Verjüngungskur wurde verpasst. Schaut man auf die vorherigen Titelverteidiger-Versager, ist dieses Phänomen auch dort zu beobachten. Brasilien brachte 2006 Ronaldo wieder mit, der völlig über den Zenit war. Spanien war 2014 eins der ältesten Teams überhaupt.

Zum anderen klammert man sich ans vor vier Jahren erfolgreiche System fest. Aber im modernen Fußball wurde das System des Weltmeisters innerhalb von vier Jahren hundertfach kopiert, analysiert, ausmanövriert. Zumindest die Spitzenteams wissen, wie der Weltmeister zu knacken ist. Als Musterbeispiel gelten hier die Spanier von 2014, deren Tiki-Taka sich einfach überlebt hatte und für Holländer und Chilenen problemlos zu durchschauen war. So erging es heute auch Deutschland. Die Mexikaner wussten genau, was Deutschland vorhatte und arbeiteten gezielt dagegen. Hummels und Kroos wurden als Aufbauspieler massiv unter Druck gesetzt, so dass sich Khedira und Boateng in dieser Rolle versuchen mussten – und komplett versagten. Die Schwachstellen von Löws veraltetem System wurden gnadenlos aufgedeckt, und die Deutschen fanden keine Antwort darauf.

Und schließlich schleicht sich eben doch eine Sättigung, eine Selbstgefälligkeit ein. Das Erschreckendste, was das Mexikospiel zu bieten hatte (zumindest, wenn man es mit Deutschland hält), war die Überzeugung von Trainern, Spielern und Fans, dass es schon irgendwie klappen werde. Ein Auftaktspiel verlieren? Nie! Das passiert Deutschland einfach nicht. Schließlich ist man Weltmeister! Irgendwas würde schon passieren, es würde sich ganz von selbst fügen. Diese Überzeugung war permanent zu erkennen, und auch in den Interviews nach dem Spiel strahlte Löw sie noch aus. Ein Vorrundenaus? Undenkbar! Kein gutes Omen für die kommenden Aufgaben. Die massiven Fehler aus Arroganz erinnern erneut an Brasilien 2006, als der Trainer sich schon Monate vor der WM auf die Startaufstellung festgelegt hatte und Brasiliens Staatschef schon vor dem ersten Spiel Flüge zum Finale gebucht hatte. So rutschte Marco Reus, dem heute wohl besten deutschen Spieler, die Information raus, dass er nicht von Anfang an spielen sollte, weil Löw mit einem langen Turnier rechnete – und Reus erst in den „wichtigen“ Spielen einsetzen wollte. Die Vorrunde? Über die brauchte man ja nicht nachdenken, die würde man sowieso mit links schaffen…

Es wird spannend zu sehen, ob sich die Mannschaft noch einmal aus dem Sumpf ziehen kann. Mit einer Niederlage gegen Schweden am Samstag wäre es schon gelaufen.

Die Vorrunde ist vielleicht trotzdem noch zu retten. Aber seit heute bin ich überzeugt (und beruhigt): Der Titel ist für Deutschland völlig unerreichbar.



Fußballirrtum des Tages: Es ist ein Vorteil, in roten Trikots zu spielen (siehe Einzelpost)  

Sonntag, 17. Juni 2018

Fußballirrtümer 3 - Manuel Neuer hat das Torwartspiel revolutioniert


Über den deutschen Nationaltorhüter Manuel Neuer kursieren mehrere verklärende Mythen; die verbreitetste, auch von ausgewiesenen Fußballexperten immer wieder bemühte Fehlbehauptung ist aber, Neuer habe das Torwartspiel völlig neu interpretiert und somit revolutioniert. Er habe den mitspielenden Torwart, der manchmal fast wie ein Libero auftritt und auch in das Aufbauspiel der Mannschaft integriert ist, erfunden oder zumindest populär gemacht.

