"Frauenfußball
ist eine heile Fußballwelt!"
"Meine Mädchen sind viel leichter zu handhaben als die Jungenmannschaft!"
- WOMEN-ARE-WONDERFUL-EFFEKT
In seinem vor der WM 2014 erschienenen Buch Überleben beim Fußball fordert der Schriftsteller Oliver Uschmann seine Leser auf, sich eine viel bessere Fußballwelt vorzustellen. Blumig wird ein Fußball geschildert, bei dem es keine Kommerzialisierung und keine Fanausschreitungen gibt - aber auch keine Schwalben, keine brutalen Fouls. Bei dem immer "Spielfluss herrscht und Freude" und stets das Spiel im Vordergrund steht, es keinen "wütenden Ernst" und keinen übermäßigen Ehrgeiz gibt. Uschmann schließt das Kapitel mit der Feststellung: "Es gibt sie, diese Welt. Sie heißt: professioneller Frauenfußball."
Eine bemerkenswerte Ansicht.
Ich fragte mich schon beim ersten Lesen, ob Uschmann wohl die Frauen-WM 2011 verpasst hatte. Selten habe ich eine Mannschaft mit mehr "wütendem Ernst" und weniger Spielfreude zu Werke gehen sehen als die deutschen Frauen bei diesem Turnier. Außer vielleicht die Brasilianerinnen im selben Jahr. Das Viertelfinale zwischen Brasilien und den USA ist die komplette Antithese zu Uschmanns Vision. Anfangs von den Zuschauern favorisiert, spielten die Südamerikanerinnen derart unfair und unsympathisch, dass sie am Ende das ganze Stadion gegen sich hatten - was dieses auch mit Pfiffen und dem Werfen von kleinen Gegenständen kundtat. Dass es im Frauenfußball keine Schwalben und nur Spielfluss gibt, wusste Brasiliens Érika offenbar nicht, jedenfalls ließ sie sich bei Führung kurz vor Schluss plötzlich fallen, wälzte sich minutenlang am Boden, bis sie mit der Trage vom Platz geholt wurde - und sprang dann umgehend wieder auf, um zurück aufs Spielfeld zu sprinten. Dass der Frauenfußball laut Uschmann stilvoll ist, war Brasiliens Star Marta eindeutig unbekannt, sie schimpfte permanent auf die Schiedsrichterin (die nach Meinung der meisten Beobachter die Brasilianerinnen durchgängig bevorzugte) und giftete eine verletzte Gegenspielerin an. Den Elfmeter zur brasilianischen Führung (und einen Platzverweis für die Amerikanerinnen) holte sie mit einer klaren Schwalbe heraus, danach verlegten sich die Brasilianerinnen fast komplett auf Schwalben im Strafraum. Der späte Ausgleich der Amerikanerinnen und ihr Sieg im Elfmeterschießen waren eine Genugtuung, aber trotzdem kann man Frauenfußballfans wie Uschmann nur empfehlen, sich dieses Spiel anzusehen, um für immer von der Vorstellung der besseren Welt im Frauenfußball geheilt zu sein.
Obwohl es zahlreiche weitere Beispiele gäbe, ist die Ansicht, Frauenfußball sei irgendwie fairer, gesitteter, stilvoller, weit verbreitet. Da man sich als Fan des Frauenfußballs ja dauernd rechtfertigen muss, ist das auch ein Standardargument zu seinen Gunsten geworden - dabei ist es völliger Unsinn! Aber wie kommt es zu so einer falschen Wahrnehmung?
Man nennt das den Women are Wonderful effect, den "Frauen-sind-wunderbar-Effekt". Obwohl schon 1994 beschrieben und umfangreich nachgewiesen, taucht er in den Standardwerken zu Denkfehlern selten auf (und hat nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag).
Die Psychologen Alice Eagly und Antonio Mldanic hatten zwischen 1989 und 1993 bei einer Studie versucht, den vermeintlichen Vorurteilen gegenüber Frauen auf den Grund zu gehen - und zu ihrem Erstaunen das Gegenteil entdeckt: Über die Geschlechter und sozialen Schichten hinweg werden Frauen als positiver wahrgenommen. Seitdem ist das in vielen weiteren Studien und Experimenten nachgewiesen worden. Frauen werden demnach automatisch mit positiven Eigenschaften (und sogar positiven Begriffen wie "Sonnenschein") verbunden, Männer mit negativen und aggressiven Eigenschaften. Extrem ist dieses Missverhältnis unter Frauen - anders ausgedrückt weisen Frauen einen extremen In-Group bias auf (siehe Denkfehler im Fußball 4); Männern dagegen fehlt dieser - auch sie sehen Frauen positiver als Männer.
