Sonntag, 17. Juni 2018

WM-Blog 3 - Das Spiel, das man nicht gesehen haben muss


15.06.18

Spiele des Tages: Ägypten – Uruguay 0:1

                                 Marokko – Iran 0:1

                                 Portugal – Spanien 3:3

Meine Tipps: Ägypten – Uruguay 1:2 (Punkte: 2)

                         Marokko – Iran 1:0 (Punkte: 0)

                         Portugal – Spanien 2:1 (Punkte: 0)

Gesamtpunktzahl: 3

Bei jeder WM gibt es, meistens in der Vorrunde, ein bestimmtes Match, das man nicht gesehen haben muss.

Ich rede hier nicht von einem Spiel, das unerwartet langweilig wurde. Von einem, das von der Ansetzung her gut klang, aber überhaupt nicht lieferte, was es versprach. Sondern von dem Spiel, über das schon direkt nach der Auslosung Witze gemacht werden, Monate, bevor es überhaupt losgeht. Jeder weiß von vornherein, dass hier nichts geboten sein wird. Es treffen zwei Teams aufeinander, von denen klar ist, dass sie grauenhaften Fußball spielen und im Turnier insgesamt völlig chancenlos sind. Es ist eins der wenigen WM-Spiele, die nicht ausverkauft sind, und meistens findet es auch zu einer unmöglichen Uhrzeit statt.

Ich mag solche Spiele und sehe sie mir gerne an, auch wenn ich vor dem Fernseher leide. Man könnte sich jetzt diverse Gründe aus den Fingern saugen, warum. Zum Beispiel hat man die Gelegenheit, exotische Teams, über die man nicht viel weiß, auf ihrem Niveau spielen zu sehen. Man erlebt Angola viel authentischer, wenn es nicht von Brasilien abgeschlachtet wird, sondern gegen einen Gegner auf seinem Niveau antritt, vielleicht sogar mal ein bisschen das Spiel machen muss. Und natürlich ist so ein Spiel ein Schaufenster für völlig unbekannte Spieler. Vielleicht kann man ja einen ersten Blick auf die Entdeckung der WM werfen? Aber die Wahrheit ist: So ein Spiel gesehen zu haben, fühlt sich an wie eine Auszeichnung. Wer sich freinimmt oder sich für mitten in der Nacht einen Wecker stellt, um ein völlig uninteressantes WM-Spiel zu sehen, der hat etwas zu erzählen. Der kann sogar ein bisschen angeben. Er ist kein Event-Gucker, kein Schland-Rudelfan, sondern ein echter Hardcore-WM-Fan. Andere Fußballfans erstarren in Ehrfurcht.



Mein erstes „Spiel, das man nicht gesehen haben muss“ war Tunesien gegen Saudi-Arabien in der Vorrunde der WM 2006 (den Vorgänger, China – Costa Rica 2002, habe ich tatsächlich nicht gesehen). Es bot immerhin vier Tore (Endstand 2:2), war aber gruselig langweilig und völlig bedeutungslos für das Turnier. Eine Freundin, die damals als Ordnerin im Stadion arbeitete, erzählte mir später, die Ränge wären so leer gewesen und die Stimmung so schlecht, dass die Ordner auf die Tribünen geschickt wurden und begeisterte Fans mimen sollten. Das muss eine schwere Aufgabe gewesen sein… 2006 wurde ich mit einem grauenvollen 0:0 zwischen der Schweiz und Honduras gequält.

Meine beste Geschichte von einem solchen Spiel kommt aber aus dem Jahr 2014. Damals spielten, in der Nacht auf meinen Geburtstag, Japan und die Elfenbeinküste. Um drei Uhr nachts. Ich lud meine Freunde ein, mit mir in den Morgen hineinzufeiern und sich das Spiel anzusehen. Sven und Laura kamen tatsächlich. Und wir haben das Spiel gesehen. Von Anfang bis Ende. Und sturzbetrunken. An viel erinnere ich mich nicht mehr. Ich wusste zwar noch, dass die Elfenbeinküste siegte, aber das genaue Ergebnis (2:1) musste ich nachschlagen. Aber wir haben das Spiel gesehen. Wenn ich davon erzähle, machen die Zuhörer noch heute große Augen.

Das erzähle ich natürlich, weil heute das „Spiel, das man nicht gesehen haben muss“ dieser WM stattfand. Marokko gegen Iran. Ich bin extra vom Fußballtraining nach Hause gehetzt, um diese Partie nicht zu verpassen (Ägypten – Uruguay habe ich während des Trainings heimlich auf dem Handy geschaut, wann immer die Mädels beschäftigt waren). Sven ist natürlich zu Gast.

Das Spiel ist ein Alptraum. So schlecht, dass Kommentator und Studiomoderatoren permanent Witze darüber machen. Es zehrt wirklich an den Nerven. Marokko ist ein bisschen besser, bringt aber nichts auf die Reihe. Bis in die Nachspielzeit hält sich ein derart zähes 0:0, dass schon zu dieser frühen Stunde die Augenlieder zuzufallen drohen. Dann kommt aber doch noch die eine Szene, die alle verpassen, die sich das Spiel nicht ansehen: Kurz vor Ende der Nachspielzeit unterläuft den Marokkanern nach einer Ecke ein spektakuläres Eigentor. Der Iran gewinnt, völlig unverdient, zum zweiten Mal in seiner WM-Geschichte. Und ich habe es live gesehen.

Die Leidensfähigkeit wird am Abend noch belohnt, Portugal und Spanien liefern sich ein tolles Spiel, Christiano Ronaldo erzielt einen Hattrick, Endstand 3:3.

Bleibt zum Ende noch eins: Die Liste der Vorrundenspiele, die man nicht gesehen haben muss (Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich der Stellenwert vieler Teams im Laufe der Zeit stark verändert hat).

1930: Rumänien – Peru 3:1

1934 und 1938: Keine Vorrunde

1950: Schweiz – Mexiko 2:1

1954: Türkei – Südkorea 7:0

1958: Ungarn – Mexiko

1962: Uruguay – Kolumbien 2:1

1966: Mexiko – Frankreich 1:1

1970: Belgien – El Salvador 3:0

1974: Chile – Australien 0:0

1978: Ein Ausnahmefall: Im Voraus hätte wohl jeder auf Peru – Iran gesetzt, das aber nicht nur mit 4:1 recht spektakulär verlief – es war auch wichtig, Peru kam damit sensationell als Gruppensieger weiter. Rückblickend war wohl eher Schottland – Iran (1:1) das Spiel, das man nicht gesehen haben muss…

1982: Tschechoslowakei – Kuwait 1:1

1986: Algerien – Nordirland 1:1

1990: Vereinigte Arabische Emirate – Kolumbien 0:2

1994: Südkorea – Bolivien 0:0

1998: Jamaika – Japan 2:1

2002: China – Costa Rica 0:2

2006: Tunesien – Saudi-Arabien 2:2

2010: Schweiz – Honduras 0:0

2014: Elfenbeinküste – Japan 2:1

2018: Marokko – Iran 0:1

Fußballirrtum des Tages: Mit Libero kann man heute nicht mehr gewinnen (siehe Einzelpost)  

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