"Ich wusste, dass wir gewinnen - schließlich hatte ich meine Glücksunterhose an!"
"Wir spielen auf der linken Hallenseite besser als auf der rechten!"
- KONTROLLILLUSION/ MAGISCHES DENKEN
Bekanntermaßen beschäftigen afrikanische Vereine fast immer einen Hexenmeister, der ganz normal Teil des Teams hinter dem Team ist - wie bei uns der Platzwart, der Masseur, der Pressesprecher. Unzählige Geschichten über exotische Glücksrituale und wilde Flüche kursieren. 2011 musste der Rasen des WM-Stadions im südafrikanischen Polokwane teilweise durch Kunstrasen ersetzt werden - die Hexenmeister der örtlichen Vereine hatten ihn mit einer "magischen" Salzmischung ruiniert.
Auch nichtafrikanische Teams können betroffen sein: In den 1970ern engagierte das australische Nationalteam während eines Aufenthalts in Mosambik einen Hexendoktor, um das gegnerische Team zu verfluchen. Nach erfolgtem Fluch (und australischem Sieg) zahlten die Australier dem Hexer aber nicht das vereinbarte Honorar - und wurden selbst verflucht. Bei der WM 1974 schieden sie ohne Tor in der Vorrunde aus, danach gelang es ihnen nie wieder, sich für ein großes Turnier zu qualifizieren. 2004 reiste der australische Komiker John Safran nach Mosambik und bezahlte seinerseits einen Hexer, um den Fluch aufzuheben. Prompt qualifizierte sich Australien für die WM 2006 - und seither für jede folgende Weltmeisterschaft.
Es ist leicht, über so offensichtlichen Aberglauben zu lachen. Aber: Wer für den Sieg seines Teams betet, die Daumen drückt, seine Glückskutte anzieht - hängt er nicht im Prinzip dem selben Aberglauben an? Man denke an Jogi Löws blauen "Glückspulli" bei der WM 2010, oder Gerd Müllers Angewohnheit, zu große Schuhe zu tragen. Ist das rationaler?
Nein, natürlich nicht. Wer daran glaubt, unterliegt der sogenannten Kontrollillusion oder dem daraus folgenden Magischen Denken. Menschen neigen zu dem Trugschluss, zufällige, unkontrollierbare Vorgänge durch ihr Handeln beeinflussen zu können. Als klassisches Beispiel gilt die Angewohnheit vieler Menschen, Würfel sanfter oder stärker zu werfen, je nachdem, ob sie eine niedrige oder eine hohe Zahl erreichen wollen, aber tatsächlich begegnet man im Alltag permanent Beispielen. Wenn du jemandem "Viel Glück" wünschst, hat das keinerlei Auswirkungen darauf, ob derjenige wirklich Glück haben wird; auf der anderen Seite schädigst du aber auch niemanden, indem du Negatives über ihn denkst. Die Daumen zu drücken, vor sich hinzumurmeln "Bitte lass mich den Bus noch erwischen"... alles nutzlos. Genau wie all die Glücksbringer, Talismane, Hilfsrituale, magischen Edelsteine, die auf irgendeine magische Art Dinge beeinflussen sollen, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben. So sehr wir auch daran glauben - nichts davon hat einen Effekt. Gläubige jeder Art mögen es nicht gerne hören, aber auch Beten bringt erwiesenermaßen keine Resultate.
Es sei denn, als Placebo. Denn: Das Gefühl, in irgendeiner Form die Kontrolle über eine Situation zu haben, beruhigt uns, macht uns selbstbewusster, hilft uns, Dinge besser zu ertragen.
In jeder westlichen Großstadt gibt es an vielen oder allen Fußgängerampeln Knöpfe, die angeblich die Ampelschaltung beeinflussen. Die allermeisten dieser Knöpfe haben keine weitere Funktion, als eine kleine Lampe mit einer Aufschrift wie "Signal kommt" zum Leuchten zu bringen. Warum gibt es sie dann überhaupt? Weil die Leute an einer Ampel mit Placebo-Knopf nachweislich geduldiger warten. In Experimenten empfanden Menschen die gleiche Raumtemperatur als angenehmer, wenn sich im Raum auch ein falscher Temperaturregler befand.
Für Sportler ist der Aspekt des Selbstvertrauens bedeutsam. In Versuchsreihen mit Golfern zeigte sich, dass diese signifikant besser spielten, wenn ihnen ein Ball mit der Behauptung überreicht wurde, die vorherigen Spieler hätten mit diesem Ball besonders gute Ergebnisse erzielt, oder wenn sie einen persönlichen Glücksbringer neben das Loch setzen durften.
Die Kontrollillusion kann aber auch negative Wirkung haben. Das sehen wir bei vermeintlichen Flüchen, Unglücksbringern und schlechten Omen. Sie können das Selbstvertrauen schädigen und so zu schlechterer Leistung führen. Die bereits erwähnten Golfer spielten mit dem selben Ball unterdurchschnittlich schlecht, wenn ihnen erzählt wurde, die vorherigen Spieler hätten mit ihm eher schlecht abgeschnitten...