Das gleiche Verhalten wird einer Frau grundsätzlich positiver ausgelegt; als klassisches Beispiel dafür gilt die unterschiedliche Wahrnehmung von Untreue in Medien und Öffentlichkeit. Sowohl in Film und Fernsehen bei fiktiven Personen als auch in der Klatschpresse auf reale Personen bezogen ist die Tendenz erkennbar, einen Mann, der seine Partnerin betrügt, zum totalen Arschloch zu erklären, während eine fremdgehende Frau ihre guten Gründe hat - mindestens hat sich ihr Partner nicht ausreichend um ihre Bedürfnisse gekümmert.
Einige Studien legen nahe, dass der Effekt umso stärker ist, je mehr eine Frau traditionellen Rollenbildern folgt (d.h., die Hausfrau am Herd wird positiver gesehen als die Holzfällerin), aber insgesamt werden Frauen positiv stereotypisiert. Dazu gehören auch die Stereotypen, die auf den Frauenfußball angewandt werden: Vernunft, richtige Einstellung, Fairness, Freundlichkeit, Stil.
Einer der Gründe, warum ich nicht Lehrer werden kann, ist, dass ich Mädchen total bevorzuge. Ich wäre so ein klassischer "Mädchenlehrer", der die Jungs viel strenger bewertet. Obwohl ich das weiß, kann ich es nicht abstellen. Mädchen sind mir grundsätzlich sympathischer, mit ihnen zu arbeiten, macht mir mehr Spaß. Kein Wunder, dass meine Zeit als Trainer unserer großen Jungs schnell vorbei war und ich mich seitdem total auf die Mädchenmannschaft konzentriert habe. Okay, ich mache auch noch die "kleine" gemischte Mannschaft der Klassen 1 bis 3, aber auch da ist mein Hauptbestreben, Mädchen zum Mitmachen zu animieren und zu fördern.
Wenn man mich fragen würde, würde ich sofort behaupten, dass meine Mädchen insgesamt viel netter, verträglicher und leichter zu handhaben sind als unsere Jungenmannschaft. Dabei ist auch das nicht so einfach richtig.
Ich habe schon ein paar schwierige Charaktere in der Truppe. Helena ist eine Drama-Queen und ein frühreifes Früchtchen, dauernd am Intrigieren, Zicken und Unruhe in die Mannschaft bringen. Lilja ist ein totaler Besen, garstig, grob, unverschämt. Sandra ist ein Großmaul und mehr von sich überzeugt, als es angebracht ist. Valeska ist eine Heulboje, Charlotte ein Baby. Natasha ist dermaßen ehrgeizig, dass sie schon in Trainingsspielen total ausrastet und grob wird. Rebecca beschwert sich unablässig über angebliche Ungerechtigkeiten. Sie alle haben auch viele gute Seiten, so ist es ja nun auch nicht. Aber die rosige Ansicht, sie seien grundsätzlich viel einfacher und vernünftiger als die Jungs, ist objektiv kompletter Blödsinn.
Das zeigt sich auch schon bei den einfachen Basics. Gibt Frau Preben ihren Jungs eine Trainingsanweisung, legen die los. Gebe ich den Mädchen eine Trainingsanweisung, muss eine auf die Toilette, zwei müssen was trinken gehen, Charlotte hat inhaltlich nicht verstanden, was ich von ihr will und Helena hat nicht aufgepasst, weil sie gerade tratschen musste - womit sie auch noch Valeska und Natasha abgelenkt hat. Nur die vernünftige Emilia könnte sofort loslegen, aber so alleine vorlegen, das will sie dann auch lieber nicht. Über den Daumen gepeilt würde ich sagen, dass wir in einer unserer Trainingseinheiten etwa halb so viel schaffen wie Frau Preben mit ihren Jungs in der gleichen Zeit. Ob ich da wirklich den einfacheren Job habe?
Aber klar, es macht mir viel mehr Spaß als damals bei den Jungs. Und ich mag sie ja alle - meine Mädels sind schon einfach klasse!
