"Dieser Spieler hätte sowieso nicht zu uns gepasst!"
"So macht das eh keinen Spaß!"
- KOGNITIVE DISSONANZ
2011 wollte der FC Bayern München unbedingt Arturo Vidal von Bayer Leverkusen verpflichten. Doch Vidal entschied sich stattdessen für das Angebot von Juventus Turin, die Bayern hatten das Nachsehen. Daraufhin behauptete Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge: "Solche Spieler möchte ich beim FC Bayern nicht haben!" Die Begründung: Vidal hätte den Bayern zuvor mündlich bereits zugesagt und durch seinen Wechsel zu Juventus seine fehlende Moral offenbart.
2015 wechselte Vidal dann doch, jetzt von Turin, an die Säbener Straße. Plötzlich hatte Rummenigge nichts mehr dagegen, einen solchen Spieler beim FC Bayern zu haben. Auch für diesen Stimmungswechsel war schnell eine Begründung gefunden: Mittlerweile habe man ja herausgefunden, dass nur Leverkusen daran schuld gewesen sei, dass Vidal damals zu Turin statt zu Bayern gewechselt sei.
Lachhaft? Schon. Aber auch nicht lachhafter als die vielen Argumente, die Fans von Union Berlin gegen Ende der Saison 2017/2018 plötzlich dafür fanden, dass es viel besser sei, in der zweiten Liga zu bleiben, statt in die erste aufzusteigen - die Aufstiegshoffnungen hatten sich gerade zerschlagen. Oder, um die Transfersituation umzudrehen, all die Fälle von Spielern, die offen Wechselabsichten bekundeten, um dann, wenn der Wechsel nicht zustande kam, ihre Liebe zum Verein zu beschwören und den angekündigten Abgang zum Missverständnis zu erklären.
Ich bin auf Facebook mit einem Vater einer meiner ehemaligen Spielerinnen befreundet. Dieser Vater läuft sehr viel und sehr lange Strecken und berichtet ausführlich auf Facebook darüber. Jedes Mal, wenn er wieder gelaufen ist, lädt er ein Foto seiner Uhr mit der Laufzeit hoch. Ist die Zeit leicht besser als das letzte Mal, weist er sehr stolz darauf hin. Ist sie schlechter, hat er eine Ausrede parat: Die Hitze, die schwerere Strecke, das gute Essen der letzten Tage. Als ich einmal nebenbei erwähnte, dass ich auch ein bisschen laufe, fragte er sofort nach Strecken und Zeiten. Kurz, seine Ergebnisse sind ihm sehr wichtig. Aber sie werden nicht besser. Ich bin seit gut zwei Jahren mit ihm befreundet, und in dieser Zeit haben sich seine Laufzeiten überhaupt nicht verändert. Mal ist er ein paar Sekunden schneller, mal ein paar Sekunden langsamer, aber im Großen und Ganzen tut sich nichts.
Spricht man ihn darauf an, kommt folgende Aussage: Er laufe ja gar nicht, um bestimmte Zeiten zu erreichen oder sich zu verbessern, sondern einzig und allein zum Spaß.
Aber warum beschäftigt er sich dann so viel mit seinen Zeiten?
Rummenigge, die Union-Fans, die wechselwilligen Spieler und der laufende Vater, sie alle sind dem selben Problem zum Opfer gefallen, der sogenannten kognitiven Dissonanz.
Eine kognitive Dissonanz entsteht, wenn unterschiedliche Wahrnehmungen (Kognitionen) in Konflikt (Dissonanz) geraten, also zum Beispiel wenn:
- man eine Entscheidung zwischen mehreren reizvollen Alternativen treffen musste (Ich habe mich für die Reise nach Paris entschieden, obwohl ich auch gerne nach London gefahren wäre);
- eine Entscheidung sich im Nachhinein als falsch/schlechter erweist (In Paris hat es die ganze Zeit geregnet, in London hätte ich zur selben Zeit Sonnenschein gehabt);
- eine große Anstrengung oder große Kosten sich nicht auszahlen (Jetzt hat diese Reise so viel Geld gekostet, und dann regnet es die ganze Zeit);
- wenn man daran scheitert, sich einen Wunsch zu erfüllen (Eigentlich wollte ich nach London, aber ich habe zu spät versucht, ein Hotel zu buchen - jetzt war alles ausgebucht);
- wenn man gegen seine eigenen Überzeugungen handelt (Eigentlich finde ich es auch unsinnig, in ein Land zu reisen, dessen Sprache ich nicht mal spreche).
Die Dissonanz, der innere Widerspruch, beschert uns Unwohlsein. Es fühlt sich einfach nicht gut an. Daher versucht man, eine Lösung zu finden. Im Wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten:
1. Das Problem wird doch noch gelöst (Ich breche diesen verkorksten Paris-Urlaub sofort ab und fahre nach London weiter);
2. Der unerfüllte Wunsch/die gebrochene Überzeugung wird aufgegeben (Na gut, dann werde ich London eben ein anderes Mal besuchen);
3. Eine Scheinlösung, eine Ausrede, eine Illusion wird bemüht. Ein kleiner Selbstbetrug, sozusagen (Ich hätte sowieso nicht nach London gewollt, viel zu langweilig. Paris ist auch bei Regen schöner, außerdem geben einem Regentage mehr Gelegenheit, die Museen zu besuchen).
