Die deutsche Fußballsprache ist sehr umfangreich und hält für viele Akteure, Geräte und Situationen griffige Ausdrücke bereit. Umso überraschender, wenn sie plötzlich versagt. Für manche Dinge, die auf dem grünen Rasen gar nicht so selten vorkommen, fehlt ein einfaches Wort – sie müssen kompliziert umschrieben werden. Manch andere Sprachen sind dem Deutschen in dem ein oder anderen Belang voraus. Im Folgenden zeige ich ein paar exotische Begriffe, von denen wir uns ruhig inspirieren lassen könnten[1].
6. havaa-shi – Gerüchte und Gerede abseits des Spielfeldes.
Wörtlich bedeutet das persische Wort „Seitenlinie“. Gemeint ist alles, was eigentlich nicht direkt mit dem Geschehen auf dem Platz zu tun hat, aber trotzdem Einfluss auf die Spieler nimmt. All die Gerüchte, die durch die sozialen Medien schwirren. Das Gerede in Zeitungen und Fernsehen. Die kleinen Sticheleien des Gegners. Totaler Fußballalltag weltweit – warum also haben die Iraner ein Wort dafür und wir nicht?
5. dorokusai – Ein Tor, das durch Kraftaufwand erzielt wird statt durch technische Brillanz
Wörtlich bedeutet dorokusai „mit Schlammgeruch“. Die japanische Phrase ist die perfekte Beschreibung von Toren, wie Erling Haaland sie reihenweise schießt – reine Kraftakte, bei denen der Stürmer sich mit brachialer Gewalt durch die gegnerische Abwehr tankt. Erstaunlich, dass das Deutsche dafür kein Wort hat – schließlich galt der fußballerische Kraftakt hierzulande lange als typisch einheimische Tugend…
4. sukhar z rodzynkamy – Wenn ein Torwart in einem Spiel ohne Gegentor bleibt und dabei einen Elfmeter hält
Das ukrainische sukhar z rodzynkamy ist vielleicht kein ganz einfacher Begriff (übersetzt heißt es „Keks mit Rosinen“, warum auch immer), aber ich habe vierzehn Wörter gebraucht, um es auf Deutsch zu erklären. Dabei ist ein Spiel ohne Gegentor inklusive gehaltenem Elfmeter erstens etwas, das hin und wieder vorkommt und zweitens durchaus eine besonders lobenswerte Leistung des Keepers, die mit der deutschen „weißen Weste“ nur unzureichend wiedergegeben wird.
3. juesha – Ein entscheidendes Tor in der letzten Spielminute oder in der Nachspielzeit
Erstaunlicherweise haben wir im Deutschen keinen speziellen Begriff für ein Tor, das kurz vor Abpfiff fällt. Oft behilft man sich mit dem halb englischen „Last-Minute-Treffer“, aber das ist nicht besonders griffig. Zudem bezeichnet es theoretisch jedes Tor, das in der Schlussphase fällt, egal was es für den Spielstand bedeutet. Der chinesische Begriff juesha, „absoluter Tod“ hingegen bezeichnet kurz und bündig das Siegtor in allerletzter Minute. Und was ist mit dem Ausgleichstor in letzter Minute? Dafür gibt es in Saudi-Arabien seit einiger Zeit den Begriff jahfali, nach dem Spieler Mohammed Jahfali, der 2015 für seinen Club Al-Hilal einen dramatischen Last-Minute-Ausgleich erzielte.
2. jeonseol-eh pocketmon – Ein hervorragender Spieler, der aber kaum einmal zum Einsatz kommt, weil er andauernd verletzt ist
Es gibt diese Wörter, von denen man erst weiß, dass sie einem fehlten, wenn man sie sieht. Aber wie bitte könnte man Marco Reus besser beschreiben als mit dem koreanischen Begriff jeonseol-eh pocketmon, „Legendäres Pokémon“? Denn die legendären Monster in der berühmten Videospiel-Serie sind zwar unglaublich stark, aber auch sehr selten – man bekommt sie kaum einmal zu sehen. Genau wie Reus, der zu den besten deutschen Spielern zählt, sich aber meist in der Reha statt auf dem Platz befindet…
1. gufare – Ein „Fan“, der eine Mannschaft unterstützt, weil er das Team hasst, gegen das sie spielt
Jeder kennt den T-Shirt-Spruch: „Ich habe zwei Lieblingsteams: XYZ und wer auch immer gegen Bayern spielt“. Gerne auch in der Lokalrivalen-Variante: „Dortmund und wer auch immer gegen Schalke spielt“. Trotzdem fehlt uns ein deutsches Wort für den Fan, der einer Mannschaft die Daumen drückt, nicht, weil er sie mag, sondern weil er den Gegner verlieren sehen will. Die sehr bildreiche italienische Fußballsprache kennt dafür den gufare. Als Verb bedeutet das Wort etwa „unken“ oder auch „jemandem schlechtes wünschen“, zum Nomen gewandelt bezeichnet es eben den von Hass getriebenen Gegen-Fan. Ein Wort, das wir im Deutschen nun wirklich unbedingt brauchen!
[1][1] Apropos inspirieren: Hauptquelle für diesen Artikel war das großartige Buch „Sprichst du Fußball“ von Tom Williams (riva, 2019). Lest es!
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