17.06.18
Spiele des Tages: Costa
Rica – Serbien 0:1
Deutschland – Mexiko
0:1
Brasilien – Schweiz
1:1
Meine Tipps: Costa
Rica – Serbien 1:1 (Punkte: 0)
Deutschland – Mexiko 0:1 (Punkte:
3)
Brasilien – Schweiz 3:1 (Punkte: 0)
Gesamtpunktzahl: 8
Es ist passiert! Einer der schönsten WM-Abende seit Jahren!
Ein spritziges, lebhaftes und cleveres Mexiko schlägt das dröge Deutschland
hochverdient, eher noch zu niedrig, mit 0:1. Fehlstart für den Titelverteidiger!
Was habe ich gefeiert!
Jetzt kommt natürlich das Thema auf, das bisher vor dieser
WM ein Tabu war: Was ist eigentlich in den letzten Jahren mit den Titelverteidigern
los?
1998 kam Titelverteidiger Brasilien ins Finale. Dort wurden
die Südamerikaner von Frankreich gnadenlos demontiert, 0:3 der Endstand. Ein
blamabler Auftritt, aber immerhin stand Brasilien wieder im Finale. Es ist bis
heute das beste Ergebnis, das ein WM-Titelverteidiger erreicht hat, seit ich
die Turniere verfolge.
2002 folgte eine Sensation. Titelverteidiger und
Europameister Frankreich, haushoher Favorit, spielte in einer nominell leichten
Gruppe, erzielte aber keinen einzigen Treffer. 0:1 gegen Senegal, 0:0 gegen
Uruguay, 0:2 gegen Dänemark. Das Vorrundenaus. Weltmeister wurde Brasilien.
Die Brasilianer starteten 2006 als vielleicht höchst
gehandelter Favorit aller Zeiten. Nie zuvor habe ich erlebt, dass ein Team von
den Medien im Voraus so dermaßen überzeugt zum Weltmeister geschrieben wurde.
Mit Mühe schafften sie die leichte Gruppe mit Kroatien, Australien und Japan.
Im Achtelfinale ein weiterer schwacher Gegner, Ghana, der relativ entspannt aus
dem Weg geräumt wurde. Dann kam Frankreich, und wieder war Brasilien
chancenlos. Aus im Viertelfinale. Im Finale siegte Italien gegen Frankreich.
2010 hatte Italien es als Titelverteidiger in der Vorrunde
mit Paraguay, Neuseeland und der Slowakei zu tun – und schaffte das Kunststück,
Gruppenletzter zu werden. Sogar gegen Neuseeland, den größten Außenseiter der
WM, war nur ein 1:1 drin, und selbst das nur mit Hilfe eines mehr als
fragwürdigen Elfmeters. Der Titel ging an Spanien.
Die Spanier schienen den Weltfußball zu dominieren – bis sie
in ihrem Auftaktspiel als Titelverteidiger 2014 von Holland nach allen Regeln
der Kunst zerlegt wurden – 1:5!!! Es folgte eine Niederlage gegen Chile, womit
das Vorrundenaus besiegelt war. Da half auch der Sieg zum Abschluss gegen
Australien nicht mehr. Deutschland holte sich den Pokal.
Und startete jetzt mit einer unterirdischen Leistung gegen
Mexiko, mit der ersten deutschen Auftaktspiel-Niederlage seit 1982.
Woran also liegt das? Zum einen sind die vier Jahre zwischen
zwei Weltmeisterschaften ziemlich lang. Da verändert sich so einiges. Einige
der Weltmeister von damals stehen nicht mehr zur Verfügung. Im Falle
Deutschlands sind Lahm, Klose, Schweinsteiger, Podolski nie adäquat ersetzt
worden. Andere spielen zwar noch, sind aber nicht mehr auf dem Höhepunkt ihres
Schaffens. Bei Özil, Hummels, Boateng scheint das der Fall zu sein. Der Trainer
tut sich aber schwer, verdiente Kräfte auszuschließen. Acht Weltmeister standen
gegen Mexiko auf dem Platz, die dringend nötige Verjüngungskur wurde verpasst.
Schaut man auf die vorherigen Titelverteidiger-Versager, ist dieses Phänomen
auch dort zu beobachten. Brasilien brachte 2006 Ronaldo wieder mit, der völlig
über den Zenit war. Spanien war 2014 eins der ältesten Teams überhaupt.
Zum anderen klammert man sich ans vor vier Jahren
erfolgreiche System fest. Aber im modernen Fußball wurde das System des
Weltmeisters innerhalb von vier Jahren hundertfach kopiert, analysiert,
ausmanövriert. Zumindest die Spitzenteams wissen, wie der Weltmeister zu
knacken ist. Als Musterbeispiel gelten hier die Spanier von 2014, deren
Tiki-Taka sich einfach überlebt hatte und für Holländer und Chilenen problemlos
zu durchschauen war. So erging es heute auch Deutschland. Die Mexikaner wussten
genau, was Deutschland vorhatte und arbeiteten gezielt dagegen. Hummels und
Kroos wurden als Aufbauspieler massiv unter Druck gesetzt, so dass sich Khedira
und Boateng in dieser Rolle versuchen mussten – und komplett versagten. Die Schwachstellen
von Löws veraltetem System wurden gnadenlos aufgedeckt, und die Deutschen
fanden keine Antwort darauf.
Und schließlich schleicht sich eben doch eine Sättigung,
eine Selbstgefälligkeit ein. Das Erschreckendste, was das Mexikospiel zu bieten
hatte (zumindest, wenn man es mit Deutschland hält), war die Überzeugung von
Trainern, Spielern und Fans, dass es schon irgendwie klappen werde. Ein
Auftaktspiel verlieren? Nie! Das passiert Deutschland einfach nicht.
Schließlich ist man Weltmeister! Irgendwas würde schon passieren, es würde sich
ganz von selbst fügen. Diese Überzeugung war permanent zu erkennen, und auch in
den Interviews nach dem Spiel strahlte Löw sie noch aus. Ein Vorrundenaus?
Undenkbar! Kein gutes Omen für die kommenden Aufgaben. Die massiven Fehler aus
Arroganz erinnern erneut an Brasilien 2006, als der Trainer sich schon Monate
vor der WM auf die Startaufstellung festgelegt hatte und Brasiliens Staatschef
schon vor dem ersten Spiel Flüge zum Finale gebucht hatte. So rutschte Marco Reus,
dem heute wohl besten deutschen Spieler, die Information raus, dass er nicht
von Anfang an spielen sollte, weil Löw mit einem langen Turnier rechnete – und Reus
erst in den „wichtigen“ Spielen einsetzen wollte. Die Vorrunde? Über die
brauchte man ja nicht nachdenken, die würde man sowieso mit links schaffen…
Es wird spannend zu sehen, ob sich die Mannschaft noch einmal
aus dem Sumpf ziehen kann. Mit einer Niederlage gegen Schweden am Samstag wäre es
schon gelaufen.
Die Vorrunde ist vielleicht trotzdem noch zu retten. Aber seit
heute bin ich überzeugt (und beruhigt): Der Titel ist für Deutschland völlig
unerreichbar.
Fußballirrtum des
Tages: Es ist ein Vorteil, in roten
Trikots zu spielen (siehe Einzelpost)
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