Du ahnst schon: Variante 3 wird mit Abstand am häufigsten angewandt. Auch Rummenigge hat so gehandelt - der Konflikt Wir wollten Vidal/Vidal kommt nicht zu uns wurde gelöst mit der fadenscheinigen Rechtfertigung Eigentlich wollten wir ihn doch nicht, weil... Vermutlich hat Rummenigge auch tatsächlich selbst daran geglaubt; so hat sein Gehirn ihn davor bewahrt, sich zu sehr über den Misserfolg zu ärgern. Genauso die Union-Fans: Wir wollen gerne aufsteigen/wir steigen aber nicht auf = Eigentlich ist es viel besser, nicht aufzusteigen. Und der laufende Fußballerinnenvater: Ich strenge mich an, um bessere Zeiten zu erreichen/Ich werde einfach nicht besser = Eigentlich geht es ja gar nicht darum, besser zu werden. Das braucht sich niemand vorwerfen, wir alle machen das andauernd. Das Mädchen, das mich nicht wollte? Naja, so hübsch war sie eigentlich gar nicht, und außerdem zu humorlos und auch ein bisschen zu jung für mich. Die Bewerbung, auf die Du nie eine Antwort bekommen hast? Du würdest doch sowieso einen besser bezahlten Job an einem günstiger gelegenen Ort bekommen. Die Party, zu der wir nicht eingeladen wurden? War bestimmt langweilig, wir hätten ja eh kaum jemanden gekannt, und außerdem... bis dahin fahren, um diese Uhrzeit, bei diesem Wetter?
Im Schulfußball erleben wir ebenfalls immer wieder ein schönes Beispiel für kognitive Dissonanz, in diesem Fall aber vor allem im Jungenteam - bei den Mädchen ist dieses Problem nicht allzu weit verbreitet.
Viele fußballspielende Jungs halten sich gleich für die Größten. Wenn sie sich dazu herablassen, an der AG teilzunehmen, dann erwarten sie aber auch, dort die absoluten Stars zu sein. In den Trainingsspielen immer zu gewinnen. Bei den Turnieren gesetzt zu sein, nein, vielmehr von Frau Preben angefleht zu werden, an den Turnieren teilzunehmen. Jedes Jahr erleben einige der Jungs die böse Überraschung, dass sie doch nicht so gut sind, wie sie selbst gedacht hatten, in den Trainingsspielen Lehrgeld zahlen müssen, zu den großen Turnieren nicht erste Wahl sind. Manche trainieren daraufhin hart und werden besser. Manche finden sich damit ab, nicht zur Spitze zu gehören. Aber jedes Jahr verliert die AG auch einige Teilnehmer, die den dritten Weg wählen - die AG zu verlassen mit der Begründung Eigentlich habe ich ja eh keine Lust darauf.
Wie gesagt, ein Problem, das ich bei den Mädchen kaum kenne. Der schlimmste wiederkehrende Fall von kognitiver Dissonanz, mit dem ich zu kämpfen hatte, war der von Fanny Kronach.
Fanny war eine herausragende Vereinsspielerin, die einzige in ihrem Jahrgang. Auch wenn sie in einer unserer stärksten Mannschaften aller Zeiten spielte, war sie den anderen noch meilenweit voraus. Trotzdem war sie enorm ehrgeizig, wollte mit dieser Mannschaft unheimlich viel erreichen. Und jedes Mal, wenn es wieder in die Hose ging, schimpfte sie, wie wenig Spaß es doch machen würde, mit dieser lausigen Truppe zu spielen. Aber beim nächsten Mal war sie wieder dabei, wieder voller Ehrgeiz. Einmal, bei einem völlig hoffnungslosen Spiel, wir lagen bereits 0:4 zurück, verrannte sie sich total in sinnlose Alleingänge, wollte mit dem Kopf durch die Wand, war am Ende völlig von der Rolle. Als ich sie vom Feld nahm und dafür Sophia Poborsky auf den Platz schickte, fauchte sie nur "Na endlich! Ich hatte eh keinen Bock auf dieses Spiel." Um dann die restlichen Spielminuten permanent ihre Wiedereinwechslung zu fordern.
Zum Glück fing sie sich immer wieder schnell. Und ihre Teamkolleginnen wussten auch, was Sache war und waren nicht allzu sauer. Trotzdem war es manchmal anstrengend. Auch der Umgang mit einer kognitiven Dissonanz will gelernt sein.
Hier landet alles, was ich so schreibe und wohl nie zu einem Buch machen werde - über mein Hobby Fußball (und Mädchenfußball im Speziellen), mein Berufsfeld Archäologie und alles, was mich sonst noch interessiert.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Fußballirrtümer: Der Super Bowl hat mehr Zuschauer als jedes Fußballspiel
Der Super Bowl, das Finale der amerikanischen Football-Liga NFL, wird oft als das „größte Einzelsportereignis der Welt“ bezeichnet. Soll h...
-
Es gibt ein großes Problem bei Schulfußballturnieren (und, wie man hört, auch bei anderen Schulwettkämpfen in Teamsportarten): Am Ende m...
-
Leider musste ich diesen schon länger geschriebenen Artikel vor kurzem mit dem Abstieg des HSV aktualisieren. Denn lange hieß es: Der HSV is...
-
"Mein Lieblingsfußballer ist Rúrik Gislason!" "Auf Sophias kann man sich eben verlassen!" - HALO EFFECT Schöne Fußbal...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen