Ein Mythos, der vor allem vom ehemaligen Bundestrainer
Jürgen Klinsmann befeuert wurde und sich bis heute hält, besagt dass eine
Mannschaft, die in roten Trikots spielt, gegenüber dem Gegner einen
psychologischen Vorteil hat und ein enges Spiel eher für sich entscheiden kann.
Dies scheint durch eine sportwissenschaftliche Studie und auch durch
Statistiken aus der Bundesliga und der Premier League bestätigt, und so
verordnete Klinsmann dem deutschen Team 2006 rote Auswärtstrikots (und setzte
sich sogar für rote Heimtrikots ein, daraus wurde aber nichts). Er war dabei
aber in Wirklichkeit einem Trugschluss aufgesessen, einer falschen Anwendung
der vorliegenden Daten.
Die erwähnte Studie, die übrigens nicht von
Sportwissenschaftlern, sondern von den Evolutionsbiologen Russel Hill und
Robert Barton 2005 in der Zeitschrift Nature
veröffentlicht wurde, bezog sich nur auf die Erfolge von Kampfsportlern (Boxer,
Ringer und Taekwondo-Kämpfer) bei den Olympischen Spielen 2004.
Auf den ersten Blick ist klar, dass zwischen
Kampfsportlern und Fußballern Welten liegen, das Problem geht aber noch tiefer.
In den Olympischen Kampfsportarten gibt es nämlich ausschließlich rote und
blaue Trikots, die den Athleten vor dem Kampf zugelost werden. Tatsächlich
deckte die Studie auf, dass die Kämpfer, denen das rote Trikot zugelost wurde,
einen signifikanten Vorteil hatten. Aber der ging offenbar in erster Linie
darauf zurück, dass die Schiedsrichter den Träger eines roten Trikots als
aggressiver wahrnehmen und eher ihm die Initiative bei Angriffen und das Landen
eines Treffers anrechnen – was in den Kampfsportarten zu höherer Punktzahl
führt. Dieser Effekt ist auf den Fußball nicht einmal ansatzweise zu
übertragen. Höchstens stellt sich die Frage, ob ein Spieler in einem roten
Trikot nicht eher Gefahr läuft, dass ihm ein Foul unterstellt wird; dazu gibt
es aber bisher keine klaren Studien.
Und was ist mit den ebenfalls gerne angeführten Studien
zu den Erfolgen rotgewandeter Teams in Bundesliga und Premier League?
Schließlich waren nach den damaligen Statistiken (also Stand 2004) 60% der
Premier League- und 48,5% der Bundesligameister in roten Heimtrikots
angetreten! Hier ist aber zu bedenken, dass das absolute deutsche Spitzenteam,
der FC Bayern München, der der Konkurrenz finanziell weit voraus ist, Rot trägt
– aber vermutlich mit lila Trikots mit gelben Tupfen nicht weniger erfolgreich
wäre. In England gibt es gleich drei derartige Spitzenteams in roten Trikots:
Manchester United, FC Liverpool und Arsenal London. Auch hier ist die Farbe der
Trikots wohl ein eher zu vernachlässigender Faktor.
Bei Fußballweltmeisterschaften ist im Übrigen sogar
Gegenteiliges zu beobachten: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine in Blau
gekleidete Mannschaft gewinnt, ist statistisch höher. Bisher siebenmal wurde
eine in blauen Heimtrikots spielende Mannschaft Weltmeister – einmal
Frankreich, zweimal Uruguay, viermal Italien. Rechnet man die in blau-weiß
spielenden Argentinier auch dazu, trug der Sieger sogar neunmal blau. Und es
soll nicht verschwiegen werden, dass Brasilien bei seinem Finalsieg 1958 in und
gegen Schweden die blauen Auswärtstrikots trug. Ein Team in roten Heimtrikots
konnte nur ein einziges Mal Weltmeister werden – Spanien 2010, das im Finale
übrigens die schwarzen Auswärtstrikots trug. Außerdem trug England beim
Finalsieg 1966 die roten Auswärtstrikots, hatte das Turnier aber vorwiegend in
den weißen Heimtrikots bestritten (was die Zahl der Erfolge von Teams in weißen
Heimtrikots auf immerhin fünf bringt – viermal Deutschland, einmal England;
dazu kommen noch fünf WM-Titel von Teams in gelben Heimtrikots – immer
Brasilien).
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