Samstag, 15. Dezember 2018

Der Rückschaufehler und meine beste Mannschaft, an die ich schon immer geglaubt hatte - oder nicht? (Denkfehler im Fußball 10)


"Es musste ja so kommen, dass Deutschland in der Vorrunde ausscheidet!"

"Ich habe immer an meine Mädels geglaubt!"


- RÜCKSCHAUFEHLER

Als nach der blamablen 0:2-Niederlage gegen Südkorea das Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2018 feststand, tauchten viele Menschen auf, die es schon lange vorher geahnt hatten. Es war ja auch offensichtlich, zu viele Fehler waren im Vorfeld gemacht worden. Trainer Löw hatte zu sehr auf alte Spieler gesetzt, die völlig außer Form waren - schon nach der Nominierung, als der junge, spritzige Leroy Sané aussortiert und stattdessen der unbewegliche Mario Gomez in den Kader berufen wurde, war klar, dass das in die Hose gehen würde. Auch die Entscheidung für den lange verletzten Manuel Neuer im Tor, der den Vorzug vor einem Marc-André ter Stegen in Weltklasseform erhielt, sowie der Einsatz der durch die Erdogan-Affäre in Kritik geratenen Mesut Özil und Ilkay Gündogan provozierten die Katastrophe geradezu. Wenn man dann noch den offensichtlichen Qualitätsverfall der letzten Jahre berücksichtigte - schon bei der EM war klar zu sehen gewesen, dass die DFB-Elf nicht mehr so stark war wie 2014 -, dann war es ein Scheitern mit Ansage. Man fragte sich lediglich, warum Löw sehenden Auges ins Verderben gerannt war. Auch ich selbst ließ in den folgenden Tagen jeden wissen: "Ich hab es ja gesagt!"

Und damit war ich, wie viele andere Menschen, dem Rückschaufehler erlegen, sehr treffend auch bekannt als "Ich-hab-es-ja-gesagt"-Fehler (oder unter der englischen Bezeichnung hindsight bias). Denn in Wirklichkeit hatte praktisch niemand ein Vorrundenaus der deutschen Elf prophezeit. Eine Kicker-Umfrage ergab kurz vor der WM, dass nur 1,4% der Deutschen an ein Vorrundenaus glaubten - dem gegenüber 37,5%, die vom Weltmeistertitel ausgingen (der größte Anteil, 39,2%, erwartete ein Aus im Halbfinale). In allen der elf WM-Vorschaumagazine, die ich im Vorfeld des Turniers las, wurde Deutschland als Titelfavorit eingeordnet; in drei davon ausdrücklich als der mit Abstand wahrscheinlichste Titelträger. Auch die Zeitungen waren einhellig der Meinung, Deutschland sei ein absoluter Titelkandidat. Zwar sahen einige Experten Frankreich oder Brasilien vorne, aber jeweils nur leicht. Löw und Oliver Bierhoff (der das WM-Quartier unter dem Gesichtspunkt wählte, dass von dort aus der Austragungsort des Halbfinals und Finales leicht zu erreichen war) waren mit ihrer Selbstsicherheit also bei weitem nicht allein. Und ich? Ich hatte Deutschland zwar tatsächlich fern vom Titel gesehen (und sogar die Niederlage gegen Mexiko richtig getippt), aber das Aus in der Vorrunde hatte ich auch nicht vorhergesehen. In meinem Blog schrieb ich am 13. Juni, direkt vor WM-Beginn: "
Deutschland wird diesmal nicht weit kommen. Die Vorrunde schaffen sie aber natürlich – wenn auch mit einem Warnschuss vor den Bug nur als Zweite", am 24 Juni lieferte ich über den Stand der Vorrundengruppen folgendes nach: "Deutschland war wirklich unterirdisch. Richtig, richtig schlecht. Sie werden früh ausscheiden bei dieser WM. Aber wohl nicht in der Vorrunde. Das sind schlechte Neuigkeiten für die Schweden, denn Mexiko wird sich Platz 1 sichern. Mein Tipp: Mexiko Erster, Deutschland Zweiter."
Zum Glück brauche ich mir keine großen Vorwürfe machen - und alle anderen, die erst völlig falsch lagen und dann meinten, sie hätten es ja kommen sehen, auch nicht.
Der Rückschaufehler ist praktisch nicht zu bekämpfen. Jeder unterliegt ihm, auch alle, die darüber wissen. Ein Problem in der Funktion des Gehirns spielt eine Rolle dabei - erlangen wir neue Informationen zu einem Thema, ist es uns nicht mehr möglich, das Thema aus derselben Perspektive zu betrachten wie bevor wir diese zusätzlichen Informationen hatten. Anders ausgedrückt: Wir wissen nicht mehr, wie unmöglich etwas vorherzusehen war, nachdem es eingetroffen ist.
Das passiert im Kleinen ("Ich wusste doch von vornherein, dass diese Freundin nicht gut für dich ist"), aber auch im ganz Großen. Geschichtsbücher sind voll von Rückschaufehlern. Dass das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo den ersten Weltkrieg auslösen würde, der dann die Grundlage für den zweiten Weltkrieg legte, scheint einer völlig stringenten Logik zu folgen, unvermeidbar gewesen zu sein. Damals wäre im Leben niemand auch nur auf so eine Idee gekommen.
Das Ganze klingt nach einer Kleinigkeit - dann reden wir uns halt unsere Einschätzung im Nachhinein schön, na und? Es ist aber tatsächlich gefährlich.
Zum einen werden oft Menschen zu Sündenböcken gemacht für Dinge, die niemand hätte vorhersehen können - weil alle in der Rückschau denken: "Das hätte er doch voraussehen müssen!" Insofern ist der Rückschaufehler sogar juristisch relevant.
Zum anderen führt die Selbsttäuschung, wir hätten die Situation ja letztes Mal auch richtig eingeschätzt, dazu, dass wir nicht besonders gut aus Fehlern lernen.
Man kann nur dazu raten, immer mal einen Blick in Einschätzungen zu werfen, die vor einem Endergebnis verfasst wurden. Auch, wenn es einen selbst betrifft. Führe Tagebuch! Meine eigene Angewohnheit, ständig über alles Mögliche zu schreiben, hat mir meine Rückschaufehler schon mehr als einmal vor Augen geführt.

