16.06.18
Spiele des Tages: Frankreich
– Australien 2:1
Argentinien –
Island 1:1
Peru – Dänemark
0:1
Kroatien – Nigeria 2:0
Meine Tipps: Frankreich
– Australien 3:0 (Punkte: 1)
Argentinien – Island 2:1 (Punkte: 0)
Peru – Dänemark 0:3 (Punkte: 1)
Kroatien – Nigeria 1:2 (Punkte: 0)
Gesamtpunktzahl: 5
Okay, ich muss es zugeben: Ich war nur selten bei einem
WM-Spiel für Deutschland. Auch morgen Abend, wenn es gegen Mexiko geht, werde
ich den Mittelamerikanern die Daumen drücken. In diesem Jahr ist es sogar
extremer als in vielen anderen Turnieren: Ich bin nicht nur für andere, ich bin diesmal sogar
konkret gegen Deutschland. Warum?
Es hat nichts mit genereller Ablehnung meines Landes oder
seiner Vertreter zu tun. Bei den Olympischen Spielen bin ich im Allgemeinen für
das deutsche Team, und ich habe die deutschen Nationalmannschaften im Eishockey,
Feldhockey, Handball und Rugby angefeuert. Aber zur deutschen Fußballmannschaft
habe ich nie eine große Verbindung gespürt, und manchmal – wie dieses Jahr –
habe ich sie sogar abgelehnt. Wie so oft ist es auch hier schwer, eine
emotionale Fan-Entscheidung sachlich zu begründen. Aber ein paar konkrete
Gründe kann ich diesmal schon nennen.
Grund 1: Die
Deutschen spielen nervigen Fußball
Die deutsche Nationalmannschaft ist eins der lästigsten Nationalteams
der Welt. Fast immer erreicht sie gute Erfolge, und das, obwohl meist
langweiliger Verwaltungsfußball gespielt wird. Die Deutschen sind die Streber
des Weltfußballs. Blass, langweilig, aber immer erfolgreich, ohne die
Ausrutscher, die ein Team sympathisch machen. WM-fußballerisch sozialisiert
wurde ich bei der WM 2002, und ich erlebte damals ein deutsches Team, das sich
ohne ein einziges gutes Spiel ins Finale spielte, indem es langweilig,
streberhaft, jedes K.O.-Spiel 1:0 gewann. Die erfrischenden, aufregenden,
sympathischen US-Amerikaner, die sich mit ihrem herrlichen Überfallfußball
schon gegen die Favoriten aus Portugal und Mexiko durchgesetzt hatten, spielten
Deutschland im Viertelfinale an die Wand. Aber die Streber verlieren solche
Spiele nicht. Oliver Kahn hielt einfach alles, und irgendwie drückte der
Rumpelangriff einen einzigen Ball über die gegnerische Linie. Im Halbfinale kam
Südkorea, der Gastgeber. Euphorisiert, von den Massen frenetisch gefeiert, auf
dem Weg, eine der größten Sensationen der WM-Geschichte perfekt zu machen.
Italien und Spanien hatten schon den Kürzeren gezogen. Deutschland? Kahn hielt
alles, und vorne drückte der Rumpelangriff einen einzigen Ball über die gegnerische
Linie. Wie kann man so etwas gut finden? Wie kann man einer solchen Mannschaft
die Daumen drücken? Manch einer behauptet, es sei mittlerweile doch viel besser
geworden. Die Mannschaft spiele doch jetzt einen aufregenden, hochklassigen
Fußball. Ich sage: Das stimmt nicht. Die Zahl der guten Spiele, die Deutschland
in den letzten Jahren gemacht hat, lässt sich an den Fingern einer Hand
abzählen. Die große Mehrheit der WM- (und auch EM-)Spiele der letzten sechzehn
Jahre waren langweilige Ergebnisfußballauftritte, in denen man als Fußballfan
mit Herz irgendwann anfangen musste, auf das lebhafte gegnerische Team zu hoffen,
das es trotz viel Herzblut einfach nicht schaffte, sich gegen die humorlosen
Streber durchzusetzen. Neu ist nur der Pseudo-Tiki-Taka, das langweilige, das
Spiel verschleppende Passspiel. Wer will so etwas sehen? Ich nicht.
2. Interessante Spielertypen
sind in Deutschland nicht erwünscht
Zum blassen Streberimage der Deutschen trägt auch bei, dass
Jogi Löw Spieler mit Ecken und Kanten grundsätzlich nicht ins Nationalteam
aufnimmt. Das beweist auch die diesjährige Nominierung. Wagner und Petersen?
Beide klar bessere Stürmer als Gomez. Aber eben auch intelligente Typen, die
mal den Mund aufmachen und Meinungen zum Besten geben. Das darf nicht sein.
Genauso blieben bei Löw auch schon Ballack, Kuranyi, Großkreutz etc. auf der Strecke.
Es sollen Schwiegersöhnchen wie Neuer, Hummels oder eben Gomez sein. Dass dem
Team damit viel verloren geht, ist Nebensache. Wo sind die verrückten Typen, die
ein Team interessant machen? Die Paradiesvögel oder die polarisierenden
Spieler? In der deutschen Nationalmannschaft spielt kein Buffon, kein Ronaldo,
kein Ibrahimovic. Kein einziger Spieler mit Profil. Langweilig.
