"Der HSV ist unabsteigbar!"
"Gegen die Südgrundschule können wir gar nicht verlieren!"
- INDUKTION
Gerade eben, als ich diese Zeilen schreibe, ist etwas Unglaubliches, ja Unmögliches passiert. Die deutsche Frauennationalmannschaft ist im Viertelfinale der Damen-WM gegen Schweden ausgeschieden.
Halt, mag man denken, warum denn unglaublich und unmöglich? Wirklich überzeugt hatten die Deutschen bei dieser WM bisher auch nicht, und zudem befinden sie sich ja noch im Neuaufbau nach einer ganz katastrophalen Phase - warum also scheint es so unfassbar, dass sie gegen die starken Schwedinnen das Nachsehen hatten? Weil Deutschland bei den Damen nicht gegen Schweden verliert. Im Vorfeld der Partie war die Statistik ja hundertfach zitiert worden: Seit 24 Jahren hatte Deutschland jedes Pflichtspiel gegen Schweden, darunter ein WM- und ein Olympia-Finale, gewonnen. Da lag doch auf der Hand, dass das auch diesmal so sein würde!
So aufgeschrieben klingt das lächerlich, aber dieses Denken ist im Fußball weit verbreitet. Auch die Herrennationalmannschaft war letzten Sommer in diese Falle getappt. Die Vorrunde schafft Deutschland doch immer! Man ist ja schließlich eine Turniermannschaft! Und gegen Mexiko, Schweden und Südkorea hat man ja bisher jedes Punktspiel gewonnen! Da kann gar nichts schiefgehen.
Nur kurz zuvor hatte es mich selbst und viele andere HSV-Fans erwischt. Der HSV spielte doch immer erste Liga. Und auch in den schlechtesten Jahren hatte es immer noch irgendwie geklappt mit dem Klassenerhalt. Unabsteigbar! Auch, als es wirklich richtig eng wurde, machte ich mir keine echten Sorgen. Noch am letzten Spieltag war ich überzeugt, dass alle Ergebnisse am Ende passen würden; klar, der HSV würde sich wieder retten - das hatte er doch immer getan.
Von bisherigen Einzelbeobachtungen auf ein allgemeines Gesetz schließen - diesen eigentlich ziemlich offensichtlichen Denkfehler nennt man die Induktion.
Induktives Denken ist nicht völlig falsch, sondern in vielen Bereichen ein guter Startpunkt, um zu einem Ergebnis zu kommen. Aber es ist nicht logisch zwingend und verleitet oft zu platten Verallgemeinerungen und falschen Sicherheiten. Als klassisches Beispiel falschen induktiven Denkens wird gerne die Geschichte von der Weihnachtsgans genannt: Jeden Tag wird sie vom Bauern gefüttert - und schließt daraus, dass das auch weiterhin so sein wird. Als der Bauer sie schließlich zur Schlachtbank führt, ist sie völlig überrascht.
Wie kann dieses Denken aber uns Menschen schaden?
Zum Beispiel so: Ein Wahrsager oder auch ein Prognose-Experte, sei es in der Wirtschaft, im Sport oder sonstwo wird plötzlich ernst genommen, wenn er zweimal richtig gelegen hat - dann wird er ja auch beim dritten Mal Recht haben, oder? Manche Menschen verlassen sich komplett auf jemanden, der ein paar Mal glücklich richtig gelegen hat - und investieren ihr Vermögen auf die falschen Aktien, die ein bis dahin erfolgreicher Anlageberater empfohlen hat.
Ein weiterer klassischer induktiver Fehlschluss (und dazu sehr gefährlich) ist der "Es ist bisher ja immer gutgegangen"-Trugschluss: Ich bin schon so oft angetrunken Auto gefahren, und bisher habe ich weder einen Unfall gebaut noch bin ich von der Polizei erwischt worden. Warum sollte ich also nicht wieder betrunken Auto fahren?
Auch in der Diskussion um die globale Erwärmung taucht falsches induktives Denken auf: In letzter Zeit war es sehr kalt, daher kann es keine globale Erwärmung geben!
