Montag, 2. Juli 2018

Fußballirrtümer 10 - Am schlechten Abschneiden Englands sind die vielen Ausländer in der Liga schuld


Turnier für Turnier scheidet die Fußballauswahl Englands früher aus als im à Mutterland des Fußballs erhofft und erwünscht (gerne im à Elfmeterschießen). Die zu Fußballexperten mutierten ehemaligen Bundesligaspieler im deutschen Fernsehen schieben dies stets auf die vielen Ausländer, die in der à Premier League spielen. Sie würden englischen Talenten im Wege stehen und verhindern, dass diese Spielerfahrung auf höchstem Level sammeln können.

 Klingt auf den ersten Blick logisch, ist aber völlig falsch. Tatsächlich stimmt an dem Satz „Für das schlechte Abschneiden der englischen Nationalmannschaft ist der hohe Ausländer-anteil in der Premier League verantwortlich“ außer Rechtschreibung und Grammatik wirklich gar nichts.

 Bereits die Prämisse ist falsch: England schneidet international nicht schlechter ab, als für ein Land mit seiner Einwohnerzahl, Vereinsdichte und so weiter zu erwarten wäre. Es sind die „Mutterland des Fußballs“-Sache und die starke Liga, die uns (und auch die Engländer selbst) immer blenden und mehr erwarten lassen, als realistisch drin ist.

 Auch die Annahme, viele ausländische Spieler seien ein Hindernis für die heimischen Ball-künstler ist so nicht wahr. Das belegt Jahr für Jahr die Aufstellung der englischen Mannschaft. Die Elf, die bei der WM 2010 so unrühmlich ausschied, bestand z.B. nahezu komplett aus Stammspielern von Premier League-Topmannschaften, darunter Weltstars wie Wayne Rooney, Steven Gerrard, Frank Lampard und John Terry – ein Bild, das sich fast bei jedem England-Spiel in jedem Turnier wiederholt. Das sieht nicht so aus, als gäbe es wegen der Ausländer in der englischen Liga ein Problem, exzellente heimische Spieler auszubilden.

Das Gegenteil ist der Fall: Die starken Ausländer fördern die Qualität der englischen Fußballer. Müsste die Liga statt mit starken Ausländern mit mittelmäßigen Engländern gefüllt werden, kämen die schließlich leichter an Stammplätze und müssten weniger hart an sich arbeiten. Auch die Spielerfahrung, die man in solch einer schwächeren Liga sammeln würde, wäre weniger wert.

 Interessanterweise behaupten übrigens die Fußballstatistiker Simon Kuper und Stefan Szymanski, dass englische Spieler sogar zuviel Einsatzzeiten in der Premier League erhalten. In solch einer starken Liga ist jedes Spiel ein Topspiel, das höchsten Einsatz erfordert. Die Premier League-Spieler müssen Spiel für Spiel Höchstleistungen abrufen. Wenn die Saison endet und die internationalen Turniere beginnen, sind sie erschöpft und oft auch verletzt – anders als die Spieler der Bundesliga oder der spanischen Primera Division, die viel mehr Ligaspiele gegen schwache Gegner haben und sich ihre Kräfte einteilen können. Daher empfehlen die Statistiker dem englischen Fußballverband, Spieler in diese Ligen zu exportieren. Bei Licht betrachtet sind nach dieser Logik irgendwie doch die starken aus-ländischen Spieler in England an den schwachen Auftritten der Nationalelf schuld – wenn auch anders, als der Stammtischexperte annimmt...



Quellen: Simon Kuper/ Stefan Szymanski: Soccernomics. New York 2010; Christian Eichler: Lexikon der Fußballmythen. München 2002

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