"Wir sind
eine Mannschaft im Umbruch, die Erfahrungen
sammelt!"
-FRAMING-EFFEKT
Raheem Sterling von Manchester City beklagte sich kürzlich über die Berichterstattung der englischen Medien. Seiner Meinung nach würden sie Rassismus schüren, und er nannte auch ein konkretes Beispiel. Kurz zuvor hatte sich ein Szenario in der Nachwuchsmannschaft von City doppelt zugetragen: Zwei Nachwuchsspieler, beide noch ohne Startelfeinsatz im Profiteam, hatten ihren jeweiligen Müttern Villen für den Preis von jeweils rund zwei Millionen Pfund gekauft. Beide Male hatte die Daily Mail darüber berichtet. Der weiße Phil Foden jedoch hatte eine sachliche Überschrift bekommen, sinngemäß "Nachwuchsspieler kauft neues Haus für seine Mutter", während bei dem farbigen Tosun Adarabioyo das Verschwenderische dieses Einkaufs und die Tatsache, dass er noch kein volles Spiel für die erste Mannschaft bestritten hatte, hervorgehoben wurden, sinngemäß "Nachwuchsspieler haut über 2 Millionen Pfund für eine Villa raus, obwohl er noch nie ein Premier League-Spiel von Anfang an gespielt hat".
Ob das nun eine grundsätzlich rassistische Tendenz der Daily Mail belegt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist es ein wunderbares Beispiel für Framing ("Einrahmen"). Die gleiche Nachricht wird unterschiedlich verpackt, um unterschiedliche Reaktionen hervorzurufen. Das funktioniert, weil sich das menschliche Gehirn schwer damit tut, aus einer positiv formulierten, einer neutral formulierten und einer negativ formulierten Darstellung zu entnehmen, dass es sich um exakt die gleiche Information handelt. Diesen Effekt kann man auch in den Interviews und Presseberichten nach jedem Spiel beobachten. Real Madrid müht sich in der Champions League zum 1:0-Sieg gegen einen krassen Außenseiter; zeitgleich legt Bayern München einen hochverdienten 1:0-Arbeitssieg gegen einen unangenehmen Gegner, der nichts zu verlieren hatte, hin. Real nicht in Form, Bayern mit der richtigen Einstellung, um Champions League-Sieger zu werden? Nein. Es ist zweimal praktisch genau das Gleiche passiert. Trainer und Spieler, die "gute Ansätze gesehen" haben wollen oder darauf verweisen, dass hier "eine Mannschaft im Umbruch Erfahrungen sammelt" beziehen sich auf dieselbe Niederlage, bei der die Presse eine "planlose Mannschaft" hoffnungslos hat untergehen sehen. Nach dem Ausscheiden der englischen Nationalelf bei der WM 2006 titelte eine deutsche Boulevardzeitung mit Bildern weinender englischer Spieler und der sinngemäßen Überschrift "Heulen hilft jetzt auch nicht mehr: FLENN-Land fährt nach Hause!" - und stellte damit Spieler, die über das Ausscheiden weinten, als Heulsusen dar. Als dieselbe Zeitung wenige Tage später mit Bildern deutscher Spieler, die über das Aus weinten, titeln musste, hieß es plötzlich "Hier weinen unsere Helden: Kopf hoch, Jungs!" - aus weinenden Spielern waren abgekämpfte Helden geworden, die ob des harten Schicksals männliche Tränen vergossen.
Auch außerhalb des Sportbereichs und der Medien treffen wir immer wieder auf Framing - in der Werbung natürlich. Aber auch bei allen Leuten, die bei uns eine Verhaltensänderung in irgendeiner Form erwirken wollen. Sollen wir etwas tun, werden uns die Vorteile und der geringe Aufwand geschildert ("Regelmäßiger Sport ist aus folgenden Gründen gesund: […]. Und die Zeit, ein paar Runden durch den Park zu laufen, hat jeder."). Sollen wir mit etwas aufhören, sind es die Nachteile und der hohe Aufwand ("Rauchen ist aus folgenden Gründen ungesund: […]. Und dann die Kosten!"). Wie stark sich Menschen wirklich vom Framing beeinflussen lassen, ist umstritten; sicher ist aber, dass es Auswirkungen hat - und im Alltag praktisch permanent stattfindet.
Meine Mädels und ich haben kürzlich drei Turniere bestritten.
