Dienstag, 26. Juni 2018

WM-Blog 9 - Parallelspiele


25.06.18

Spiele des Tages: Uruguay – Russland 3:0

                                 Saudi-Arabien – Ägypten 2:1

                                 Spanien – Marokko 2:2

                                  Iran – Portugal 1:1

Meine Tipps: Uruguay – Russland 2:2 (Punkte: 0)

                         Saudi-Arabien – Ägypten 0:1 (Punkte: 0)

                         Spanien – Marokko 2:0 (Punkte: 0)

                         Iran – Portugal 0:2 (Punkte: 0)

Gesamtpunktzahl: 27

Ab heute bis zum Ende der Vorrunde finden immer zwei Spiele pro Gruppe parallel statt. Das ist eine für den heutigen Fußball erstaunlich fernsehzuschauerunfreundliche Einrichtung. Warum ist das so?

Der Sinn des Ganzen ist es, Manipulationen zu verhindern. Finden die Spiele nacheinander statt, so der Gedanke, dann kennen die beiden Teams, die das letzte Spiel bestreiten, das Ergebnis der Gruppengegner, können die komplette Tabelle durchrechnen, bevor sie spielen und unter Umständen ein Ergebnis absprechen, das beiden Teams weiterhilft, während die Gruppengegner machtlos zuschauen.

Das ist nicht etwa aus der Luft gegriffen. Die Regel mit den parallelen Spielen wurde als direkte Reaktion auf ein Ereignis beschlossen, das bis heute als einer der größten Skandale der WM-Geschichte gilt – die „Schande von Gijón“.

Zu diesem Tiefpunkt der WM- und der deutschen Länderspielgeschichte kam es vor genau 36 Jahren, am 25.06.1982, während der Vorrunde der WM in Spanien. Damals fanden die abschließenden Gruppenspiele noch nacheinander statt. Im vorletzten Spiel der Vorrundengruppe 2 hatte Algerien Chile mit 3:2 geschlagen und stand damit vor dem Einzug ins Achtelfinale. Im letzten Gruppenspiel im nordspanischen Gijón standen sich nun Deutschland und Österreich gegenüber – und konnten sich ausrechnen, welches Ergebnis für sie am günstigsten wäre. Die beiden Teams erkannten schnell: Deutschland musste gewinnen, um noch an Algerien vorbeizuziehen. Österreich konnte sich eine Niederlage leisten, um vor den Afrikanern zu bleiben, sie durfte aber nicht höher als 0:2 ausfallen. Raten Sie, was geschah - Deutschland ging nach zehn Minuten durch Hrubesch in Führung, danach passierte buchstäblich nichts mehr. Die Mannschaften spielten sich den Ball hin und her, es kam zu keinen ernsthaften Torschüssen oder Zweikämpfen mehr. Algerische Fans auf der Tribüne wedelten erbost mit Geldscheinen, auch die deutschen und österreichischen Fans pfiffen. Es half nichts, es blieb beim 1:0 und Algerien war ausgebootet.

Solche Situationen sollen also durch die Parallelspiele verhindert werden. Das gelingt nicht immer. Manchmal ergibt sich dennoch eine Situation, in der zwei Mannschaften beide von einem abgesprochenen (oder stillschweigend vereinbarten) Ergebnis profitieren und das Parallelspiel bedeutungslos machen würden. Auch in diesem Jahr ist ein solcher Fall dabei: Spielen Frankreich und Dänemark morgen Unentschieden, dann ist Frankreich Gruppensieger und Dänemark kommt als Zweiter ebenfalls weiter - während die Australier, die momentan noch rechnerische Chancen aufs Achtelfinale haben, sich auf den Kopf stellen (oder z.B. 20:0 gegen Peru gewinnen) könnten und doch ausgeschieden wären.

