Mittwoch, 20. Juni 2018

WM-Blog 6 - Torjubel


17.06.18

Spiele des Tages: Schweden – Südkorea 1:0

                                 Belgien – Panama 3:0

                                 Tunesien – England 1:2

Meine Tipps: Schweden – Südkorea 2:1 (Punkte: 2)

                          Belgien – Panama 2:0 (Punkte: 1)

                          Tunesien – England 0:2 (Punkte: 1)

Gesamtpunktzahl: 12

Ich schaue mir mit meiner Schwester Tunesien gegen England an. England startet stark, geht früh durch Harry Kane 1:0 in Führung. Dann entwickelt sich ein grauenhaftes Spiel, auch wenn es einem Respekt für die Tunesier abnötigt. Denn die versuchen weiter, Nadelstiche zu setzen, bis sie schließlich mit einem mehr als fragwürdigen Elfmeter belohnt werden. Der führt zum 1:1, obwohl Englands Keeper Pickford noch mit den Fingerspitzen dran ist. Nun wird den Tunesiern klar: Ein 1:1 gegen England wäre doch ein Riesenerfolg! Das Spiel wird zur Abwehrschlacht – und zum Krampf, denn nun stehen elf Tunesier den haushoch überlegenen Engländern permanent im Strafraum im Weg. Immer wieder spielen sich die Engländer bis an den Strafraumrand, doch wenn der Pass oder die Flanke in den Strafraum kommt, ist irgendein tunesisches Körperteil dazwischen. Kane wird dreimal im Strafraum umgerissen, dreimal ist es ein deutlicherer Elfmeter als der, den Tunesien bekam, dreimal bleibt die Pfeife stumm. Erst in der Nachspielzeit werden England und wir erlöst: Kane kommt noch einmal völlig frei zum Kopfball und macht das 2:1! Auftaktsieg für England!

„Ich wusste nicht, dass man das noch macht“, sagt meine Schwester.

„Was?“, frage ich.

„Na, so jubeln“, sagt sie und zeigt auf die Wiederholung des englischen Torjubels, „auf einem Haufen!“

Sie hat Recht. Der Torjubel der Engländer war beide Male ungewöhnlich, zumindest für eine Spitzenmannschaft. Kane vollführt kein Kunststück, keine symbolische Geste, keinen charakteristischen Standardjubel als er trifft. Er sprintet einfach, seine Freude herausschreiend, zur Seitenlinie, wo seine Teamkameraden ihn einholen und ihm um den Hals fallen, bis er unter einer Spielertraube begraben ist. Das wirkt im modernen Fußball, wo auch die Freude längst Inszenierung ist, anachronistisch ehrlich. Einen solchen einfachen Jubel erlebt man sonst höchstens von den kleinen Teams, für die jeder Treffer sich anfühlt wie ein Triumph – und selbst von denen nicht immer. Zumindest seit ich die WMs detailliert verfolge, also seit 2002, ist der inszenierte Jubel ganz normal. Auf 2002 zurückblickend fällt mir da natürlich Deutschlands Miroslav Klose ein, der nach jedem Treffer einen Salto schlug. Ein Torjubel, der nicht nur geplant war, sondern für den Klose sogar noch trainierte. In späteren Jahren, etwas älter und unbeweglicher geworden, kündigte Klose den Salto manchmal sogar im Voraus an – „Wenn ich gegen xyz treffe, schlage ich wieder einen Salto!“ Aber auch mein Lieblingsspieler und Lieblingsspiel der WM 2002 (und vielleicht aller Zeiten) sind betroffen. Als Robbie Keane in der Nachspielzeit der Vorrundenpartie gegen Deutschland zum 1:1 trifft (die deutsche Führung hatte Klose hergestellt und mit einem Salto gefeiert), erwartet man einen spontanen, ehrlichen Jubel, wie er zu den bodenständigen Iren passt. Doch stattdessen schlägt Keane routiniert ein Rad. Dann möchte er eine Geste ins Publikum machen, die offenbar einen Bogenschützen darstellen soll. Als ihm Teamkollegen, die ihn beglückwünschen wollen, dabei in die Quere kommen, schiebt er sie beiseite. Das macht keinen guten Eindruck.

Auch dieses Jahr haben wir bereits wieder viel inszenierten Jubel gesehen. Besonders auffällig natürlich Christiano Ronaldo, der bei seinen drei Treffern sowohl den einstudierten Standardjubel als auch den wohlüberlegten symbolischen Jubel präsentiert – aber nie einen spontanen Jubel der ehrlichen Freude. Nach allen drei Toren hatte er seinen üblichen „Superheldenjubel“ aufgeführt; nach dem dritten Treffer strich er sich zudem mit großer Geste über einen imaginären Ziegenbart. Eine Kampfansage an Lionel Messi, seinen Dauerkonkurrenten im Kampf um den Titel „Bester Fußballer der Welt/aller Zeiten“. Denn Ziege heißt auf Englisch goat, doch GoaT ist auch das Akronym für Greatest of all Time, Bester aller Zeiten.

Die Engländer jedenfalls scheinen spontan und freudig zu Jubeln, und das macht sie sehr sympathisch. Es unterstützt den Eindruck des jungen, hungrigen Teams, das sich nicht auf alten Lorbeeren und großen Namen ausruht, sondern gewillt ist, Leistung zu zeigen. Um das ganz sicher zu sagen, müsste man die Engländer natürlich noch ein paar Mal jubeln sehen – aber ich habe das Gefühl, als sollte das kein Problem sein.  

Fußballirrtum des Tages: Die WM 2006 war ein Feuerwerk des Offensivfußballs (siehe Einzelpost)  

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