Das erste war ein Debakel. Wir haben mal wieder nicht ein einziges Tor geschossen. Drei müde Nullnummern, zwei Niederlagen bei fünf Spielen, die Offensive völlig wirkungslos. Nicht mal Torschüsse kamen zustande. Und dann unsere Nachwuchskeeperin Damla! Kriegt vier Bälle aufs Tor, und zwei sind drin! Letzter Platz, und das, obwohl zwei der gegnerischen Teams kaum in der Lage waren, mit Ball geradeaus zu laufen. Es ist wirklich frustrierend.
Das zweite Turnier war schon wesentlich besser. Unsere Abwehr stand wie eine Eins; Abwehrchefin Rebecca ist im Moment wirklich in Topform, und egal, ob die erfahrene Valeska oder Neuling Laura neben ihr stand - es funktionierte hervorragend. In fünf Spielen bekamen wir nur vier Schüsse aufs Tor. Zwei davon wehrte Keeperin Damla hervorragend ab, einmal war sie machtlos. Einmal patzte sie leider, aber es war ja auch ihr erstes Turnier, da passiert das schon mal. Nur zwei Gegentore im ganzen Turnier - niemand bekam weniger! Gegen den Gastgeber und späteren Turniersieger, der alle anderen Spiele hoch gewonnen hatte, erkämpften wir ein 0:0 - da waren alle Zuschauer ganz schön baff! Leider fehlt es immer noch an der Abschlussstärke - obwohl unsere Stürmerinnen sich wirklich einsetzten und viel rannten und kämpften, gelang ihnen mal wieder kein Tor. Deshalb landeten wir auch wieder auf dem letzten Platz, was nicht wirklich leistungsgerecht war. Rechnet man aber dazu, dass die Mädels viel Spaß hatten, Stimmung machten und einen guten Eindruck bei den anderen Teams und der Turnierleitung hinterließen, war es ein sehr ordentlicher Auftritt.
Und dann gab es noch das dritte Turnier. Es war kein wirklich wichtiger Wettkampf, die großen Schulturniere kommen ja erst in den nächsten Monaten. Wir wollten das Turnier vor allem nutzen, damit die Spielerinnen Erfahrungen und der Trainer Eindrücke sammeln konnten. Insofern war es ein absoluter Erfolg. Wir wissen jetzt, dass Rebecca und Valeska so als Abwehrreihe in die Schulwettkämpfe gehen können. Damla hat endlich zum ersten Mal bei einem Turnier im Tor gestanden und war mindestens solide - auf die Hintermannschaft können wir uns also verlassen. An der Offensive dagegen müssen wir noch arbeiten. Es kann nicht sein, dass wir nie Tore schießen, obwohl wir uns wirklich bemühen, nach vorne zu spielen. Aber vor allem bei Natasha und Helena habe ich gute Ansätze gesehen. Wir trainieren das jetzt noch ein bisschen, dann wird das schon. Insgesamt kann man auf das Turnier aufbauen, die Platzierung spielt keine große Rolle. Zudem bin ich stolz, dass die Mädels sich wieder als starkes und gut gelauntes Team präsentiert haben - so freue ich mich schon auf die nächsten Wettkämpfe.
Der aufmerksame Leser - zumindest, wenn er sich noch erinnert, dass es hier um Framing geht - hat es natürlich längst gemerkt: Es gab keine drei Turniere. Nur ein einziges, aus dem wir mit der Ergebnisfolge 0:0, 0:1, 0:0, 0:0, 0:1 als Tabellenletzter herausgingen - mit den wenigsten Gegentoren aller Teilnehmer, aber auch als einzige ohne eigenes Tor.
Die erste Schilderung entspricht dem, was ich Frau Preben kurz darauf über das Turnier erzählt habe. Ich wollte auf die Dringlichkeit der Stürmermisere aufmerksam machen und mich für meine kurzzeitige Frustration rechtfertigen.
Die zweite Version habe ich etwa so nur wenige Minuten später der Schulleitung präsentiert - die soll schließlich den Eindruck gewinnen, dass unsere Wettkampfeinsätze die Schülerinnen bereichern und das positive Außenbild der Schule stärken.
Schilderung Nummer Drei ist etwa das, was die Spielerinnen in der Nachbesprechung beim nächsten Training am Freitag zu hören bekommen werden. Sie sollen ja nicht demoralisiert werden und die guten Dinge beibehalten Trotzdem müssen sie auch wissen, wo Verbesserungsbedarf besteht.
Alle drei Versionen sind "wahr". Ich habe nirgendwo etwas dazu gedichtet. Der unterschiedliche Eindruck entsteht nur durch Framing.
Und der Ratschlag für den Trainer? Achte immer auf Framing. Falle nicht darauf herein. Und frame deine Spielberichte, Halbzeitansprachen, Nachbesprechungen und gegebenenfalls Interviews immer zu deinem Nutzen.
