"Viele Ecken
führen zu Toren!"
"Lena-Marie ist immer für ein Tor gut!"
- VERFÜGBARKEITSHEURISTIK
Schnell, antworte, ohne groß nachzudenken: Stimmt es, dass Mannschaften, die in Unterzahl geraten, besonders gefährlich sind?
Wahrscheinlich denkst du, wie viele Menschen, dass das so ist. Ist es aber nicht. In aller Regel verliert die Mannschaft, die in Unterzahl spielt - das berühmte Aufbäumen, der gesteigerte Kampfgeist ist die absolute Ausnahme.
Aber es stimmt doch, dass Ecken für enorme Torgefahr sorgen? Bei Umfragen schätzten viele Menschen - auch Fußballexperten -, dass etwa jede zweite Ecke zum Tor führt; in manchen Stadien werden Ecken im Voraus gefeiert, als sei bereits ein Tor gefallen. Tatsächlich führt nur rund jede fünfzigste Ecke zu einem Tor; insgesamt um die 8% aller Tore entstehen aus Ecken. Das ist schon fast vernachlässigbar.
Würdest du zustimmen, dass im Fußball immer mehr Tore nach spektakulären Soloaktionen exzellenter Einzelspieler fallen? Wenn du jetzt aufgepasst hast - wahrscheinlich nicht. Aber viele Fußballfans glauben das - dabei gehen weniger als 3% aller Tore auf z.B. lange Sololäufe zurück.
Es stimmt nicht, dass Standardsituationen heutzutage von besonderer Wichtigkeit sind, und auch nicht, dass viele Torsituationen von Doppelpässen eingeleitet werden.
Auch Gesamteindrücke, bei denen sich viele Menschen ganz sicher sind, stimmen nicht. Spaß schlägt Geld? Fast nie. Der Pokal hat seine eigenen Gesetze? Nein, im DFB-Pokal ist die Wahrscheinlichkeit einer Überraschung statistisch kleiner als in der Bundesliga. Die DFB-Elf spielte bei der WM 2014 die Gegner mit Zauberfußball an die Wand? Nein, sie mühte sich durch ein hartes Turnier, siegte in sieben Spielen nur zweimal deutlich, aber viermal mit nur einem Tor Vorsprung (davon zweimal erst nach Verlängerung) und spielte einmal Unentschieden.
Wenn du das alles ganz anders gedacht hättest, mach dir keine Vorwürfe: Wie gesagt, geht das fast jedem so. Schuld ist die Verfügbarkeitsheuristik, ein Denkschema, durch das wir Wahrscheinlichkeiten völlig falsch einschätzen. Kurz gesagt funktioniert das Ganze so, dass wir für unsere Einschätzungen unsere Erinnerung zu Rate ziehen. Wenn uns zu einem Szenario mehr Beispiele aus persönlicher Erfahrung oder Medienberichten einfallen als zu einem anderen, überschätzen wir seine Wahrscheinlichkeit.
Das ist der Grund, warum die Gefahr eines Flugzeugabsturzes oder eines Terroranschlags von fast jedem viel höher veranschlagt wird, als sie ist - das sind spektakuläre Ereignisse, an die wir uns erinnern, die uns sofort präsent sind. Die Verfügbarkeitsheuristik sorgt übrigens auch dafür, dass jeder seinen Anteil an der Hausarbeit überschätzt - schließlich erinnert man sich nur daran, wann man selbst den Müll rausgebracht hat.
Und sie verursacht auch alle obigen Fußballirrtümer. Wir erinnern uns an die Spiele, in denen eine Mannschaft in Unterzahl den Sieg erkämpfte, nicht an die, in denen sie wie zu erwarten verloren hat. Erfolglose Ecken verblassen sofort, Ecken, die zu Toren führten, bleiben dagegen im Kopf. Genauso verhält es sich mit anderen Standardsituationen und mit Doppelpässen. Jeder erinnert sich sofort daran, wie Vestenbergsgreuth den FC Bayern ausschaltete - aber nicht mit der gleichen Intensität an all die Male, die der große FC Bayern ein unterklassiges Team aus dem Pokal warf.
Und wer an den Auftritt der deutschen Mannschaft in Brasilien zurückdenkt, hat zuerst das Schützenfest gegen den Gastgeber vor Augen und erinnert sich nicht an das glückliche 2:2 gegen Ghana oder das mühsame 1:0 gegen die USA.
