26.06.18
Spiele des Tages: Südkorea
– Deutschland 2:0
Mexiko – Schweden 0:3
Serbien – Brasilien 0:2
Schweiz – Costa
Rica 2:2
Meine Tipps: Südkorea
– Deutschland 0:3 (Punkte: 0)
Mexiko – Schweden 1:1 (Punkte: 0)
Serbien – Brasilien 0:2 (Punkte: 3)
Schweiz – Costa Rica 0:0 (Punkte: 2)
Gesamtpunktzahl: 35
Deutschland ist raus! Das hätte ich bei all meinen
Unkenrufen nie für möglich gehalten!
Wir haben auf Arbeit früher Schluss gemacht, damit wir das
Spiel sehen können. So habe ich es noch rechtzeitig zu Sven geschafft, und wir
beide haben fassungslos verfolgt, wie Deutschland völlig ideenlos gegen
Südkorea versagte. Als im Parallelspiel Schweden in Führung ging, war klar:
Deutschland braucht ein Tor! Doch es wollte einfach nicht fallen. Und dann, in
der Schlussphase, Schweden führte mittlerweile 3:0, der Führungstreffer für
Südkorea! Jetzt hätte Deutschland noch zwei Tore zum Weiterkommen gebraucht! Der
Schiedsrichter glaubte offenbar noch daran, denn er verlängerte die
ursprünglich auf sechs Minuten angelegte Nachspielzeit immer weiter. Mein Herz
raste dermaßen, dass ich einfach nicht mehr stillsitzen konnte und ruhelos
durch Svens Wohnzimmer tigerte. Deutschland warf alles nach vorne, Manuel Neuer
mit vor dem gegnerischen Strafraum, verliert den Ball, Konter, Heung-Min Son
schließt in der zehnten Minute der Nachspielzeit zum 2:0 ab. Alles ist vorbei!
Traumhaft!
Die Fehlersuche begann sofort. Viele Dinge wurden genannt,
die einfach komplett schiefliefen. Wenn man mich fragt, war das Hauptproblem
die Selbstherrlichkeit. Die Überzeugung, dass man die Vorrunde sowieso
irgendwie schaffen werde. Schließlich war man ja Deutschland. Deutschland
scheidet nicht in der Vorrunde aus. Wichtig war, dass man zu den schweren
Spielen, ab Viertelfinale aufwärts, fit wäre. So konnte das nicht gutgehen.
Innerhalb des deutschen Trosses (und unter den blindesten
Fans) entwickelt sich aber bereits eine neue Theorie: Eigentlich sind die
kritischen Stimmen in Deutschland schuld. Toni Kroos und Joshua Kimmich gingen
schon nach dem Schwedenspiel mit schlechtem Beispiel voran, wetterten gegen
„viele“ in Deutschland, die sich „über das Aus gefreut“ hätten. Tenor: Für die
schlechte Stimmung, die das DFB-Team umwehte, waren nicht Trainer und Spieler
verantwortlich, sondern die bösen Kritiker! Das ist natürlich lachhaft, passt
aber nahtlos in die Geschichte. Niemand ist so ein schlechter Fußballverlierer
wie die Deutschen. Wird Deutschland nicht Weltmeister, ist jemand von außen
Schuld, und es wird noch Jahrzehnte später lamentiert, dass eigentlich
Deutschland der verdiente Weltmeister sei. Das ist manchmal nervig, aber auch
irgendwie unterhaltsam. Daher präsentiere ich hier: Die Top 5 der WM-Aus-Verschwörungstheorien!
Platz 5: Deutschland
2006 – Die Italiener sperren Frings!
Nach dem WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und
Argentinien 2006, das Deutschland im Elfmeterschießen gewann, kam es auf dem
Platz zu Tumulten und Handgreiflichkeiten. Videobilder zeigen im Getümmel einen
Faustschlag von Deutschlands Thorsten Frings gegen Argentiniens Julio Cruz. Es
waren vor allem italienische Medien, die diese Bilder an die große Glocke
hängten und eine Sperre für Frings forderten – mit Verweis auf eine ähnliche
Situation, die bei der EM 2004 zu einer Sperre für Francesco Totti geführt
hatte. Die Sperre kam tatsächlich, und ohne Frings verloren die Deutschen das
Halbfinale – gegen Italien. Auch wenn die Sperre berechtigt war und das Fehlen
von Frings kaum für die komplette taktische Unterlegenheit der Deutschen gegen
Italien verantwortlich gemacht werden kann, bleibt aufgrund der Tatsache, dass
Italien Hauptankläger und Hauptprofiteur der Sperre war, tatsächlich ein
Geschmäckle… Daher nur Platz 5.
Platz 4: England 1966
– Lauter irreguläre Tore!
Die bekannteste Verschwörungstheorie zu deutschen
Niederlagen: Man wäre 1966 ja definitiv Weltmeister geworden, wenn der
Schiedsrichter den Engländern im Finale nicht ein, zwei oder sogar drei
irreguläre Tore anerkannt hätte! Hauptstreitpunkt ist dabei das dritte
englische Tor, das erste in der Verlängerung und letztlich spielentscheidend.
