Freitag, 11. Januar 2019

Die Plappertendenz, und warum ich Emilia keine Ratschläge geben muss (Denkfehler im Fußball 12)

"Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!"

"Du musst noch konzentrierter sein, deine Fehler in der Rückwärtsbewegung abstellen […]."

- PLAPPERTENDENZ

"Norwegen in rot, die deutsche Mannschaft, das muss ich Ihnen nicht mehr sagen und da brauche ich auch gar nicht viel zu erklären, wie so oft - wie eigentlich immer, wie fast immer, in den Farben, die Sie kennen: In den weißen Trikots und den schwarzen Hosen! Aber, meine lieben Zuschauer, das wissen Sie ja sicher auch so, da muss man keine großen Worte mehr verlieren."
Es gibt Websites voller derartiger Ergüsse des großen deutschen Sportkommentatoren Heribert Faßbender. Noch ein Beispiel gefällig? "Die Saudis sind übrigens Asienmeister, obwohl das ebensowenig Asiaten sind wie die Türken Europäer. Die Saudis haben ja gar keine Mandelaugen, wie man das von Asiaten erwartet. Das sind eher Araber als Asiaten." Was bringt einen gebildeten Mann dazu, derartigen Unsinn zu reden?
Es liegt mir dabei fern, mich über Faßbender lustig machen zu wollen. Von sämtlichen Sportkommentatoren gibt es derartige Aussetzer zu zitieren. Von Werner Hansch stammt dieses Prachtstück: "Ja, Statistiken. Aber welche Statistik stimmt schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit." Auch in Europa legendär wurde der Kommentar von Kiyoshi Inoue, der 2006 die WM-Partie zwischen Deutschland und Italien fürs japanische Fernsehen kommentierte und ziemlich ahnungslos daherplapperte. Ein Beispiel: "Hier in Dortmund sieht man noch deutlich, dass hier früher das kommunistische Ostdeutschland war." Zwischenfrage des Ko-Kommentatoren: "Ist das wirklich schon Ostdeutschland?" Darauf Inoue: "Ja, der Fluß Rhein war früher die Grenze. Wer da rüber wollte, wurde erschossen. Es gab nur eine Brücke, bei Remagen, die ist jetzt wieder aufgebaut."
Fast noch schlimmer sind die Spieler selbst und ihre Trainer in den Interviews nach den Spielen. So viel inhaltslose Phrasen, vom Thema abweichendes Geplapper und alberne Fehlurteile, Irrtümer und Versprecher hört man sonst nicht oft. Auch die Fernsehexperten, meist ehemalige Spieler, glänzen oft durch sinnloses Gerede. Beispiele sind auf entsprechenden Websites und in zahlreichen Büchern in Masse zu finden.

Die Neigung des Menschen, lieber irgendetwas zu reden, als zuzugeben, von einem Thema keine Ahnung oder zu einem Sachverhalt nichts zu sagen zu haben, begegnet einem aber auch im Alltag andauernd. Schon Platon hatte um 400 vor Christus erkannt: "Weise reden, weil sie etwas zu sagen haben, Toren sagen etwas, weil sie reden müssen." Daher ist es erstaunlich, wie lange es dauerte, bis jemand dieses Verhalten als kognitiven Fehler beschrieb. Erst in den 1990ern erfand der Manager Charlie Munger dafür die Bezeichnung Twaddle Tendency, die Rolf Dobelli in seinem 2014 erschienenen Buch Die Kunst des klugen Handelns treffend als "Plappertendenz" übersetzte.
Die Plappertendenz soll eine Unklarheit im Kopf hinter einem Schwall von Worten verbergen.
Eine solche Unklarheit entsteht nicht zwingend durch Dummheit, sondern auch, wenn man sich zu etwas äußern soll, zu dem es einfach nichts zu sagen gibt. Oder zu etwas, was außerhalb des eigenen Fachgebiets liegt. Oder sogar, wenn man mit etwas Mühe etwas sagen könnte, aber gerade einen Anfall von Denkfaulheit hat.
Du merkst bereits: Das passiert andauernd! Der Typ, der im Internet zu allem seinen Senf dazu gibt. Der Kaffee-Gast, den du bittest, deinen selbstgebackenen Kuchen zu beurteilen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Der Radiosprecher, der Sendeminuten zu füllen hat. Sie alle plappern. Vorträge an Schule und Universität sind nichts weiter als Übungen im Plappern, denn in der kurzen Vorbereitungszeit kann man gar nicht zu einem Experten werden, der in der Lage wäre, einen soliden Vortrag zu halten.
Je geschickter man sich ausdrückt, je intelligenter die Worte klingen, desto besser kann man sich allerdings durchschummeln. Bei vermeintlich großen Gelehrten kommt es dann sogar zu einem "Des-Kaisers-neue-Kleider"-Effekt: Es sammeln sich Bewunderer der weisen Lehren, weil niemand zugeben will, dass er nur inhaltsloses Geplapper zu erkennen vermag.
Dobelli schreibt: "Je weniger Resultate eine Wissenschaft generiert, desto mehr neigt sie [zum Plappern]." Er nennt als Beispiel die Wirtschaftsökonomie, aber ich möchte noch eine andere Wissenschaft als schlimmsten Kandidaten ins Rennen werfen.
Kürzlich versuchte ich meiner Schwester, die Religionswissenschaften studiert, bei einer Hausarbeit im Bereich Theologie zu helfen. Sie sollte dabei zwei Texte vergleichen, einer davon verfasst vom berühmten Theologen des beginnenden 19. Jahrhunderts, Friedrich Schleiermacher. Ein Auszug gefällig?
"Wenn wir uns mit beiden Elementen unseres Selbstbewußtseins, dem der Sünde und dem der Gnade, als Mitglieder der Kinder der Welt gegenüber betrachten: so finden wir uns vermöge des letzten, worin uns die vollkommene Gewißheit des göttlichen Beschlusses unserer Seligkeit gegeben ist, allen denen entgegen, in denen sich dieses Bewußtsein noch nicht entwickelt hat. Hingegen vermöge des Bewußtseins der Sünde finden wir uns ihnen vollkommen gleich; denn das Bewußtsein der Vergebung gehört dem selben Element an, vergegenwärtigt uns aber immer jenes ursprüngliche, welches dem Bewußtsein der allen gemeinschaftlichen Not angehört."
Verstanden, worum es überhaupt geht? Nota bene, das ist die erklärende Einleitung eines seitenlangen Textes, der immer unverständlicher wird. Kein Wunder. Die abrahamitischen Religionen basieren auf alten Büchern. Erklären diese etwas nicht oder sind widersprüchlich/schwer verständlich, gibt es keine faktische Basis für weitere Forschungen. Die meisten Theologen philosophieren den ganzen Tag über Nichts und denken sich Dinge aus, die dann schwulstig begründet werden wollen. Das einzig Witzige in diesem Fall ist, dass hier jemand mit ausgerechnet dem Namen Schleiermacher versucht, seine eigene Überflüssigkeit zu verschleiern - ein Witz, der schon seinen Zeitgenossen auffiel; eine Karikatur aus dem Jahre 1868 zeigt Schleiermacher beim "Verschleiern der Vernunft".
Schleiermachers Buch ist nur Geplapper, und wer darüber Vergleiche schreibt, muss ebenfalls plappern. Das wollten wir nicht. Meine Schwester bat um eine neue Aufgabe.

