9.
Früher hatten wir immer weiße Weihnachten
Haben sie auch jemanden in der Familie, der ihnen immer
vorschwärmt, wie viel besser Weihnachten in seiner Kindheit war? Oder gehören
sie selbst schon zu den Leuten, die wehmütig an die Weihnachtsfeste der
Kindheit zurückdenken? Damals freute sich die Familie noch auf die gemeinsamen
Feiertage, Geschenke waren viel bescheidener und persönlicher, die Stadt viel
liebevoller geschmückt, der Weihnachtsbaum viel prachtvoller – und natürlich
war die Landschaft am Heiligabend tief verschneit.
Die traurige Wahrheit: Hier ist die selektive, nostalgische
Erinnerung am Werk. Der ganze Stress, all die unschönen Teile des
Weihnachtsfestes, hat man in der Kindheit wohl genauso erlebt, nur blendet man
das rückblickend aus. An schöne Dinge erinnert man sich besser, und man ist
dann geneigt, zu glauben, dass schöne Dinge in der guten alten Zeit die Regel
waren. Zumindest in einem Fall lässt sich auch klar nachweisen, dass der
Nostalgiker danebenliegt, nämlich bei der Mär von den immer weißen Weihnachten.
Wenn Oma nicht gerade in Zentralrussland oder während der letzten großen
europäischen Kaltphase Mitte des 19. Jahrhunderts aufgewachsen ist, hat sie in
ihrer Kindheit nicht häufiger weiße Weihnachten erlebt als der Enkel heute.
Definiert man „weiße Weihnachten“ als ein Wetterereignis,
bei dem am Heiligabend oder am ersten Weihnachtsfeiertag eine bleibende
Schneedecke liegt, dann kann man im süd- und ostdeutschen Flachland etwa alle
acht, im west- und norddeutschen Flachland etwa alle zehn Jahre damit rechnen.
Diese Wahrscheinlichkeit hat sich seit über 150 Jahren nicht verändert.
Meinhard Wefer vom Rüstringer Heimatbund recherchierte im Jahre 2000
beispielsweise ausführlich, wann es im Kreis Oldenburg weiße Weihnachten
gegeben hatte. Im Zeitraum von 1899 bis 1999 war es genau elfmal dazu gekommen,
1899, 1906, 1923, 1938, 1956, 1962,
1963, 1964, 1970, 1981 und 1986 – im Durchschnitt alle zehn Jahre, das
entspricht genau der Erwartung. Für keinen Ort im deutschen Flachland wird man
eine deutlich andere Statistik finden. Auch Omi hat in ihrer Kindheit nur sehr
selten, vielleicht nur ein einziges Mal, weiße Weihnachten erlebt.
Aber die Erinnerung
ist nun mal großzügig. Das Bild von diesem einen tollen Weihnachtsfest, als
draußen alles festlich weiß war, überlagert alles. Auf die Jahre, in denen
etwas vor oder etwas nach Weihnachten Schnee lag oder in denen an Weihnachten
ein paar traurige einzelne Flocken herabsegelten, wird es einfach übertragen.
Schon sind aus einem Jahr weiße Weihnachten während den vierzehn
Kindheitsjahren fünf oder sechs verschneite Jahre geworden. Und dann ist es nur
noch ein kleiner Schritt bis zu dem Eindruck, Weihnachten ohne Schnee seien die
Ausnahme gewesen – und bis zu der Behauptung „Als ich klein war, hatten wir immer
weiße Weihnachten!“
Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fe_Weihnachten_%28Wetterereignis%29 ;
http://www.ruestringer-heimatbund.de/html/weisse_weihnacht_war_immer_die.html; Norbert Golluch, Ihr Rinderlein kommet; Hartmut Schickert, Der kleine wissenschaftliche
Adventsbegleiter
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