Sonntag, 17. Juni 2018

WM-Blog 4 - Warum ich morgen nicht für Deutschland bin


16.06.18

Spiele des Tages: Frankreich – Australien 2:1

                                 Argentinien – Island 1:1

                                 Peru – Dänemark 0:1

                                  Kroatien – Nigeria 2:0

Meine Tipps: Frankreich – Australien 3:0 (Punkte: 1)

                         Argentinien – Island 2:1 (Punkte: 0)

                         Peru – Dänemark 0:3 (Punkte: 1)

                          Kroatien – Nigeria 1:2 (Punkte: 0)

Gesamtpunktzahl: 5

Okay, ich muss es zugeben: Ich war nur selten bei einem WM-Spiel für Deutschland. Auch morgen Abend, wenn es gegen Mexiko geht, werde ich den Mittelamerikanern die Daumen drücken. In diesem Jahr ist es sogar extremer als in vielen anderen Turnieren: Ich bin nicht nur für andere, ich bin diesmal sogar konkret gegen Deutschland. Warum?

Es hat nichts mit genereller Ablehnung meines Landes oder seiner Vertreter zu tun. Bei den Olympischen Spielen bin ich im Allgemeinen für das deutsche Team, und ich habe die deutschen Nationalmannschaften im Eishockey, Feldhockey, Handball und Rugby angefeuert. Aber zur deutschen Fußballmannschaft habe ich nie eine große Verbindung gespürt, und manchmal – wie dieses Jahr – habe ich sie sogar abgelehnt. Wie so oft ist es auch hier schwer, eine emotionale Fan-Entscheidung sachlich zu begründen. Aber ein paar konkrete Gründe kann ich diesmal schon nennen.

Grund 1: Die Deutschen spielen nervigen Fußball

Die deutsche Nationalmannschaft ist eins der lästigsten Nationalteams der Welt. Fast immer erreicht sie gute Erfolge, und das, obwohl meist langweiliger Verwaltungsfußball gespielt wird. Die Deutschen sind die Streber des Weltfußballs. Blass, langweilig, aber immer erfolgreich, ohne die Ausrutscher, die ein Team sympathisch machen. WM-fußballerisch sozialisiert wurde ich bei der WM 2002, und ich erlebte damals ein deutsches Team, das sich ohne ein einziges gutes Spiel ins Finale spielte, indem es langweilig, streberhaft, jedes K.O.-Spiel 1:0 gewann. Die erfrischenden, aufregenden, sympathischen US-Amerikaner, die sich mit ihrem herrlichen Überfallfußball schon gegen die Favoriten aus Portugal und Mexiko durchgesetzt hatten, spielten Deutschland im Viertelfinale an die Wand. Aber die Streber verlieren solche Spiele nicht. Oliver Kahn hielt einfach alles, und irgendwie drückte der Rumpelangriff einen einzigen Ball über die gegnerische Linie. Im Halbfinale kam Südkorea, der Gastgeber. Euphorisiert, von den Massen frenetisch gefeiert, auf dem Weg, eine der größten Sensationen der WM-Geschichte perfekt zu machen. Italien und Spanien hatten schon den Kürzeren gezogen. Deutschland? Kahn hielt alles, und vorne drückte der Rumpelangriff einen einzigen Ball über die gegnerische Linie. Wie kann man so etwas gut finden? Wie kann man einer solchen Mannschaft die Daumen drücken? Manch einer behauptet, es sei mittlerweile doch viel besser geworden. Die Mannschaft spiele doch jetzt einen aufregenden, hochklassigen Fußball. Ich sage: Das stimmt nicht. Die Zahl der guten Spiele, die Deutschland in den letzten Jahren gemacht hat, lässt sich an den Fingern einer Hand abzählen. Die große Mehrheit der WM- (und auch EM-)Spiele der letzten sechzehn Jahre waren langweilige Ergebnisfußballauftritte, in denen man als Fußballfan mit Herz irgendwann anfangen musste, auf das lebhafte gegnerische Team zu hoffen, das es trotz viel Herzblut einfach nicht schaffte, sich gegen die humorlosen Streber durchzusetzen. Neu ist nur der Pseudo-Tiki-Taka, das langweilige, das Spiel verschleppende Passspiel. Wer will so etwas sehen? Ich nicht.

2. Interessante Spielertypen sind in Deutschland nicht erwünscht

Zum blassen Streberimage der Deutschen trägt auch bei, dass Jogi Löw Spieler mit Ecken und Kanten grundsätzlich nicht ins Nationalteam aufnimmt. Das beweist auch die diesjährige Nominierung. Wagner und Petersen? Beide klar bessere Stürmer als Gomez. Aber eben auch intelligente Typen, die mal den Mund aufmachen und Meinungen zum Besten geben. Das darf nicht sein. Genauso blieben bei Löw auch schon Ballack, Kuranyi, Großkreutz etc. auf der Strecke. Es sollen Schwiegersöhnchen wie Neuer, Hummels oder eben Gomez sein. Dass dem Team damit viel verloren geht, ist Nebensache. Wo sind die verrückten Typen, die ein Team interessant machen? Die Paradiesvögel oder die polarisierenden Spieler? In der deutschen Nationalmannschaft spielt kein Buffon, kein Ronaldo, kein Ibrahimovic. Kein einziger Spieler mit Profil. Langweilig.