-FRAMING-EFFEKT
Raheem Sterling von Manchester City beklagte sich kürzlich über die Berichterstattung der englischen Medien. Seiner Meinung nach würden sie Rassismus schüren, und er nannte auch ein konkretes Beispiel. Kurz zuvor hatte sich ein Szenario in der Nachwuchsmannschaft von City doppelt zugetragen: Zwei Nachwuchsspieler, beide noch ohne Startelfeinsatz im Profiteam, hatten ihren jeweiligen Müttern Villen für den Preis von jeweils rund zwei Millionen Pfund gekauft. Beide Male hatte die Daily Mail darüber berichtet. Der weiße Phil Foden jedoch hatte eine sachliche Überschrift bekommen, sinngemäß "Nachwuchsspieler kauft neues Haus für seine Mutter", während bei dem farbigen Tosun Adarabioyo das Verschwenderische dieses Einkaufs und die Tatsache, dass er noch kein volles Spiel für die erste Mannschaft bestritten hatte, hervorgehoben wurden, sinngemäß "Nachwuchsspieler haut über 2 Millionen Pfund für eine Villa raus, obwohl er noch nie ein Premier League-Spiel von Anfang an gespielt hat".
Ob das nun eine grundsätzlich rassistische Tendenz der Daily Mail belegt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist es ein wunderbares Beispiel für Framing ("Einrahmen"). Die gleiche Nachricht wird unterschiedlich verpackt, um unterschiedliche Reaktionen hervorzurufen. Das funktioniert, weil sich das menschliche Gehirn schwer damit tut, aus einer positiv formulierten, einer neutral formulierten und einer negativ formulierten Darstellung zu entnehmen, dass es sich um exakt die gleiche Information handelt. Diesen Effekt kann man auch in den Interviews und Presseberichten nach jedem Spiel beobachten. Real Madrid müht sich in der Champions League zum 1:0-Sieg gegen einen krassen Außenseiter; zeitgleich legt Bayern München einen hochverdienten 1:0-Arbeitssieg gegen einen unangenehmen Gegner, der nichts zu verlieren hatte, hin. Real nicht in Form, Bayern mit der richtigen Einstellung, um Champions League-Sieger zu werden? Nein. Es ist zweimal praktisch genau das Gleiche passiert. Trainer und Spieler, die "gute Ansätze gesehen" haben wollen oder darauf verweisen, dass hier "eine Mannschaft im Umbruch Erfahrungen sammelt" beziehen sich auf dieselbe Niederlage, bei der die Presse eine "planlose Mannschaft" hoffnungslos hat untergehen sehen. Nach dem Ausscheiden der englischen Nationalelf bei der WM 2006 titelte eine deutsche Boulevardzeitung mit Bildern weinender englischer Spieler und der sinngemäßen Überschrift "Heulen hilft jetzt auch nicht mehr: FLENN-Land fährt nach Hause!" - und stellte damit Spieler, die über das Ausscheiden weinten, als Heulsusen dar. Als dieselbe Zeitung wenige Tage später mit Bildern deutscher Spieler, die über das Aus weinten, titeln musste, hieß es plötzlich "Hier weinen unsere Helden: Kopf hoch, Jungs!" - aus weinenden Spielern waren abgekämpfte Helden geworden, die ob des harten Schicksals männliche Tränen vergossen.
Auch außerhalb des Sportbereichs und der Medien treffen wir immer wieder auf Framing - in der Werbung natürlich. Aber auch bei allen Leuten, die bei uns eine Verhaltensänderung in irgendeiner Form erwirken wollen. Sollen wir etwas tun, werden uns die Vorteile und der geringe Aufwand geschildert ("Regelmäßiger Sport ist aus folgenden Gründen gesund: […]. Und die Zeit, ein paar Runden durch den Park zu laufen, hat jeder."). Sollen wir mit etwas aufhören, sind es die Nachteile und der hohe Aufwand ("Rauchen ist aus folgenden Gründen ungesund: […]. Und dann die Kosten!"). Wie stark sich Menschen wirklich vom Framing beeinflussen lassen, ist umstritten; sicher ist aber, dass es Auswirkungen hat - und im Alltag praktisch permanent stattfindet.
Meine Mädels und ich haben kürzlich drei Turniere bestritten.
Das erste war ein Debakel. Wir haben mal wieder nicht ein einziges Tor geschossen. Drei müde Nullnummern, zwei Niederlagen bei fünf Spielen, die Offensive völlig wirkungslos. Nicht mal Torschüsse kamen zustande. Und dann unsere Nachwuchskeeperin Damla! Kriegt vier Bälle aufs Tor, und zwei sind drin! Letzter Platz, und das, obwohl zwei der gegnerischen Teams kaum in der Lage waren, mit Ball geradeaus zu laufen. Es ist wirklich frustrierend.