"Meine Mädchen sind viel leichter zu handhaben als die Jungenmannschaft!"
- WOMEN-ARE-WONDERFUL-EFFEKT
In seinem vor der WM 2014 erschienenen Buch Überleben beim Fußball fordert der Schriftsteller Oliver Uschmann seine Leser auf, sich eine viel bessere Fußballwelt vorzustellen. Blumig wird ein Fußball geschildert, bei dem es keine Kommerzialisierung und keine Fanausschreitungen gibt - aber auch keine Schwalben, keine brutalen Fouls. Bei dem immer "Spielfluss herrscht und Freude" und stets das Spiel im Vordergrund steht, es keinen "wütenden Ernst" und keinen übermäßigen Ehrgeiz gibt. Uschmann schließt das Kapitel mit der Feststellung: "Es gibt sie, diese Welt. Sie heißt: professioneller Frauenfußball."
Eine bemerkenswerte Ansicht.
Ich fragte mich schon beim ersten Lesen, ob Uschmann wohl die Frauen-WM 2011 verpasst hatte. Selten habe ich eine Mannschaft mit mehr "wütendem Ernst" und weniger Spielfreude zu Werke gehen sehen als die deutschen Frauen bei diesem Turnier. Außer vielleicht die Brasilianerinnen im selben Jahr. Das Viertelfinale zwischen Brasilien und den USA ist die komplette Antithese zu Uschmanns Vision. Anfangs von den Zuschauern favorisiert, spielten die Südamerikanerinnen derart unfair und unsympathisch, dass sie am Ende das ganze Stadion gegen sich hatten - was dieses auch mit Pfiffen und dem Werfen von kleinen Gegenständen kundtat. Dass es im Frauenfußball keine Schwalben und nur Spielfluss gibt, wusste Brasiliens Érika offenbar nicht, jedenfalls ließ sie sich bei Führung kurz vor Schluss plötzlich fallen, wälzte sich minutenlang am Boden, bis sie mit der Trage vom Platz geholt wurde - und sprang dann umgehend wieder auf, um zurück aufs Spielfeld zu sprinten. Dass der Frauenfußball laut Uschmann stilvoll ist, war Brasiliens Star Marta eindeutig unbekannt, sie schimpfte permanent auf die Schiedsrichterin (die nach Meinung der meisten Beobachter die Brasilianerinnen durchgängig bevorzugte) und giftete eine verletzte Gegenspielerin an. Den Elfmeter zur brasilianischen Führung (und einen Platzverweis für die Amerikanerinnen) holte sie mit einer klaren Schwalbe heraus, danach verlegten sich die Brasilianerinnen fast komplett auf Schwalben im Strafraum. Der späte Ausgleich der Amerikanerinnen und ihr Sieg im Elfmeterschießen waren eine Genugtuung, aber trotzdem kann man Frauenfußballfans wie Uschmann nur empfehlen, sich dieses Spiel anzusehen, um für immer von der Vorstellung der besseren Welt im Frauenfußball geheilt zu sein.
Obwohl es zahlreiche weitere Beispiele gäbe, ist die Ansicht, Frauenfußball sei irgendwie fairer, gesitteter, stilvoller, weit verbreitet. Da man sich als Fan des Frauenfußballs ja dauernd rechtfertigen muss, ist das auch ein Standardargument zu seinen Gunsten geworden - dabei ist es völliger Unsinn! Aber wie kommt es zu so einer falschen Wahrnehmung?
Man nennt das den Women are Wonderful effect, den "Frauen-sind-wunderbar-Effekt". Obwohl schon 1994 beschrieben und umfangreich nachgewiesen, taucht er in den Standardwerken zu Denkfehlern selten auf (und hat nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag).
Die Psychologen Alice Eagly und Antonio Mldanic hatten zwischen 1989 und 1993 bei einer Studie versucht, den vermeintlichen Vorurteilen gegenüber Frauen auf den Grund zu gehen - und zu ihrem Erstaunen das Gegenteil entdeckt: Über die Geschlechter und sozialen Schichten hinweg werden Frauen als positiver wahrgenommen. Seitdem ist das in vielen weiteren Studien und Experimenten nachgewiesen worden. Frauen werden demnach automatisch mit positiven Eigenschaften (und sogar positiven Begriffen wie "Sonnenschein") verbunden, Männer mit negativen und aggressiven Eigenschaften. Extrem ist dieses Missverhältnis unter Frauen - anders ausgedrückt weisen Frauen einen extremen In-Group bias auf (siehe Denkfehler im Fußball 4); Männern dagegen fehlt dieser - auch sie sehen Frauen positiver als Männer.