Das Wembleytor. Der Schuss von Hurst knallte an die Latte, sprang auf den Boden
und dann aus dem Tor. War er auf der Linie oder dahinter? Im Stadion unmöglich
zu entscheiden. Schiedsrichter Dienst und Linienrichter Bachramov gaben den
Treffer – angeblich unter anderem, weil „die Engländer jubelten“ und die
Deutschen „niedergeschlagen aussahen“. Oft hört man, auch das letztliche 4:2,
ebenfalls von Hurst, sei irregulär gewesen – das Spiel hätte unterbrochen
werden müssen, weil sich Fans auf dem Platz befunden hätten. Und ganz
spitzfindige Verschwörungstheoretiker behaupten gar, das erste Tor der
Engländer hätte ebenfalls nicht fallen dürfen. Beim vorausgehenden Freistoß
sei der Ball noch nicht freigegeben gewesen… Was dabei oft untergeht: Die Engländer
waren klar das bessere Team und der verdiente Sieger. Dass das Wembleytor nicht
hinter der Linie war, ist bis heute nicht klar bewiesen – selbst mit modernster
Messtechnik untersuchte Originalaufnahmen lassen höchstens Thesen zu, keine
klaren Aussagen. Die anderen beiden Tore aberkennen zu wollen, ist schon fast
absurd spitzfindig. Mehr als den üblichen Heimvorteil hat England wohl nicht
gehabt.
Platz 3: Russland
2018 – Das Störfeuer!
Am Ende waren die Medien und die Fans Schuld: Die deutschen
Spieler und ihre treusten Fans waren sicher, dass die schlechte Stimmung, der
mangelnde Teamgeist und die mutlosen Auftritte, die schließlich zum desaströsen
Vorrundenaus führten, vor allem auf die Kritik von außen zurückzuführen sei.
Kritik an Löws unverständlichen Nominierungen, an dem Erdogan-Skandal und dem
Umgang des DFB damit, an den lächerlichen Marketingmaschen „Die Mannschaft“, „Best
never rest“, #zsmmn und so weiter. Wie sollten die zarten Fußballerseelen bloß
damit umgehen?
Platz 2: Frankreich
1998 – Alle hassen Deutschland!
1998 blamierte sich Deutschland mit einem 0:3 im
Viertelfinale gegen Kroatien bis auf die Knochen. Der katastrophale Auftritt
ließ eigentlich nicht viel Raum für Theorien von bösem äußeren Einfluss, aber
Bundestrainer Berti Vogts verstieg sich trotzdem in folgende Behauptung: „Vielleicht
ist einigen der deutsche Fußball zu erfolgreich. Andere können spucken,
kratzen, beißen.“ Auch Jürgen Kohler blies in das gleiche Horn: „Warum werden
wir Deutsche so bestraft?" Das klingt ähnlich wie die noch heute
kursierenden rechten Verschwörungstheorien, nach denen deutscher Erfolg und
deutscher Nationalstolz bewusst unterdrückt werden sollen – und wurde und wird
daher bis heute in rechten Kreisen gepflegt und immer wieder hervorgeholt, wenn
eine Schiedsrichterentscheidung zu Deutschlands Ungunsten ausfällt oder
Deutschland gar bei einem Turnier ausscheidet. Allgemein hat sich diese große Verschwörungstheorie
nicht durchgesetzt, die frühe rote Karte gegen Christian Wörns wird aber zu
Unrecht bis heute in Frage gestellt.
Platz 1: Schweden 1958
– Schweden hatte ja Fans!
Es ist die mit Abstand absurdeste Verschwörungstheorie zum
deutschen Ausscheiden und damit verdient Platz 1: 1958 schied der
Titelverteidiger Deutschland im Halbfinale gegen Gastgeber Schweden aus. Danach
entlud sich der Hass der frustrierten Deutschen auf alles Schwedische.
Zahlreiche Anekdoten kursieren über die Tage nach dem Aus: So hätten deutsche
Restaurants die Schwedenplatte von der Karte gestrichen oder gar schwedische
Gäste nicht mehr bedient. Autos mit schwedischen Kennzeichen wurden die Reifen zerstochen.
Grund des Volkszornes: Zum einen der übliche Vorwurf, der Schiedsrichter habe die
Schweden bevorzugt. Zum anderen, und völlig absurd, aber bis heute auch in
Sachbüchern zum Thema gerne wiederholt, wurde den Schweden allen Ernstes
vorgeworfen, ihre Mannschaft angefeuert zu haben. „Einpeitscher“ hätten die
Fans zu unsportlichen, fanatischen „Heja, heja“-Rufen angeheizt… Klingt
lächerlich und weinerlich? Ist es auch.
Wäre EM, hätte ich auch für die derartige Verschwörungstheorien
finden können. So waren natürlich beide dänischen Tore im EM-Finale 1992 irregulär.
Und 2016 war Bastian Schweinsteigers Handspiel, das die Halbfinalniederlage
gegen Frankreich einleitete, in Wahrheit nicht bestrafungswürdig…
Warten wir ab, was die nächsten Tage und Wochen an Verrücktheiten
bringen…
Fußballirrtum des
Tages: Das Wembleytor gilt als der
größte Skandal der WM-Geschichte (siehe Einzelpost)