Schritt 1: Scouting
Jungs mit Fußballtalent machen auf sich aufmerksam. Mädchen mit Fußballtalent muss man entdecken. Alle Sportlehrer der Schule wissen, dass sie mir sofort Bescheid sagen sollen, wenn ein Mädchen in einer ihrer Klassen beim Fußball oder auch bei anderen Ballsportarten auffällt. Aber ich verlasse mich nicht nur auf die Lehrer. Ich gehe auch selbst in den Sportunterricht, wann immer ich Zeit habe, um ein bisschen Scouting zu betreiben. Besonders interessant sind natürlich die Mädchen, die bei freier Beschäftigung von ganz alleine rumkicken. Aber auch gute Leistungen in Ball- und Teamsportarten sind natürlich ein Hinweis auf Fußballbefähigung. Frau Preben lässt manchmal, wenn ich in den Unterricht komme, extra Fußball spielen, damit ich ein bisschen gucken kann.
Auf die 5b von 2015/2016 habe ich es schon seit Jahren abgesehen. Zum einen ist sie die sportlichste Klasse der Schule. Ganz offiziell. Zu Beginn des Schuljahres haben sich alle Klassen einem genormten Sporttest unterzogen. Die 5b hat das höchste Klassendurchschnittsergebnis erzielt – im Durchschnitt weit überdurchschnittlich. Kein einziger der Schüler der 5b hat unterdurchschnittlich abgeschnitten, selbst die stark übergewichtigen und/oder bewegungsfaulen 5b-Kinder haben noch mindestens einen gut durchschnittlichen Wert erreicht. Das ist schier unfassbar.
Die Mädchen der 5b haben außerdem
noch weitere Vorzüge, die sie für die Fußball AG prädestinieren.
Mehrere von ihnen spielen im Hockey-Verein - das ist meistens ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Die Klasse hat
seit Jahren Sportunterricht bei Frau Preben, das heißt, die Kinder
sind bereits auf unsere Fair Play- und Teamgeistideale getrimmt und
haben die Grundsätze des Straßenfußballs kennen gelernt. Wenn Frau Preben Fußball spielen lässt, glänzen die Mädels; Mädchentore, sonst ein seltenes Ereignis, sind in dieser Klasse ganz normal. Außerdem
sind die meisten der Mädels supernett und superlustig. Das in der Klasse drei Mädchen mit dem Namen Sophia sind, sei nur am Rande erwähnt. Ein Elend,
dass zu Beginn des Schuljahres immer noch keine von ihnen in der
Fußball AG ist.
Schritt 2: Sich vorstellen
Beziehung ist bei Mädchen superwichtig. Die meisten kommen nur in ein Fußballteam, wenn sie dort jemanden kennen und mögen, optimalerweise den Trainer. Daher nutze ich die Besuche im Sportunterricht und andere Gelegenheiten, mich mit den anvisierten Mädchen zu unterhalten. Das muss ein bisschen vorsichtig betrieben werden, damit es nicht anbiedernd wirkt (oder man gar für einen Perversling gehalten wird), aber wirklich schwer ist es eigentlich nicht. Bei den Mädchen müssen nur zwei Informationen ankommen: 1. Du bist nett; 2. Du machst die Mädchenfußball AG. Außerdem das Gefühl, dass sie dich schon ein bisschen kennen. Das ist eigentlich alles, was nötig ist, um die Tür in die AG schon mal einen Spalt weit aufzustoßen.
Noch nie habe ich dafür einen solchen Aufwand betrieben wie bei dieser 5b. Ich will diese Mädchen wirklich unbedingt in meinem Team haben. Dabei kommt mir entgegen, dass ihr Sportunterricht direkt vor AG-Beginn stattfindet, ich also sowieso da bin. Ich schaue sehr regelmäßig beim Sportunterricht vorbei, unterhalte mich viel mit den Mädels, manchmal spiele ich mit einer sogar Federball oder werfe einen Ball mit einer von ihnen hin und her, bevor der eigentliche Unterricht beginnt. Das wirkt immerhin so weit, dass ich bald ein bekanntes und beliebtes Gesicht bin - aber in die AG tritt trotzdem keins der Mädchen ein.
Schritt 3: Das Angebot klar machen
Spätestens jetzt solltest du den Mädchen konkret sagen, dass du sie in deiner Mannschaft haben willst. Das ist nämlich erstaunlicherweise ein Gedanke, der ihnen nicht von selbst kommt. Preise die Vorzüge der AG, erkläre den Mädchen, warum du denkst, dass sie super ins Team passen würden. Aber: Führe dieses Anwerbegespräch nur einmal pro Person/Gruppe - alles andere wirkt verzweifelt und/oder aufdringlich. Du musst also den richtigen Moment erwischen. Stell dich auf klassische Mädchenausreden ein (und halte ein paar Lösungen dafür parat). Die fangen zuverlässig an mit "Ich würde ja gerne, aber..." und gehen weiter mit "...ich muss so viel für die Schule tun". Oder "...meine Eltern wollen das bestimmt nicht". Oder "...ich bin ja schon im Hockeyverein". Oder auch "...ich kann ja gar nicht Fußball spielen."