3. Das Nationalteam war
schon immer blass, und jetzt ist es ein gekünsteltes Marketingprodukt
Um das deutsche Nationalteam hat sich nie eine echte Fankultur
entwickelt. Es gibt keinen echten deutschen Fansong wie Englands „Three Lions“,
keinen Schlachtruf wie das „Hopp Schwyz“ der Schweizer, keinen traditionellen
Spitznamen des Teams. Natürlich gab es immer vereinzelte richtige
Schlachtenbummler, aber keine fantastischen Fangruppen wie sie die britischen
Nationen haben. Auf den Rängen der deutschen Nationalmannschaft sah es immer
ein bisschen traurig aus. Aber natürlich möchte Deutschland einen anderen Ruf
haben. Es soll für Fans aus aller Welt attraktiv sein. Und so wird ein
Kunstprodukt erschaffen, sorgsam darauf gepolt, alle möglichen Zielgruppen zu
erreichen und niemandem vor den Kopf zu stoßen. Zuerst musste ein Fansong her,
und so wurde jahrelang bei jedem Heimspiel penetrant Oliver Pochers „Schwarz
und Weiß“ eingespielt. Die Fankultur sollte durch den „Fanclub Deutsche
Nationalmannschaft, powered by Coca Cola“ hergestellt werden. Das ist traurig,
peinlich, erbärmlich. Und wie symbolisch dafür steht der hirnrissige,
seelenlose neue „Spitzname“ des Teams. Auf einem angeblich von Englands
Starspieler Steven Gerrard stammenden, in Wirklichkeit aber gefaketen Zitat
basierend wurde die Mannschaft „Die Mannschaft“ getauft. Und mit unglaublicher
Penetranz wird jetzt versucht, das zu etablieren. Selbst, wenn wir darüber
hinwegsehen, dass „Die Mannschaft“ kein Spitzname für eine Mannschaft ist,
sondern eine Übung in Fantasielosigkeit: Ein Spitzname muss sich über die Jahre
entwickeln, er muss von den Fans stammen und nicht aus der Marketingabteilung.
Für mich verkörpert „Die Mannschaft“ alles, was an der Kommerzialisierung und
der Entfernung des Fußballs von der Basis schlecht ist.
4. Die
Kommunikationskultur im Nationalteam ist eine Katastrophe
Unabhängig davon, was man von Özils und Gündogans Erdogan-Affäre
hält: Dass ein Oliver Bierhoff sich als Manager der Nationalelf vor die Kameras
stellt und die Diskussion für beendet erklärt, ohne dass der DFB sich jemals
auf eine Diskussion eingelassen hätte, ist eine moralische Bankrotterklärung.
Man ist nie bereit, sich den Ansichten und Wünschen der Fans zu stellen, sich
für umstrittene Entscheidungen zu erklären oder ein bisschen Offenheit zu
zeigen. Das zeigt auch das völlige Verbot für Fragen zur Kadernominierung oder
Löws zickige Reaktion, als ihm nach dem Freundschaftsspiel gegen Saudi-Arabien
zugetragen wurde, die Mehrheit der Deutschen wünsche sich ter Stegen statt Neuer
im Tor. Die Fans sollen Trikots und Eintrittskarten kaufen und brav klatschen.
Meinungen sind nicht erwünscht, und was das allwissende Trainerteam
entscheidet, ist unantastbar richtig und muss nicht erklärt werden. Löw und
Bierhoff wirken so arrogant, kalt und abgehoben.
5. Ich bin für andere
Wir werden im Laufe dieses Blogs sicher noch der Frage,
warum ich welche Teams unterstütze, genauer nachgehen. Im Moment reicht zu
wissen: Es gibt eine Reihe von Teams, denen ich bei internationalen Turnieren
die Daumen drücke, und für die ich auch bin, wenn sie gegen Deutschland spielen.
Da habe ich z.B. die britischen Teams und die aus den ehemaligen britischen
Kolonien: England, Schottland, Wales, Nordirland, Irland, Australien, Neuseeland,
USA. Dann mag ich die Skandinavier: Schweden, Dänemark, Norwegen, Island. Und
außerdem gibt es noch ein paar Teams, die ganz für sich mein Herz gewonnen
haben. Mexiko zum Beispiel. In diesem Jahr ist auffällig: In der deutschen
Vorrundengruppe sind zwei meiner Teams
– Mexiko und Schweden. Da ich hoffe, dass die beiden weiterkommen, hoffe ich
automatisch, dass Deutschland schon in der Vorrunde ausscheidet.
6. Ich bin schadenfroh
Ja, ich gebe es zu: Die Tränen von Erfolgsfans sind süßer
Nektar für mich, und das grimmig-verzweifelte Gesicht eines Jogi Löw nach einer
deutschen Niederlage gehört zu den lustigsten Anblicken, die ich kenne. Und ich
liebe die wirren Verschwörungstheorien, die zuverlässig aufkommen, sobald
Deutschland ausscheidet – wir werden bei Gelegenheit noch näher darauf
eingehen. Nach einer deutschen Niederlage kann ich mich an den Nachrichten
geradezu weiden. Kein feiner Zug, ich weiß. Aber Spaß macht es trotzdem.
Ja, und deshalb bin ich auch morgen Abend gegen Deutschland
und drücke Mexiko die Daumen!
Fußballirrtum des
Tages: Manuel Neuer hat das
Torwartspiel revolutioniert (siehe Einzelpost)
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