Bei einem Hallenfußballturnier ist es völlig egal, auf welcher Spielfeldseite man spielt. Im Freien können Faktoren wie der Stand der Sonne (blendet sie uns oder die Gegner?), die Windrichtung oder der Zustand des Rasens tatsächlich einen Einfluss auf das Spiel haben, weshalb selbst im Schulfußball oft mit zwei kurzen Halbzeiten und Seitenwechsel gespielt wird. Aber in der Halle sind all diese Faktoren ausgeschaltet.
Trotzdem sind meine Mädels in jedem Hallenturnier überzeugt, eine "Sahneseite" zu haben, und meistens wissen sie sehr schnell, welche das ist. Da sind sie übrigens nicht die Einzigen, manchmal bekomme ich zufällig mit, dass auch die gegnerischen Teams glauben, auf einer speziellen Seite besser zu spielen. Der Blick auf den Turnierplan, der verrät, auf welcher Seite man das nächste Spiel bestreitet, führt dann schon zum ersten Jubel oder zu entnervtem Stöhnen.
Der Glaube an die Sahneseite hat also tatsächlich Auswirkungen auf das Selbstvertrauen - und so auch oft auf das Spielergebnis. Ein schönes Beispiel lieferte unser nicht so erfolgreiches letztes Turnier, das ich im gestrigen Artikel bereits erwähnte.
Im ersten Spiel, das wir auf der von der Tribüne aus linken Seite spielen mussten, gelang meinen Mädels ein 0:0 gegen einen starken Gegner. Im zweiten Spiel spielten wir von der rechten Seite aus und verloren unglücklich 0:1 gegen einen eher schwachen Gegner.
Damit war die Sache für die Mädchen klar. "Auf der linken Seite spielen wir besser", verkündete unsere Drama-Queen Helena in ihrem üblich pathetischen Tonfall in der Pause vor dem nächsten Spiel. Sandra flitzte sofort zum ausgehängten Spielplan (obwohl ich unser Exemplar in der Hand hielt) und kehrte mit der Nachricht zurück, dass wir das nächste Spiel auf der linken Seite spielen würden. Jubel in der Kabine. Die Mädels erkämpften ein weiteres 0:0 gegen den Turnierfavoriten.
"Das nächste Spiel spielen wir auch auf unserer guten Seite", rief Valeska vom Spielplan am Halleneingang aus, als die anderen Mädchen schon auf dem Rückweg in die Kabine waren. Sie strahlte bis über beide Ohren, konnte unser Glück kaum fassen. Auch dieses Spiel endete nach starker Leistung immerhin mit einem 0:0 gegen einen weiteren stark eingeschätzten Gegner.
Dann aber die Enttäuschung: Das letzte Spiel, gegen unseren direkten Konkurrenten um den vorletzten Platz, würden wir von der rechten Seite aus spielen. Es kam, was kommen musste - die Mädels spielten unterirdisch und unterlagen einer eigentlich schwächeren Mannschaft mit 0:1.
Zu welchem Umgang mit der Kontrollillusion ist jetzt zu raten? Schwer zu sagen. Eigentlich müsste der Rat lauten: Verschwende keine Zeit mit Glücksbringern und -ritualen, treib deinen Spielern den Aberglauben aus und konzentriere dich auf das, was ihr wirklich beeinflussen könnt. Aber: Erstens ist Aberglauben schwer zu bekämpfen. Nur, weil du sagst, dass ein vermeintlicher Fluch wirkungslos ist, wird dir das noch lange nicht jeder Spieler glauben. Und vielleicht willst du ja auch gar nicht auf die positiven Effekte der Illusion verzichten? Hier musst du herausfinden, was für dein Team funktioniert - und was deine Truppe eher hemmt.
Hier landet alles, was ich so schreibe und wohl nie zu einem Buch machen werde - über mein Hobby Fußball (und Mädchenfußball im Speziellen), mein Berufsfeld Archäologie und alles, was mich sonst noch interessiert.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Fußballirrtümer: Der Super Bowl hat mehr Zuschauer als jedes Fußballspiel
Der Super Bowl, das Finale der amerikanischen Football-Liga NFL, wird oft als das „größte Einzelsportereignis der Welt“ bezeichnet. Soll h...
-
Es gibt ein großes Problem bei Schulfußballturnieren (und, wie man hört, auch bei anderen Schulwettkämpfen in Teamsportarten): Am Ende m...
-
Leider musste ich diesen schon länger geschriebenen Artikel vor kurzem mit dem Abstieg des HSV aktualisieren. Denn lange hieß es: Der HSV is...
-
"Mein Lieblingsfußballer ist Rúrik Gislason!" "Auf Sophias kann man sich eben verlassen!" - HALO EFFECT Schöne Fußbal...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen