Sonntag, 2. Mai 2021

Fußballirrtümer: Zu Pelés Zeiten wurde ohne Abseits gespielt

Zurzeit kursiert in den sozialen Netzwerken eine Behauptung, die in Diskussionen um Pelé und/oder die Frage nach dem besten Fußballer aller Zeiten zielsicher auftaucht (und vor allem von Messi-Fanboys verbreitet wird): Man könne Pelés Leistungen nicht mit denen von Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo vergleichen, da es zu Pelés Zeiten noch kein Abseits gegeben habe – unter solch vereinfachten Bedingungen hätten Messi oder Ronaldo ja wohl tausende Tore geschossen.

Auch ein namhafter Fußballer hat diese Behauptung aufgegriffen (oder ist möglicherweise die Ursprungsquelle) – Sprücheklopfer Zlatan Ibrahimovic. Der ließ sich im Mai 2020 darüber aus, dass Pelé kein wirklich großer Fußballer gewesen sei, seine drei Weltmeistertitel im Prinzip wertlos, die meisten seiner Tore nicht zählenswert. Denn: „Es gab keine strengen Regeln, kein Abseits, keinen Videoschiedsrichter.“

Aber stimmt das? Hat Pelé wirklich ohne Abseits gespielt?

Nein. Nichts könnte falscher sein.

Abseits ist eine der ältesten Regeln im Fußball. Schon in den 1840ern, als es noch weder Regeln bezüglich der Spielerzahl gab noch eine klare Handspielregel (manche Teams spielten eher Rugby als Fußball, in anderen war es erlaubt, den Ball aus der Hand zu schießen oder einen hohen Ball mit der Hand abzufangen), spielte man mit einer Abseitsregel, die wesentlich strenger war als die heute gültige: Der Ball durfte überhaupt nicht nach vorne gepasst werden.

In dieser Form fand die Abseitsregel 1863 Eingang in das erste verbindliche Fußballregelwerk.

Und seitdem ist sie fester Bestandteil des Fußballspiels.

1866 wurde sie zum ersten Mal modifiziert und entspricht seitdem fast ihrer heutigen Form[1]. Allerdings mussten sich im Moment des Abspiels noch drei gegnerische Spieler zwischen Angreifer und Torlinie befinden, statt wie heute zwei.

Seither wurden mehrfach Änderungen eingeführt, um die Abseitsregel weniger streng zu machen: Seit 1907 kann man in der eigenen Spielhälfte nicht mehr im Abseits stehen.

Seit 1920 ist die Abseitsregel beim Einwurf aufgehoben.

Seit 1925 müssen sich nur noch zwei Spieler zwischen Angreifer und Torlinie befinden.

Und mit genau diesem Regelwerk hat Pelé in den 1950ern bis in die 1970er gespielt. Bei Weltmeisterschaften, auch bei den drei, die Pelés Brasilianer gewannen, galt es von Anfang an; ebenso in den brasilianischen Fußballigen. Die Behauptung, zu Pelés Zeiten habe es kein Abseits gegeben, ist also völlig unsinnig.

Es kommt sogar bei genauerer Betrachtung noch ein weiterer Faktor hinzu: Pelé hat es in Sachen Abseits nicht nur nicht leichter gehabt als Messi, Ronaldo und Ibrahimovic – er hatte es sogar schwerer! Denn erst seit 1990 wird die sogenannte „Gleiche Höhe“ zu Gunsten des Stürmers ausgelegt. Zu Pelés Zeiten stand man im Abseits, wenn man sich auf einer Höhe mit dem vorletzten gegnerischen Stürmer befand! Und erst seit 2005 gibt es das „passive Abseits“ – zuvor durfte sich auch ein nicht eingreifender Stürmer nicht im Abseits aufhalten.

 

Kurz und bündig auf den Punkt gebracht also: Pelé spielte stets mit Abseitsregel, und zwar mit einer strengeren als die heutigen Fußballstars.

 

Mehr dazu:  https://de.wikipedia.org/wiki/Abseitsregel; https://de.fifa.com/news/die-geschichte-des-regelwerks-522345; https://www.24vest.de/ratgeber/aeltesten-kuriosesten-fussballregeln-geschichte-12384929.html;  https://www.fussballtrainer.de/fussballgeschichte/geschichte-der-fussballregeln.html



[1] Zum Vergleich: Auf elf Spieler reduziert wurden die Mannschaften erst 1870, 1871 wurde erstmalig jede Form des Handspiels durch Feldspieler verboten, 1875 bekamen die Tore eine Querlatte und die Halbzeitpause wurde eingeführt. Ab 1877 waren Platzverweise möglich, 1880 wurde der Freistoß eingeführt, 1882 der Einwurf mit zwei Händen, 1891 der Strafstoß. Ab 1903 durfte der Torwart nur noch im eigenen Strafraum mit der Hand spielen. Ja, die vermeintlich so neue Abseitsregel ist älter als all diese Grundregeln des Fußballs!

 

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