An eine andere derartige Situation, an der ebenfalls Dänemark beteiligt war, erinnere ich mich noch sehr gut. Bei der EM 2004 war vor dem letzten Gruppenspieltag klar: Gab es einen Sieger im Spiel zwischen den beiden führenden Teams, Schweden und Dänemark, könnte Italien mit einem gleichzeitigen Sieg gegen Bulgarien noch am Verlierer vorbeiziehen. Bei einem niedrigen Unentschieden der Skandinavier würden die Italiener mit einem Sieg wegen der erzielten Tore noch die punktgleichen Dänen überholen. Spielten Dänemark und Schweden aber 2:2 – oder ein noch torreicheres Unentschieden – war das Ergebnis der Parallelpartie völlig bedeutungslos, Italien wäre in jedem Fall ausgeschieden. Wie es manchmal so ihre Art ist, meckerten und lamentierten die Italiener schon im Vorfeld, was sie zwar viele Sympathien kostete – sie hatten aber wohl recht! Denn Dänemark und Schweden trennten sich 2:2, die Italiener schafften zwar den Sieg gegen Bulgarien, hatten aber nichts mehr davon. Ob es in diesem Spiel eine Absprache gab, ist allerdings bis heute stark umstritten. Zu schnell und spektakulär erschien es vielen Zuschauern, zu überraschend die Wendungen. Auf der anderen Seite wiesen Kritiker unter anderem darauf hin, dass der in den früheren Spielen so sichere dänische Keeper Sörensen beide schwedischen Tore durch kapitale Patzer begünstigt hatte… Sicher werden wir es wohl nie wissen.

Für den Zuschauer bedeutet diese Parallelschaltung natürlich, dass er entweder auf ein Spiel komplett verzichten oder, sofern überhaupt beide Spiele übertragen werden, hin- und herschalten muss – was natürlich das Risiko beinhaltet, die besten Momente beider Spiele genau zu verpassen. In den letzten Turnieren haben die öffentlich-rechtlichen Sender es so geregelt, dass das vermeintlich interessantere der beiden Spiele auf dem Muttersender, ARD oder ZDF, übertragen wird. Der Spielstand des Parallelspiels wird dabei die ganze Zeit eingeblendet, und bei Toren wird kurz dort hinüber geschaltet. Wer sich doch eher für das zweite Spiel interessiert, der kann es auf dem jeweiligen Tochtersender (ZDFinfo oder ARDone) live verfolgen. Das ist vermutlich die bestmögliche Lösung, trotzdem leidet der Fußballfan mit den verpassten Spielen. Das erste Doppelspiel heute, Russland – Uruguay/ Saudi-Arabien – Ägypten, verpasse ich aber ohnehin, da ich noch auf Arbeit bin. Am Abend schaue ich dann das 1:1 zwischen Portugal und dem Iran, während insgesamt immerhin viermal zum spektakulären 2:2 zwischen Spanien und Marokko geschaltet wird. Ich habe wohl nichts Wichtiges verpasst.

 Es sei zudem noch bemerkt, dass die Parallelspiel-Regelung zu einem meiner aufregendsten, befriedigendsten Fußballmomente überhaupt beigetragen hat:

Bei der WM 2010 spielten zum Abschluss ihrer Gruppe parallel England – Slowenien und USA – Algerien. England war so gut wie durch, Algerien raus – es war also ein Fernduell zwischen den Amerikanern und den Slowenen. Dabei mussten die Amerikaner auf eine Niederlage der Slowenen hoffen und selbst gewinnen, um noch an den Osteuropäern vorbeizuziehen. Leider konnte ich das Spiel der Amerikaner nicht sehen. Ich weiß nicht mehr genau, ob es damals die Übertragung auf dem Tochtersender noch nicht gab oder ob unser Fernseher den Tochtersender nicht empfing. Jedenfalls hatte der Hauptsender sich entschieden, England gegen Slowenien zu übertragen. Sven, der mal wieder zu Gast war, und ich sahen also einen grauenhaft langweiligen 1:0-Sieg der Briten. Im Spiel der Amerikaner stand es die ganze Zeit 0:0 – es war noch nicht ein einziges Mal dorthin hinübergeschaltet worden. Doch dann, plötzlich, England – Slowenien war bereists abgepfiffen, alle hatten sich damit abgefunden, dass die beiden europäischen Teams weiterkommen würden, der Schrei des Kommentators: „TOOOOOOOOOOOR IN PRETORIA!!!!“ Sven und ich hielten den Atem an. Die Umschaltung nach Pretoria kam, und eine amerikanische Jubeltraube erschien auf dem Bildschirm. Zeitgleich sprangen Sven und ich vom Sofa, machten pumpende Faustbewegungen und skandierten: „U-S-A! U-S-A! U-S-A!“ Herrlich. Ich glaube, es wäre mir nicht in derartiger Erinnerung geblieben, wenn ich das ganze Spiel gesehen hätte.

Fußballirrtum des Tages: Das Spiel dauert 90 Minuten (siehe Einzelpost)  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Fußballirrtümer: Der Super Bowl hat mehr Zuschauer als jedes Fußballspiel

Der Super Bowl, das Finale der amerikanischen Football-Liga NFL, wird oft als das „größte Einzelsportereignis der Welt“ bezeichnet. Soll h...