Über den deutschen Nationaltorhüter Manuel Neuer
kursieren mehrere verklärende Mythen; die verbreitetste, auch von ausgewiesenen
Fußballexperten immer wieder bemühte Fehlbehauptung ist aber, Neuer habe das
Torwartspiel völlig neu interpretiert und somit revolutioniert. Er habe den
mitspielenden Torwart, der manchmal fast wie ein Libero auftritt und auch in
das Aufbauspiel der Mannschaft integriert ist, erfunden oder zumindest populär
gemacht.
Man kann bei solchen Behauptungen eigentlich nur den Kopf
schütteln und sich wundern, wie schnell Fußballgeschichte vergessen wird. Denn
schon Russlands großer Torwart der späten 50er und frühen 60er Jahre, Lew
Jashin, wurde für die selbe Spielweise gefeiert, die nun angeblich Manuel Neuer
eingeführt haben soll. Heißt es oft, Neuer könne wohl auch als Feldspieler
Karriere machen, fing Jashin sogar als solcher an – vor seiner Entdeckung als
Torwarttalent spielte er als Stürmer. Über seine Spielweise heißt es auf
Wikipedia:
„Waren seine gewaltigen Abschläge weit in die gegnerische
Spielhälfte, oft bis in dessen Torraum hinein schon legendär, genoss Jaschin
die größte Bewunderung bei Fans und Experten wegen seiner vorausschauenden
Spielweise: er erweiterte seinen Aktionsradius über den Strafraum hinaus,
organisierte seine Abwehr und fungierte bei Angriffen seiner Mannschaft als
zusätzlicher verteidigender Feldspieler. Seine Fähigkeit, Spielzüge
vorauszusehen, machten seine Ausflüge keineswegs zu riskanten Aktionen, nur
selten ließ er sich durch Weitschüsse überraschen.“
Das klingt bekannt, nicht wahr? Die englische Wikipedia
behauptet sogar, Jaschin habe so das Torwartspiel revolutioniert… Auch Tommy
Lawrence, der zur selben Zeit beim FC Liverpool spielte, gilt als einer der
ersten mitspielenden Torhüter. Und sogar Deutschland bekam in den frühen 60ern
schon den angeblich von Neuer um 2010 eingeführten Spielstil zu sehen: 1860
Münchens jugoslawischer Torwart Petar „Radi“ Radenkovic war seinerzeit ein
echter Publikumsliebling und bekannt für seine „damals noch völlig unüblichen
weiten Ausflüge aus dem Strafraum“ und seine „Ballbehandlung, die ihn
befähigte, auch außerhalb des Strafraums sich sicher mit dem Ball zu bewegen
und dadurch passgenau das eigene Spiel in Gang zu bringen“ (Zitate
Wikipedia, 1.Mai 2018). Christoph
Bausenwein bezeichnete Radenkovic in seinem Torhüter-Standardwerk Die letzten Männer von 2003 als
„Torhüter-Feldspieler“. Einige Jahre
später war dann auch Sepp Maier für das Mitspielen, Spieleröffnen und früh
Herauskommen bekannt.
Die Überführung des mitspielenden Torhüters in die
Fußballmoderne wird in der Regel Bruce Grobbelaar, Liverpools simbabwischem
Keeper der 80er und frühen 90er Jahre, zugeschrieben. Spätere bekannte
Interpreten des „modernen Torwartspiels“, die alle noch vor Neuer kamen, sind
unter anderem René Higuita, Fabien Barthez und José Luis Chilavert.
Nicht mal in die moderne deutsche Nationalmannschaft
führte Neuer „seine“ Spielweise ein, er profitierte einfach von einer
allgemeinen Entwicklung. Die hatte schon Jürgen Klinsmann als Bundestrainer
2006 erkannt und daher dem mitspielenden Jens Lehmann, der für seine
spieleröffnenden Pässe und sein frühes Herauskommen bekannt war, den Vorzug vor
dem sonst für stärker gehaltenen, aber eher auf seinen Strafraum beschränkten
Oliver Kahn gegeben.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen