Samstag, 8. Mai 2021

Fußballirrtümer: In der französischen Nationalmannschaft spielen lauter Afrikaner

 Geht es am Stammtisch um die französische Nationalmannschaft (oder um das Thema "Eingebürgerte Nationalspieler" generell), dann kommt ganz schnell die Behauptung, diese würde ja kaum Franzosen einsetzen. Gerne in scheinbar launiger Formulierung - da wird das Team dann schon mal als "Afrika-Auswahl" bezeichnet. Aber auch stets mit einem - offenen oder unterschwelligen - Vorwurf: Eigentlich sei das ja irgendwie geschummelt.
In jüngerer Zeit wurden derartige Behauptungen vor allem um das WM-Finale 2018 herum laut - Frankreich spielte gegen Kroatien, und nicht nur die kroatischen Fans machten viel Gewese darum, dass hier Kroatien gegen ein gemischt-nationales Team spiele, eine Nationalmannschaft gegen eine internationale Auswahl.
 
Aber stimmt das tatsächlich? Wie viele Afrikaner - oder ganz allgemein Nicht-Franzosen - spielten im WM-Kader 2018 für Frankreich?
 
Zwei Punkte gleich vorweg:
1. Natürlich sind alle Spieler im französischen Kader juristisch gesehen Franzosen, haben also die französische Staatsbürgerschaft. Sonst dürften sie ja gar nicht für Frankreich antreten.
2. Ebenso natürlich wirkt sich die koloniale Vergangenheit Frankreichs auf den Kader aus - denn viele Franzosen, und so auch viele Nationalspieler, haben Vorfahren aus den afrikanischen, karibischen und polynesischen Kolonien.
Wie gehen wir also die Frage an, ob die französische Nationalmannschaft ein französisches Team oder eine Afrika-Auswahl ist? Mein Vorschlag: Wir sehen uns an, wo die Spieler geboren und fußballerisch ausgebildet wurden.
 
Und da kommt heraus: Im WM-Kader 2018 standen gerade mal zwei Spieler, die nicht in Frankreich geboren wurden. 
Ersatztorhüter Steve Mandanda kommt aus Kinshasa im Kongo und zog erst im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Frankreich. Seine fußballerische Ausbildung erhielt er komplett in Frankreich.
Innenverteidiger Samuel Umtiti wurde in Kameruns Hauptstadt Yaounde geboren. Auch er zog im Alter von zwei Jahren nach Frankreich, auch er wurde in Frankreich fußballerisch ausgebildet.
Alle 21 weiteren Spieler des Kaders waren in Frankreich geboren und ausgebildet worden.
 
Nebenbei gemerkt: Von den 23 Spielern des vermeintlich viel weniger durchmischten Finalgegners Kroatien wurden vier außerhalb Kroatiens geboren und ausgebildet, auch einige der in Kroatien geborenen Spieler wurden im Ausland ausgebildet...
 
Und aktuell? Seit der WM sind 37 Spieler für Frankreich zum Einsatz gekommen, darunter erneut Mandanda und Umtiti. Zudem zwei weitere Spieler, die nicht auf französischem Boden geboren wurden: 
Eduardo Camavinga wurde als Sohn kongolesischer Flüchtlinge in einem Flüchtlingslager in Angola geboren. Auch er kam als Zweijähriger nach Frankreich, wo er zum Fußballer ausgebildet wurde.
Und Marcus Thuram kam als französischer Staatsbürger in Parma in Italien zur Welt - weil sein Vater, der französische Nationalspieler Lilian Thuram, gerade für Parma spielte. Trotzdem war Marcus ab dem Alter von zehn Jahren im französischen Fußball aktiv.
Dazu kommt noch ein "Grenzfall": Torhüter Mike Maignan wurde in Französisch-Guayana in Südamerika geboren - kein unabhängiges Land, sondern französisches Übersee-Staatsgebiet.
 Die 32 übrigen Spieler sind allesamt in Frankreich geboren und ausgebildet.
 
Das ist jetzt nicht gerade auffällig durchmischt. Viele Nationalteams, die sich seltener Kritik gefallen lassen müssen, setzen wesentlich mehr im Ausland geborene Spieler ein.
Warum also dieser Mythos? Ich schwinge ungern die Rassismuskeule, aber es scheint vor allem um eins zu gehen: Viele der französischen Nationalspieler sind schwarz. Und Schwarze können dem Stammtischredner nach ja wohl keine echten Franzosen sein...    

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