Viele Dinge, deren Erfindung wir Europäer lange Zeit für uns
in Anspruch genommen haben, stammen ursprünglich aus China: Der Buchdruck, das
Schwarzpulver, der Kompass, das Papiergeld und so weiter. Zu Zeiten, als
Fernost gerade mal wieder in war, machte die Behauptung die Runde, auch
der beliebteste Sport der Welt sei von den Chinesen erfunden worden. Wie kann England
sich ‚Mutterland des Fußballs’ nennen, wenn am chinesischen Hof schon 2500
v.Chr. Tsu Chu gespielt wurde, ein Ballspiel, dessen Name sich etwas frei mit
„Fußball“ übersetzen lässt?
Zunächst mal ist ein
Objekt mit den Füssen in ein Ziel zu treten eine der simpelsten Spiel- und
Sportideen überhaupt. Schon Kleinkinder kicken Steine, Dosen oder was sonst so
auf der Straße liegt, ganz automatisch vor sich her. Es ist also nicht
überraschend, dass es weltweit viele mehr oder weniger fußballartige Spiele gibt
– ich kann mir vorstellen, dass schon in der Steinzeit derartiges existierte.
Aber wenn irgendwo ein Spiel mit den Füßen gespielt wurde, heißt das nicht
automatisch, dass hier unser Fußball seine Wurzeln hat.
Tatsächlich ist Tsu Chu das älteste fußballartige Spiel, von
dem wir sicher wissen. Von den Regeln ist wenig bekannt, aber es klingt schon
etwas nach unser aller Lieblingssportart: Offenbar traten zwei Teams
gegeneinander an und mussten versuchen, einen Ball in eins von sechs etwa 40
Zentimeter großen Toren zu treten. Das Spiel war lange Zeit immens beliebt und
hatte wohlmöglich sogar eine Art Profiliga. Aber: Um 700 n.Chr. verschwand Tsu
Chu komplett – es wurde nirgendwo mehr gespielt und sogar die Regeln gerieten
in Vergessenheit. Warum, weiß niemand.
Die entscheidende
Frage für uns ist aber: Wie soll ein Spiel, das zum letzten Mal in China vor
1300 Jahren gespielt wurde, die Entwicklung eines mittelalterlichen britischen
Volkssports beeinflusst haben? Kein Europäer hat je jemanden Tsu Chu spielen
sehen. Zwischen England und China herrschte damals nicht gerade reger
kultureller Austausch. Nein, Tsu Chu ist ein eigenständiges Phänomen. Auf
unseren Fußball hat es keine Auswirkungen gehabt – China ist nicht das
Mutterland des Fußballs.
Wo aber sind die
Wurzeln des europäischen Fußballs zu suchen? Vermutlich dort, wo der Großteil
der europäischen Kultur seine Wurzeln hat: Im antiken Mittelmeerraum. In
Griechenland gab es im 6 Jahrhundert v.Chr. offenbar eine reiche
Ballspielkultur. Eines der beliebtesten Spiele, Episkyros, ähnelte entfernt dem
Rugby – oder auch den wilden Fußballspielen des mittelalterlichen England. Die
Römer entwickelten daraus eine eigene Variante, Harpastum, die wahrscheinlich
über römische Legionäre nach Großbritannien gelangte.
Ein anderer Kandidat
für den Haupteinfluss ist das in der Normandie entwickelte Soule (auf das aber
möglicherweise wiederum Harpastum Einfluss hatte), das nach der normannischen
Eroberung Englands 1066 auf britischem Boden Fuß fasste.
Wohlmöglich lieferten
auch beide Spiele gemeinsam den Nährboden für den Mob Football, die
großen fußball-rugbyartigen Dorfwettkämpfe, an die man heute denkt, wenn man
‚urtümlicher Fußball’ hört. Sicher ist nur eins: Aus Mob Football entstanden
Rugby und Fußball. Sie entwickelten sich lange Zeit immer weiter auseinander,
bis sie am 26. Oktober 1863 in London durch die Gründung des englischen
Fußballverbands und die Festlegung der modernen Regeln endgültig getrennt
wurden. Zu jener Zeit wurde in England auch die Idee entwickelt,
Sportwettkämpfe in Ligen abzuhalten, wie wir sie heute kennen. Praktisch alles,
was den modernen Fußball ausmacht, kommt aus England, das sich daher mit Fug
und Recht ‚Mutterland des Fußballs’ nennen darf.
Quellen:
Karl-Heinz Huba: Fußballweltgeschichte. München 2002; Eduard Augustin/
Philipp von Keisenberg/ Christian Zaschke: Fußball Unser. München 2010;
11 FREUNDE SPEZIAL 02/2012: Football’s coming home;
http://www.planet-wissen.de/sport_freizeit/ballsport/fussballgeschichte/fussballgeschichte.jsp;
http://de.fussball-lexikon.wikia.com
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