Freitag, 7. Dezember 2018

Scapegoating, und warum Leah in schlechterer Erinnerung blieb, als sie es verdient hätte (Denkfehler im Fußball 3)

"Özil war schuld am deutschen WM-Aus!"


"Für die hohe Niederlage war die Torhüterin verantwortlich!"


- SCAPEGOATING 

Als die deutsche Nationalmannschaft in diesem Sommer blamabel in der Vorrunde der WM scheiterte, waren sich viele Fans einig: Mesut Özil war schuld! Immer diese hängenden Schultern, immer tauchte er in wichtigen Spielen ab. Wahrscheinlich fehlte es ihm am Nationalstolz, schließlich war er ja eigentlich Türke. Und überhaupt, diese ganze Affäre um das Erdogan-Foto hatte ja Unruhe ins Team gebracht! Löw, Bierhoff und DFB-Präsident Grindel nutzten die Gunst der Stunde, von Kritik an sich abzulenken und brachten sich aus der Schusslinie. Özil trat schließlich unter viel Krach zurück.

Es liegt in der Natur des Menschen, für Dinge, die schiefgehen, einen Sündenbock (engl. scapegoat)zu suchen. Das scapegoating ist ein Teil eines größeren Denkfehlers, der fallacy of the single cause (etwa: "Denkfehler der einen Ursache"), unserer Neigung, für Ereignisse eine einzelne Ursache festzumachen, den einen, wahren Grund. Die Vorstellung, eine einzelne Person, Gruppe oder ein einzelnes Ereignis erkläre den Misserfolg, ist unglaublich verführerisch; Logik spielt dann keine Rolle mehr. Im Beispiel oben wurde nicht nur vergessen, dass Özil in Russland statistisch noch einer der besten Spieler der deutschen Nationalmannschaft gewesen war; auch, dass ein krachendes Vorrundenaus nicht an einem einzelnen Aspekt festmachbar ist, wurde ignoriert. Zum Aus trugen viele Aspekte bei, zum Beispiel die unzureichende Vorbereitung auf die Vorrundengegner, das übertriebene Selbstbewusstsein, die schwache Leistung einiger Stammspieler (Müller, Khedira, Boateng etc.), schlechte Stimmung im Kader, natürlich auch Pech und falsche Entscheidungen des Trainers Jogi Löw, die einige der Probleme noch verschärften.
 Meist beginnt das
Scapegoating unterbewusst, weil unser Gehirn unvernünftigerweise nach der einen Ursache sucht, die es in Wirklichkeit nicht gibt. So war es auch bei Özil. Leute, die sich fragten, was schiefgegangen war, kamen ganz von selbst auf den unbeliebten und kurz zuvor mit der Erdogan-Affäre aufgefallenen Özil. Es kann aber auch instrumentalisiert werden, um von anderen Problemen abzulenken, was man hier wohl der DFB-Spitze vorwerfen kann. Es kann fast harmlos verlaufen, aber es kann auch zu echten Katastrophen führen, zu Hass, Hetze und Verfolgung. Das schlimmste Opfer von Scapegoating ist das jüdische Volk, das jahrhundertelang und bis heute zu Unrecht für alle möglichen Katastrophen und sozialen Missstände verantwortlich gemacht wurde - was schließlich im Holocaust gipfelte.
So schlimm wird es im Fußball natürlich bei weitem nicht, aber zumindest wurde Özils Nationalmannschaftskarriere völlig unwürdig beendet. Viele Trainer hat das
Scapegoating ihren Job gekostet, wenn sie als vermeintlich Verantwortliche für die schwachen Leistungen einer Mannschaft ihren Hut nehmen mussten. Neben dem Traineramt gibt es aber noch einen zweiten Posten im Fußball, auf dem man ganz schnell zum Sündenbock wird.

Leah Kürschner war die beste Torhüterin die ich je in meinem Team hatte - und nicht nur das, sie war die beste Torhüterin, die ich je in diesem Altersbereich bei Mädchen gesehen habe. Und das völlig aus dem Stand. Anfang der fünften Klasse kam sie in mein Team und hatte vorher noch nie Fußball gespielt. Mitte der fünften Klasse ging sie das erste Mal ins Tor. Ende der fünften Klasse war sie fast unüberwindlich. Ein Megatalent, das alles hatte: Strafraumbeherrschung, Stärke auf der Linie, Stärke im 1-gegen-1, Mitspielfähigkeit, Reaktionsvermögen, Sprungkraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Mut. Eine Elferkillerin war sie auch noch. Viele Spiele haben wir im "deutsche Nationalelf von 2002"-Stil gewonnen - hinten fing ein Torwarttitan alles weg, vorne drückten wir irgendwie einen Ball über die Linie.
Aber ein Schatten fällt auf Leahs AG-Zeit: Sie stand auch beim wohl schlimmsten Debakel, das wir je erlebt haben, im Tor. Wir spielten damals in der zweiten Runde der Feldrunde. Die erste Runde hatten wir ohne Gegentor gewonnen, aber in dieser zweiten lief es nicht so gut. Zum Auftakt hatten wir eine hohe Niederlage gegen einen starken Gegner erlitten, es folgte ein hart erkämpftes 0:0 im zweiten Spiel. Um noch in die dritte Runde weiterzukommen, mussten wir jetzt das dritte Spiel haushoch gewinnen. Zum Glück ging es gegen einen leichten Gegner. Bei der Truppe der Kästner-Schule war die erste Mannschaft, die sich für Runde zwei qualifiziert hatte, wegen Klassenfahrt fast komplett ausgefallen - man trat mit einer absoluten Notmannschaft ohne Fußballerfahrung an. In den ersten beiden Spielen hatten die Kästner-Mädels deutlich verloren und echte Slapstickeinlagen geliefert, inklusive "Über-den-Ball-stolpern". Das Weiterkommen wurde uns also auf dem Silbertablett serviert. Am Ende hatten wir 1:5 verloren.
Die Szene, die sich jedem Beobachter (und auch den Spielerinnen) der unfassbaren Demütigung in die Erinnerung gebrannt hat, ist Leahs komplette Regungslosigkeit, als ein echter Kullerball ganz langsam direkt an ihrem rechten Fuß vorbei zum 0:4 über die Torlinie trudelt. Der schlimmste von fünf ganz schlimmen Torwartpatzern.
Die Mädels waren richtig sauer auf Leah - und ich auch. Gut, dass wir in diesem Jahr keine zweite Torhüterin hatten, es wäre sonst denkbar gewesen, dass Leah nie wieder in unserem Tor gestanden hätte (und das wäre eine schlechte Entscheidung gewesen). "Das haben wir nur wegen Leah verloren", war die einhellige Meinung, und noch heute werfen Frau Preben und ich Leah ihre Leistung von diesem Tag vor, wenn wir über die damalige Mannschaft reden.