Ich eröffne den besten 5b-Mädels - Sophia Poborsky, Sophia Wendt, Sophia Forstwarth, Lara, Hermine, Marina und Greta -, dass ich sie in meiner Mannschaft eingeplant habe und erkläre, welche Stärken ich bei welcher von ihnen sehe, warum sie genau das sind, was ich suche. Die meisten schauen eher skeptisch, einige bringen die erwähnten typischen Mädchenausreden. So richtig erfolgreich war das jetzt noch nicht.
Schritt 4: Dich in Erinnerung rufen
Wie gesagt: Kein zweites Anwerbegespräch! Aber wenn du den Mädchen begegnest, sag ruhig immer mal wieder "Kommt in die Fußball AG!" Das erfüllt mehrere Zwecke. Erstens vergessen sie das Angebot so nicht. Zweitens wissen sie, dass es immer noch besteht, auch wenn sie es nicht sofort angenommen haben. Drittens merken sie im Laufe der Zeit, dass du es auch wirklich ernst meintest.
Immer wieder erinnere ich die 5b-Mädels: "Kommt in meine AG!" Langsam werden meine Bemühungen zum Running
Gag. Marina Velasquez (übrigens trotz ihres spanisch klingenden
Namens eine Polin) beginnt jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeigehe, zu
singen: „Wir kommen nicht zum Fußball, wir kommen nicht zum
Fußball!“ Diese Klasse ist echt eine harte Nuss.
Schritt 5: Das Köderturnier
Was gibt es schöneres, als an einem Fußballturnier für die Schule teilzunehmen? Die meisten Mädchen lieben das. Wenn du einen Platz im Team frei hast, ist es darum das perfekte Lockmittel für neue Spielerinnen, sie schon im Voraus an einem Turnier teilnehmen zu lassen. Das Risiko dabei ist natürlich, die Spielerinnen zu verärgern, die schon in der AG sind ("Die kommt gar nicht zum Training, aber zum Turnier darf sie mit???") und muss daher geschickt eingesetzt und vorbereitet werden. Ansonsten geht es aber kaum besser. Die Neue lernt ganz unverbindlich dein Team kennen, erlebt die Stimmung bei einem Wettkampf, kann ihre Fähigkeiten schon mal erproben und weiß natürlich ab jetzt: Im Fußballteam zu sein bedeutet immer mal wieder einen Turniertag ohne Schulunterricht.
Kurz vor dem Drumbo Cup erkältet sich Fanny Kronach. Unsere einzige Stürmerin droht
auszufallen. Doch als ich fast am Verzweifeln bin, kommt mir die
Eingebung. Ich gehe in die 5b und rufe alle Hockey-Mädchen zusammen.
Ich frage, ob eine von ihnen beim Hockey im Sturm spielt und am
Dienstag Nachmittag Zeit und Lust hätte, bei einem Turnier für uns
einzuspringen. Sophia Poborsky sagt spontan zu.
Als es ein paar Tage später zum
Turnier losgeht, ist Rennie wieder fit und spielt natürlich. Ich
sage Sophia Poborsky bedauernd ab, doch die entschließt sich, dann
wenigstens zum Zuschauen mitzukommen. Sie ist also als Fan dabei –
und ist begeistert. Hin und weg von unserer Mannschaft und ihrem
Teamgeist, von der Stimmung beim Turnier und der Spannung der Spiele. Wir kommen eine Runde weiter, und als es zwei Wochen später weitergeht, haben wir einen anderen offensiven Ausfall zu beklagen; jetzt ist Doreen von Bergen erkältet. Diesmal kann die ja mittlerweile gemeldete Sophia auch tatsächlich mitspielen. Auch beim folgenden AG-Training ist sie
dabei und wieder angetan. Ich habe einen Fuß in der Tür zur 5b.
Schritt 6: Abwarten
Hast du endlich ein Mädchen aus einer Gruppe in die AG gelotst, folgt der Rest ganz automatisch. Wie gesagt, Beziehung ist bei Mädchen extrem wichtig. Ist die Spielerin, die du überzeugt hast, in der Klasse beliebt und/oder eine Anführerin, Trendsetterin oder was auch immer, brauchst du eigentlich nur noch abzuwarten und die Ernte einzufahren. Herzlichen Glückwunsch - du hast dein Team soeben deutlich vergrößert.
Nur eine Woche nach ihrem ersten Trainingsbesuch bringt Sophia Poborsky Leonie
und Hermine mit. Noch eine Woche später folgen
Sophia Wendt und Lara. Mittlerweile singt Marina nur noch „Ich
komme nicht zum Fußball!“ Noch eine Woche später, und auch Greta
tritt der AG bei.
Irgendwann meint Sophia Wendt, jetzt
würde noch Sophia Forstwarth fehlen – die sei eine super
Torhüterin. Sophia Forstwarth ziert sich ein bisschen, ein paar
Wochen später ist sie aber auch dabei. Und schließlich, als letzter
Zugang aus der 5b, steht etwa zwei Monate, nachdem Sophia Poborsky
den Anfang machte, noch ein 5b-Mädchen vor der Turnhalle, als wir
uns zum Training treffen: Marina Velasquez.