Kaum ein Kommentator traut sich heute noch, die Phrase von dem Treffer zum psychologisch günstigen Zeitpunkt zu benutzen. Trotzdem hält sich der alte Volksglaube hartnäckig, es wäre gut, ein Tor - insbesondere ein Ausgleichstor - kurz vor der Halbzeitpause zu erzielen. Die eigene Mannschaft ginge dann mit einem guten Gefühl in die Kabine, die gegnerische sei dagegen geschockt.
Es gab nie einen ernsthaften Hinweis darauf, dass dem wirklich so ist. Man ging und geht wohl einfach davon aus, weil es auf den ersten Blick überzeugend klingt - das ist übrigens, wie wir noch bei einigen späteren Einträgen sehen werden, relativ häufig bei Fußballirrtümern.
Dabei kann man sich auch auf Anhieb fragen stellen. Zum Beispiel:
- Gibt es aus Sicht des gegnerischen Teams überhaupt einen "guten Zeitpunkt" für ein Gegentor? Und müsste eine Mannschaft sich ärgern, zu früh zu treffen - weil ein späterer Zeitpunkt günstiger gewesen wäre?
- Kann es nicht sogar von Vorteil sein, wenn kurz nach dem Gegentreffer erstmal Pause ist? Schließlich hat die betroffene Mannschaft jetzt Gelegenheit, sich von dem Schreck zu erholen und auf die neue Situation einzustellen.
Schon solche Überlegungen lassen den Verdacht aufkommen, dass an dem Klischee nichts dran ist.
Das ist aber auch wissenschaftlich bestätigt. Der Sportpsychologe Peter Ayton untersuchte in den 90ern die Premier League statistisch und fand keinen Zusammenhang zwischen Zeitpunkt der Tore und Sieger einer Partie. Der deutsche Autor Christian Eichler weist daraufhin, dass es in sämtlichen WM-Spielen zwischen 1990 und 1998 nicht ein einziges Mal zu einem Sieg nach Ausgleich kurz vor der Pause kam - es sei denn, man wertet das Unentschieden Argentiniens mit späterem Sieg im Elfmeterschießen gegen England 1998.
Also: Alles Quatsch, wichtig ist nur, dass das Tor überhaupt fällt.
Hier landet alles, was ich so schreibe und wohl nie zu einem Buch machen werde - über mein Hobby Fußball (und Mädchenfußball im Speziellen), mein Berufsfeld Archäologie und alles, was mich sonst noch interessiert.
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