Sonntag, 9. Dezember 2018

Die Hot Hand Fallacy, und Sophia Wendts Glückssträhne, die keine war (Denkfehler im Fußball 5)

"Der Stürmer hat einen Lauf!"


"Mit Sophia können wir nicht verlieren, sie hat eine Glückssträhne!"


-HOT HAND FALLACY

Der Stürmer, der gerade einen Lauf hat und immer trifft, gehört zu den ältesten Klischees im Fußball, und auch andere Sportarten kennen das Phänomen. Die Idee: Ein Stürmer, der z.B. in den letzten drei Spielen getroffen hat, hat - vielleicht durch das gewonnene Selbstbewusstsein - eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, im nächsten Spiel auch wieder zu treffen. Ein Trainer, der sich entscheidet, einen solchen Spieler nicht aufzustellen, sieht sich oft besonderer Kritik ausgesetzt. "Der hat doch einen Lauf, den braucht man jetzt!" Unter Stürmern kursieren Tipps, wie man einen Lauf gezielt verlängern kann. Doch ist überhaupt etwas dran?

Der Begriff
Hot Hand Fallacy stammt aus dem Basketball; hier wurde lange geglaubt, dass ein Spieler, der mehrere Freiwürfe hintereinander verwandelt, eine "heiße Hand" hat und auch die nächsten Würfe einfach versenken muss. Schon 1985 wies aber der Psychologe Thomas Gilovich nach, dass dieses vermeintliche Phänomen nicht existiert: Die Wahrscheinlichkeit eines verwandelten Freiwurfes bleibt immer gleich. Zunächst wurde die Studie von Sportlern und Fans angezweifelt, in späteren Erhebungen aber immer wieder bestätigt. Auch die Annahme, dass es im Fußball irgendwie anders sei, ist mittlerweile ausführlich widerlegt. Weder gibt es einen Stürmerlauf (die Wahrscheinlichkeit, dass ein Spieler ein Tor schießt, wird durch vorherige Treffer nicht beeinflusst), noch haben Mannschaften eine "Siegsträhne" (die Wahrscheinlichkeit, ein Spiel zu gewinnen, ändert sich durch vorherige Siege nicht) und auch die Änderung/Nichtänderung der Startaufstellung spielt keine Rolle - Never Change a Winning Team ist also auch keine Regel, an die man sich zu halten braucht. Interessanterweise ist es im Falle der Siegsträhne sogar so, dass die Wahrscheinlichkeit, das nächste Spiel zu gewinnen, nach einer Serie von vier vorhergehenden Siegen leicht geringer ist als ohne diese Vorgeschichte. Außerdem stellte der Autor Andreas Heuer fest, dass es zwar keine Positivläufe, aber sehr wohl Hinweise auf Negativläufe gibt - hier dürfte der Verlust von Selbstbewusstsein tatsächlich eine Rolle spielen.
Noch absurder, aber ähnlich beliebt, ist die Vorstellung einer Glückssträhne im Glücksspiel. Wer zwei, dreimal in Folge beim Roulette gewinnt, glaubt, einen Lauf zu haben, erhöht die Einsätze - und ruiniert sich am Ende. Oft motiviert er sogar andere Spieler, auf dieselben Zahlen wie er zu tippen, um sich an die vermeintliche Glückssträhne zu hängen. Dabei ist völlig offensichtlich, dass die Wahrscheinlichkeit, beim Roulette auf die richtige Zahl zu tippen, immer exakt die gleiche bleibt und vom Spieler nicht zu beeinflussen ist. Auch im Bereich der Wirtschafts- und Börsenspekulation kennt man den unsinnigen Mythos vom glücklichen Händchen.

Sophia Wendt kam in einer recht erfolgreichen Zeit neu in meine Mannschaft. In ihrer ersten Saison nahm sie an drei Turnieren teil. Im ersten davon wurde Sophias Team mit sechs Siegen in sechs Spielen Bezirksmeister; im zweiten landete Sophia mit ihrer Mannschaft nach vier Siegen in fünf Spielen ebenfalls auf dem ersten Platz. Das dritte Turnier war die Fortsetzung des ersten, nun spielten die Bezirksmeister um die Stadtmeisterschaft. Mit fünf Siegen in fünf Spielen erreichte Sophias Team das Finale, wo es allerdings knapp verlor und so "nur" Vize-Stadtmeister wurde.
Sophia Wendt wies also die beeindruckende Statistik von zwei Turniersiegen und einem zweiten Platz bei drei Turnierteilnahmen auf. Das wäre schon ein Spitzenwert für meine Spielerinnen gewesen, ist aber noch nicht alles: Bei den beiden Niederlagen, die Sophias Teams bei diesen drei Turnieren erlitten, stand Sophia nicht auf dem Platz. Sie beendete die Saison mit vierzehn Spieleinsätzen und war nur an Siegen beteiligt gewesen. Eine unglaubliche Glückssträhne.
Einige der Mädels waren zu Beginn der neuen Saison daher überzeugt: Mit Sophia Wendt im Team konnte man gar nicht verlieren. Auch ich leistete mir diesen kleinen Aberglauben, und zusammen mit meinem generellen Faible für Sophias sorgte das dafür, dass Sophia Wendt Stammspielerin wurde, obwohl sie nicht zu unseren absoluten Spitzenkräften gehörte.
Doch von ihrer Glückssträhne war nichts mehr zu sehen. Nach vielen Abgängen waren wir in diesem Jahr deutlich schwächer als im vorhergehenden und erlitten viele Niederlagen - egal, ob Sophia auf dem Platz stand oder nicht. War ihre Glückssträhne beendet, oder hatte sie nie existiert?
Natürlich zweiteres. Sophias Fabelsaison war allerdings auch kein reiner Glücksfall. Sie war dreimal Teil eines besonders starken Teams gewesen, von dem ein gutes Abschneiden durchaus nicht überraschend kam. Allerdings: Sie war auch alle drei Male die unerfahrenste, schwächste Spielerin des Teams gewesen - weshalb sie in den beiden engen Spielen gegen stärkere Gegner, die am Ende verloren gingen, nicht eingewechselt wurde. Mit Glück oder einem Lauf hatte das nichts zu tun.

Was lernt der Trainer also daraus? Verlass dich nicht auf Positivläufe. Hab aber auch keine Angst vor Gegnern, die angeblich einen Lauf haben. Und verschwende nicht zu viel Zeit mit all den Tipps, die helfen sollen einen Lauf zu verlängern. Die sind nutzlos - inklusive "
Never Change a Winning Team".  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Fußballirrtümer: Der Super Bowl hat mehr Zuschauer als jedes Fußballspiel

Der Super Bowl, das Finale der amerikanischen Football-Liga NFL, wird oft als das „größte Einzelsportereignis der Welt“ bezeichnet. Soll h...