17.06.18
Spiele des Tages: Schweden
– Südkorea 1:0
Belgien – Panama
3:0
Tunesien – England
1:2
Meine Tipps: Schweden
– Südkorea 2:1 (Punkte: 2)
Belgien – Panama 2:0 (Punkte: 1)
Tunesien – England 0:2 (Punkte: 1)
Gesamtpunktzahl: 12
Ich schaue mir mit meiner Schwester Tunesien gegen England
an. England startet stark, geht früh durch Harry Kane 1:0 in Führung. Dann
entwickelt sich ein grauenhaftes Spiel, auch wenn es einem Respekt für die Tunesier
abnötigt. Denn die versuchen weiter, Nadelstiche zu setzen, bis sie schließlich
mit einem mehr als fragwürdigen Elfmeter belohnt werden. Der führt zum 1:1,
obwohl Englands Keeper Pickford noch mit den Fingerspitzen dran ist. Nun wird
den Tunesiern klar: Ein 1:1 gegen England wäre doch ein Riesenerfolg! Das Spiel
wird zur Abwehrschlacht – und zum Krampf, denn nun stehen elf Tunesier den
haushoch überlegenen Engländern permanent im Strafraum im Weg. Immer wieder
spielen sich die Engländer bis an den Strafraumrand, doch wenn der Pass oder
die Flanke in den Strafraum kommt, ist irgendein tunesisches Körperteil
dazwischen. Kane wird dreimal im Strafraum umgerissen, dreimal ist es ein
deutlicherer Elfmeter als der, den Tunesien bekam, dreimal bleibt die Pfeife
stumm. Erst in der Nachspielzeit werden England und wir erlöst: Kane kommt noch
einmal völlig frei zum Kopfball und macht das 2:1! Auftaktsieg für England!
„Ich wusste nicht, dass man das noch macht“, sagt meine
Schwester.
„Was?“, frage ich.
„Na, so jubeln“, sagt sie und zeigt auf die Wiederholung des
englischen Torjubels, „auf einem Haufen!“
Sie hat Recht. Der Torjubel der Engländer war beide Male
ungewöhnlich, zumindest für eine Spitzenmannschaft. Kane vollführt kein
Kunststück, keine symbolische Geste, keinen charakteristischen Standardjubel
als er trifft. Er sprintet einfach, seine Freude herausschreiend, zur
Seitenlinie, wo seine Teamkameraden ihn einholen und ihm um den Hals fallen,
bis er unter einer Spielertraube begraben ist. Das wirkt im modernen Fußball,
wo auch die Freude längst Inszenierung ist, anachronistisch ehrlich. Einen
solchen einfachen Jubel erlebt man sonst höchstens von den kleinen Teams, für
die jeder Treffer sich anfühlt wie ein Triumph – und selbst von denen nicht
immer. Zumindest seit ich die WMs detailliert verfolge, also seit 2002, ist der
inszenierte Jubel ganz normal. Auf 2002 zurückblickend fällt mir da natürlich Deutschlands
Miroslav Klose ein, der nach jedem Treffer einen Salto schlug. Ein Torjubel,
der nicht nur geplant war, sondern für den Klose sogar noch trainierte. In
späteren Jahren, etwas älter und unbeweglicher geworden, kündigte Klose den
Salto manchmal sogar im Voraus an – „Wenn ich gegen xyz treffe, schlage ich
wieder einen Salto!“ Aber auch mein Lieblingsspieler und Lieblingsspiel der WM
2002 (und vielleicht aller Zeiten) sind betroffen. Als Robbie Keane in der
Nachspielzeit der Vorrundenpartie gegen Deutschland zum 1:1 trifft (die
deutsche Führung hatte Klose hergestellt und mit einem Salto gefeiert),
erwartet man einen spontanen, ehrlichen Jubel, wie er zu den bodenständigen
Iren passt. Doch stattdessen schlägt Keane routiniert ein Rad. Dann möchte er
eine Geste ins Publikum machen, die offenbar einen Bogenschützen darstellen
soll. Als ihm Teamkollegen, die ihn beglückwünschen wollen, dabei in die Quere
kommen, schiebt er sie beiseite. Das macht keinen guten Eindruck.
Auch dieses Jahr haben wir bereits wieder viel inszenierten
Jubel gesehen. Besonders auffällig natürlich Christiano Ronaldo, der bei seinen
drei Treffern sowohl den einstudierten Standardjubel als auch den
wohlüberlegten symbolischen Jubel präsentiert – aber nie einen spontanen Jubel
der ehrlichen Freude. Nach allen drei Toren hatte er seinen üblichen „Superheldenjubel“
aufgeführt; nach dem dritten Treffer strich er sich zudem mit großer Geste über
einen imaginären Ziegenbart. Eine Kampfansage an Lionel Messi, seinen
Dauerkonkurrenten im Kampf um den Titel „Bester Fußballer der Welt/aller Zeiten“.
Denn Ziege heißt auf Englisch goat,
doch GoaT ist auch das Akronym für Greatest
of all Time, Bester aller Zeiten.
Die Engländer jedenfalls scheinen spontan und freudig zu
Jubeln, und das macht sie sehr sympathisch. Es unterstützt den Eindruck des
jungen, hungrigen Teams, das sich nicht auf alten Lorbeeren und großen Namen
ausruht, sondern gewillt ist, Leistung zu zeigen. Um das ganz sicher zu sagen,
müsste man die Engländer natürlich noch ein paar Mal jubeln sehen – aber ich
habe das Gefühl, als sollte das kein Problem sein.
Fußballirrtum des
Tages: Die WM 2006 war ein Feuerwerk
des Offensivfußballs (siehe Einzelpost)
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