Ich war mir immer sicher, dass Lena-Marie Schneider eine besonders gefährliche Stürmerin war. Wenn ich ihren Namen höre, fällt mir als erstes ihr Tor bei ihrem allerersten Spiel ein. Damit wurde sie nicht nur Mitglied in unserem sehr exklusiven "Erstes-Tor-im-ersten-Spiel"-Club, sie trug sich auch als jüngste Torschützin der Teamgeschichte in unsere Rekordlisten ein. Eine zweite Szene, die mir sofort in den Sinn kommt, ist ihr Tor gegen die Mühlenau-Schule bei der Feldrunde. Nachdem wir früh in Rückstand geraten und dann fast das ganze Spiel verzweifelt gegen die massive Abwehr angerannt waren, fand Lena-Marie kurz vor Schluss doch noch die Lücke und rettete uns den Punkt.
Auch Giuliana Montenari, deren AG-Zeit jetzt schon eine ganze Weile zurückliegt, habe ich als extrem torgefährlich in Erinnerung - eine echte Knipserin. Ich werde nie vergessen, wie ich sie beim Stand von 1:2 gegen unseren Angstgegner, die Ina-Seidel-Schule, einwechselte und sie das Spiel mit einem Doppelpack innerhalb von 30 Sekunden drehte.
Aber ich führe auch eine genaue Statistik über alle Einsätze, Tore, Ergebnisse. Und als ich mit deren Hilfe kürzlich eine Liste der besten Torjägerinnen aller Zeiten erstellte, war ich überrascht: Giuli hat in ihren 21 Spielen für die Schule gerade einmal fünf Treffer erzielt; bei Lena-Marie sind es sogar nur vier Tore in 28 Spielen. Das sind keine ganz katastrophalen Werte, aber eben auch nicht die von Spitzentorjägerinnen - vor allem, wenn man bedenkt, dass die beiden stets als Sturmspitze spielten. Ich habe mich von der sehr präsenten Erinnerung an die Tore täuschen lassen.
Immerhin, der Irrtum fiel zu Gunsten der beiden aus. Andersherum lief es bei Cassandra Cloppenburg, die nicht nur mir, sondern auch vielen ihrer Teamkolleginnen in Erinnerung blieb als "die, die andauernd Eigentore geschossen hat". Dabei waren es nur zwei Eigentore in immerhin 25 Spielen - keine Katastrophe. Aber man erinnert sich halt dran.
Mach es wie ich und führ Statistik, wenn du wenigstens halbwegs den Überblick behalten willst. Und wenn du eine Wahrscheinlichkeit einschätzen sollst, denk immer an die Beispiele, die nicht in Erinnerung bleiben. Sonst läufst du Gefahr, einen Chancentod, der einen einzigen spektakulären Treffer auf dem Konto hat, als zentralen Stürmer einzusetzen...
"Lena-Marie ist immer für ein Tor gut!"
- VERFÜGBARKEITSHEURISTIK
Schnell, antworte, ohne groß nachzudenken: Stimmt es, dass Mannschaften, die in Unterzahl geraten, besonders gefährlich sind?
Wahrscheinlich denkst du, wie viele Menschen, dass das so ist. Ist es aber nicht. In aller Regel verliert die Mannschaft, die in Unterzahl spielt - das berühmte Aufbäumen, der gesteigerte Kampfgeist ist die absolute Ausnahme.
Aber es stimmt doch, dass Ecken für enorme Torgefahr sorgen? Bei Umfragen schätzten viele Menschen - auch Fußballexperten -, dass etwa jede zweite Ecke zum Tor führt; in manchen Stadien werden Ecken im Voraus gefeiert, als sei bereits ein Tor gefallen. Tatsächlich führt nur rund jede fünfzigste Ecke zu einem Tor; insgesamt um die 8% aller Tore entstehen aus Ecken. Das ist schon fast vernachlässigbar.
Würdest du zustimmen, dass im Fußball immer mehr Tore nach spektakulären Soloaktionen exzellenter Einzelspieler fallen? Wenn du jetzt aufgepasst hast - wahrscheinlich nicht. Aber viele Fußballfans glauben das - dabei gehen weniger als 3% aller Tore auf z.B. lange Sololäufe zurück.
Es stimmt nicht, dass Standardsituationen heutzutage von besonderer Wichtigkeit sind, und auch nicht, dass viele Torsituationen von Doppelpässen eingeleitet werden.
Auch Gesamteindrücke, bei denen sich viele Menschen ganz sicher sind, stimmen nicht. Spaß schlägt Geld? Fast nie. Der Pokal hat seine eigenen Gesetze? Nein, im DFB-Pokal ist die Wahrscheinlichkeit einer Überraschung statistisch kleiner als in der Bundesliga. Die DFB-Elf spielte bei der WM 2014 die Gegner mit Zauberfußball an die Wand? Nein, sie mühte sich durch ein hartes Turnier, siegte in sieben Spielen nur zweimal deutlich, aber viermal mit nur einem Tor Vorsprung (davon zweimal erst nach Verlängerung) und spielte einmal Unentschieden.
Wenn du das alles ganz anders gedacht hättest, mach dir keine Vorwürfe: Wie gesagt, geht das fast jedem so. Schuld ist die Verfügbarkeitsheuristik, ein Denkschema, durch das wir Wahrscheinlichkeiten völlig falsch einschätzen. Kurz gesagt funktioniert das Ganze so, dass wir für unsere Einschätzungen unsere Erinnerung zu Rate ziehen. Wenn uns zu einem Szenario mehr Beispiele aus persönlicher Erfahrung oder Medienberichten einfallen als zu einem anderen, überschätzen wir seine Wahrscheinlichkeit.
Das ist der Grund, warum die Gefahr eines Flugzeugabsturzes oder eines Terroranschlags von fast jedem viel höher veranschlagt wird, als sie ist - das sind spektakuläre Ereignisse, an die wir uns erinnern, die uns sofort präsent sind. Die Verfügbarkeitsheuristik sorgt übrigens auch dafür, dass jeder seinen Anteil an der Hausarbeit überschätzt - schließlich erinnert man sich nur daran, wann man selbst den Müll rausgebracht hat.
Und sie verursacht auch alle obigen Fußballirrtümer. Wir erinnern uns an die Spiele, in denen eine Mannschaft in Unterzahl den Sieg erkämpfte, nicht an die, in denen sie wie zu erwarten verloren hat. Erfolglose Ecken verblassen sofort, Ecken, die zu Toren führten, bleiben dagegen im Kopf. Genauso verhält es sich mit anderen Standardsituationen und mit Doppelpässen. Jeder erinnert sich sofort daran, wie Vestenbergsgreuth den FC Bayern ausschaltete - aber nicht mit der gleichen Intensität an all die Male, die der große FC Bayern ein unterklassiges Team aus dem Pokal warf.
Und wer an den Auftritt der deutschen Mannschaft in Brasilien zurückdenkt, hat zuerst das Schützenfest gegen den Gastgeber vor Augen und erinnert sich nicht an das glückliche 2:2 gegen Ghana oder das mühsame 1:0 gegen die USA.
Ich war mir immer sicher, dass Lena-Marie Schneider eine besonders gefährliche Stürmerin war. Wenn ich ihren Namen höre, fällt mir als erstes ihr Tor bei ihrem allerersten Spiel ein. Damit wurde sie nicht nur Mitglied in unserem sehr exklusiven "Erstes-Tor-im-ersten-Spiel"-Club, sie trug sich auch als jüngste Torschützin der Teamgeschichte in unsere Rekordlisten ein. Eine zweite Szene, die mir sofort in den Sinn kommt, ist ihr Tor gegen die Mühlenau-Schule bei der Feldrunde. Nachdem wir früh in Rückstand geraten und dann fast das ganze Spiel verzweifelt gegen die massive Abwehr angerannt waren, fand Lena-Marie kurz vor Schluss doch noch die Lücke und rettete uns den Punkt.
Auch Giuliana Montenari, deren AG-Zeit jetzt schon eine ganze Weile zurückliegt, habe ich als extrem torgefährlich in Erinnerung - eine echte Knipserin. Ich werde nie vergessen, wie ich sie beim Stand von 1:2 gegen unseren Angstgegner, die Ina-Seidel-Schule, einwechselte und sie das Spiel mit einem Doppelpack innerhalb von 30 Sekunden drehte.
Aber ich führe auch eine genaue Statistik über alle Einsätze, Tore, Ergebnisse. Und als ich mit deren Hilfe kürzlich eine Liste der besten Torjägerinnen aller Zeiten erstellte, war ich überrascht: Giuli hat in ihren 21 Spielen für die Schule gerade einmal fünf Treffer erzielt; bei Lena-Marie sind es sogar nur vier Tore in 28 Spielen. Das sind keine ganz katastrophalen Werte, aber eben auch nicht die von Spitzentorjägerinnen - vor allem, wenn man bedenkt, dass die beiden stets als Sturmspitze spielten. Ich habe mich von der sehr präsenten Erinnerung an die Tore täuschen lassen.
Immerhin, der Irrtum fiel zu Gunsten der beiden aus. Andersherum lief es bei Cassandra Cloppenburg, die nicht nur mir, sondern auch vielen ihrer Teamkolleginnen in Erinnerung blieb als "die, die andauernd Eigentore geschossen hat". Dabei waren es nur zwei Eigentore in immerhin 25 Spielen - keine Katastrophe. Aber man erinnert sich halt dran.
Mach es wie ich und führ Statistik, wenn du wenigstens halbwegs den Überblick behalten willst. Und wenn du eine Wahrscheinlichkeit einschätzen sollst, denk immer an die Beispiele, die nicht in Erinnerung bleiben. Sonst läufst du Gefahr, einen Chancentod, der einen einzigen spektakulären Treffer auf dem Konto hat, als zentralen Stürmer einzusetzen...
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