Nach diesen Betrachtungen ist es einfacher, die Kommentatoren und Sportler zu verstehen. Ein Sportkommentator muss sowohl dann etwas erzählen, wenn es nichts zu erzählen gibt, als auch Einschätzungen zu akuten Sachverhalten abgeben, die er vielleicht gar nicht richtig gesehen hat und über die er auf jeden Fall nicht in Ruhe nachdenken konnte. Ein solides Hintergrundwissen zu allen Aspekten, die während des Spiels eine Rolle spielen könnten, wird auch noch erwartet. Natürlich kommt es da zu Geplapper. Und was sollen Sportler, Trainer und Fernsehexperten zu Fragen wie "Warum ging dieses Spiel verloren?" oder "Welche Taktik wäre jetzt die Richtige?" antworten - Fragen, auf die es gar keine klare Antwort gibt? Oder gar auf die lächerlich banale Frage "Wie fühlen sie sich jetzt?"
Den besten Rat gaben Mark Twain und der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr. Ersterer empfahl: "Wenn du nichts zu sagen hast, dann sage nichts." Zweiterer kam zu der Erkenntnis: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!"

Zu diesem Schluss kam ich kürzlich dann auch selbst. Als Trainer einer Jugendmannschaft hat man immer den Drang, vor einem Wettkampf und in der Nachbesprechung jedem Spieler Tipps zur Verbesserung zu geben. Schön und gut, wenn es einen soliden Ansatzpunkt für Verbesserungsvorschläge gibt. Zum Beispiel hat meine Abwehrspielerin Valeska im vorletzten Turnier zwar immer richtig gestanden und viele wichtige Zweikämpfe gewonnen, den Ball dann aber immer nur ein kleines bisschen nach vorne gekickt. Also habe ich ihr eingetrichtert, das nächste Mal mit mehr Kraft und Selbstbewusstsein abzuziehen, um den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern. Das nächste Mal war gestern, und Valeska hat sich bemüht, meinen Hinweis umzusetzen und war somit gleich besser. Aber was sollte ich Rebecca und Emilia sagen? Im vorletzten Turnier hatte Rebecca alles richtig gemacht. Alles umgesetzt, wie wir es im Training geübt und besprochen hatten. Vollen Einsatz gezeigt. Immer an der richtigen Stelle gestanden. Jeden Zweikampf gewonnen. Eine grandiose Leistung. Es gab nichts zu verbessern. Und Emilia ist halt Emilia. Sie macht schlicht keine Fehler, aber auch nichts spektakuläres. Spielt immer unauffällig, aber zuverlässig ihren Stiefel runter.
Trotzdem hatte ich das Verlangen, den beiden in der Nachbesprechung auch noch Ratschläge mitzugeben. Ich weiß nicht mal mehr, was ich wem gesagt habe, aber es waren Dinge wie: "Du musst noch konzentrierter sein" und "Das Umschalten muss noch besser funktionieren". Und so weiter. Ich habe geplappert.
Das ging mir hinterher auch auf, und direkt vor dem nächsten Turnier machte ich es besser: In meiner Ratschlagrunde sagte ich zu Rebecca nur "Wie letztes Mal" und zu Emilia gar nichts Individuelles. Beide spielten ein tolles Turnier.

Beschließen möchte ich einen Beitrag, in dem ich so viele Negativbeispiele zitiert habe, aber mit einem Positivbeispiel. Selten hat ein Fußballer die Plappertendenz so großartig vermieden wie der deutsche Nationalspieler Paul Janes im Interview nach der WM 1934 in Italien:

Frage: Herr Janes, Sie waren mit der Nationalelf in Italien?

Janes: Ja.

Frage: Sind Sie mit dem Abschneiden zufrieden?

Janes: Ja.

Frage: Hätten sie Weltmeister werden können?

Janes: Nein.

Frage: Der dritte Platz tut es auch?

Janes: Ja.

Frage: Wie war es in Italien?

Janes: Warm.

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