Man kann bei solchen Behauptungen eigentlich nur den Kopf schütteln und sich wundern, wie schnell Fußballgeschichte vergessen wird. Denn schon Russlands großer Torwart der späten 50er und frühen 60er Jahre, Lew Jashin, wurde für die selbe Spielweise gefeiert, die nun angeblich Manuel Neuer eingeführt haben soll. Heißt es oft, Neuer könne wohl auch als Feldspieler Karriere machen, fing Jashin sogar als solcher an – vor seiner Entdeckung als Torwarttalent spielte er als Stürmer. Über seine Spielweise heißt es auf Wikipedia:

„Waren seine gewaltigen Abschläge weit in die gegnerische Spielhälfte, oft bis in dessen Torraum hinein schon legendär, genoss Jaschin die größte Bewunderung bei Fans und Experten wegen seiner vorausschauenden Spielweise: er erweiterte seinen Aktionsradius über den Strafraum hinaus, organisierte seine Abwehr und fungierte bei Angriffen seiner Mannschaft als zusätzlicher verteidigender Feldspieler. Seine Fähigkeit, Spielzüge vorauszusehen, machten seine Ausflüge keineswegs zu riskanten Aktionen, nur selten ließ er sich durch Weitschüsse überraschen.“

Das klingt bekannt, nicht wahr? Die englische Wikipedia behauptet sogar, Jaschin habe so das Torwartspiel revolutioniert… Auch Tommy Lawrence, der zur selben Zeit beim FC Liverpool spielte, gilt als einer der ersten mitspielenden Torhüter. Und sogar Deutschland bekam in den frühen 60ern schon den angeblich von Neuer um 2010 eingeführten Spielstil zu sehen: 1860 Münchens jugoslawischer Torwart Petar „Radi“ Radenkovic war seinerzeit ein echter Publikumsliebling und bekannt für seine „damals noch völlig unüblichen weiten Ausflüge aus dem Strafraum“ und seine „Ballbehandlung, die ihn befähigte, auch außerhalb des Strafraums sich sicher mit dem Ball zu bewegen und dadurch passgenau das eigene Spiel in Gang zu bringen“ (Zitate Wikipedia, 1.Mai 2018).  Christoph Bausenwein bezeichnete Radenkovic in seinem Torhüter-Standardwerk Die letzten Männer von 2003 als „Torhüter-Feldspieler“.  Einige Jahre später war dann auch Sepp Maier für das Mitspielen, Spieleröffnen und früh Herauskommen bekannt.

Die Überführung des mitspielenden Torhüters in die Fußballmoderne wird in der Regel Bruce Grobbelaar, Liverpools simbabwischem Keeper der 80er und frühen 90er Jahre, zugeschrieben. Spätere bekannte Interpreten des „modernen Torwartspiels“, die alle noch vor Neuer kamen, sind unter anderem René Higuita, Fabien Barthez und José Luis Chilavert.

Nicht mal in die moderne deutsche Nationalmannschaft führte Neuer „seine“ Spielweise ein, er profitierte einfach von einer allgemeinen Entwicklung. Die hatte schon Jürgen Klinsmann als Bundestrainer 2006 erkannt und daher dem mitspielenden Jens Lehmann, der für seine spieleröffnenden Pässe und sein frühes Herauskommen bekannt war, den Vorzug vor dem sonst für stärker gehaltenen, aber eher auf seinen Strafraum beschränkten Oliver Kahn gegeben.

WM-Blog 4 - Warum ich morgen nicht für Deutschland bin


16.06.18

Spiele des Tages: Frankreich – Australien 2:1

                                 Argentinien – Island 1:1

                                 Peru – Dänemark 0:1

                                  Kroatien – Nigeria 2:0

Meine Tipps: Frankreich – Australien 3:0 (Punkte: 1)

                         Argentinien – Island 2:1 (Punkte: 0)

                         Peru – Dänemark 0:3 (Punkte: 1)

                          Kroatien – Nigeria 1:2 (Punkte: 0)

Gesamtpunktzahl: 5

Okay, ich muss es zugeben: Ich war nur selten bei einem WM-Spiel für Deutschland. Auch morgen Abend, wenn es gegen Mexiko geht, werde ich den Mittelamerikanern die Daumen drücken. In diesem Jahr ist es sogar extremer als in vielen anderen Turnieren: Ich bin nicht nur für andere, ich bin diesmal sogar konkret gegen Deutschland. Warum?

Es hat nichts mit genereller Ablehnung meines Landes oder seiner Vertreter zu tun. Bei den Olympischen Spielen bin ich im Allgemeinen für das deutsche Team, und ich habe die deutschen Nationalmannschaften im Eishockey, Feldhockey, Handball und Rugby angefeuert. Aber zur deutschen Fußballmannschaft habe ich nie eine große Verbindung gespürt, und manchmal – wie dieses Jahr – habe ich sie sogar abgelehnt. Wie so oft ist es auch hier schwer, eine emotionale Fan-Entscheidung sachlich zu begründen. Aber ein paar konkrete Gründe kann ich diesmal schon nennen.

Grund 1: Die Deutschen spielen nervigen Fußball

Die deutsche Nationalmannschaft ist eins der lästigsten Nationalteams der Welt. Fast immer erreicht sie gute Erfolge, und das, obwohl meist langweiliger Verwaltungsfußball gespielt wird. Die Deutschen sind die Streber des Weltfußballs. Blass, langweilig, aber immer erfolgreich, ohne die Ausrutscher, die ein Team sympathisch machen. WM-fußballerisch sozialisiert wurde ich bei der WM 2002, und ich erlebte damals ein deutsches Team, das sich ohne ein einziges gutes Spiel ins Finale spielte, indem es langweilig, streberhaft, jedes K.O.-Spiel 1:0 gewann. Die erfrischenden, aufregenden, sympathischen US-Amerikaner, die sich mit ihrem herrlichen Überfallfußball schon gegen die Favoriten aus Portugal und Mexiko durchgesetzt hatten, spielten Deutschland im Viertelfinale an die Wand. Aber die Streber verlieren solche Spiele nicht. Oliver Kahn hielt einfach alles, und irgendwie drückte der Rumpelangriff einen einzigen Ball über die gegnerische Linie. Im Halbfinale kam Südkorea, der Gastgeber. Euphorisiert, von den Massen frenetisch gefeiert, auf dem Weg, eine der größten Sensationen der WM-Geschichte perfekt zu machen. Italien und Spanien hatten schon den Kürzeren gezogen. Deutschland? Kahn hielt alles, und vorne drückte der Rumpelangriff einen einzigen Ball über die gegnerische Linie. Wie kann man so etwas gut finden? Wie kann man einer solchen Mannschaft die Daumen drücken? Manch einer behauptet, es sei mittlerweile doch viel besser geworden. Die Mannschaft spiele doch jetzt einen aufregenden, hochklassigen Fußball. Ich sage: Das stimmt nicht. Die Zahl der guten Spiele, die Deutschland in den letzten Jahren gemacht hat, lässt sich an den Fingern einer Hand abzählen. Die große Mehrheit der WM- (und auch EM-)Spiele der letzten sechzehn Jahre waren langweilige Ergebnisfußballauftritte, in denen man als Fußballfan mit Herz irgendwann anfangen musste, auf das lebhafte gegnerische Team zu hoffen, das es trotz viel Herzblut einfach nicht schaffte, sich gegen die humorlosen Streber durchzusetzen. Neu ist nur der Pseudo-Tiki-Taka, das langweilige, das Spiel verschleppende Passspiel. Wer will so etwas sehen? Ich nicht.

2. Interessante Spielertypen sind in Deutschland nicht erwünscht

Zum blassen Streberimage der Deutschen trägt auch bei, dass Jogi Löw Spieler mit Ecken und Kanten grundsätzlich nicht ins Nationalteam aufnimmt. Das beweist auch die diesjährige Nominierung. Wagner und Petersen? Beide klar bessere Stürmer als Gomez. Aber eben auch intelligente Typen, die mal den Mund aufmachen und Meinungen zum Besten geben. Das darf nicht sein. Genauso blieben bei Löw auch schon Ballack, Kuranyi, Großkreutz etc. auf der Strecke. Es sollen Schwiegersöhnchen wie Neuer, Hummels oder eben Gomez sein. Dass dem Team damit viel verloren geht, ist Nebensache. Wo sind die verrückten Typen, die ein Team interessant machen? Die Paradiesvögel oder die polarisierenden Spieler? In der deutschen Nationalmannschaft spielt kein Buffon, kein Ronaldo, kein Ibrahimovic. Kein einziger Spieler mit Profil. Langweilig.

3. Das Nationalteam war schon immer blass, und jetzt ist es ein gekünsteltes Marketingprodukt

Um das deutsche Nationalteam hat sich nie eine echte Fankultur entwickelt. Es gibt keinen echten deutschen Fansong wie Englands „Three Lions“, keinen Schlachtruf wie das „Hopp Schwyz“ der Schweizer, keinen traditionellen Spitznamen des Teams. Natürlich gab es immer vereinzelte richtige Schlachtenbummler, aber keine fantastischen Fangruppen wie sie die britischen Nationen haben. Auf den Rängen der deutschen Nationalmannschaft sah es immer ein bisschen traurig aus. Aber natürlich möchte Deutschland einen anderen Ruf haben. Es soll für Fans aus aller Welt attraktiv sein. Und so wird ein Kunstprodukt erschaffen, sorgsam darauf gepolt, alle möglichen Zielgruppen zu erreichen und niemandem vor den Kopf zu stoßen. Zuerst musste ein Fansong her, und so wurde jahrelang bei jedem Heimspiel penetrant Oliver Pochers „Schwarz und Weiß“ eingespielt. Die Fankultur sollte durch den „Fanclub Deutsche Nationalmannschaft, powered by Coca Cola“ hergestellt werden. Das ist traurig, peinlich, erbärmlich. Und wie symbolisch dafür steht der hirnrissige, seelenlose neue „Spitzname“ des Teams. Auf einem angeblich von Englands Starspieler Steven Gerrard stammenden, in Wirklichkeit aber gefaketen Zitat basierend wurde die Mannschaft „Die Mannschaft“ getauft. Und mit unglaublicher Penetranz wird jetzt versucht, das zu etablieren. Selbst, wenn wir darüber hinwegsehen, dass „Die Mannschaft“ kein Spitzname für eine Mannschaft ist, sondern eine Übung in Fantasielosigkeit: Ein Spitzname muss sich über die Jahre entwickeln, er muss von den Fans stammen und nicht aus der Marketingabteilung. Für mich verkörpert „Die Mannschaft“ alles, was an der Kommerzialisierung und der Entfernung des Fußballs von der Basis schlecht ist.

4. Die Kommunikationskultur im Nationalteam ist eine Katastrophe

Unabhängig davon, was man von Özils und Gündogans Erdogan-Affäre hält: Dass ein Oliver Bierhoff sich als Manager der Nationalelf vor die Kameras stellt und die Diskussion für beendet erklärt, ohne dass der DFB sich jemals auf eine Diskussion eingelassen hätte, ist eine moralische Bankrotterklärung. Man ist nie bereit, sich den Ansichten und Wünschen der Fans zu stellen, sich für umstrittene Entscheidungen zu erklären oder ein bisschen Offenheit zu zeigen. Das zeigt auch das völlige Verbot für Fragen zur Kadernominierung oder Löws zickige Reaktion, als ihm nach dem Freundschaftsspiel gegen Saudi-Arabien zugetragen wurde, die Mehrheit der Deutschen wünsche sich ter Stegen statt Neuer im Tor. Die Fans sollen Trikots und Eintrittskarten kaufen und brav klatschen. Meinungen sind nicht erwünscht, und was das allwissende Trainerteam entscheidet, ist unantastbar richtig und muss nicht erklärt werden. Löw und Bierhoff wirken so arrogant, kalt und abgehoben.

5. Ich bin für andere

Wir werden im Laufe dieses Blogs sicher noch der Frage, warum ich welche Teams unterstütze, genauer nachgehen. Im Moment reicht zu wissen: Es gibt eine Reihe von Teams, denen ich bei internationalen Turnieren die Daumen drücke, und für die ich auch bin, wenn sie gegen Deutschland spielen. Da habe ich z.B. die britischen Teams und die aus den ehemaligen britischen Kolonien: England, Schottland, Wales, Nordirland, Irland, Australien, Neuseeland, USA. Dann mag ich die Skandinavier: Schweden, Dänemark, Norwegen, Island. Und außerdem gibt es noch ein paar Teams, die ganz für sich mein Herz gewonnen haben. Mexiko zum Beispiel. In diesem Jahr ist auffällig: In der deutschen Vorrundengruppe sind zwei meiner Teams – Mexiko und Schweden. Da ich hoffe, dass die beiden weiterkommen, hoffe ich automatisch, dass Deutschland schon in der Vorrunde ausscheidet.

6. Ich bin schadenfroh

Ja, ich gebe es zu: Die Tränen von Erfolgsfans sind süßer Nektar für mich, und das grimmig-verzweifelte Gesicht eines Jogi Löw nach einer deutschen Niederlage gehört zu den lustigsten Anblicken, die ich kenne. Und ich liebe die wirren Verschwörungstheorien, die zuverlässig aufkommen, sobald Deutschland ausscheidet – wir werden bei Gelegenheit noch näher darauf eingehen. Nach einer deutschen Niederlage kann ich mich an den Nachrichten geradezu weiden. Kein feiner Zug, ich weiß. Aber Spaß macht es trotzdem.

Ja, und deshalb bin ich auch morgen Abend gegen Deutschland und drücke Mexiko die Daumen!     

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