Ganz ohne Induktion geht es dann aber doch nicht - ohne die Gewissheit, dass Naturgesetze, die heute gelten, auch morgen noch gelten, dass unsere Freunde auch morgen noch für uns da sind, dass auch morgen früh die Sonne aufgehen wird, könnten wir kein vernünftiges Leben führen.
Das Schuljahr 2017/2018 war für meine Fußballmädels eine Katastrophe. Im gesamten Schuljahr hatten wir nur ein einziges Tor geschossen (das kurioserweise auch für unseren einzigen Sieg reichte). Es fehlte eindeutig eine Torjägerin, und es fehlte auch eine sichere Keeperin - Selina Zilmer hatte uns zwar mit einigen Leistungsexplosionen manch derbe Klatsche erspart, an anderen Tagen aber mit haarsträubenden Patzern auch Niederlagen eingeleitet. Aber vor allem fehlte es an der Einstellung. Nur Selina und Kapitänin Natalia Meyer waren bereit, sich auch mal den Hintern aufzureißen, für den Rest der Truppe bedeutete ein Fußballturnier vor allem einen schulfreien Tag und eine Gelegenheit, ein paar coole Selfies zu schießen.
Aber ein Ass hatten wir noch im Ärmel - den Bezirkspokal am Ende des Schuljahres. Den hatten wir zwar noch nie gewonnen, aber eigentlich immer ein, zwei Siege eingefahren. Selbst in unseren ganz schwachen Jahren hatte es jedes Mal zu wenigstens einem Erfolgserlebnis gereicht - gegen unseren absoluten Lieblingsgegner, die Südgrundschule. Die hat wie wir aus irgendeinem Grund nie Vereinsspielerinnen, und anders als wir hat sie auch keine aktive Mädchenfußball AG. Sie tritt immer aus olympischen Sportsgeist an und wird immer Letzter. In bis zu diesem Turnier sechs Spielen gegeneinander hatten wir sechsmal gewonnen und noch nie ein Gegentor kassiert.
Jedenfalls demonstrierten die Mädels auch in diesem Turnier wieder eindrucksvoll, warum sie als mein schlechtestes Team aller Zeiten in die Schulgeschichte eingehen sollten. Nach fünf teils deprimierenden Niederlagen ging es im Entscheidungsspiel um den vorletzten Platz, wie sollte es anders sein, gegen die ähnlich desolat aufgetretene Südgrundschule. Jackpot, dachte ich, wenigstens ein Sieg zum Abschluss! Viel Zeit, die Mannschaft noch einmal einzuschwören und einzustellen nahm ich mir nicht. Denn es ging ja gegen die Südgrundschule - gegen die konnten wir nicht verlieren. Taten wir dann aber doch - ein eindrucksvoller Beleg nicht nur für die Schwäche meiner Mannschaft von 17/18, sondern auch für die Mängel des induktiven Denkens im Fußball.
Zum Abschluss die Frage: Wie setzt man induktives Denken richtig ein?
Erstens sollte man sich nur auf sehr große Stichproben verlassen. Sechs Spiele gegen den selben Gegner sind dann doch ein bisschen wenig, um auf ein allgemeines Gesetz zu schließen.
Und zweitens darf die sogenannte Variabilität der Referenzklasse nicht zu groß sein. Einfach ausgedrückt: Bei Situationen, die immer fast identisch in den Details ablaufen, liegt man mit induktivem Denken eher richtig als bei Situationen, die in den Details stark schwanken. Jedes Mal, wenn wir gegen die Südgrundschule gespielt hatten, waren zwei ganz andere Teams gegeneinander angetreten als beim letzten Mal. Es waren auf beiden Seiten immer andere Spielerinnen dabei, die sich in Spielstärke, Teamgeist und Einstellung von ihren Vorgängerinnen unterschieden. Die Beobachtung Das letzte Mal haben wir gegen die gewonnen war also jedes Mal praktisch bedeutungslos.
Wenn du also sehr viele gleiche Beobachtungen in nahezu identischen Situationen gemacht hast, dann darfst du dir auch mal induktives Denken leisten. Aus einer kleinen Datenmenge hingegen darfst du nicht gleich Schlüsse ziehen - schon gar nicht, wenn die einzelnen Situationen nur oberflächlich ähnlich sind.
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