Aber ist das fair? Natürlich nicht, es ist (unbewusstes)
scapegoating. Leah wird zum Sündenbock für eine Verkettung von Fehlern und Unglücksfällen, die am Ende die schlimme Niederlage verursacht haben. Es fing damit an, dass Fanny Kronach, unsere mit Abstand beste Stürmerin, sich im Sportunterricht verletzte und das Turnier absagen musste. Frau Preben und ich wählten als Ersatz ausgerechnet Lara Grünau, die zwar talentiert, aber noch ganz neu im Team war. Ein klarer Nominierungsfehler, Lara war mit der Situation völlig überfordert und überhaupt kein Faktor im Turnier. Fast ein Jahr lang traute sie sich danach nicht mehr, an einem Wettkampf teilzunehmen. Wir hatten vorher nicht auf dem großen Feld trainieren können, daher waren die Mädels, vor allem diejenigen, die in der ersten Runde nicht dabei waren, noch im Hallenfußballmodus und wurden auf dem Feld einfach überrannt. Gleich im ersten Spiel mussten wir gegen den stärksten Gegner antreten und hatten keine Chance; ein Schlag für das Selbstbewusstsein ganz zum Auftakt. Dann war es brüllend heiß, und gegen Ende des zweiten Spiels kippte Sophia Savoy, unsere beste Abwehrspielerin, plötzlich einfach um. Sie erholte sich zwar wieder, konnte im letzten Spiel aber nicht mitwirken - und der Schreck saß meinen Mädels natürlich auch in den Gliedern. Zudem hatten wir, weil Sophia ja sonst so zuverlässig war, keine zweite große Verteidigerin im Team - uns blieb nur Mia aus der vierten Klasse, die zwar recht gut, aber drei Köpfe kleiner als die Gegnerinnen war und eigentlich an Sophias Seite Erfahrung sammeln sollte. Dann hatten wir das Momentum gegen uns - gleich der erste Schuss der Gegnerinnen saß. Ein Ball, den Leah sonst mit der Mütze gefangen hätte, aber sie rutschte weg. Damit waren alle kläglichen Überreste von Selbstvertrauen und Planung, die nach all den Unglücksschlägen vielleicht noch übriggeblieben waren, weggefegt.
Statt zu versuchen, dagegenzusteuern, die Mädels aufzubauen, einen neuen Spielplan zu entwickeln, fingen Frau Preben und ich in unserer Fassungslosigkeit an, auf unser Team zu schimpfen und machten damit alles noch schlimmer, worauf wir noch mehr schimpften und so weiter. Und schließlich kam noch Pech dazu: Jeder Schuss der Kästner-Schule, egal von wo und wem, kam irgendwie aufs Tor, unsere wenigen Versuche versprangen alle. Erst kurz vor Schluss fasste sich Sara Demir, die erfahrenste Spielerin, die uns noch geblieben war, ein Herz, marschierte einfach alleine an der kompletten gegnerischen Mannschaft vorbei und schob den Ball an der winzigen und schwachen Keeperin vorbei zum Ehrentreffer ins Tor. So einfach hätte es sein können, wenn alles ein bisschen besser gelaufen wäre.
Ja, Leah hatte einen schlechten Tag. Aber alle anderen auch, und dazu kamen unheimlich viel Pech und Versagen des Trainerteams, und dafür kann Leah überhaupt nichts. Es gab nicht den
einen Grund für das epochal schlechte Spiel.

Die Lektion, die man als Trainer also daraus ziehen sollte: Nie einem einzelnen Spieler die Schuld für ein schlechtes Ergebnis geben. Stattdessen: Fertige eine sorgfältig durchdachte Liste mit allen Gründen an, die man für das Scheitern finden kann. Streiche danach alle Gründe, auf die du keinen Einfluss nehmen kannst ("Pech", "Benachteiligung durch den Schiedsrichter" etc.) und arbeite an den Gründen, die übrigbleiben.

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