Samstag, 8. Dezember 2018

Der In-Group/Out-Group-Bias, und warum meine Mädels am beeindruckendsten sind, wenn sie nicht spielen (Denkfehler im Fußball 4)

"International muss man zu den deutschen Klubs halten!"

"Das Team von meiner Schule ist mein Team!"

- IN-GROUP/ OUT-GROUP-BIAS

Patriotismus in jedweder Form ist mir völlig fremd. Ich habe noch nie verstanden, warum ich Stolz auf meine zufällige Geburt in einem bestimmten Land empfinden soll - einem Land, wohlgemerkt, dessen Grenzen sich über Jahrhunderte auf chaotische Weise hin und her verschoben haben, bis sie ihre heutige Form erreichten. Vor ein paar hundert Jahren gehörte der Ort, von dem meine Familie stammt, noch zu Dänemark, und meine Heimatstadt zu einem nicht mehr existenten Staat namens Preußen. Wäre ich zwei Autostunden weiter östlich geboren, wäre ich Pole. Aus all dem abzuleiten, welche Sportler ich anfeuern soll, zu wem ich bei der Papstwahl zu halten habe etc. erscheint mir völlig unsinnig.
Aber Patriotismus spielt in vielen Bereichen eine große Rolle, auch und gerade im Fußball.
Man könnte hier zum Beispiel darauf verweisen, dass von einem Deutschen erwartet wird, Fan der deutschen Nationalmannschaft zu sein. Warum? Ich kenne keinen der Spieler persönlich, und ihre Spielweise gefällt mir nicht.
Aber interessanter finde ich eine andere unsinnige Ansicht, mit der man immer wieder konfrontiert wird: "International muss man zu den deutschen Klubs halten!" Gemeint ist: Wenn z.B. Bayern München in der Champions League antritt, habe ich den Bayern gefälligst die Daumen zu drücken! Für mich völlig blödsinnig. Ich verabscheue Bayern München. Gewinnen sie in der Champions League, gewinnen sie auch an Prestige und vor allem an Geld. Warum, um alles in der Welt, sollte ich dafür sein? Manchmal wird einem die ominöse Fünf-Jahres-Wertung als Grund präsentiert, aber das verschiebt das Problem höchstens um eine Stelle. Warum sollte ich dafür sein, dass Deutschland in der Fünf-Jahres-Wertung vor Frankreich und Italien steht? Was habe ich davon, inwiefern betrifft es mich? Es geht hier natürlich nur wieder um Patriotismus. Ich soll für das deutsche Team sein, weil es wie ich aus Deutschland kommt.
In der Psychologie nennt man den Denkfehler, der zu Patriotismus und anderen Formen des extremen Gruppendenkens führt, In-Group-Bias. Das Gegenstück und untrennbar damit verbunden ist der Out-Group-Bias. Menschen neigen dazu, sich in echten oder gedachten Gruppen zusammenzuschließen und sich extrem mit dieser Gruppe zu identifizieren. Gruppen bilden sich aus trivialen und teilweise absurden Gründen. Geburtsort, Arbeitgeber, Geschlecht, Lieblingsfarbe. In wissenschaftlichen Experimenten haben selbst komplett zufällig zusammengestellte Gruppen eine ausgeprägte Gruppenidentifikation entwickelt. Man findet die Menschen, die man als Teil seiner Gruppe betrachtet, sympathischer und ist eher bereit, ihnen zu helfen. Im Gegenzug betrachtet man Menschen außerhalb der Gruppe negativer und denkt von ihnen eher in Stereotypen. In-Group-Bias und Out-Group-Bias können schlimme Folgen haben. Rassismus ist eine ihrer Ausprägungen, und wer sich im Krieg "für sein Land opfert", ist im Prinzip einfach nur diesen Denkfehlern zu Opfer gefallen.


Manchmal führt der
In-Group-Bias aber auch zu tollen Ergebnissen.
Meine Mädels identifizieren sich meistens sehr mit der Mannschaft. Viele klassenübergreifende Freundschaften hatten ihren Ursprung in der Fußball-AG. Aber vor allem neigen die Mädchen zu tollen Auftritten, wenn sie bei einem Turnier
nicht spielen.
Vor ein paar Jahren hatten wir ein Turnier, an dem wir mit zwei Teams teilnahmen. Im Prinzip waren diese beiden Teams, die wir aus unserer AG zusammengestellt hatten, Konkurrenten im Kampf um den Turniersieg. Logisch wäre es gewesen, wenn sie nicht zueinander gehalten hätten. Was aber tatsächlich geschah, war das Gegenteil: Jedes Mal, wenn eins unserer Teams gegen eines von einer anderen Schule spielte, wurde es von unserem anderen Team gefeiert. Das ging so weit, dass unsere B-Mannschaft die Schulhymne sang, wenn die A-Mannschaft spielte. Hinterher wurden wir von der Turnierleitung für die tolle Stimmung, die die Mädels verbreitet hatten, gelobt.
Letztes Jahr gab es sogar noch ein extremeres Beispiel. Vor dem Drumbo Cup hatten wir rund zwanzig Mädchen in der AG, doch bei dem Turnier dürfen maximal acht Spielerinnen antreten. Die Auswahl war nervenaufreibend, es gab Neid, Streit und Tränen. Frau Preben und ich entschieden, trotzdem alle Mädchen zum Turnier mitzunehmen - acht als Spielerinnen, den Rest zum Zuschauen.
Logisch wäre gewesen, wenn die Zuschauerinnen den Spielerinnen ein schlechtes Turnier gegönnt hätten - das hätte schließlich ihre Chancen erhöht, stattdessen beim nächsten Mal selbst ausgewählt zu werden. Aber aller Neid war wie weggeblasen, als es gegen die Teams der anderen Schulen ging. Wieder sangen unsere Nicht-Spielerinnen während aller Partien unseres Teams, und im Laufe des Turniers dachten sie sich sogar eine Cheerleader-Choreographie aus, die sie während der späteren Spiele vorführten. Als nach zwei erfolglosen Spielen zu Anfang im dritten Spiel endlich unser erstes Tor fiel, drehten unsere Zuschauerinnen fast durch vor Begeisterung. Und als die Mädels das Ergebnis dann auch noch über die Zeit brachten, stürmten unsere Fans den Platz und fielen den Spielerinnen um die Hälse. Sie hatten sich absolut mit der Mannschaft identifiziert, zu der sie heute nicht gehörten, und fühlten sich selbst auch als Siegerinnen.
In-Group-Bias. Manchmal kann er eine tolle Sache sein.


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