15.06.18
Spiele des Tages: Ägypten
– Uruguay 0:1
Marokko – Iran 0:1
Portugal – Spanien 3:3
Meine Tipps: Ägypten
– Uruguay 1:2 (Punkte: 2)
Marokko – Iran 1:0 (Punkte: 0)
Portugal – Spanien 2:1 (Punkte:
0)
Gesamtpunktzahl: 3
Bei jeder WM gibt es, meistens in der Vorrunde, ein
bestimmtes Match, das man nicht gesehen haben muss.
Ich rede hier nicht von einem Spiel, das unerwartet
langweilig wurde. Von einem, das von der Ansetzung her gut klang, aber überhaupt
nicht lieferte, was es versprach. Sondern von dem Spiel, über das schon direkt
nach der Auslosung Witze gemacht werden, Monate, bevor es überhaupt losgeht.
Jeder weiß von vornherein, dass hier nichts geboten sein wird. Es treffen zwei
Teams aufeinander, von denen klar ist, dass sie grauenhaften Fußball spielen
und im Turnier insgesamt völlig chancenlos sind. Es ist eins der wenigen
WM-Spiele, die nicht ausverkauft sind, und meistens findet es auch zu einer
unmöglichen Uhrzeit statt.
Ich mag solche Spiele und sehe sie mir gerne an, auch wenn
ich vor dem Fernseher leide. Man könnte sich jetzt diverse Gründe aus den
Fingern saugen, warum. Zum Beispiel hat man die Gelegenheit, exotische Teams,
über die man nicht viel weiß, auf ihrem Niveau spielen zu sehen. Man erlebt
Angola viel authentischer, wenn es nicht von Brasilien abgeschlachtet wird,
sondern gegen einen Gegner auf seinem Niveau antritt, vielleicht sogar mal ein
bisschen das Spiel machen muss. Und natürlich ist so ein Spiel ein Schaufenster
für völlig unbekannte Spieler. Vielleicht kann man ja einen ersten Blick auf die Entdeckung der WM werfen? Aber die
Wahrheit ist: So ein Spiel gesehen zu haben, fühlt sich an wie eine
Auszeichnung. Wer sich freinimmt oder sich für mitten in der Nacht einen Wecker
stellt, um ein völlig uninteressantes WM-Spiel zu sehen, der hat etwas zu
erzählen. Der kann sogar ein bisschen angeben. Er ist kein Event-Gucker, kein
Schland-Rudelfan, sondern ein echter Hardcore-WM-Fan. Andere Fußballfans
erstarren in Ehrfurcht.
Mein erstes „Spiel, das man nicht gesehen haben muss“ war
Tunesien gegen Saudi-Arabien in der Vorrunde der WM 2006 (den Vorgänger, China –
Costa Rica 2002, habe ich tatsächlich nicht gesehen). Es bot immerhin vier Tore
(Endstand 2:2), war aber gruselig langweilig und völlig bedeutungslos für das
Turnier. Eine Freundin, die damals als Ordnerin im Stadion arbeitete, erzählte
mir später, die Ränge wären so leer gewesen und die Stimmung so schlecht, dass
die Ordner auf die Tribünen geschickt wurden und begeisterte Fans mimen
sollten. Das muss eine schwere Aufgabe gewesen sein… 2006 wurde ich mit einem
grauenvollen 0:0 zwischen der Schweiz und Honduras gequält.
Meine beste Geschichte von einem solchen Spiel kommt aber aus
dem Jahr 2014. Damals spielten, in der Nacht auf meinen Geburtstag, Japan und
die Elfenbeinküste. Um drei Uhr nachts. Ich lud meine Freunde ein, mit mir in
den Morgen hineinzufeiern und sich das Spiel anzusehen. Sven und Laura kamen
tatsächlich. Und wir haben das Spiel gesehen. Von Anfang bis Ende. Und sturzbetrunken.
An viel erinnere ich mich nicht mehr. Ich wusste zwar noch, dass die Elfenbeinküste
siegte, aber das genaue Ergebnis (2:1) musste ich nachschlagen. Aber wir haben
das Spiel gesehen. Wenn ich davon erzähle, machen die Zuhörer noch heute große
Augen.
Das erzähle ich natürlich, weil heute das „Spiel, das man nicht
gesehen haben muss“ dieser WM stattfand. Marokko gegen Iran. Ich bin extra vom
Fußballtraining nach Hause gehetzt, um diese Partie nicht zu verpassen (Ägypten
– Uruguay habe ich während des Trainings heimlich auf dem Handy geschaut, wann
immer die Mädels beschäftigt waren). Sven ist natürlich zu Gast.
Das Spiel ist ein Alptraum. So schlecht, dass Kommentator
und Studiomoderatoren permanent Witze darüber machen. Es zehrt wirklich an den
Nerven. Marokko ist ein bisschen besser, bringt aber nichts auf die Reihe. Bis
in die Nachspielzeit hält sich ein derart zähes 0:0, dass schon zu dieser
frühen Stunde die Augenlieder zuzufallen drohen. Dann kommt aber doch noch die
eine Szene, die alle verpassen, die sich das Spiel nicht ansehen: Kurz vor Ende
der Nachspielzeit unterläuft den Marokkanern nach einer Ecke ein spektakuläres
Eigentor. Der Iran gewinnt, völlig unverdient, zum zweiten Mal in seiner
WM-Geschichte. Und ich habe es live gesehen.
Die Leidensfähigkeit wird am Abend noch belohnt, Portugal
und Spanien liefern sich ein tolles Spiel, Christiano Ronaldo erzielt einen Hattrick,
Endstand 3:3.
Bleibt zum Ende noch eins: Die Liste der Vorrundenspiele,
die man nicht gesehen haben muss (Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich der
Stellenwert vieler Teams im Laufe der Zeit stark verändert hat).
1930: Rumänien – Peru
3:1
1934 und 1938: Keine
Vorrunde
1950: Schweiz –
Mexiko 2:1
1954: Türkei –
Südkorea 7:0
1958: Ungarn – Mexiko
1962: Uruguay –
Kolumbien 2:1
1966: Mexiko –
Frankreich 1:1
1970: Belgien – El Salvador
3:0
1974: Chile –
Australien 0:0
1978: Ein
Ausnahmefall: Im Voraus hätte wohl jeder auf Peru – Iran gesetzt, das aber
nicht nur mit 4:1 recht spektakulär verlief – es war auch wichtig, Peru kam
damit sensationell als Gruppensieger weiter. Rückblickend war wohl eher Schottland
– Iran (1:1) das Spiel, das man nicht gesehen haben muss…
1982: Tschechoslowakei
– Kuwait 1:1
1986: Algerien –
Nordirland 1:1
1990: Vereinigte
Arabische Emirate – Kolumbien 0:2
1994: Südkorea –
Bolivien 0:0
1998: Jamaika – Japan
2:1
2002: China – Costa Rica
0:2
2006: Tunesien –
Saudi-Arabien 2:2
2010: Schweiz –
Honduras 0:0
2014: Elfenbeinküste –
Japan 2:1
2018: Marokko – Iran 0:1
Fußballirrtum des
Tages: Mit Libero kann man heute
nicht mehr gewinnen (siehe Einzelpost)
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