3. Das Nationalteam war schon immer blass, und jetzt ist es ein gekünsteltes Marketingprodukt

Um das deutsche Nationalteam hat sich nie eine echte Fankultur entwickelt. Es gibt keinen echten deutschen Fansong wie Englands „Three Lions“, keinen Schlachtruf wie das „Hopp Schwyz“ der Schweizer, keinen traditionellen Spitznamen des Teams. Natürlich gab es immer vereinzelte richtige Schlachtenbummler, aber keine fantastischen Fangruppen wie sie die britischen Nationen haben. Auf den Rängen der deutschen Nationalmannschaft sah es immer ein bisschen traurig aus. Aber natürlich möchte Deutschland einen anderen Ruf haben. Es soll für Fans aus aller Welt attraktiv sein. Und so wird ein Kunstprodukt erschaffen, sorgsam darauf gepolt, alle möglichen Zielgruppen zu erreichen und niemandem vor den Kopf zu stoßen. Zuerst musste ein Fansong her, und so wurde jahrelang bei jedem Heimspiel penetrant Oliver Pochers „Schwarz und Weiß“ eingespielt. Die Fankultur sollte durch den „Fanclub Deutsche Nationalmannschaft, powered by Coca Cola“ hergestellt werden. Das ist traurig, peinlich, erbärmlich. Und wie symbolisch dafür steht der hirnrissige, seelenlose neue „Spitzname“ des Teams. Auf einem angeblich von Englands Starspieler Steven Gerrard stammenden, in Wirklichkeit aber gefaketen Zitat basierend wurde die Mannschaft „Die Mannschaft“ getauft. Und mit unglaublicher Penetranz wird jetzt versucht, das zu etablieren. Selbst, wenn wir darüber hinwegsehen, dass „Die Mannschaft“ kein Spitzname für eine Mannschaft ist, sondern eine Übung in Fantasielosigkeit: Ein Spitzname muss sich über die Jahre entwickeln, er muss von den Fans stammen und nicht aus der Marketingabteilung. Für mich verkörpert „Die Mannschaft“ alles, was an der Kommerzialisierung und der Entfernung des Fußballs von der Basis schlecht ist.

4. Die Kommunikationskultur im Nationalteam ist eine Katastrophe

Unabhängig davon, was man von Özils und Gündogans Erdogan-Affäre hält: Dass ein Oliver Bierhoff sich als Manager der Nationalelf vor die Kameras stellt und die Diskussion für beendet erklärt, ohne dass der DFB sich jemals auf eine Diskussion eingelassen hätte, ist eine moralische Bankrotterklärung. Man ist nie bereit, sich den Ansichten und Wünschen der Fans zu stellen, sich für umstrittene Entscheidungen zu erklären oder ein bisschen Offenheit zu zeigen. Das zeigt auch das völlige Verbot für Fragen zur Kadernominierung oder Löws zickige Reaktion, als ihm nach dem Freundschaftsspiel gegen Saudi-Arabien zugetragen wurde, die Mehrheit der Deutschen wünsche sich ter Stegen statt Neuer im Tor. Die Fans sollen Trikots und Eintrittskarten kaufen und brav klatschen. Meinungen sind nicht erwünscht, und was das allwissende Trainerteam entscheidet, ist unantastbar richtig und muss nicht erklärt werden. Löw und Bierhoff wirken so arrogant, kalt und abgehoben.

5. Ich bin für andere

Wir werden im Laufe dieses Blogs sicher noch der Frage, warum ich welche Teams unterstütze, genauer nachgehen. Im Moment reicht zu wissen: Es gibt eine Reihe von Teams, denen ich bei internationalen Turnieren die Daumen drücke, und für die ich auch bin, wenn sie gegen Deutschland spielen. Da habe ich z.B. die britischen Teams und die aus den ehemaligen britischen Kolonien: England, Schottland, Wales, Nordirland, Irland, Australien, Neuseeland, USA. Dann mag ich die Skandinavier: Schweden, Dänemark, Norwegen, Island. Und außerdem gibt es noch ein paar Teams, die ganz für sich mein Herz gewonnen haben. Mexiko zum Beispiel. In diesem Jahr ist auffällig: In der deutschen Vorrundengruppe sind zwei meiner Teams – Mexiko und Schweden. Da ich hoffe, dass die beiden weiterkommen, hoffe ich automatisch, dass Deutschland schon in der Vorrunde ausscheidet.

6. Ich bin schadenfroh

Ja, ich gebe es zu: Die Tränen von Erfolgsfans sind süßer Nektar für mich, und das grimmig-verzweifelte Gesicht eines Jogi Löw nach einer deutschen Niederlage gehört zu den lustigsten Anblicken, die ich kenne. Und ich liebe die wirren Verschwörungstheorien, die zuverlässig aufkommen, sobald Deutschland ausscheidet – wir werden bei Gelegenheit noch näher darauf eingehen. Nach einer deutschen Niederlage kann ich mich an den Nachrichten geradezu weiden. Kein feiner Zug, ich weiß. Aber Spaß macht es trotzdem.

Ja, und deshalb bin ich auch morgen Abend gegen Deutschland und drücke Mexiko die Daumen!     

Fußballirrtum des Tages: Manuel Neuer hat das Torwartspiel revolutioniert (siehe Einzelpost)  

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