Samstag, 9. Dezember 2017

Weihnachtsirrtümer 9


9. Früher hatten wir immer weiße Weihnachten



Haben sie auch jemanden in der Familie, der ihnen immer vorschwärmt, wie viel besser Weihnachten in seiner Kindheit war? Oder gehören sie selbst schon zu den Leuten, die wehmütig an die Weihnachtsfeste der Kindheit zurückdenken? Damals freute sich die Familie noch auf die gemeinsamen Feiertage, Geschenke waren viel bescheidener und persönlicher, die Stadt viel liebevoller geschmückt, der Weihnachtsbaum viel prachtvoller – und natürlich war die Landschaft am Heiligabend tief verschneit.

Die traurige Wahrheit: Hier ist die selektive, nostalgische Erinnerung am Werk. Der ganze Stress, all die unschönen Teile des Weihnachtsfestes, hat man in der Kindheit wohl genauso erlebt, nur blendet man das rückblickend aus. An schöne Dinge erinnert man sich besser, und man ist dann geneigt, zu glauben, dass schöne Dinge in der guten alten Zeit die Regel waren. Zumindest in einem Fall lässt sich auch klar nachweisen, dass der Nostalgiker danebenliegt, nämlich bei der Mär von den immer weißen Weihnachten. Wenn Oma nicht gerade in Zentralrussland oder während der letzten großen europäischen Kaltphase Mitte des 19. Jahrhunderts aufgewachsen ist, hat sie in ihrer Kindheit nicht häufiger weiße Weihnachten erlebt als der Enkel heute.

Definiert man „weiße Weihnachten“ als ein Wetterereignis, bei dem am Heiligabend oder am ersten Weihnachtsfeiertag eine bleibende Schneedecke liegt, dann kann man im süd- und ostdeutschen Flachland etwa alle acht, im west- und norddeutschen Flachland etwa alle zehn Jahre damit rechnen. Diese Wahrscheinlichkeit hat sich seit über 150 Jahren nicht verändert. Meinhard Wefer vom Rüstringer Heimatbund recherchierte im Jahre 2000 beispielsweise ausführlich, wann es im Kreis Oldenburg weiße Weihnachten gegeben hatte. Im Zeitraum von 1899 bis 1999 war es genau elfmal dazu gekommen, 1899, 1906, 1923, 1938, 1956, 1962, 1963, 1964, 1970, 1981 und 1986 – im Durchschnitt alle zehn Jahre, das entspricht genau der Erwartung. Für keinen Ort im deutschen Flachland wird man eine deutlich andere Statistik finden. Auch Omi hat in ihrer Kindheit nur sehr selten, vielleicht nur ein einziges Mal, weiße Weihnachten erlebt.

Aber die Erinnerung ist nun mal großzügig. Das Bild von diesem einen tollen Weihnachtsfest, als draußen alles festlich weiß war, überlagert alles. Auf die Jahre, in denen etwas vor oder etwas nach Weihnachten Schnee lag oder in denen an Weihnachten ein paar traurige einzelne Flocken herabsegelten, wird es einfach übertragen. Schon sind aus einem Jahr weiße Weihnachten während den vierzehn Kindheitsjahren fünf oder sechs verschneite Jahre geworden. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem Eindruck, Weihnachten ohne Schnee seien die Ausnahme gewesen – und bis zu der Behauptung „Als ich klein war, hatten wir immer weiße Weihnachten!“

Quellen:  http://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fe_Weihnachten_%28Wetterereignis%29 ; http://www.ruestringer-heimatbund.de/html/weisse_weihnacht_war_immer_die.html; Norbert Golluch, Ihr Rinderlein kommet; Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche Adventsbegleiter

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