Dass die Saison 2015/2016 für meine Mädchenmannschaft die beste aller Zeiten werden würde, war offensichtlich. Immerhin hatten wir Fanny Kronach in der Sturmspitze, eine überragende Spielerin. Nicht nur eine der wenigen Vereinsspielerinnen, die wir je in meiner Schulmannschaft gehabt hatten - sie spielte sogar Landesauswahl! Dann stand Leah Kürschner im Tor, ein spektakuläres Talent; in der Abwehr davor schaltete mit Sophia Savoy ebenfalls eine echte Bank, eine der besten Nichtvereinsspielerinnen, die wir je einsetzen konnten. Dazu kamen Sara Demir, die in den letzten zwei Jahren an jedem irgendwie möglichen Wettkampf teilgenommen hatte und somit für eine Schulfußballerin über eine enorme Spielerfahrung verfügte, und Doreen van Bergen, eine Powerspielerin mit grenzenloser Energie. Sollte Fanny im Sturm einmal ausfallen, stünde Sophia Poborsky Gewehr bei Fuß, eine Hockeyvereinsspielerin mit enormem Torriecher. Unterstützt wurde dieser Kern von dem größten Kader, den ich jemals hatte: Fast 30 Mädchen warteten auf ihre Einsatzchancen.
Natürlich kamen die Erfolge dann fast von selbst. Im Drumbo Cup überstanden wir die ersten zwei Runden und erreichten damit die Vorrunde des Landesfinales, bevor wir an Teams, die fast nur noch aus Auswahlspielerinnen bestanden, scheiterten. In der Feldrunde wurden wir Bezirksmeister. Wir belegten Platz 1 bei unserem selbst veranstalteten Turnier und beim Tag des Mädchenfußballs; beim Sparkassencup wurde eines unserer Teams Bezirksmeister und Landesvizemeister. Im extrem stark besetzten LIDL-Cup schaffte es unser Mädchenteam gegen lauter Jungenmannschaften immerhin, die Vorrunde zu überstehen. Und zum Saisonabschluss schlugen wir in einem Freundschaftsspiel die jahrgangsältere Mannschaft des lokalen Vereins mit der namhaftesten Jugendförderung. Nichts davon kam bei diesem Kader wirklich überraschend. Oder?
Ich erinnere mich immer gerne daran, dass unser Partnertrainer von SoccAthletix, der damals die Jungenmannschaft auf Wettkämpfe vorbereitete und nun wirklich viel Ahnung hat, im Vorfeld des Drumbo Cups auch ein paar Trainingseinheiten mit den Mädchen machte - und ihnen ein Debakel prognostizierte. Haha! Einmal hatte ich mehr Ahnung gehabt als unser professioneller Berater! Denn ich hatte schließlich immer an meine Mädels geglaubt. Dachte ich. Hatte ich aber nicht.
Wie gesagt, schreibe ich immer alles auf. Und ich hatte auch einen Vorschautext mit Prognosen für die Saison 15/16 geschrieben - in dem die Mädels alles andere als überragend wegkamen. Viele Schwachpunkte auf allen Positionen hatte ich erkannt; Leah Kürschner sei auf jeden Fall schwächer als ihre Vorgängerin Annie Röhlinger, die Abwehr unterbesetzt, das Mittelfeld zwar schnell und ausdauernd, aber schwach am Ball, Fanny Kronach nicht reif genug, die Mannschaft alleine zu tragen. Mein Fazit: Große Erfolge wären überraschend.
Hätte ich es nicht aufgeschrieben, ich hätte es hinterher nicht mehr geglaubt. Zu offensichtlich war, wie wunderbar bei diesem Team alles zusammenlief. Aber eben nur im Nachhinein. Ein klassischer Rückschaufehler.


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