Anfangen tue ich, saisonangemessen, mit einem kleinen Lexikon der Weihnachtsirrtümer, das ich schon vor Jahren verfasst habe. Es sind 24 Irrtümer, also adventskalendermäßig gedacht, da ich aber zu spät anfange, werde ich mich da vielleicht nicht ganz dran halten. Heute also, zum 3. Dezember, den 1. Teil.
1.
An Weihnachten steigt die Selbstmordrate dramatisch an
Eine der hartnäckigsten Legenden über Weihnachten besagt,
der Weihnachtsstress triebe die Menschen reihenweise in die Verzweiflung, die
Selbstmordrate schnelle jeden Dezember in die Höhe. Manche Quellen erweitern
das Ganze noch um andere Gruselstatistiken, nach denen auch die Mord- und die
Unfallrate, die Trennungs- und Scheidungsrate, die Zahl der Einlieferungen in
die Psychatrie etc. in der Weihnachtszeit ansteigen. Gerade Weihnachts-kritiker
zitieren solche Statistiken natürlich mit Begeisterung. Genaue Zahlen oder
Quellen werden aber nie genannt.
Das hat einen Grund:
Die Statistiken sind frei erfunden. Nur eine einzige der zahlreichen Studien
zum Thema konnte eine Selbstmordhäufung im Dezember ausmachen, und diese Studie
bezog sich ausschließlich auf Japan. Andernorts sieht das ganz anders aus.
Roger Highfield vom Science-Ressort des Daily Telegraph zitiert
eine britische Untersuchung von 22 196 Selbstmorden über einen Zeitraum von 19
Jahren, die bei Männern keine jahres-zeitliche Schwankung der Selbstmordrate
feststellen konnte, bei Frauen aber ein Sinken der Rate im Dezember um ein
Viertel im Vergleich zum Jahresdurchschnitt. Der Soziologe David Phillips erfasste
in seiner Statistik zum Thema über 180 000 Selbstmorde und stellte fest, dass
es in den Monaten April und Juni die meisten Selbstmorde gibt, im Dezember
hingegen am wenigsten. Die Universität Wien fand 2011 heraus, dass in
Österreich der Dezember und der Januar die selbstmordärmsten Monate des Jahres
sind, während es im März und August besonders viele Suizide gibt.
Zum selben Schluss
kam auch eine Untersuchung der Amerikaner William Zung und Richard Green im
Jahre 1974, die zudem auch die Mär von der Psychatrie-Einlieferung widerlegt –
auch hier gibt es keine Steigerung der Fälle in der Weihnachtszeit oder zu
irgendwelchen anderen Feiertagen.
Zu Mord- und
Unfallraten an Weihnachten konnte ich keine Untersuchungen oder Statistiken
finden, was zumindest nahe legt, dass die Behauptungen über einen Anstieg nicht
auf genauen Erhebungen basieren.
Bleibt noch die Sache
mit den Trennungen. Und da scheint was dran zu sein, zumindest laut Google.
Denn die Statistik der Internet-Suchmaschine belegt Jahr für Jahr eine Häufung
der Suchbegriffe „anwalt familienrecht“ und „scheidungsanwalt“ im Januar. Ein
stressiges Weih-nachten scheint also viele Beziehungen zu zerrütten. Allerdings
geht es noch schlimmer: Häufiger eingegeben werden die beiden Suchbegriffe im
August und September – nach der anderen großen Beziehungszerreißprobe, den
gemeinsamen Sommerferien.
Quellen: Roger Highfield, Können Engel fliegen?; Volker
Faust, Jahreszeit und Suizid; http://science.orf.at/stories/1687807/; http://www.google.de/trends/explore#q=anwalt%20familienrecht%2C%20scheidungsanwalt&geo=DE&cmpt=q
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