Das gleiche Verhalten wird einer Frau grundsätzlich positiver ausgelegt; als klassisches Beispiel dafür gilt die unterschiedliche Wahrnehmung von Untreue in Medien und Öffentlichkeit. Sowohl in Film und Fernsehen bei fiktiven Personen als auch in der Klatschpresse auf reale Personen bezogen ist die Tendenz erkennbar, einen Mann, der seine Partnerin betrügt, zum totalen Arschloch zu erklären, während eine fremdgehende Frau ihre guten Gründe hat - mindestens hat sich ihr Partner nicht ausreichend um ihre Bedürfnisse gekümmert.
Einige Studien legen nahe, dass der Effekt umso stärker ist, je mehr eine Frau traditionellen Rollenbildern folgt (d.h., die Hausfrau am Herd wird positiver gesehen als die Holzfällerin), aber insgesamt werden Frauen positiv stereotypisiert. Dazu gehören auch die Stereotypen, die auf den Frauenfußball angewandt werden: Vernunft, richtige Einstellung, Fairness, Freundlichkeit, Stil.
Einer der Gründe, warum ich nicht Lehrer werden kann, ist, dass ich Mädchen total bevorzuge. Ich wäre so ein klassischer "Mädchenlehrer", der die Jungs viel strenger bewertet. Obwohl ich das weiß, kann ich es nicht abstellen. Mädchen sind mir grundsätzlich sympathischer, mit ihnen zu arbeiten, macht mir mehr Spaß. Kein Wunder, dass meine Zeit als Trainer unserer großen Jungs schnell vorbei war und ich mich seitdem total auf die Mädchenmannschaft konzentriert habe. Okay, ich mache auch noch die "kleine" gemischte Mannschaft der Klassen 1 bis 3, aber auch da ist mein Hauptbestreben, Mädchen zum Mitmachen zu animieren und zu fördern.
Wenn man mich fragen würde, würde ich sofort behaupten, dass meine Mädchen insgesamt viel netter, verträglicher und leichter zu handhaben sind als unsere Jungenmannschaft. Dabei ist auch das nicht so einfach richtig.
Ich habe schon ein paar schwierige Charaktere in der Truppe. Helena ist eine Drama-Queen und ein frühreifes Früchtchen, dauernd am Intrigieren, Zicken und Unruhe in die Mannschaft bringen. Lilja ist ein totaler Besen, garstig, grob, unverschämt. Sandra ist ein Großmaul und mehr von sich überzeugt, als es angebracht ist. Valeska ist eine Heulboje, Charlotte ein Baby. Natasha ist dermaßen ehrgeizig, dass sie schon in Trainingsspielen total ausrastet und grob wird. Rebecca beschwert sich unablässig über angebliche Ungerechtigkeiten. Sie alle haben auch viele gute Seiten, so ist es ja nun auch nicht. Aber die rosige Ansicht, sie seien grundsätzlich viel einfacher und vernünftiger als die Jungs, ist objektiv kompletter Blödsinn.
Das zeigt sich auch schon bei den einfachen Basics. Gibt Frau Preben ihren Jungs eine Trainingsanweisung, legen die los. Gebe ich den Mädchen eine Trainingsanweisung, muss eine auf die Toilette, zwei müssen was trinken gehen, Charlotte hat inhaltlich nicht verstanden, was ich von ihr will und Helena hat nicht aufgepasst, weil sie gerade tratschen musste - womit sie auch noch Valeska und Natasha abgelenkt hat. Nur die vernünftige Emilia könnte sofort loslegen, aber so alleine vorlegen, das will sie dann auch lieber nicht. Über den Daumen gepeilt würde ich sagen, dass wir in einer unserer Trainingseinheiten etwa halb so viel schaffen wie Frau Preben mit ihren Jungs in der gleichen Zeit. Ob ich da wirklich den einfacheren Job habe?
Aber klar, es macht mir viel mehr Spaß als damals bei den Jungs. Und ich mag sie ja alle - meine Mädels sind schon einfach klasse!
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