Sonntag, 17. Juni 2018

Fußballirrtümer 3 - Manuel Neuer hat das Torwartspiel revolutioniert


Über den deutschen Nationaltorhüter Manuel Neuer kursieren mehrere verklärende Mythen; die verbreitetste, auch von ausgewiesenen Fußballexperten immer wieder bemühte Fehlbehauptung ist aber, Neuer habe das Torwartspiel völlig neu interpretiert und somit revolutioniert. Er habe den mitspielenden Torwart, der manchmal fast wie ein Libero auftritt und auch in das Aufbauspiel der Mannschaft integriert ist, erfunden oder zumindest populär gemacht.

Man kann bei solchen Behauptungen eigentlich nur den Kopf schütteln und sich wundern, wie schnell Fußballgeschichte vergessen wird. Denn schon Russlands großer Torwart der späten 50er und frühen 60er Jahre, Lew Jashin, wurde für die selbe Spielweise gefeiert, die nun angeblich Manuel Neuer eingeführt haben soll. Heißt es oft, Neuer könne wohl auch als Feldspieler Karriere machen, fing Jashin sogar als solcher an – vor seiner Entdeckung als Torwarttalent spielte er als Stürmer. Über seine Spielweise heißt es auf Wikipedia:

„Waren seine gewaltigen Abschläge weit in die gegnerische Spielhälfte, oft bis in dessen Torraum hinein schon legendär, genoss Jaschin die größte Bewunderung bei Fans und Experten wegen seiner vorausschauenden Spielweise: er erweiterte seinen Aktionsradius über den Strafraum hinaus, organisierte seine Abwehr und fungierte bei Angriffen seiner Mannschaft als zusätzlicher verteidigender Feldspieler. Seine Fähigkeit, Spielzüge vorauszusehen, machten seine Ausflüge keineswegs zu riskanten Aktionen, nur selten ließ er sich durch Weitschüsse überraschen.“

Das klingt bekannt, nicht wahr? Die englische Wikipedia behauptet sogar, Jaschin habe so das Torwartspiel revolutioniert… Auch Tommy Lawrence, der zur selben Zeit beim FC Liverpool spielte, gilt als einer der ersten mitspielenden Torhüter. Und sogar Deutschland bekam in den frühen 60ern schon den angeblich von Neuer um 2010 eingeführten Spielstil zu sehen: 1860 Münchens jugoslawischer Torwart Petar „Radi“ Radenkovic war seinerzeit ein echter Publikumsliebling und bekannt für seine „damals noch völlig unüblichen weiten Ausflüge aus dem Strafraum“ und seine „Ballbehandlung, die ihn befähigte, auch außerhalb des Strafraums sich sicher mit dem Ball zu bewegen und dadurch passgenau das eigene Spiel in Gang zu bringen“ (Zitate Wikipedia, 1.Mai 2018).  Christoph Bausenwein bezeichnete Radenkovic in seinem Torhüter-Standardwerk Die letzten Männer von 2003 als „Torhüter-Feldspieler“.  Einige Jahre später war dann auch Sepp Maier für das Mitspielen, Spieleröffnen und früh Herauskommen bekannt.

Die Überführung des mitspielenden Torhüters in die Fußballmoderne wird in der Regel Bruce Grobbelaar, Liverpools simbabwischem Keeper der 80er und frühen 90er Jahre, zugeschrieben. Spätere bekannte Interpreten des „modernen Torwartspiels“, die alle noch vor Neuer kamen, sind unter anderem René Higuita, Fabien Barthez und José Luis Chilavert.

Nicht mal in die moderne deutsche Nationalmannschaft führte Neuer „seine“ Spielweise ein, er profitierte einfach von einer allgemeinen Entwicklung. Die hatte schon Jürgen Klinsmann als Bundestrainer 2006 erkannt und daher dem mitspielenden Jens Lehmann, der für seine spieleröffnenden Pässe und sein frühes Herauskommen bekannt war, den Vorzug vor dem sonst für stärker gehaltenen, aber eher auf seinen Strafraum beschränkten Oliver Kahn gegeben.

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