Montag, 18. Juni 2018

Fußball-Irrtümer 4 - Es ist ein Vorteil, in roten Trikots zu spielen




Ein Mythos, der vor allem vom ehemaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann befeuert wurde und sich bis heute hält, besagt dass eine Mannschaft, die in roten Trikots spielt, gegenüber dem Gegner einen psychologischen Vorteil hat und ein enges Spiel eher für sich entscheiden kann. Dies scheint durch eine sportwissenschaftliche Studie und auch durch Statistiken aus der Bundesliga und der Premier League bestätigt, und so verordnete Klinsmann dem deutschen Team 2006 rote Auswärtstrikots (und setzte sich sogar für rote Heimtrikots ein, daraus wurde aber nichts). Er war dabei aber in Wirklichkeit einem Trugschluss aufgesessen, einer falschen Anwendung der vorliegenden Daten.

Die erwähnte Studie, die übrigens nicht von Sportwissenschaftlern, sondern von den Evolutionsbiologen Russel Hill und Robert Barton 2005 in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde, bezog sich nur auf die Erfolge von Kampfsportlern (Boxer, Ringer und Taekwondo-Kämpfer) bei den Olympischen Spielen 2004.

Auf den ersten Blick ist klar, dass zwischen Kampfsportlern und Fußballern Welten liegen, das Problem geht aber noch tiefer. In den Olympischen Kampfsportarten gibt es nämlich ausschließlich rote und blaue Trikots, die den Athleten vor dem Kampf zugelost werden. Tatsächlich deckte die Studie auf, dass die Kämpfer, denen das rote Trikot zugelost wurde, einen signifikanten Vorteil hatten. Aber der ging offenbar in erster Linie darauf zurück, dass die Schiedsrichter den Träger eines roten Trikots als aggressiver wahrnehmen und eher ihm die Initiative bei Angriffen und das Landen eines Treffers anrechnen – was in den Kampfsportarten zu höherer Punktzahl führt. Dieser Effekt ist auf den Fußball nicht einmal ansatzweise zu übertragen. Höchstens stellt sich die Frage, ob ein Spieler in einem roten Trikot nicht eher Gefahr läuft, dass ihm ein Foul unterstellt wird; dazu gibt es aber bisher keine klaren Studien.

Und was ist mit den ebenfalls gerne angeführten Studien zu den Erfolgen rotgewandeter Teams in Bundesliga und Premier League? Schließlich waren nach den damaligen Statistiken (also Stand 2004) 60% der Premier League- und 48,5% der Bundesligameister in roten Heimtrikots angetreten! Hier ist aber zu bedenken, dass das absolute deutsche Spitzenteam, der FC Bayern München, der der Konkurrenz finanziell weit voraus ist, Rot trägt – aber vermutlich mit lila Trikots mit gelben Tupfen nicht weniger erfolgreich wäre. In England gibt es gleich drei derartige Spitzenteams in roten Trikots: Manchester United, FC Liverpool und Arsenal London. Auch hier ist die Farbe der Trikots wohl ein eher zu vernachlässigender Faktor.

Bei Fußballweltmeisterschaften ist im Übrigen sogar Gegenteiliges zu beobachten: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine in Blau gekleidete Mannschaft gewinnt, ist statistisch höher. Bisher siebenmal wurde eine in blauen Heimtrikots spielende Mannschaft Weltmeister – einmal Frankreich, zweimal Uruguay, viermal Italien. Rechnet man die in blau-weiß spielenden Argentinier auch dazu, trug der Sieger sogar neunmal blau. Und es soll nicht verschwiegen werden, dass Brasilien bei seinem Finalsieg 1958 in und gegen Schweden die blauen Auswärtstrikots trug. Ein Team in roten Heimtrikots konnte nur ein einziges Mal Weltmeister werden – Spanien 2010, das im Finale übrigens die schwarzen Auswärtstrikots trug. Außerdem trug England beim Finalsieg 1966 die roten Auswärtstrikots, hatte das Turnier aber vorwiegend in den weißen Heimtrikots bestritten (was die Zahl der Erfolge von Teams in weißen Heimtrikots auf immerhin fünf bringt – viermal Deutschland, einmal England; dazu kommen noch fünf WM-Titel von Teams in gelben Heimtrikots – immer Brasilien).


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