Das zweite Turnier war schon wesentlich besser. Unsere Abwehr stand wie eine Eins; Abwehrchefin Rebecca ist im Moment wirklich in Topform, und egal, ob die erfahrene Valeska oder Neuling Laura neben ihr stand - es funktionierte hervorragend. In fünf Spielen bekamen wir nur vier Schüsse aufs Tor. Zwei davon wehrte Keeperin Damla hervorragend ab, einmal war sie machtlos. Einmal patzte sie leider, aber es war ja auch ihr erstes Turnier, da passiert das schon mal. Nur zwei Gegentore im ganzen Turnier - niemand bekam weniger! Gegen den Gastgeber und späteren Turniersieger, der alle anderen Spiele hoch gewonnen hatte, erkämpften wir ein 0:0 - da waren alle Zuschauer ganz schön baff! Leider fehlt es immer noch an der Abschlussstärke - obwohl unsere Stürmerinnen sich wirklich einsetzten und viel rannten und kämpften, gelang ihnen mal wieder kein Tor. Deshalb landeten wir auch wieder auf dem letzten Platz, was nicht wirklich leistungsgerecht war. Rechnet man aber dazu, dass die Mädels viel Spaß hatten, Stimmung machten und einen guten Eindruck bei den anderen Teams und der Turnierleitung hinterließen, war es ein sehr ordentlicher Auftritt.
Und dann gab es noch das dritte Turnier. Es war kein wirklich wichtiger Wettkampf, die großen Schulturniere kommen ja erst in den nächsten Monaten. Wir wollten das Turnier vor allem nutzen, damit die Spielerinnen Erfahrungen und der Trainer Eindrücke sammeln konnten. Insofern war es ein absoluter Erfolg. Wir wissen jetzt, dass Rebecca und Valeska so als Abwehrreihe in die Schulwettkämpfe gehen können. Damla hat endlich zum ersten Mal bei einem Turnier im Tor gestanden und war mindestens solide - auf die Hintermannschaft können wir uns also verlassen. An der Offensive dagegen müssen wir noch arbeiten. Es kann nicht sein, dass wir nie Tore schießen, obwohl wir uns wirklich bemühen, nach vorne zu spielen. Aber vor allem bei Natasha und Helena habe ich gute Ansätze gesehen. Wir trainieren das jetzt noch ein bisschen, dann wird das schon. Insgesamt kann man auf das Turnier aufbauen, die Platzierung spielt keine große Rolle. Zudem bin ich stolz, dass die Mädels sich wieder als starkes und gut gelauntes Team präsentiert haben - so freue ich mich schon auf die nächsten Wettkämpfe.
Der aufmerksame Leser - zumindest, wenn er sich noch erinnert, dass es hier um Framing geht - hat es natürlich längst gemerkt: Es gab keine drei Turniere. Nur ein einziges, aus dem wir mit der Ergebnisfolge 0:0, 0:1, 0:0, 0:0, 0:1 als Tabellenletzter herausgingen - mit den wenigsten Gegentoren aller Teilnehmer, aber auch als einzige ohne eigenes Tor.
Die erste Schilderung entspricht dem, was ich Frau Preben kurz darauf über das Turnier erzählt habe. Ich wollte auf die Dringlichkeit der Stürmermisere aufmerksam machen und mich für meine kurzzeitige Frustration rechtfertigen.
Die zweite Version habe ich etwa so nur wenige Minuten später der Schulleitung präsentiert - die soll schließlich den Eindruck gewinnen, dass unsere Wettkampfeinsätze die Schülerinnen bereichern und das positive Außenbild der Schule stärken.
Schilderung Nummer Drei ist etwa das, was die Spielerinnen in der Nachbesprechung beim nächsten Training am Freitag zu hören bekommen werden. Sie sollen ja nicht demoralisiert werden und die guten Dinge beibehalten Trotzdem müssen sie auch wissen, wo Verbesserungsbedarf besteht.
Alle drei Versionen sind "wahr". Ich habe nirgendwo etwas dazu gedichtet. Der unterschiedliche Eindruck entsteht nur durch Framing.
Und der Ratschlag für den Trainer? Achte immer auf Framing. Falle nicht darauf herein. Und frame deine Spielberichte, Halbzeitansprachen, Nachbesprechungen und gegebenenfalls Interviews immer zu deinem Nutzen.
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