Sonntag, 3. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 1

Ich bin Archäologe und Fußballtrainer, aber vor allem schreibe ich. Über alles Mögliche und Unmögliche. Das ein oder andere behandele ich als Buchprojekt, und vielleicht wird irgendwann ja mal was wirklich veröffentlicht. Um auch die Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, bei denen es für ein Buch auf keinen Fall reicht, versuche ich es mal mit einem Blog.
Anfangen tue ich, saisonangemessen, mit einem kleinen Lexikon der Weihnachtsirrtümer, das ich schon vor Jahren verfasst habe. Es sind 24 Irrtümer, also adventskalendermäßig gedacht, da ich aber zu spät anfange, werde ich mich da vielleicht nicht ganz dran halten. Heute also, zum 3. Dezember, den 1. Teil.

1. An Weihnachten steigt die Selbstmordrate dramatisch an

Eine der hartnäckigsten Legenden über Weihnachten besagt, der Weihnachtsstress triebe die Menschen reihenweise in die Verzweiflung, die Selbstmordrate schnelle jeden Dezember in die Höhe. Manche Quellen erweitern das Ganze noch um andere Gruselstatistiken, nach denen auch die Mord- und die Unfallrate, die Trennungs- und Scheidungsrate, die Zahl der Einlieferungen in die Psychatrie etc. in der Weihnachtszeit ansteigen. Gerade Weihnachts-kritiker zitieren solche Statistiken natürlich mit Begeisterung. Genaue Zahlen oder Quellen werden aber nie genannt.
 Das hat einen Grund: Die Statistiken sind frei erfunden. Nur eine einzige der zahlreichen Studien zum Thema konnte eine Selbstmordhäufung im Dezember ausmachen, und diese Studie bezog sich ausschließlich auf Japan. Andernorts sieht das ganz anders aus.
Roger Highfield vom Science-Ressort des Daily Telegraph zitiert eine britische Untersuchung von 22 196 Selbstmorden über einen Zeitraum von 19 Jahren, die bei Männern keine jahres-zeitliche Schwankung der Selbstmordrate feststellen konnte, bei Frauen aber ein Sinken der Rate im Dezember um ein Viertel im Vergleich zum Jahresdurchschnitt. Der Soziologe David Phillips erfasste in seiner Statistik zum Thema über 180 000 Selbstmorde und stellte fest, dass es in den Monaten April und Juni die meisten Selbstmorde gibt, im Dezember hingegen am wenigsten. Die Universität Wien fand 2011 heraus, dass in Österreich der Dezember und der Januar die selbstmordärmsten Monate des Jahres sind, während es im März und August besonders viele Suizide gibt.
  Zum selben Schluss kam auch eine Untersuchung der Amerikaner William Zung und Richard Green im Jahre 1974, die zudem auch die Mär von der Psychatrie-Einlieferung widerlegt – auch hier gibt es keine Steigerung der Fälle in der Weihnachtszeit oder zu irgendwelchen anderen Feiertagen.
 Zu Mord- und Unfallraten an Weihnachten konnte ich keine Untersuchungen oder Statistiken finden, was zumindest nahe legt, dass die Behauptungen über einen Anstieg nicht auf genauen Erhebungen basieren.
 Bleibt noch die Sache mit den Trennungen. Und da scheint was dran zu sein, zumindest laut Google. Denn die Statistik der Internet-Suchmaschine belegt Jahr für Jahr eine Häufung der Suchbegriffe „anwalt familienrecht“ und „scheidungsanwalt“ im Januar. Ein stressiges Weih-nachten scheint also viele Beziehungen zu zerrütten. Allerdings geht es noch schlimmer: Häufiger eingegeben werden die beiden Suchbegriffe im August und September – nach der anderen großen Beziehungszerreißprobe, den gemeinsamen Sommerferien.
Quellen: Roger Highfield, Können Engel fliegen?; Volker Faust, Jahreszeit und Suizid;  http://science.orf.at/stories/1687807/; http://www.google.de/trends/explore#q=anwalt%20familienrecht%2C%20scheidungsanwalt&geo=DE&cmpt=q

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